Interview mit Tristan Shone von Author & Punisher

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Im nahezu unendlichen Metal-Kosmos nimmt Industrial-Metal eine Sonderstellung ein: Denn im Gegensatz zu vielen anderen Subgenres stehen hier oftmals elektronische Instrumente wie Synthesizer und Sampler im Vordergrund – üblicherweise über sogenannte MIDI-Controllern bedient: Für das Spielen von Melodien kann das eine per USB angeschlossene Keyboardtastatur, für Drums oder Einzelsamples ein Pad-Controller sein, für Effekte kommen gerne Drehregler oder Fader zum Einsatz.

Das Grundprinzip ist dabei gar nicht so kompliziert und lautet wie folgt: MIDI überträgt keine Audiodaten, also Klänge, sondern sogenannte MIDI-Steuersignale (= Musical Instrument Digital Interface). Soll heißen: Wie fest (=wie laut) wird welche Taste (=Tonhöhe) wie lange (=Tonlänge) gedrückt. Diese Steuersignale werden vom Klangerzeuger, dem Synthesizer (gibt es als Computerprogramm oder als dedizierte Hardware) interpretiert, der dann den entsprechenden Sound ausspuckt. Das funktioniert technisch natürlich einwandfrei, sexy ist allerdings anders.

Tristan Shone alias AUTHOR & PUNISHER kann und will sich mit dieser Herangehensweise nicht zufrieden geben. Und so bastelt der studierte Ingenieur für Medizintechnik seine Bedienelemente seit etwas über 20 Jahren selbst. Mit eingangs erwähnten, handelsüblichen Controllern hat das allerdings wenig zu tun: Die frickelige Bedienung über zu kleine oder minderwertige Plastikregler musste für Shone zugunsten eines „physischeren“ Konzepts weichen – allerdings zu Lasten des Gewichts und der Simplizität.

Der Aufbau im Feierwerk München für das am selben Abend stattfindende Konzert mit KING YOSEF zeigt das deutlich: Bis zu 20 Roadcases mit jeweils knapp unter 22 kg (der Gewichtsgrenze für ein einzelnes Gepäckstück auf Flügen, zumindest, wenn man den Sperrgutaufgschlag vermeiden möchte) benötigt Shone für seine Live-Performances. Das ist es verzeihbar, dass das ganz große Besteck nur in den USA zu bewundern ist, während er für seine internationalen Konzerte auf ein handlicheres Setup zurückgreift.

Die Konfiguration der gesamten Maschinerie selbst kann dabei auch eine knappe Stunde und somit deutlich länger als bei den meisten anderen Musikergruppen dauern – und verläuft selten absolut reibungslos. Da wären die USB-Ports, denen gerne mal mit Kontaktspray auf die Sprünge geholfen werden muss, einfach, weil die Schnittstelle nicht für ständiges Ein- und Ausstecken und den rauen Bühnenalltag konzipiert wurde und dementsprechend mechanisch anfällig ist. Oder die acht von Hand verlöteten und mit unterschiedlichen Gesangseffekten versehenen Schwanenhals-Piezo-Mikrofone für die Vocals, die zwar massiv und mehr als roadtauglich daherkommen, vor Wackelkontakten aber trotzdem nicht hundertprozentig gefeit sind.

Beim Soundcheck wird schließlich auch klar, wie viel Körpereinsatz die Custom-Controller von AUTHOR & PUNISHER erfordern. Die linke Hand spielt im Wesentlichen Bässe und Melodien, die rechte Hand alle perkussiven Sounds, also die Drums. Dazu kommt noch Gesang. Shones Performance steht in Sachen Multitasking einem singenden Drummer wie bei MASTODON oder BRUTUS in nichts nach. Seine Gliedmaßen so unabhängig voneinander zu bewegen, muss man erst einmal hinbekommen. Shones Trademark-Sound, eine verzerrte, tieffrequente Basswand, ist eine komplexe Kombination aus zwei verzerrten Gitarren und um die acht Synthesizern unterschiedlicher Provenienz, die gemeinsam abgespielt werden und die Ohren mehr als nur ein bisschen Schlackern lassen, erklärt Shone zwischen den Tests der einzelnen Module.

