Festivalbericht: Wolfszeit Festival 2022

25.08.2022 - 27.08.2022 Schleiz, Ferienland Crispendorf

Man kann von VARG halten, was man mag – mit dem WOLFSZEIT FESTIVAL hat deren Mastermind Philipp „Freki“ Seiler eine Institution in der Deutschen Pagan- und Black-Metal-Szene geschaffen. Seit 2007 bietet das Festival seinen Besuchern einen ausgewogenen Mix aus beiden Genres – seit 2009 hat das WOLFSZEIT zudem bei Schleiz (Thüringen) eine außergewöhnliche Heimat gefunden.

Zum einen wäre da das idyllischen Wisentatal, das mit seinen bewaldeten Hängen und einem undurchdringlichen Funkloch die WOLFSZEIT-Besucher von der Außenwelt abschottet – zum anderen die dortige Anlage des ehemaligen DDR-Kinderferienlagers „Karl Marx“, die zwar seit 1997 wieder als „Ferienland Crispendorf“ betrieben wird, aber nur geringfügig saniert wirkt.

Impressionen vom Wolfszeit 2022So treffen hier urige Naturverbundenheit und bedrückendes Ruinen-Ambiente aufeinander – was könnte sich besser für ein Zusammentreffen von Pagan und Black Metal eignen? Dass über die Anlage zum großen Spaß der Festival-Gäste auch noch die 1954 in Betrieb genommene Ferienlandeisenbahn mit der ehemaligen Grubenlokomotive Crispi ihre Runden dreht, komplettiert das Bild dieser fraglos einmaligen Location.

Für die nunmehr 16. Ausgabe des Festivals – nun wieder ohne Corona-bedingte Auflagen – sind nicht nur große Bands, sondern auch reichlich Regen angekündigt. Die treuen Besucher des familiären Festivals schreckt das nicht ab: Bereits am Supporter-Mittwoch reisen erste Fans an, ehe das Festival am Donnerstag für alle Gäste öffnet.

Donnerstag, 25.08.22

Nachdem der Campingplatz für Käufer des 20€ teureren Supporter-Tickets bereits am Mittwoch geöffnet hatte, beginnt das WOLFSZEIT FESTIVAL 2022 mit dem traditionellen „Eröffnungsblot“ – allerdings nicht mittags und vor einer kleinen Schar Interessierter, sondern um 20:30 Uhr und vor reichlich Publikum.

Schamane Voenix auf dem Wolfszeit 2022Nachdem VARG um Festival-Gastgeber Freki ein kurzes Akustik-Set zum Besten gegeben haben, übernehmen der selbsternannte Schamane Voenix und die „Runenhex“, und ehren die alten Götter mit einem reichlich oberflächlichen Sermon („Heil Odin, Heil Freya, Heil …“) und einem Trankopfer. Ob der über Regen und Sonnenschein regierende Freyr nicht damit einverstanden ist, dass das ursprünglich geplante Feueropfer wegen Waldbrandgefahr entfallen muss, oder es einfach nur gut mit der ihm ebenfalls überantworteten Vegetation meint, bleibt sein Geheimnis – unter allzu großer Trockenheit müssen Schleiz und Umgebung in den folgenden Tagen jedenfalls nicht leiden.

VARG auf dem Wolfszeit 2022Was im kleinen Kreise vielleicht eine gewisse Form von spiritueller Aura entfalten mag, wirkt im Rahmen dieser Abendveranstaltung eher befremdlich – nicht zuletzt, weil das Ritual längst nicht alle Anwesenden gleichermaßen überzeugt. Das wird im „interaktiven Teil“ des Trankopfers auf groteske Weise deutlich: Die beim Verschütten von Bier und Met kombinierten „Toasts“ reichen von Fürbitten für krebskranke Angehörige bis zu skuril-humorigem Klamauk. Ehe die zunächst durchaus familiäre Atmosphäre jedoch komplett verfliegt, verliert sich das allgemeine Interesse am Trankopfer – in den Fokus der WOLFSZEIT-Besucher rücken statt dessen der Bierstand und die Wikinger-Bar, wo der Eröffnungs-Abend feuchtfröhlich ausklingt.

