Author and Punisher Cover

Review Author & Punisher – Nocturnal Birding

Etwas ist anders im Hause AUTHOR & PUNISHER: „Nocturnal Birding“, das inzwischen achte Studioalbum der One-Man-Industrial-Army, dröhnt, drückt, bummst und zerrt zwar an allen Ecken und Enden, wie man es erwartet, aber wer genau hinhört, erkennt kleine, aber feine Unterschiede. War das ein Daumenflagolet? Oder gar eine unverzerrte Gitarre? Ist das jetzt etwa so richtiger Metal?

Die grundlegendste Veränderung auf „Nocturnal Birding“: Besagte One-Man-Industrial-Army ist nicht mehr alleine und hat (dauerhafte) Verstärkung in Form des Gitarristen Doug Sabolick, der jetzt tatsächlich fest zur Band gehört. Nicht, dass das die (initial elektronisch generierte) Wall Of Sound von AUTHOR-&-PUNISHER-Mastermind Tristan Shone unbedingt nötig gehabt hätte, denn fetter machen die sechs Saiten hier gar nix. Vielmehr gibt der Gitarrensound Shones Industrial-Doom die nötige organische Würze und rückt die Band in Sachen Soundästhetik noch ein Stückchen näher Richtung GODFLESH – wenn auch merklich zeitgemäßer produziert.

Shones Alleinstellungsmerkmal in der Industrialszene sind eindeutig die selbstgebauten MIDI-Controller, mit denen er seine Klangerzeuger ansteuert. Im Gegensatz zu den allseits bekannten Klaviertastaturen setzt er auf eine … ja, physischere Bedienung der Instrumente (Interessierte mögen das unten eingefügte, zweite Video anschauen), was zur Folge hat, dass besagte Synthesizer in Sachen Klangverlauf auch oftmals anders klingen, als wenn man sie auf klassischem Wege über eine Klaviatur eingespielt hätte.

Der Opener „Meadowlark“ beginnt zwar mit emotionalem Cleangesang und unverzerrter Gitarre beinahe verhalten (und auch sonst gibt es mal großartige melodisch-atmosphärische Abschnitte wie in den letzten Songdritteln von „Mute Swan“ oder „Rook“), davon sollten sich geneigte Zuhörer*innen aber nicht beirren lassen: In Sachen Songwriting kommt „Nocturnal Birding“ insgesamt spürbar düsterer, härter und kompakter daher, als der durchaus melodische und zugängliche Vorgänger „Krüller“ (2023).

Konzeptionell hat sich Shone weit aus seiner Konfortzone gewagt: Basis für die aktuellen Kompositionen sind unterschiedlichste Vogelgesänge – eher untypisch für das Genre Industrial. Manche Vogelstimmen erkennt man im Songkontext sogar noch (die… Schwäne (?) im Intro von „Mute Swan“), während andere elektronisch manipuliert oder sogar von der Gitarre aufgegriffen, geradezu imitiert werden. Ein Beispiel für letzteres findet sich direkt in besagtem ruhigen Anfangspart des Openers: Wer mit Argusohren lauscht und noch ein halbwegs funktionierendes Gehör hat, dürfte hier ganz leise im Hintergrund die Nachtigall trapsen hören.

Zusätzlich hat Shone einige illustre Gäste auf „Nocturnal Birding“ versammelt: Matthias Jungbluth der französischen Industrial-Death-Metaller FANGE schreit sich auf dem härtesten Song des Albums „Black Storm Petrel“ die Lunge aus dem Leib, während Megan Oztrosits (COUCH SLUT) auf „Mute Swan“ für gesangliche Abwechslung sorgt. Zu den Highlights zählt fraglos auch die Single „Titanis“: Hier gibt es Soundscapes und Rhythmen indonesischer Provenienz auf die Ohren, die der von dort stammende Experimentalmusiker Tesla Manaf aka KUNTARI beisteuert.

In Sachen Mix und Mastering gibt es ebenfalls nicht das geringste zu beanstanden: Will Putney (auch Gitarrist von FIT FOR AN AUTOPSY) hat dem neuesten AUTHOR-&-PUNISHER-Album einen unfassbar fetten Gesamtsound verpasst. In Kombination mit dem unkonventionellen, aber gelungenen Artwork von Lucile Lejoly (CHAT PILE, ROADBURN FESTIVAL) hat Shone fraglos die Industrial-Metal-Platte des Jahres geliefert, an der man lediglich die etwas knappe Gesamtspielzeit von unter 35 Minuten kritisieren könnte. Dafür gibt es aber auch schnörkellose und kurzweilige Arrangements zwischen drei und fünf Minuten und eben keine Filler auf die Ohren. Ganz großes Autorenkino.

Du siehst gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicke auf die Schaltfläche unten. Bitte beachte, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Du siehst gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicke auf die Schaltfläche unten. Bitte beachte, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Wertung: 9.5 / 10

Stephan Gossen

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert