CD-Review: Der Weg einer Freiheit - Finisterre

August 2017

Besetzung

Nikita Kamprad - Gesang, Gitarre
Sascha Rissling - Gitarre
Nico Ziska - Bass
Tobias Schuler - Schlagzeug

Tracklist

01. Aufbruch
02. Ein letzter Tanz
03. Skepsis Part I
04. Skepsis Part II
05. Finisterre


So langsam aber sicher scheinen DER WEG EINER FREIHEIT Akzeptanz im Black Metal gefunden zu haben. Nach wie vor stoßen sie zwar beim konservativeren und traditionelleren Teil der Hörerschaft auf wenig Gegenliebe. Spätestens durch einen Vertrag beim gefragten Label Season Of Mist für ihr Meisterwerk „Stellar“ konnte sich die Band um Gründer, Gitarrist und (inzwischen) Sänger Nikita Kamprad jedoch eine internationale Fanbase aus aufgeschlosseneren Hörern erkämpfen. Nun erscheint nach drei durchgehend großartigen Alben und einer nicht weniger beeindruckenden EP ihr viertes Werk „Finisterre“, auf dem sich die Formation von Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ inspirieren ließ.

Der Opener „Aufbruch“ beginnt allerdings mit einem Zitat aus Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ und sanften Clean-Gitarren, ehe die Musiker wie gewohnt im Hochgeschwindigkeitsmodus loslegen. Die noch immer Blastbeat-getriebene Musik wirkt auf „Finisterre“ deutlich düsterer und von klassischerem Black Metal inspiriert, als es noch die eher stark melodisch gehaltenen Vorgänger taten.

Das zeigt sich nicht zuletzt auch durch den deutlich roheren Albumsound. Gerade beim Schlagzeug verzichteten DER WEG EINER FREIHEIT dieses Mal nach eigenen Angaben auf das übliche Produktionsprozedere der Sampleunterstützung, um einen möglichst organischen Sound zu erreichen. Das lässt „Finisterre“ tatsächlich merklich anders klingen als noch den sphärischer produzierten Vorgänger „Stellar“, verträgt sich aber außerordentlich gut mit den aggressiveren Songs.

Da die Truppe dieses Mal mit „Ein letzter Tanz“ und dem ungewöhnlich rockigen Titeltrack gleich zwei Stücke über der zehn-Minuten-Marke komponiert hat, wurde die Songanzahl gegenüber den Vorgängern noch mal von sechs auf fünf Lieder reduziert. Doch wo andere Künstler an derart hohen Songlängen kläglich scheitern, da strukturieren die Würzburger die Musik gekonnt, sodass keine Sekunde überflüssig und keines der fünf Lieder zu lang wirkt.

Stilistisch zeigen sich DER WEG EINER FREIHEIT, entgegen der Behauptungen ihrer Kritiker, weiterhin zunehmend experimenteller. „Aufbruch“ arbeitet noch weiter mit dem auf „Stellar“ kurz ausprobierten Clean-Gesang. „Finisterre“, der abschließende Titeltrack hingegen liebäugelt immer wieder mit fast schon punkigen und jazzigen Stilelementen, bevor ein ergreifendes Streicheroutro das Album passend beendet.

Zweifellos das Highlight bildet aber „Skepsis Part II“, das zwischen wilder Raserei und einer irrsinnig guten Melodie hin- und herwechselt. Das eingängige Stück gehört mit zum Besten, das die Band bisher für ihr ohnehin durchgehend hochwertiges Repertoire produziert hat. Warum allerdings gerade „Skepsis Part I“, das im Vergleich zum zweiten Teil musikalisch viel weniger zu bieten hat, als Instrumentalstück auserwählt wurde, statt die Rollen zu vertauschen, erschließt sich auch nach mehreren Durchläufen nicht.

Mit „Finisterre“ ist den zu Recht gehypten deutschen Musikern von DER WEG EINER FREIHEIT nun bereits zum vierten Mal ein phänomenal gutes Album geglückt, wenngleich das Opus Magnum „Stellar“ nicht ganz erreicht wurde. So langsam beschleicht einen das Gefühl, dass die Jungs überhaupt nicht in der Lage sind, schlechte Musik zu schreiben. Bei diesem Dauerhoch kann man das nächste Album jedenfalls kaum erwarten. Bis dahin wird ihr bisher komplexestes, neues Werk „Finisterre“ Fans definitiv sehr viel Freude bereiten.

Bewertung: 9 / 10

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8 Kommentare zu “Der Weg einer Freiheit – Finisterre”

  1. Sarah Punke

    Obwohl ich mit der Band noch immer nicht viel anfangen kann, fühle ich mich dennoch nicht dem „konservativeren und traditionelleren Teil der Hörerschaft“ zugehörig! :D

    Welches Album empfehlst du, wenn man sich mit der Band anfreunden möchte bzw (in meinem Fall) es nochmal versuchen möchte?