Freitag, 26.08.22

GROZA auf dem Wolfszeit 2022Der erste Festival-Tag beginnt sonnig und trotzdem düster: Als Opener stehen um 13:00 Uhr GROZA auf dem Programm. Dass die deutschen Vertreter des derzeit so angesagten „Sturmhauben-Black-Metal“ als Opener ran müssen, liegt nicht etwa daran, dass den WOLFSZEIT-Bookern der Hype um die Band entgangen wäre – vielmehr müssen die eifrigen Newcomer schnell weiter, um am gleichen Abend in Cottbus eine weitere Show zu spielen. Zum Nachteil gereicht der frühe Slot weder GROZA noch dem WOLFSZEIT: Mit ihrem gefälligen Black Metal locken die Bayern eine ordentliche Schar Fans vor die Bühne. Dass die Cleangitarren-Parts fast durchweg vom Band kommen, ist schade – ansonsten machen die 2016 gegründeten Newcomer vieles richtig und eröffnen das WOLFSZEIT FESTIVAL mit einer rundum stimmigen Show.

AERA auf dem Wolfszeit 2022Einen typischeren „Newcomer-Auftritt“ erlebt man im Anschluss bei ÄERA. Der erst 2019 in Erscheinung getretenen Black-Metal-Band fällt es deutlich schwerer als Groza, Fans vor die Bühne zu locken und dort zu halten. Zwar arbeitet das Quartett, das bis 2019 als Xternity Death-Thrash fabrizierte, hart für seinen Applaus – so richtig Stimmung kommt aber nicht auf. Der üppige 50-Minuten-Slot ist dabei nicht unbedingt von Vorteil: Vermutlich hätten sich ÄERA leichter getan, ein kürzeres Set durchweg unterhaltsam zu gestalten – das Debüt-Album „Schein“ (2019) hat nämlich durchaus starke Momente.

FINSTERFORST auf dem Wolfszeit 2022Nachdem der Himmel bereits bedrohlich zugezogen ist, kündet ein Donner zu Beginn der FINSTERFORST-Show vom drohenden Wolkenbruch. Die Jungs in ihren Holzfäller-Hemden haben allerdings mehr Glück als viele andere Bands des Festivals: Der angekündigte Regen bleibt vorerst noch aus. So können die Freiburger Holzfäller vor ihren Fans unter besten Bedingungen ihr letztes Album „Zerfall“ präsentieren. Dass FINSTERFORST-Sänger Oliver Berlin in einer Ansprache das „Ragnarök-Festival“ addressiert, hat Potenzial zum Running-Gag – hatte er doch nur wenig zuvor wortreich erklärt, warum er auf dem WOLFSZEIT 2019 durchgehend vom „Ragnarök-Festival“ gesprochen hat. Nicht weiter schlimm – jedenfalls nicht so schlimm wie die mitunter ordentlich schiefen Töne im Klargesang.

KANONENFIEBER auf dem Wolfszeit 2022Pünktlich um 17:00 Uhr steht mit KANONENFIEBER ein heimlicher Headliner auf dem Programm – zumindest, wenn man nach der bloßen Zahl an Fans geht. Auch die Menge an KANONENFIEBER-Shirts im Publikum ist beachtlich – vor allem, wenn man bedenkt, dass das Ein-Mann-Projekt erst 2020 entstanden ist. Für den Erfolg der Band dürfte, neben dem eingängigen Mix aus fiesem Black und stampfendem Death Metal, die einprägsame Live-Performance sein. Auch heute verfehlt das stringent zu Ende gedachte Weltkriegskonzept seine Wirkung nicht: Untermalt von Bombenschlägen und Fliegerlärm und ausstaffiert mit allerlei Accessoires – von Stacheldraht bis Feldstecher –, greifen die „unbekannte Soldaten“ den Schrecken des Krieges so eindrucks- wie pietätvoll in ihrer Show auf. Dieses Erlebnis lässt sich auch vom mit dem Ende des Auftritts einsetzenden Regen niemand verderben.

HARAKIRI FOR THE SKY auf dem Wolfszeit 2022Den heute extra aus Slowenien angereisten HARAKIRI FOR THE SKY macht das Wetter dafür einen gewaltigen Strich durch die Rechnung: Noch während des Soundchecks wird aus Nieselregen ein Wolkenbruch, den nur eine Handvoll hartgesottener Fans vor der Bühne durchsteht. Dass der Bereich vor der Bühne bis zum Showbeginn um 18:30 Uhr nicht völlig verwaist, sondern sich pünktlich zu den ersten Tönen von „Sing For The Damage We’ve Done“ sogar mit ein paar hundert unerschütterlichen Fans füllt, lässt erahnen, was heute unter weniger widrigen Bedingungen möglich gewesen wäre. So bleibt der Auftritt leider – allem Engagement der Band zum Trotz – eine für alle Beteiligten triste Angelegenheit.

