Das Cover von "Despicable" von Carcass

Review Carcass – Despicable (EP)

Mit ihrem 2013 erschienenen Comeback-Werk „Surgical Steel“ legten CARCASS wahrscheinlich das beste Death-Metal-Album der letzten zehn Jahre vor. Jene Platte katapultierte die Band aus der Quasi-Vergessenheit zurück an die Spitze des Genres und ihre Fans waren entsprechend gespannt, wie es mit den Briten weitergehen würde. Nur ein Jahr später folgte mit „Suplus Steel“ eine EP, deren Material jedoch noch aus den gleichen Songwriting-Sessions stammte und danach kehrte erneut zügig schreiende Stille im Hause CARCASS ein. Die endet nun, wenngleich die Herren dem Wunsch nach einem neuen Album noch immer nicht nachkommen. Zwar ist inzwischen bekannt, dass die kommende Platte den Titel „Torn Arteries“ tragen wird, allerdings müssen sich Fans zunächst mit der EP „Despicable“ die Wartezeit verkürzen.

Man sagt den Briten einen ganz besonderen Humor nach und im Falle von CARCASS scheint sich das zu bewahrheiten: Die Death-Metal-Pioniere führen auf „Despicable“ sämtliche Regeln ihres Genres ad absurdum und agieren dabei mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass es niemandem auffällt geschweige denn irgendjemanden stört. Ähnlich wie schon auf ihrer phänomenalen Comeback-Platte „Surgical Steel“ kommt das Material dieser EP zwar mit der für die Sparte üblichen Wucht und Heavyness aus den Boxen, folgt in Sachen Arrangements und Eingängigkeit jedoch weithin den gleichen Prinzipien, die auch für den stadiontauglichen Hard Rock gelten. Es ist, als hätten Frontmann Jeff Walker und seine Kollegen hier einen Streich auf Kosten eines gesamten Genres gespielt, ohne dabei wirklich etwas Albernes zu tun.

Natürlich, formal betrachtet ist „Despicable“ eine Melodic-Death-Metal-EP aus dem Bilderbuch. Heavy Riffs? Check. Blastbeat? Check, zumindest stellenweise. Genre-typische Growls und Texte über die volle Bandbreite des Metzgerhandwerks? Check. Trotzdem: Schon „The Living Dead At Manchester Morgue“ eröffnet die Platte mit ungewohnt anschmiegsamen Twingitarren und braucht stolze zwei Minuten, ehe mal so etwas ähnliches wie ein Blastbeat zu hören ist. Das kurios betitelte „The Long And Winding Bier Road“ dreht diese Schraube sodann noch ein Stück weiter und kommt trotz seines tonnenschweren Grooves geradezu unverschämt eingängig, wobei der Refrain geradezu hymnisch anmutet. Und das abschließende „Slaughtered In Soho“ garniert seine ohnehin schon erhebenden Arrangements mit Hair-Metal-tauglicher Cowbell – als hörte man Mötley Crüe zu einem Splatterfilm.

Das Schönste an alledem ist jedoch, dass dieses Spannungsverhältnis zu keiner Zeit stört, sondern die Musik von CARCASS eben so einzigartig und gelungen macht, wie man es von der Band gewohnt ist. Der einzige „echte“ Death-Metal-Song auf „Despicable“ ist somit „Under The Scalpel Blade“, in dem die Briten vom ersten Ton an standesgemäßes Gebolze bieten. Doch auch hier wird die Aggression – so wie in den übrigen Nummern auch – stets vom gelegentlich fast schon bluesigen Leadgitarrenspiel von Gitarrist Bill Steer auf angenehmste Art und Weise konterkariert.

CARCASS sind vermutlich die rockigste Death-Metal-Band (oder die todesbleiernste Hard-Rock-Band?) dieses Planeten. So oder so sind hier in jeder Hinsicht außergewöhnliche Musiker mit einem ebenso außergewöhnlichen Talent für effektives und individuelles Songwriting am Werk, das sie auch für diese EP wieder voll und ganz ausschöpfen konnten. Zwar knüpft „Despicable“ genau dort an, wo „Surgical Steel“ bzw. „Surplus Steel“ aufgehört haben, da mit diesen Veröffentlichungen aber eigentlich ohnehin schon alles gesagt war, reicht es vollkommen aus, wenn CARCASS das hohe Niveau besagter Platten halten. Das gelingt den Engländern auf dieser EP scheinbar mühelos, weshalb „Despicable“ ein weiteres Beispiel für den wegweisenden Sound dieser Band ist, das sofort Lust auf mehr macht.

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