  2. Simon Bodesheim Post Author

    Das war natürlich auch andersherum gemeint: Es gibt sehr wenige konservativere Black-Metal-Hörer, die die Band mögen. Umgekehrt heißt das natürlich nicht, dass jeder, der die Band nicht mag, automatisch zu den traditionelleren Black-Metal-Fans zählt. ;)

    Wenn dir die Band bisher nicht so gefallen hat, dann am besten „Stellar“ oder „Finisterre“. Das s/t Debüt hat leider noch eine mäßig gute Produktion, „Unstille“ ist dagegen fast ein wenig zu glatt produziert. Das Songwriting finde ich auf allen vier Platten hervorragend. Da kommt’s einfach darauf an, was dir am ehesten liegt. Das Debüt und „Unstille“ sind relativ harmonisch, melodisch und wenig düster/black. „Stellar“ ist beides und dazu recht sphärisch. „Finisterre“ ist relativ düster und aggressiv, dafür merklich weniger harmonisch und melodisch.

  3. Zur Abwechslung mal kein Mitredakteur

    Also ich seh‘ mich ja auch nicht so als Teil der konservativen Black Metal-Hörerschaft, rotieren doch gerne mal Bands wie Deafheaven, Wolves, Panopticon, Unru und ja, auch Der Weg einer Freiheit.

    WAS mir allerdings schon seit Bandgründung ziemlich auf den Sack ging ist die offensichtliche konstant notwendige Erwähnung in jedem Interview und jedem Review, wie unglaublich unbeliebt doch DWEF doch bei den oh Gott SO „konservativen“ trve-Schwarzmetallern sind. Kein Review ohne einen Seitenhieb bis hin zu seinem ganzen Absatz darüber (auf dieser Website tatsächlich keines, ich hab’s mal dank eures tollem „andere Reviews“-Kastens abgecheckt), anstatt das Thema nach über sieben Jahren nach dem Debüt einfach mal auf sich beruhen zu lassen und mal eher so über die Musik und nicht über das Image zu schreiben.

    Und ja, (a) das riecht auch langsam ein bisschen danach, das DWEF auf dieser Basis der Opposition ein bisschen ihren Fame aufgebaut haben; geschadet hat es ihnen sicher nix, im Gegenteil. Endgegen anders lautender Gerüchte ist nämlich weder ihr biederes Auftreten im Black Metal besonders originell (das haben sogar schon bei Trvebelievern beliebte Projekte wie ColdWord), noch deren Musik, oder zumindest so originell, wie das alle immer darstellen wollen, die Zujubler jungen Rebellen aus Bayern. Vielleicht hat das ja eher was mit (b) der Unbeliebtheit der Band in gewissen Kreisen zu tun; nicht deren auftreten, sondern das konstante Abreiten der Welle desselben.

  4. Simon Bodesheim Post Author

    Solange ich so gut wie jedes Mal in Gesprächen mit anderen Leuten beim Thema DER WEG EINER FREIHEIT Sätze wie „die sind Scheiße, der Hipster-Kram ist doch kein richtiger Black-Metal“ oder „Was soll denn dieses peinliche Auftreten, die sehen alle aus wie Milchbubis“ zu hören bekomme, ist das ein relevantes Thema, ob es dir nun auf den Sack geht oder nicht. Mir geht es nämlich genauso auf den Sack, wie diese Leute sich nicht mal eine Sekunde ernsthaft mit der Band beschäftigen, sondern sie einfach aus Prinzip Scheiße finden, weil man sie als echter Black-Metaller Scheiße finden muss.

    Schön, dass du übrigens ausführlich diskutierst, dass das biedere Auftreten nicht originell ist. Das ist nämlich genau der Punkt. Die Band wurde ähnlich wie Nickelback in der Mainstream-Sektion aus unerfindlichen Gründen damals willkürlich zum Feindbild erklärt, obwohl es, wie du sagst, zuvor schon etliche andere Bands gab, die diesen Stil spielen und so präsentieren, dabei aber nicht so einen Hass auf sich zogen. Und man merkt eben bis heute, wie schwer DER WEG EINER FREIHEIT sich davon lösen können.
    Insofern, da sich mit „Finisterre“ da wirklich sprunghaft was getan hat, eben auch durch die hinzugekommene internationale Hörerschaft, ist das unbedingt erwähnenswert. Das magst du anders sehen, es gehört aber schlicht und ergreifend bei eine Diskussion der Bandentwicklung seit dem letzten Album dazu. Wenn sich das so positiv weiterentwickelt bzw konstant bleibt – wovon ich stark ausgehe – dann ist der Punkt (endlich) ab der nächsten Platte auch nicht mehr erwähnenswert.