Unterm Strich ist es also auch nicht verwunderlich, dass das Interview deutlich später als geplant stattfinden kann. Bevor so etwas wie Entspannung einsetzt, muss zwingend das eine oder andere technische Problem gelöst werden, was Shone allerdings in bester MacGyver-Tradition mehr als routiniert erledigt.

Hi Tristan, danke, dass du dir Zeit nimmst. Wie läuft die Tour bisher?
Die Tour läuft super. Es ist eine kurze Tour – wir haben gerade mit dem neuen Album ein paar Shows in Großbritannien gespielt: Glasgow, Bristol, London und zwei Festivals. Insgesamt sind es nur 12 Konzerte, also ein schneller Europa-Trip, aber es ist echt klasse.

Was magst du lieber, Festivalshows oder Clubshows?
Festivals sind spannend wegen der großen Crowd, und man kann dort auf jeden Fall neue Fans dazugewinnen. Aber ich glaube, die größte Erfüllung geben mir Headliner-Clubshows. Da kannst du dein eigenes Ding machen und das komplette Set spielen – mit all den Builds und Breakdowns, die du dir dafür überlegt hast. Du kannst dein eigenes Lichtsetup mitbringen und alles drum und dran, und meistens ist es auch ein bisschen weniger stressig.

Wie würdest du dich als Künstler in ein paar Worten oder Sätzen beschreiben?
Ich würde sagen, grundsätzlich sehe ich mich eher als eine Art „Gear“-Künstler – fast wie ein Bildhauer oder Instrumentenbauer, oder einfach ein Typ, der auf Gadgets steht, und weniger als klassischer Musiker. Mich reizt vor allem das Equipment, das ich selbst baue, und ehrlich gesagt begeistert mich das manchmal sogar mehr, als ein Album zu schreiben. Aber wenn ich dann ins Songwriting eintauche, gehe ich richtig tief rein. Vielleicht trifft so etwas wie ein „robotischer Bildhauer“ meine Rolle als Künstler am besten.

In deiner Musik hört man ja klare Einflüsse – ich denke da zum Beispiel an GODFLESH oder MINISTRY – aber dann hast du auch einen Song von PORTISHEAD gecovert. Kannst du ein bisschen mehr über deine Einflüsse erzählen?
Viel davon kommt aus den späten 90ern – das war eine ziemlich besondere Zeit für mich, vor allem während meiner College-Zeit, in der ich mich auch persönlich stark weiterentwickelt habe. Damals habe ich Bands wie HIS HERO IS GONE, NEUROSIS, GODFLESH und QUICKSAND gehört. Gleichzeitig waren meine Mitbewohner total in der New Yorker Szene unterwegs – sie sind auf Raves und alle möglichen Shows gegangen – und weil wir eher im Norden studiert haben, sind wir an den Wochenenden oft nach New York City runtergefahren. Dadurch habe ich dann auch Acts wie CANNIBAL OX kennengelernt, Sachen vom DEFINITIVE JUX-Label und generell viel mehr Hip-Hop.

In den 2000ern wurde dann YOB zu einer meiner Lieblingsbands, und ich hatte sogar die Chance, ein paar Mal mit ihnen zu spielen, was echt unglaublich war. In letzter Zeit zieht es mich auch mehr zu ruhigeren Sachen – zum Beispiel PORTISHEAD oder Bands wie MOUNT EERIE. Ich mag diese zurückgenommene, gitarrenbasierte Musik sehr, genauso wie viel Dub, vor allem den alten jamaikanischen Dub.

Custom-Controller für Schlagzeug-Sounds

Wie fängst du normalerweise an, einen Song zu schreiben?
Wenn ich wirklich anfange, an einem Album zu arbeiten, sorge ich erstmal dafür, dass im Studio alles ready ist – mit einer lauten Anlage und ordentlich Bass, weil ich den Sound nicht nur hören, sondern auch körperlich spüren muss. Ich komponiere dabei direkt auf meinem kompletten Live-Setup. Meistens trinke ich ein paar Bier und versuche, das Ganze locker und spaßig zu halten, weil ich früher schon Alben unter Zeitdruck schreiben musste, während das Label die Abgabe erwartet hat, bevor ich überhaupt richtig angefangen hatte – und dann fühlt es sich einfach wie Arbeit an. Heutzutage lehne ich mich lieber zurück und lasse die Ideen ganz natürlich entstehen. Sobald ich ein Gefühl für den Sound habe, wechsle ich in einen eher Live-orientierten Ansatz: kein Clicktrack, linke Hand an den Controllern, rechte Hand am Schlagzeug, Mikro bereit – und dann probiere ich einfach rum.

