Es ist ein Trip zu unbekannten Welten und wir sind mittendrin.
Wir fliegen mit Kapitän Vindsvall durchs All und der Sirius leuchtet, jawohl, er leuchtet. Bumm! Eine Sonne explodiert nur wenige Parsecs neben uns und die radioaktiven Strahlen der Supernova durchleuchten die Schädel der Passagiere des schnellen Raumgleiters „BAN 2025“; Schädel, durch die wunderschöne, doppelstimmige Gitarrenleads mäandern und die Klargesang geisterhaft lockt …
Moment mal. „Wunderschöne Melodien“, „Klargesang“ – Vindsvall? Die sich stets und immer wieder aufs Neue ändernden und häutenden Franzosen von BLUT AUS NORD hatten auf den beiden passenderweise „Disharmonium“ betitelten Vorgängerwerken noch die alptraumhaften Fieberfantasien eines H. P. Lovecraft in derartig krumme „Töne“ verpackt, dass Mitglieder dieser Redaktion sich entweder entsetzt abwandten oder verstört-begeistert lauter drehten. Der befremdlich gequakte Höllentrip ist auf dem neuen Werk von BLUT AUS NORD allerdings so weit entfernt wie die Erde vom Arcturus. Und dennoch bleiben einige Naturkonstanten bestehen, auch wenn sich diesmal der Verstand nicht durch eine Quantenverschränkung verabschiedet, sondern der Modus „Kosmisches Bewusstsein“ das eigene Gehirn auf IMAX-Größe aufbläht.
Auf „Etherael Horizons“ herrschen sich wellenartig auftürmende Leadgitarren vor, die, mit einer gehörigen Portion Hall ausgestattet, der Weite des Weltalls Tribut zollen. Es sind ritualhafte Wiederholungen langsam sich entfaltender Klanglandschaften, über denen immer wieder erhabener Klargesang thront, wo Vindsvall nicht im Hintergrund ein weißes Rauschen aus Screams unterlegt. Der Opener „Shadows Breathe First“ gibt die Stoßrichtung vor. Progressiv ist hier wenig, oder jedenfalls wenig Offensichtliches. BLUT AUS NORD müssen sich fast schon den Vorwurf der „Zugänglichkeit“ gefallen lassen, wie sie auch um den schwerwiegenderen Vorwurf der Redundanz nicht herumkommen. Denn das Mainriff wird bis zur Dauererregung ausgewalzt und beginnt dann doch irgendwann, sich von einem roten Riesen in einen weißen, etwas nervigen Zwerg zu verwandeln.
Spätestens in der zweiten Hälfte der gut 50 Minuten wird klar, dass es um Abwechslung im All nicht immer allzu gut bestellt ist und eine Supernova der anderen doch sehr gleicht. Spektakulär und erhaben ist das alles, sicher, aber eben auch erwartbar furios und farbenprächtig. Eine Überwältigungsmaschinerie, die knapp vor dem Bruchpunkt hin zu anstrengender Dauerepik steht. Die Passagiere unseres Raumschiffes können sich in der Unendlichkeit fantastischer Melodien verlieren, aber irgendwann ist die Endorphinausschüttung auch an ein natürliches Ende gelangt.
Aber eben nur fast: Das Album bietet auf den zweiten Blick noch genügend Seltsamkeiten, um sowohl als „typisches“ Werk von BLUT AUS NORD verbucht werden zu können als auch zu zeigen, dass hier immer noch dieselben seltsamen Gehirne am Werk sind, die sich seit Jahren jeglicher Kategorisierung entziehen. Allein die ersten zwei Minuten von „Seclusion“ begeistern mit ihrer seltsam entrückten Melodik und Rhythmik, die stets ein wenig neben dem Erwarteten liegt. Da gibt das Schlagzeug einen Takt vor, der zu passen scheint, aber eben immer nur fast; da kommen die Gitarren eben auch immer nur fast dort heraus, wo man sie vermutet; alles gleicht eher einer Annäherung an eine Melodie als einer Melodie selbst. Und ein „The Fall Opens The Sky“ besticht einfach durch fantastische Melodieführung. Es sind diese Trademarks, die BLUT AUS NORD auch mit „Ethereal Horizons“ noch so besonders machen.
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Wertung: 7.5 / 10