  5. Zur Abwechslung mal kein Mitredakteur

    Das würde mir ja ganz ehrlich genauso gehen, wenn dem so wäre. Aber ich habe das Gefühl, dass das so ein bisschen ist wie diese leidige Diskussion über die angebliche Obsession von Vegetariern, Menschen, die Fleisch essen, ihre Nahrung madig zu machen (ohne dich mich diesem unsäglichen Typ Mensch vergleichen zu wollen, versteht sich): ich habe das Gefühl, dass die ganze Diskussion weitgehend von einer Seite enabled wird, die sich damit gerne in eine Opferposition bringen wollen, die sicherlich existent wäre, wäre die Welt so wie dargestellt, aber bei dem Drang, ihre eigene Position durch die Intoleranz anderer zu stärken deutlich aufdringlicher wirken als des eine als größer denn tatsächlich Existent wahrgenommene Gegenseite sein könnte. Oder kurz: schon seit Bandgründung höre ich erheblich mehr Leute, die sich über die Black Metal-Fans aufregen als umgekehrt.

    Wenn man außerdem sagt, dass schon andere Bands sich derart präsentierten muss man auch erwähnen, dass andere Bands einen augrund internationaler Bekannntheit noch viel fürchterlicheren Kreuzzug abbegkommen haben: die tatsächlich armen Schweine von Liturgy oder die internationale Variaton des im ersten Absatz beschriebenen Phänomens, Deafheaven, seien hier mal genannt. Ich frage mich diesbezüglich, wie leid DWEF es inzwischen sein müssen, bei jedem zweiten Interview zu diesem Krams befragt zu werden, da das eine Diskussion, die sie ja offenbar selbst hinter sich lassen wollen (auch wenn es ihnen am Anfang sicher Aufmerksamkeit brachte, das will ich trotzdem nicht unerwähnt lassen) erstmal richtig in Gang getreten hat und die dadurch immer und immer wieder perpetuiert wird. Das wäre doch mal eine interessantere Interviewfrage, finde ich.

    Und zuletzt: in wie weit hilft denn eine internationale Hörerschaft bei dem Problem, ausgerechnet von einer Szene, die den Underground als Altar der Authetizität verehrt, weniger angehasst zu werden? Wenn, dann sollte eine internationale Hörerschaft die Probleme doch eher verschlimmern; ich meine, Deafheaven zum Beispiel haben das ja noch auf einem ganz anderen Level abbgekommen. Und was hat sich ansonsten „sprunghaft getan“, diesbezüglich? Das wird für mich nicht ganz ersichtlich.

    Ansonsten gutes Review übrigens mal wieder, wie üblich bei dem Zine hier, finde das bei aller Kritik mal fair zu erwähnen.

  6. Simon Bodesheim Post Author

    Das habe ich schlicht anders wahrgenommen, aber das Problem ist halt, dass ich dazu weder Zahlen noch Fakten oder sonst was nennen kann, sondern es eben auf meiner Erfahrung basierend schreiben muss. Es stimmt zwar, dass die Band von Anfang an auch ihre Fans hatte (mich ja eingeschlossen), dennoch: Vergleicht man mal, welche Kommentare zu Der Weg einer Freiheit sich z.B. in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Last.fm – wo gerade bei letzterem in den Shoutboxes ja auch immer viel über die Bands diskutiert wird – jetzt und vor 5-6 Jahren finden lassen, dann ist da definitiv ein gewaltiger Unterschied feststellbar.
    Und mein Eindruck ist auch, dass sich das eben durch das Ausweiten auf internationale Bereiche verbessert hat, wobei ich dafür auch weder Beweis noch Erklärung habe. Vielleicht befassen sich Fans aus anderen Ländern nur mit der Band, wenn sie geschmackliche Schnittpunkte haben, während für Deutsche ja allein die Nationalität schon ein Schnittpunkt ist.
    Wo jedenfalls dort früher noch „Schwuchtel-Metal“ und derartige Kommentare die Kommentarspalten dominiert haben (und das war wirklich so, du musstest zwischen 10 Kommentaren nach einem halbwegs konstruktiven oder positiven suchen), wird sich jetzt Jahre später endlich ernsthaft über die Musik ausgetauscht und sie findet auch mehr und mehr Begeisterung.

    Und wenn man sich auf Konzerten oder generell in der Szene mit Leuten unterhält, ist die Beliebtheit der Band auch merklich gewachsen. Damals konnte ich kaum jemanden für die Band begeistern, weil viele sie eben wegen der fehlenden Black-Metal-Attitüde ablehnen (einige tun das auch heute noch). Ich konnte mir anhand ihrer „Argumente“ ein gutes Bild davon machen, wie wenig diese Meinungen auf der tatsächlichen Musik basieren, sondern auf Vorurteilen und dem Wiederkäuen von der damals eher populären Meinung, die Band bestehe aus komischen Hipstern, die im BM nichts zu suchen hätten.