Deine Musik klingt oft wie ein Filmsoundtrack – sie hat so eine bestimmte Atmosphäre, die mich an Filme wie „Blade Runner“ erinnert, nur deutlich härter, mit bestimmten Synth-Sounds – nennen wir sie mal VANGELIS-artig. Bist du ein visueller Mensch? Lässt du dich beim Songwriting von Bildern aus Filmen oder Literatur inspirieren, oder ist das eher abstrakt?
Ich arbeite eigentlich nicht wirklich mit Bildern, nein. Es geht eher um die Stimmung, in der ich gerade bin, oder um das, was ich in dem Moment höre. Aber klar, Filme wie „Blade Runner“ kommen einem da schon in den Sinn, und ich lese viel Sci-Fi – in letzter Zeit werde ich tatsächlich sogar mehr von den Büchern beeinflusst, die ich lese, als von der Musik, die ich höre.

Ich liebe auch diese älteren Filme – „Valhalla Rising“ zum Beispiel – und viele Filme von Lars von Trier. Die sind oft psychologisch ziemlich brutal, auch wenn sie nicht unbedingt riesige, dramatische Soundtracks haben, und das berührt mich total. „Melancholia“ ist ein gutes Beispiel: unglaublich erdrückend, aber gleichzeitig auch wunderschön. In so einer Art Raum denke ich manchmal gern.

Meine Frau sagt mir immer, ich soll solche Filme nicht direkt vorm Schlafengehen schauen, weil ich dann nicht schlafen kann. Sie meint dann: „Du musst damit nachts aufhören.“ Klar, ich genieße auch mal einen Pixar-Film oder etwas Ruhigeres, aber meistens zieht es mich doch eher zu ziemlich hartem Stoff.

Ich glaube, im Alltag bin ich eigentlich ein ruhiger, entspannter Typ – aber ein Grund dafür ist auch, dass ich extreme Musik höre. Ich denke, bei bestimmten Filmen und anderen intensiven Sachen ist es ähnlich – ich fühle mich davon total angesprochen, und auf eine seltsame Weise beruhigt mich das sogar. Wenn ich wandern bin, denke ich plötzlich an irgendeinen alten Film, der mich nachhaltig beeindruckt hat, und dann freue ich mich richtig darauf, nach Hause zu kommen, zu entspannen und mir wieder etwas richtig Heftiges anzuschauen.

Custom-Controller für Pitchbends bei Bass-Sounds

Entsteht beim Songwriting manchmal das Bedürfnis nach einer neuen Hardware-Schnittstelle?
Ja, ständig. Zum Beispiel habe ich dieses klickende Plattenteller-Teil entworfen, weil ich einen gerasterten Drehcontroller haben wollte, damit ich Samples zufällig auswählen kann und nicht wirklich weiß, was als Nächstes kommt. Ich habe hunderte Samples in einem Drum-Rack geladen und kann einfach irgendwas auswählen. Für das nächste Album denke ich aber schon über einen anderen Controller nach. Das Problem ist jetzt, dass ich mit einem Gitarristen spiele, also muss ich Pitchbends (= gleitende, stufenlose Tonhöhenveränderung) viel präziser treffen und jedes Mal auf demselben Ton starten. Mit einem normalen Pitchbend kann man leicht danebenliegen, deshalb entwerfe ich gerade ein Gerät mit vier oder fünf Tasten, die zusammen gleiten und immer genau auf dem Ton anfangen, den ich haben will. So können Doug und ich die Bends gemeinsam und bei jedem Song zuverlässig starten.

