CD-Review: Carcass - Torn Arteries

September 2021

Besetzung

Jeff Walker - Gesang, Bass
Tom Draper - Gitarre
Bill Steer - Gitarre
Daniel Wilding - Schlagzeug

Tracklist

01. Torn Arteries
02. Dance Of Ixtab (Psychopomp & Circumstance March No. 1 In B)
03. Eleanor Rigor Mortis
04. Under The Scalpel Blade
05. The Devil Rides Out
06. Flesh Ripping Sonic Torment Limited
07. Kelly's Meat Emporium
08. In God We Trust
09. Wake Up And Smell The Carcass / Caveat Emptor
10. The Scythe's Remorseless Swing


Das Cover von "Torn Arteries" von Carcass

Wer sich mit dem Gesamtwerk der Grindcore-Mitbegründer CARCASS auseinandersetzt, stellt schnell fest, dass diese Briten einen ganz besonderen Humor haben. Das Artwork ihres neuesten Albums liefert ein hervorragendes Beispiel. Bei einem Titel wie „Torn Arteries“ öffnen die meisten Death-Metal-Fans gedanklich sofort die naheliegendsten Schubladen. Ein Albumname wie dieser weckt Assoziationen mit der Darstellung abscheulichster Gräueltaten, wie man es von den Plattencovers von Bands wie Cannibal Corpse oder Aborted gewohnt ist – sicherlich aber nicht mit dem, womit CARCASS ihre neueste Veröffentlichung schmücken: Dieses klinisch reine Gemüseherz vor weißem Hintergrund lässt vielleicht an die Kunst von Giuseppe Arcimboldo denken, aber sicher nicht an ein bretthartes Death-Metal-Album (wobei ein offenes Herz an sich hier nichts Ungewöhnliches wäre). Gerade deshalb hätte es als Titelbild von „Torn Arteries“ aber nicht besser gewählt werden können.

Ähnlich wie bei der Wahl des Artworks haben CARCASS nämlich auch sonst für vermeintliche Regeln und Erwartungen anscheinend nur schallendes Gelächter übrig und machen auf „Torn Arteries“ ausschließlich, was sie wollen. Bereits Songtitel wie „Dance Of Ixtab (Psychopomp & Circumstance March No. 1 In B)“ oder „Eleanor Rigor Mortis“ legen ein typisch britisches Augenzwinkern nahe. Die Herren haben keinerlei Hemmungen, ihr Gebolze um Elemente zu erweitern, die man aus dem traditionellen Hard Rock und Heavy Metal kennt. Zusammen mit dem anarchischen Titelbild kann man diese Herangehensweise nur als Parodie, als Monty-Python’sches Spiel mit dem Erwarteten (oder seinem Gegenteil) verstehen – und das im denkbar positivsten Sinne.

Denn CARCASS sind keine billige Klamauk-Truppe wie J.B.O., die musikalische Persiflage auf dem Niveau der Vorabend-Comedy von RTL betreibt. CARCASS sind eine Death-Metal-Band, die das Genre seit seinen Anfängen mitgestaltet. Und Nummern wie das erwähnte „Eleanor Rigor Mortis“, „Under The Scalpel Blade“ oder „Kelly’s Meat Emporium“ machen mit tonnenschweren Riffs und Blastbeats deutlich, dass sie es nach wie vor aus dem Effeff beherrschen. Noch aufregender wird es auf „Torn Arteries“ allerdings, wenn die Engländer wie in „Dance Of Ixtab“ rockig-groovende Riffs einfließen lassen, die auch auf einem Pantera-Album funktionieren würden. Oder wenn sie mit „In God We Trust“ und „The Scythe’s Remorseless Swing“ die Riffs und Strukturen des klassischen Heavy Metal mit todesbleiernem Anstrich versehen. In diesen Momenten sorgt „Torn Arteries“ für ein einzigartiges Spannungsverhältnis aus dem, was man erwarten möchte und dem, was dank des scheuklappenbefreiten Songwritings von CARCASS möglich ist.

Diese Momente gibt es auf „Torn Arteries“ zum Glück oft: Nicht nur, weil das rockige Leadgitarrenspiel von Gitarrist Bill Steer die brutalen Riffwände und Blast-Attacken dieser Platte ohnehin immer wieder konterkariert, sondern auch, weil sich CARCASS eben nicht scheuen, über den Tellerand des Death Metal hinauszublicken. Und weil die Engländer eben exzeptionell talentierte Songwriter sind, funktioniert es dann sogar, dass eine Nummer wie „Wake Up And Smell The Carcass / Caveat Emptor“ eigentlich Hair Metal im Death-Gewand ist oder der ruhige Mittelteil von „Flesh Ripping Sonic Torment Limited“ auch auf das aktuelle Album von Twisted-Sister-Frontmann Dee Snider passen würde.

Mit „Torn Arteries“ ist CARCASS erneut nicht weniger als ein Geniestreich gelungen. Die Truppe liefert hier ein Death-Metal-Album ab, das jedem Death-Metal-Fan gefallen wird. Sie liefert aber auch ein Death-Metal-Abum ab, das vielen Metalfans gefallen wird, die mit dem Genre an sich nicht viel am Hut haben. Mit ihrem einzigartigen Stilmix, der dafür sorgt, dass ihre Musik mit so vielem und gleichzeitig mit nichts vergleichbar ist, stehen CARCASS auch 2021 noch absolut außer Konkurrenz – das macht „Torn Arteries“ in jedem Ton deutlich. Cannibal Corpse mögen für viele die wichtigste Death-Metal-Band sein, aber CARCASS sind die beste. Vielleicht sind sie aber auch gar keine Death-Metal-Band. Oder eben doch. In jedem Fall führt kein Weg an „Torn Arteries“ vorbei.

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Bewertung: 9.5 / 10

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