ROTTING CHRIST auf dem Wolfszeit 2022Auch ROTTING CHRIST dürften sich die letzte Show ihres Festival-Sommers anders vorgestellt haben – es regnet nämlich ohne Unterlass weiter. Dennoch wollen sich die Fans der sympathischen Griechen, die bereits am Tag zuvor angereist und ihre Zeit auf dem Festival verbracht haben, deren Auftritt offenkundig keinesfalls entgehen lasse. Trotz der ungemütlichen Rahmenbedingungen ist der Bereich vor der Bühne gut gefüllt, und wenn Mastermind Sakis einen Moshpit oder gar eine Wall of Death einfordert, bekommt er diese auch. Dass die Stimmung trotzdem etwas gedämpft ist, ist wohl einzig den Umständen zuzuschreiben – das Quartett selbst liefert in Sachen Performance nämlich wie gewohnt auf allerhöchstem Niveau ab. Dass der Auftritt zehn Minuten später beginnt und entsprechend kürzer ausfällt als angekündigt, ist (neben dem Wetter) der einzige Wermutstropfen an dieser ansonsten runden Show.

  1. 666
  2. P’unchaw Kachun – Tuta Kachun
  3. Fire, God and Fear
  4. Elthe Kyrie
  5. Apage Satana
  6. Dies Irae
  7. King Of A Stellar War
  8. Fgmenth, Thy Gift
  9. Societas Satanas (Thou-Art-Lord-Cover)
  10. In Yumen-Xibalba
  11. Grandis Spiritus Diavolos
  12. Non Serviam
  13. The Forest Of N’Gai

BELPHEGOR auf dem Wolfszeit 2022Alles andere als rund läuft es im Anschluss für BELPHEGOR: Zunächst verzögert sich der Showbeginn, obwohl alles angerichtet scheint – und dann reißt das Intro mitten im Bühnenaufmarsch der Österreicher wenig stimmungsvoll ab. Auch, dass BELPHEGOR heute auf ihre Feuerkreuze verzichten müssen, erscheint in Anbetracht der mittlerweile mit einiger Sicherheit gebannten Waldbrandgefahr absurd. Nichts davon bringt die Vollprofis um Bandkopf Helmuth aus dem Konzept: Mit beeindruckender Perfektion bei der gesamten Performance machen BELPHEGOR den holprigen Einstieg ins Set schnell vergessen. Und auch das Spiel mit dem Feuer bleibt ihnen nicht ganz versagt: Immerhin einen Ziegenschädel und vier Feuerschalen kann Helmuth im Laufe der Show noch in Brand setzen. Dass auch BELPHEGOR aufgrund der Startschwierigkeiten nur 60 Minuten statt der angekündigten 70 Minuten spielen, ist schade, wird durch die gebotene Qualität aber mehr als kompensiert.

  1. Baphomet
  2. The Devil’s Son
  3. Sanctus Diaboli Confidimus
  4. Belphegor – Hell’s Ambassador
  5. Stigma Diabolicum
  6. Conjuring The Dead
  7. Lucifer Incestus
  8. Virtus Asinaria – Prayer
  9. The Devils
  10. Totentanz – Dance Macabre

FINNTROLL auf dem Wolfszeit 2022Von „Perfektion bei der gesamten Performance“ sind FINNTROLL heute leider weit entfernt. Zunächst einmal fällt auf, dass Keyboarder Virta fehlt – der Plan, ihn durch Samples vom Band zu ersetzen, funktioniert leider nicht wirklich gut. Vor allem aber wirken die Finnen ziemlich kopflos: So kündigt Mathias „Vreth“ Lillmåns etwa „Slaget Vid Blodsälv“ von „Jaktens Tid“ an, der nach Ansicht der restlichen Band heute nicht auf dem Programm steht. Dass auf die korrigierte Angekündigung, nun des aktuellen Stücks „Ormfolk“, halb-ernst gemeinte Buh-Rufe folgen, bringt den FINNTROLL-Fronter dann völlig aus dem Konzept. Dass Vreth später – offensichtlich unabgesprochen – verschwindet und die restliche Band ratlos zurückbleibt, ehe dann doch nochmal weitergespielt wird, wirkt ebenso ungeplant wie das abrupte Ende nach 60 Minuten. Immerhin: Der Regen hat unterdessen aufgehört und das Outro – eine schiefe Blockflötenversion des Céline-Dion-Klassikers „My Heart Will Go On“, ebenso schief mitgesungen von unzähligen Fans – sorgt zum Abschluss dieses Konzerttages für ein letztes echtes Highlight.