Wie lange dauert es von der ersten Idee bis zum fertigen Controller?
Das geht inzwischen viel schneller, weil ich mit „Drone Machines“ jetzt eine Firma aufbaue. Ich habe jetzt einen Partner, einen alten Freund von mir – Adam, ein Produktdesign-Ingenieur –, und dadurch können wir viel schneller Sachen bauen. Er hilft mir beim Prototyping und beim Testen. Wenn die Elektronik schon fertig ist, kann ich heute oft innerhalb eines Monats etwas von der ersten Prototyp-Idee bis zum fertigen Teil bringen. Außerdem habe ich 3D-Drucker. So sehr Plastik auch nervt: Es macht das Prototyping extrem schnell. Ich bekomme also alle Teile, setze sie zusammen, sie werden verschraubt. Klar, im Sommer würden sie vielleicht in der Hitze weich werden. Aber sobald es technisch funktioniert, lasse ich das Ganze dann aus Metall fertigen.

Custom-Controller für Drone-Sounds

Entsteht deine Musik auch aus einer Art psychologischem Bedürfnis?
Das ist eine interessante Formulierung. Ich bin eigentlich ein sehr netter Mensch, aber im Moment bin ich vor allem für mich selbst hier und dafür, diesen Sound entstehen zu lassen. Manchmal bin ich auch gestresst, und ich mag es nicht mehr so sehr, einfach so angesprochen zu werden wie früher – vor allem, wenn mich Leute direkt anfassen und sofort ein Gespräch erwarten. Das tut mir auch ein bisschen leid, weil ich eigentlich immer noch ein sehr sozialer Mensch bin. Aber innerlich bin ich älter geworden, und ich habe einfach nicht mehr dieselbe Energie wie früher. Deshalb versuche ich, diese Energie lieber in die Performance zu stecken, auch wenn die soziale Seite des Tourlebens manchmal ziemlich anstrengend sein kann.

Also ist es eher der Ingenieur in dir, der Dinge verbessern und optimieren will?
Genau. Das ist einfach spannend. Ich glaube, ich arbeite immer auf irgendetwas hin, und das ist ein großer Teil davon. Jedes Mal, wenn ich auf Tour gehe, versuche ich, etwas anders zu machen. Tatsächlich habe ich hier eine Kiste mit neuen Geräten, die ich innerhalb der nächsten sieben Tage vorstellen will – ich habe sie programmiert, aber noch nie live benutzt. Ich möchte sie in einem kleinen Video debütieren und teilen. Auf der letzten Tour waren es die Lichter; auf dieser Tour sind es diese neuen Geräte. Es gibt also immer irgendeine neue Innovation, die ich einbringe. Es ist also nie so, dass man alles einmal aufbaut und dann einfach vergisst.

Wie kommt es, dass du plötzlich einen festen Gitarristen dabei hast? Was war die Idee dahinter, und wie lief der Prozess ab?
Ich bin im Herzen eigentlich totaler Metalfan – ich liebe MESHUGGAH, ich liebe Metal in allen möglichen Formen, und GODFLESH habe ich sowieso immer geliebt. Wenn ich an meinen Keyboards und Controllern arbeite, versuche ich ständig genau den Sound zu bauen, den ich im Kopf höre. Das GODFLESH-Album „Selfless“ war eines meiner Lieblingsalben, weil es diese schweren, pumpenden Riffs hatte. Und ich dachte mir immer: Mann, ich wünschte, ich könnte so etwas auch machen.

Also wurde mein Sound nach und nach basslastiger, und von dort aus habe ich ihn immer weiter angepasst. Und dann kam Doug dazu. Als ich dieses Album schrieb, hatte ich selbst angefangen, Gitarre zu spielen. Ich habe die Riffs aufgenommen, bin dann ins Studio gegangen und habe dazu gespielt. Dadurch hat einfach alles Klick gemacht, weil ich jetzt zwischen dem Haupt-Riff hin und her wechseln kann. Ich glaube, dadurch klingt das Ganze auch größer als früher.

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Er spielte in einer Band namens A LIFE ONCE LOST, einer metalcore-artigen Band aus Philly. Er hat AUTHOR & PUNISHER 2012 auf Tour mitgenommen, und danach sind wir zusammen mit Phil Anselmos Solo-Projekt getourt, wobei Doug das Licht gemacht hat. Wir blieben danach in Kontakt, und als ich schließlich einen Gitarristen brauchte, stellte sich heraus, dass er viel mehr kann als nur Gitarre spielen — er ist auch ein Partner, der fahren kann, beim Merch hilft und dafür sorgt, dass alles reibungslos läuft.

