DVD-Review: Bruce Dickinson - Scream For Me Sarajevo

Besetzung

Bruce Dickinson – Gesang
Alex Dickson – Guitar
Chris Dale – Bass
Alessandro Elena – Schlagzeug

Tracklist

01. Scream For Me Sarajevo


In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1992 begann die Belagerung von Sarajevo durch die jugoslawische Volksarmee, die erst am 29. Februar 1996 durch das Eingreifen westlicher Staaten enden sollte. Mit 1425 Tagen war sie die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts, während derer hunderttausende eingeschlossener Menschen über eine Luftbrücke versorgt werden mussten. Genau dort, zwischen Mörsern und Granaten, erklärten sich BRUCE DICKINSON und seine Band bereit, ein Konzert zu spielen. Die Geschichte dieses unwahrscheinlichen Events wird nun durch „Scream For Me Sarajevo“ erzählt.

Diese DVD ist dabei vieles, aber keine klassische Band-Doku, geschweige denn ein Konzertfilm. Tatsächlich dauert es gut eine halbe Stunde, ehe BRUCE DICKINSON das erste Mal zu Wort kommt. Bis dahin haben Überlebende der Belagerung und Teilnehmer des Konzertes, sowie dessen Hauptorganisatoren Trevor Gibson und Jim Marshall (beides damalige Mitglieder der UN-Sicherheitsmission) ein Bild davon gezeichnet, wie die Belagerung die Stadt und die Welt der in Sarajevo lebenden Menschen veränderte.

Dabei berichten die Menschen von ihrer Ungläubigkeit, dass das, was da gerade geschieht, sich tatsächlich zu einem Krieg auswachsen könne. Man hört davon, wie Freunde über Nacht zu Feinden werden, weil sie auf einmal auf unterschiedlichen Seiten des, von Unabhängigkeitsbestrebungen motivierten, Bürgerkrieges stehen.

„Scream For Me Sarajevo“ zeigt aber auch, wie sich die Eingeschlossenen mit ihrer Situation arrangieren. So entstehen neue Schulen und eine lebendige Kunstszene, getrieben von dem Motto jeden Tag zu leben, als ob es der letzte sei. Weil genau das der Fall ist. So proben Bands beispielsweise immer dann, wenn es gerade Strom gibt und so lange, wie dieser da ist.

In dieser Stimmung und dieser Lebenswirklichkeit hat UN-Mitarbeiter Jim Marshall die Idee, ein Konzert mit einem bekannten Künstler zu veranstalten. Zum einen, um einen Hoffnungsschimmer in die Düsternis des Krieges zu bringen und zum anderen, um auf die Situation der Menschen in Sarajevo aufmerksam zu machen. Als richtigen Mann für diese Aufgabe identifiziert er dabei BRUCE DICKINSON, der auch zusagt. So entsteht der Plan, die Band nach Split zu fliegen, von dort aus mit Helikoptern weiter nach Sarajevo und nach dem Konzert retour.

Der Plan gelingt genau bis zur Ankunft in Split, denn auf Grund der sich zuspitzenden Kriegshandlungen können die UN-Helikopter nicht nach Sarajevo fliegen und die Band wird zu Heimkehr aufgefordert. Anstatt dem Folge zu leisten besteigen die Musiker mit ihrem Equipment einen ehrenamtlichen Hilfskonvoi und lassen reisen so im Schutze der Nacht (bzw. Nächte) und mit einigen Unterbrechungen in das besetzte Sarajevo. Wie diese Reise und das dabei erlebte die Musiker beeindruckt und geprägt hat, zeichnet „Scream For Me Sarajevo“ eindrucksvoll nach.

Nicht weniger eindrucksvoll ist der Effekt, den der Auftritt von BRUCE DICKINSON auf die Menschen in der umstellten Stadt hat. Über zwanzig Jahre nach der Show stehen den Beteiligten bei der Erinnerung daran wieder die Tränen in den Augen, denn für diese wenigen Stunden war die kriegerische Realität vergessen, vergessen die unbegreifliche Ohnmacht der Vereinten Nationen, die nichts tun konnten, außer die Verwundeten zu versorgen und zuzusehen, wie Scharfschützen sich wahllos Opfer aussuchten, während Granaten auf Sarajevo einhämmerten. Der Film endet mit der Rückkehr DICKINSONs in die Stadt, 21 Jahre nach einem Konzert, welches den Mann und die damals Anwesenden bis heute beschäftigt.

„Scream For Me Sarajevo“ ist kein schöner Film, kein Film der Spaß macht. Es ist eine Dokumentation über die menschlichen Abgründe, über die Idiotie und Grausamkeit des Krieges und die Widerstandsfähigkeit von Menschen, die entgegen aller Widrigkeiten durchhalten und weiterleben. Und es ist ein Film über die Macht der Kunst – konkret des Metal –, Menschen genau zu diesem Durchhalten den Mut zu geben.

Wie viel Mut BRUCE DICKINSON und seine Band aufbrachten, die Show zu spielen, wie diese Reise sie veränderte und was diese einzelne Show den Menschen inmitten des Krieges gab – „Scream For Me Sarajevo“ gelingt es, all das einzufangen. Deshalb ist es ein großartiger Film, den man gesehen haben muss, auch – oder gerade weil – er einen mit einem flauen Gefühl im Bauch zurücklässt.

Bewertung: 10 / 10

Geschrieben am

1 Kommentar zu “Bruce Dickinson – Scream For Me Sarajevo”

  1. Mo

    Starke Rezension des Films. Habe ihn im April im Kino in Hamburg gesehen….Sehr beeindruckende und bedrückende Bilder aus einem Krieg, der quasi vor unserer Haustür in Europa stattgefundem hat. Sehr sehenswert…

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