  1. Att Döda Med En Sten
  2. Nedgång
  3. Ylaren
  4. Människopesten
  5. Den Frusna Munnen
  6. Solsagan
  7. Ormfolk
  8. Nattfödd
  9. Skogsdotter
  10. Mask
  11. Mordminnen
  12. Jaktens Tid
  13. Midvinterdraken

Samstag, 27.08.22

Was sich am Vortag bereits abgezeichnet hatte, wird am zweiten Festival-Tag Gewissheit: Wie schon im Vorjahr werden die WOLFSZEIT-Besucher in Sachen Wetter auf eine harte Probe gestellt. Von in der Früh bis in den frühen Abend hinein regnet es in Strömen.

Impressionen vom Wolfszeit 2022

Nachdem die 2019 gegründeten Black-/Doom-Metaller MÆRER als Opener unter dergestalt widrigen Bedingungen ihr bisheriges Schaffen vorstellen mussten, folgt mit TOTENWACHE aus Hamburg ein weiteres vergleichsweise junges Projekt. Dass es die Band erst seit 2017 gibt, ist kaum zu glauben – allerdings nicht, weil TOTENWACHE so souverän agieren, sondern weil kaum vorstellbar ist, dass eine junge Band so klischeebeladenen Black Metal spielt: Vom Corpsepaint über das Songmaterial bis hin zum hohen Gekeiffe – alles an dieser Band könnte ebensogut eine Parodie auf den Black Metal als solchen sein. Doch selbst im Regen wollen nicht wenige Fans die Band sehen – alles können die Hamburger also nicht falsch machen.

GERNOTSHAGEN auf dem Wolfszeit 2022Merklich größer ist aber natürlich das Interesse an den folgenden GERNOTSHAGEN, die sich in der Pagan-Metal-Szene in über 20 Jahren und mit vier Alben einen guten Ruf und viel Routine erspielt haben. Letztere hilft ihnen heute besonders – denn so richtig rund läuft es für die Thüringer nicht: Zum anhaltenden Regen gesellen sich diverse technische Probleme. Erst streikt das In-Ear-Monitoring-System von Keyboarder Sebastian Jung, dann versagt Corpsepaint-bedingt die Face-ID beim Selfie-Versuch und dann fährt Backstage auch noch der Watain-Truck über ein Kabel und verursacht so einen Komplettausfall der Soundanlage. All das kann GERNOTSHAGEN aber nicht aus dem Konzept bringen: Insbesondere Sänger Askan reagiert stets souverän und mit viel Humor. Als Jung der Technikprobleme wegen einen Song nach dem Einzählen abbricht, nimmt Askan ihn direkt aufs Korn („Der Song is geil. ne? Hat unser Keyboarder geschrieben!“ ). Da auch die Performance zwischen den Pannen überzeugt, zählen GERNOTSHAGEN definitiv zu den Gewinnern des heutigen Tages.

Über HORN kann man das nicht unbedingt sagen: Zum einen ist der Slot nach Gernotshagen für die musikalisch wie vom äußeren Erscheinungsbild her deutlich unspektakuläreren Pagan-Black-Metaller alles andere als ideal. Zum anderen hat ein kräftiger Platzregen in der Umbaupause quasi alle Fans in die überdachten Stände oder in die schützenden Bierzelte getrieben. Zwar locken die Paderborner im Laufe ihres Sets einige Zuhörer vor die Bühne, die dem Wetter in Regenjacken oder unter Schirmen trotzen – damit sich das lohnt, man muss allerdings echter Fan sein.

Impressionen vom Wolfszeit 2022

Mit dem anbrechenden Abend wird es auf dem WOLFSZEIT FESTIVAL „oldschoolig“: Mit BLACK MESSIAH stehen um 18:30 Uhr echte Pagan-Metal-Veteranen auf dem Programm. Das will sich wohl niemand entgehen lassen. So ist es nicht nur unter allen Bierzelten, sondern – obwohl es nach wie vor Bindfäden regnet – auch vor der Bühne ziemlich voll. Die Gelsenkirchener danken es ihren Fans nicht nur in Worten, sondern auch mit Taten: Ihr Set repräsentiert gelungen die letzten 30 Jahre Bandgeschichte – inklusive der schwarzmetallenen Frühphase. Dass der langjährige Bassist Garm BLACK MESSIAH 2021 verlassen hat, macht die Show obendrein zu etwas Besonderem: Erstmalig steht Sänger und Bandgründer Zagan gemeinsam mit seinem Sohn auf der Bühne, der heute als Bassist aushilft.