Ist es nach all den Jahren als Solokünstler schwierig in dieser neuen Konstellation?
Nein, eigentlich ist es viel besser. Ich bin auf Tour manchmal einsam, und da hilft es total, jemanden dabeizuhaben, der mich wieder hochzieht, wenn ich erschöpft bin oder einfach genug von den Leuten habe. Außerdem ist es auch super, jemanden zu haben, der mich manchmal mental entlasten und übernehmen kann.

Hast du für ältere Songs, die früher gar keine Gitarre hatten, die Gitarrenparts neu geschrieben?
Bei den älteren Songs hat Doug sie so gelernt, wie sie waren. Auf dem letzten Album „Krüller“ hat ein anderer Gitarrist – der damals auch mein Manager war – die Parts geschrieben, aber er wäre sowieso nie mit auf Tour gegangen, also hat Doug diese Songs stattdessen gelernt. Alles davor haben wir bei Bedarf angepasst. Manche Songs mussten zum Beispiel um einen ganzen Ton tiefer gestimmt werden, weil ich nicht mehr so hoch singen kann. Doug bringt eher so eine psychedelische, etwas chaotische Energie mit, und er spielt solche Songs total gern – fast ein bisschen KILLING JOKE-mäßig. Ich zeige ihm gerade mehr Dub-Sachen. Er steht eher auf psychedelische Musik, und jetzt, wo wir viel zusammen spielen und schreiben, will ich sicherstellen, dass der Gitarrist bei neuen Songs auch wirklich einen Zugang dazu hat.

Das ist ein schöner Kontrast zu deiner quantisierten MIDI-Maschine, wenn da eine raue Gitarre dazukommt.
Genau so haben wir das auch gesehen. Wenn man an Industrial-Musik denkt, benutzen viele Gitarristen digitale Geräte, und alles klingt super tight und komprimiert. Wir nutzen den Quad Cortex (= digitaler Gitarrenverstärker, der nahezu sämtliche klassisch-analogen Röhrenverstärker in guter Qualität emulieren kann), weil das Teil großartig ist — aber das ist trotzdem nicht wirklich Dougs Stil.

Custom-Controller für Schlagzeug-Sounds

Wenn man über dein aktuelles Album „Nocturnal Birding“ spricht, wirkt das Konzept erstmal etwas ungewöhnlich: Vogelstimmen sind ja sehr natürlich und nichts, was man direkt mit Industrial Music verbinden würde. Was steckt dahinter?
Zuerst einmal habe ich mich mit Industrial Music im weiteren Sinne eigentlich nie so richtig identifiziert. Ich sage das nur, weil sich die gesamte Industrial-Szene – THROBBING GRISTLE, SCORN, SWANS in ihrer Anfangszeit –, abgesehen von GODFLESH und vielleicht MINISTRY, eigentlich näher an dem bewegt, womit ich mich identifiziere. Aber dieses ganze Leder-und-Ketten-Zeug, das später aufkam – das war nie mein Ding. Ehrlich gesagt sehe ich uns eher als Doom-Band.

Ich gehe viel wandern, ich liebe Vögel, und ich bin unterwegs richtig ins Birding und ins Bestimmen von Vogelarten reingekommen. Ich habe angefangen, die Merlin-App und das riesige Soundarchiv des Cornell Lab of Ornithology zu nutzen, und mich durch tausende Sounds gearbeitet, wobei ich die mit den interessantesten Melodien und Rhythmen aufgeschrieben habe. Bei manchen Vögeln habe ich dann tatsächlich angefangen, Songs um diese Muster herum aufzubauen.

Gleichzeitig fand ich viele dieser Sounds auch seltsam industriell. Wenn man Vogelstimmen verlangsamt, können sie verzerrt klingen, fast wie glitchiger IDM (=Intelligent Dance Music) oder Material à la SQUAREPUSHER. Die Rhythmen sind von Natur aus unregelmäßig, nicht quantisiert, und genau dadurch entstehen beim Verbiegen und Verzerren richtig spannende Muster.