    Den Vegetariervergleich finde ich persönlich deswegen nicht passend, weil ich es da eben wie du wahrnehme, dass das eher ein Gerücht bzw. Klischee ist. Ich kenne jedenfalls viele Vegetarier und Veganer und der Großteil davon missioniert nicht.

    Dass das anderen Bands nicht so ging bestreite ich gar nicht. Gerade Deafheaven und Liturgy sind da zwei treffende Beispiele, die du genannt hast.

    Ich werde noch ein Interview mit der Band führen und kann diese Frage gerne aufnehmen. :)

    Vielen Dank für das Lob, das hören wir/ich gerne. Und wie du mit deinem Benutzernamen bereits kommentierst: Wir freuen uns auch immer über konstruktive Kritik an den Texten, so wie deine hier zum Beispiel. Das passiert leider nach wie vor auf unserer Seite zu wenig und ist aber wirklich wichtig.

  7. W.W.

    Ich möchte noch etwas hinzufügen, was nicht zwangsläufig als direkte Replik einer der vorangegangenen Kommentare zu verstehen ist. Dass die Sprache und Art und Weise, in der die „Kritik“ an DWEF geäußert wurde und wird, häufig ein eklatanter Fehlgriff ist: keine Frage. Dennoch finde ich es ebenso schwierig, ästhetische Kritik am Auftreten von DWEF als engstirniges Trveheimer-tum abzuschmettern. Obwohl ich die Band musikalisch seit dem ersten Album (gerne) verfolge, hatte ich erst im vergangenen Jahr die Möglichkeit, sie live zu sehen. Ich muss leider gestehen: ich fand den Auftritt sehr, sehr langweilig. Ich stelle an den Auftritt einer Band (und so geht es vielleicht auch vielen jener, die sie als „Milchbubis“ bezeichnen) gewisse ästhetische Ansprüche und die gehen über das tragen dunkler Straßenkleidung und einer souveränen Performance weit hinaus.
    Insofern kann ich die Kritiken von Menschen zum Teil schon nachvollziehen, die von der Band zuvor noch nichts gehört haben und sie aufgrund ihres Auftretens bemängeln. Abstrakt gesehen, ist es auch nichts weiter als eine subjektive Meinung, die eben auf sehr undiplomatische Art geäußert wird.
    Um vielleicht auch eine Lanze für Trve Black Metaller zu brechen (wenn ich kurz ins Schwarz-Weiß-Schema abdriften darf): ihnen wird ebenso oft Unverständnis entgegengebracht, wenn sie Demobänder norwegischer Black Metal-Bands der 90er Jahre hören. „Klingt als hätten die’s inner Mülltonne produziert“, „Panda Metal“, „Na du bis ja ’n ganz Trver“ sind nur einige Labels, die da gerne fallen.
    Diese Art der Diskrimierung, die von manchen Personen aus allen Lagern in andere Lager geworfen wird, ist vielleicht aber auch genau die Art der heutigen ideellen Abgrenzung, die man selbst benötigt, um dem individuellen Geschmack, der „Exklusivität“ des eigenen Geschmacks vielleicht auch, die Note des extravaganten zu verleihen. Gerade heute habe ich darüber einen amüsanten aber auch interessanten Artikel auf Telepolis gelesen, der dieses Thema aufgreift: Rieveler, Hans-Dieter: „Sind wir nicht alle ein bisschen queer?“

  8. Simon Bodesheim Post Author

    „Dennoch finde ich es ebenso schwierig, ästhetische Kritik am Auftreten von DWEF als engstirniges Trveheimer-tum abzuschmettern.“

    Da stimme ich zu und das mache ich auch nicht. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen ästhetischer Kritik und engstirnigem Trveheimer-tum. Leider ist es aber eben meistens letzteres. Ich denke kaum jemand hätte ein Problem damit, wenn jemand sagt „ich finde das Bühnenoutfit der Band nicht sonderlich gelungen. Die gewöhnliche Kleidung passt nicht gut zur Musik, die sie spielen/ist mir zu langweilig“ oder sowas. Aber es wird fast immer argumentiert, dass die Band scheiße sei, weil sie nicht den festgelegten Vorstellungen eines „echten Black Metallers“ entsprechen. Und das ist engstirnig, fortschrittsfeindlich und nervt.

    Dass es das Ganze auch umgekehrt gibt: keine Frage.

    Ich werde mir den Artikel mal anschauen, danke für den Tipp! :)

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