THYRFING auf dem Wolfszeit 2022Ähnlich traditionsreich geht es weiter – immerhin sind THYRFING auch schon seit 1995 aktiv. Dass es sich um eine Flight-in-Show handelt, sorgt im „Flug-Chaos-Sommer 2022“ direkt für Probleme. Denn während THYRFING rechtzeitig und vollzählig anwesend sind (immerhin!), hat es die Fluglinie selbst auf diesem Kurzstreckenflug geschafft, das gesamte Equipment, von den Bühnenoutfits bis zu den Gitarren, zu verlieren. Mithilfe von MÆRER, die kurzerhand ihre Instrumente zur Verfügung stellen, kann der Auftritt dennoch stattfinden. Vielleicht wird sie sogar gerade durch diesen Vorfall so herausragend gut: THYRFING, allen voran Sänger Jens Rydén gehen die Show mit einer solchen „Jetzt-erst-recht-Mentalität“ an, dass die sowieso schon kraftvollen Songs nochmal energiegeladener klingen als in ihren Studioversionen. Dass es in der zweiten Set-Hälfte nochmal kräftig regnet, hält Rydén nicht davon ab, wie ein Getriebener am Bühnenrand auf- und abzulaufen. Dass der ehemalige Naglfar-Sänger nach der Show noch in den Graben kommt, um mit den Fans in der ersten Reihe abzuklatschen, ist sinnbildlich für diesen Herzblut-Auftritt.

  1. The Voyager
  2. Döp Dem I Eld
  3. Mjölner
  4. Digerdöden
  5. Fredlös
  6. Griftefrid
  7. Järnhand
  8. Jordafärd
  9. Veners Förfall
  10. Far Åt Helvete
  11. Storms Of Asgard
  12. Kaos Återkomst

BATUSHKA auf dem Wolfszeit 2022Dass es seit dem Split im Jahr 2018 zwei Bands mit dem Namen BATUSHKA gibt, ist eine beispiellos bizarre Situation: Fast wie ein Franchise-Unternehmer führen Derph und Bart das Projekt selbstständig, aber unter gleichem Logo weiter, schreiben Musik, produzieren Merch und spielen Konzerte. Auf dem WOLFSZEIT FESTIVAL darf Derph ran – tatsächlich spricht vieles dafür, dass der ehemalige Gitarrist der Ur-BATUSHKA als deren Songwriter auch Initiator des Projekts und damit legitimer Träger des Namens sein dürfte. In Kombination mit dem (von der Band-Verdopplung abgesehen) einzigartigen Showkonzept dürfte es auch diese kuriose Gemengelage sein, die so ziemlich jeden WOLFSZEIT-Besucher vor die Bühne treibt: So voll wie während der Show der Polen hat man das Infield in diesem Jahr noch nicht gesehen.

BATUSHKA auf dem Wolfszeit 2022Dass auf der Bühne quasi nichts passiert, machen BATUSHKA mit ordentlich Pomp wett – Roben, Kerzen, Weihrauchkessel, Glocken und Klappern lassen eine wahrlich orthodox-sakrale Atmosphäre aufkommen. Faszinierend ist, dass auch das Showkonzept beider BATUSHKA-Versionen nicht divergiert oder stagniert, sondern sich parallel weiterentwickelt: So haben beide Band-Versionen mittlerweile einen Sarg auf der Bühne – den Unterschied macht also neben dem Sympathiewert nur ein Teil der Musik. So spielt Derph mit seinen BATUSHKA heute natürlich auch Material seines Albums „Panihida“. Zwar ist dieses ohne Frage stärker als „Hospodi“ und die Folge-EPs der anderen BATUSHKA – die Höhepunkte des Sets liegen aber klar bei den „Litourgiya“-Nummern. Atmosphärisch ist dieser Auftritt jedenfalls kaum zu überbieten. Dass Derph nach der Show in den Bühnengraben steigt und Opferkerzen verteilt, rundet den Auftritt gelungen ab – dass er anschließend unmaskiert für Selfies bereitsteht, macht den Mann nur sympathischer.