Du benutzt in deiner Musik ja viele Samples. Du filterst und verzerrst sie so lange, bis vom Original kaum noch etwas zu erkennen ist. Oft entsteht dabei eine seltsame, laute und noisige Klanglandschaft. Warum überhaupt Samples verwenden, wenn am Ende nichts vom Original übrig bleibt? Ist das eher Zufall, oder hast du vorher schon eine Idee im Kopf?
Ich glaube, man braucht für jedes Album immer so etwas wie einen Keim, weil man eigentlich nie aus dem Nichts schreiben kann. Man braucht etwas, von dem aus man starten kann. Bei „Beastland“ bin ich zufällig über Videos von indischen Kindern, die Percussion spielen, gestolpert, und ich habe YouTube-Videos von Leuten gefunden, die in ihren Schlafzimmern in verschiedenen Teilen Indiens aufgenommen hatten. Ich habe den Ton aus diesen Videos genommen, ihn im Octatrack (= Hardware-Sampler zur temposynchronen Wiedergabe von Audioschnippseln) zerlegt und daraus das Material aufgebaut. Daher kamen all die Samples für „Beastland“. Bei „Krüller“ war es ähnlich: Ich habe eine Menge Material von einem Freund genommen, bin in die Wüste gefahren, habe dort viel aufgenommen und das Ganze dann wieder mitgebracht und zerhackt. Und bei diesem Album und den Vögeln war es im Grunde das Gleiche — ich brauchte einfach etwas, womit ich anfangen konnte. Ich setze mich ja nicht hin und schreibe einfach einen Punk-Riff.

Die politische und gesellschaftliche Lage in den USA ist ja, sagen wir mal, schwierig. Inspirieren dich auch reale Ereignisse?
Lyrisch auf jeden Fall. Aus musikalischer Sicht eher indirekt, aber es gehört schon zu meinem Leben. Ich engagiere mich ehrenamtlich bei einer Wandergruppe, die Wasser für Migranten auslegt, die von Mexiko in die USA kommen – auch diese Wander-Seite hat also damit zu tun. Viele von diesen Leuten interessieren sich übrigens genauso wie ich total fürs Vogelbeobachten. Auf dem Album verbinden die Texte diese Ideen miteinander: Vögel migrieren, Menschen migrieren, und da gibt es einen Zusammenhang. Als ich erst einmal über Vögel nachgedacht habe, kam mir auch die Mauer in den Sinn und wie manche Arten dadurch festhängen, weil sie nicht drüber hinwegkommen. Zum Beispiel sind die Dickhornschafe in San Diego inzwischen stark bedroht, und das hängt damit zusammen, dass Trump zwei Mauern bauen ließ. Ja, das fließt also definitiv in die Texte mit ein.

Du bist ja nicht wirklich ein Remix-Typ, obwohl du elektronische Musik machst. Die einzige Remix-Sache, die ich kenne, ist die BONG-RA-EP von 2014. Woran liegt das?
Keine Ahnung – ich glaube, ich bin einfach schon oft genug mit Remixen für andere Leute auf die Nase gefallen. Ich habe da immer viel Zeit reingesteckt, und dann sind die Sachen irgendwie in der Versenkung verschwunden und wurden nie wirklich oft gehört. Mit Kollaborationen ist es ähnlich: Ich habe bei manchen Sachen zugesagt und bei mehreren Gastauftritten mit Gesang oder anderen Gear-Features bei Projekten abgesagt. Ich mache einfach gern das, was ich mache, und ich habe nicht das Gefühl, dass ich diesem ganzen Ding hinterherlaufen muss. Klar, für Fans können Kollaborationen echt schön sein, aber für mich fühlen sie sich oft eher wie eine Pflicht an — so etwas, das ich machen sollte, um populärer zu werden, obwohl ich das eigentlich gar nicht will.

Wenn wir schon bei Kollaborationen sind: Auf deinem letzten Album sind ja einige Künstler dabei, mit denen du gearbeitet hast. Wie hast du sie ausgewählt?
Ich glaube, KINTARI war die erste, weil die ganze Sache mit einem indonesischen Modekollektiv namens „Future Lounge“ angefangen hat. Das ist so eine Art Electropunk-Fashion-Gruppe, die Masken und cyberpunk-inspirierte Sachen macht. Eines Abends habe ich denen einfach auf Instagram geschrieben und gesagt: „Hey, lass uns eine Masken-Kollaboration machen.“ Ich weiß nicht, ob du die Pressefotos gesehen hast, auf denen ich diese Maske mit den Motoren an den Seiten trage. Also habe ich Kontakt aufgenommen, wir haben uns darauf geeinigt, und dann habe ich vorgeschlagen, auch ein Musikvideo zu machen — und das hat dann ebenfalls geklappt. Danach habe ich gefragt, ob wir nicht auch mit einem indonesischen Musiker zusammenarbeiten sollten, und sie haben mir KINTARI empfohlen — so ist das zustande gekommen.

AUTHOR & PUNISHER; © Alyona Simonova / Atomic Alyona

Bei COUCH SLUT hat mein Manager das übernommen. Er veröffentlicht deren Sachen auf Brutal Panda, seinem Label, also hat er das organisiert und Megan dazu gebracht, auf dem Track zu singen, was echt cool war. Und mit FANGE hatten wir uns beim „Rock In Bourlon“-Festival kennengelernt, als wir 2023 das letzte Mal dort gespielt haben. Ich habe einfach gesagt: „Lasst uns das machen.“ Die Jungs waren komplett in ihrem Element — sehr organisiert, sehr mechanisch, methodisch und kalkuliert. Der Song ist dadurch echt ein Banger geworden. Er lässt sich auch total leicht spielen, deshalb freue ich mich live jedes Mal besonders darauf, weil es sich fast wie eine kleine Pause anfühlt. Wir machen das so: Ich programmiere die Double-Kick-Drums, weil ich die selbst gar nicht spielen kann, und Doug muss sich zwischen den Gitarrenparts durchschlängeln. Das ist schon irgendwie witzig.

Was denkst du über die aktuellen Entwicklungen im Bereich KI?
Aus musikalischer Sicht habe ich überhaupt kein Interesse daran, das in meine Arbeit einzubauen. Ich schätze, es gibt bereits virtuelle Instrumente mit KI-Engines, die in die Synth-Algorithmen integriert sind, aber ich habe so etwas bisher nicht benutzt und es interessiert mich auch nicht wirklich. Ich bin mit den Plugins und Instrumenten, die ich schon nutze, völlig zufrieden. Für ein Album wähle ich meistens drei oder vier Synths aus und bleibe dann dabei, und bei meinen wichtigsten Drum-Sounds arbeite ich seit „Beastland“ im Grunde mit denselben, nur mit ein paar kleinen Anpassungen. Aus technischer Sicht ist das etwas anders. Ich schreibe den Code selbst, der Bewegungen in MIDI-Signale umwandelt, und theoretisch könnte ich dafür wahrscheinlich auch KI nutzen, aber ehrlich gesagt sehe ich momentan keinen Sinn darin. Was ich mache, ist einfach genug, dass es schneller ist, es selbst zu erledigen. Mir ist klar, dass KI in Programmier-Tools inzwischen ziemlich Standard ist, aber für mich fühlt sie sich trotzdem eher optional als notwendig an. Ich versuche eigentlich, KI an jeder Stelle zu vermeiden.

Wenn du auf deine Karriere und das Tourleben zurückblickst: Gibt es einen klaren Höhepunkt, zu dem du immer wieder zurückkommst, wenn du dir unsicher bist, ob du das alles weitermachen willst?
Für mich sind die größten Highlights immer die Momente, in denen ich mit meinen Helden auf Tour gehen kann. Besonders der erste Abend einer Tour, wenn man als Support für eine seiner Lieblingsbands spielt — zum Beispiel NEUROSIS oder GODFLESH. Mit den MELVINS habe ich zwar nie gespielt, aber ich durfte 1993 in Troy, New York, mit meiner alten Band EMPATHY TEST zusammen mit HIS HERO IS GONE auftreten. Das war auf jeden Fall einer dieser Momente. Es war ein sehr bedeutungsvoller Augenblick, da oben zu stehen und zu spielen, weil man die Emotion richtig spürt — so nach dem Motto: Das ist etwas Großes, das zählt wirklich.

Stephan Gossen

Publiziert am von

Dieses Interview wurde persönlich geführt.

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