WATAIN auf dem Wolfszeit 2022Was soll an einem solchen Abend noch folgen, nach einer derart pompösen, düsteren Messe? Richtig: eine noch pompösere, noch düsterere Messe. Und niemand anderes wäre dazu befähigt als WATAIN. Statt der geplanten 35 Minuten lassen die Schweden die Bühne volle 70 Minuten lang umgestalten, bis quasi nichts mehr an eine Festival-Bühne erinnert. Rostiges Metall, Knochen und Fackeln sorgen für eine bedrohliche Grundstimmung, die nur der Auftritt der Musiker selbst zu steigern vermag: Mit empor gereckter Fackel betritt Erik Danielsson die Szene, entzündet links und rechts des Schlagzeugs je einen Watain-Dreizack – und schleudert die gut einen Meter lange Fackel brennend ins Publikum – und auch ein zweiter Fackelwurf im Verlauf der Show geht glimpflich aus. Was passiert wäre, hätte es nicht weitergeregnet, nachdem das gesamte Infield am Nachmittag mit einer dicken Strohschicht bedeckt wurde, will man sich hingegen nicht ausmalen.

WATAIN auf dem Wolfszeit 2022Dass auf diese verrückte und hochgefährliche Aktion hin keine Panik, sondern Jubel ausbricht, sagt alles über die Anhänger von WATAIN: Während Erik heute auf Blut als Showelement verzichtet, tummeln sich im Publikum diverse blutverkrustete und -verschmierte Gestalten, von der Musik der Schweden wie in Ekstase versetzt. Zumindest das ist absolut nachvollziehbar. Denn tatsächlich ist, losgelöst von aller Show, die Performance der Schweden herausragend: Das liegt nicht zuletzt daran, dass WATAIN mit „The Agony & Ecstasy Of Watain“ zuletzt ein extrem starkes Album veröffentlicht haben, von dem sich dann auch vier Songs in der Setlist wiederfinden – aber auch daran, dass sich WATAIN ansonsten auf die beiden Klassiker „Lawless Darkness“ und „Sworn To The Dark“ fokussieren, die zusammen fünf Songs stellen. Als die Show – und damit das WOLFSZEIT FESTIVAL 2022 – um 1:20 Uhr endet, ist einmal mehr bewiesen: In Sachen Black Metal gibt es aktuell keinen heißeren Act als WATAIN.

  1. Death’s Cold Dark
  2. Malfeitor
  3. The Howling
  4. Leper’s Grace
  5. Black Flames March
  6. Reaping Death
  7. Serimosa
  8. Ecstasies In Night Infinite
  9. Stellarvore
  10. Towards The Sanctuary
  11. The Serpent’s Chalice

WATAIN auf dem Wolfszeit 2022

Es gibt schlechtes Wetter und es gibt WOLFSZEIT-Wetter – zu dieser Einteilung dürfte zumindest gelangen, wer 2021 und 2022 das „Regencampen im Ferienland Crispendorf“ mitgemacht hat. Doch eine eingeschworene Gemeinschaft wie die der WOLFSZEIT-Gänger lässt sich davon nicht beeindrucken: Niemand hier wirkt vom Wetter ernstlich betrübt – wohl nicht zuletzt, weil das gesellige Beisammensein hier mindestens so wichtiger Bestandteil des WOLFSZEIT ist wie die Live-Musik. 

Diesbezüglich besetzt das WOLFSZEIT FESTIVAL seine eigene Nische: Ein ausgewogener Mix aus Newcomern (KANONENFIEBER) und Szenegrößen, sowohl aus dem Pagan Metal (THYRFING ) als auch Black Metal (WATAIN), sorgen für abwechslungsreiche Unterhaltung – zum Teil mit echtem Seltenheitswert (Derphs BATUSHKA). Die so glaubhafte wie augenscheinlich erfolgreiche Bemühung des Festivals gegen rechte Umtriebe rundet den sympathischen Festival-Eindruck ab: Indiskutables NSBM-Merch sieht man kaum, wenngleich natürlich auch hier nicht jeder Träger eines Burzum-Patches um sein Bändchen fürchten muss.

Dass die Festival-Tickets (inkl. Camping & Parken) mit 135€ für zwei Tage und 16 Bands vergleichsweise teuer sind, scheint der allseits geduldete Preis für die familiäre Atmosphäre dieses gemütlichen Festivals zu sein. Kein Zweifel – das Konzept geht auf!

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