CD-Review: Der Weg einer Freiheit - Live in Berlin

Besetzung

Nikita Kamprad - Gesang, Gitarre
Nico Rausch - Gitarre
Nico Ziska - Bass
Tobias Schuler - Schlagzeug

Tracklist

01. Einkehr
02. Der stille Fluss
03. Repulsion
04. Skepsis Part I
05. Skepsis Part II
06. Ewigkeit
07. Zeichen
08. Aufbruch
09. Lichtmensch
10. Ruhe


Für Bands und Labels können Live-Alben ein guter Weg sein, die Zeit zwischen zwei Studioalben durch eine Veröffentlichung zu überbrücken. Zwar sind sie etwas aufwändiger als die beliebtere Compilation, aber für die Käufer bieten sie immerhin eine einzigartige Form der Songs einer Band. Und dennoch: Ein wirklich gutes Live-Album zu erschaffen ist eine nicht zu verachtende Kunst. Klingt das Gespielte in der Live-Abmischung zu lasch und dünn, greift der Fan im Zweifel doch lieber zur Studioversion.

In den letzten Jahren versuchten Bands und Labels daher mit Tricksereien wie nachträglich im Studio aufgenommenen Spuren diesem Problem entgegenzuwirken. Nur: Man hört es leider sehr oft auch als Laie heraus und wenn man es nicht geschickt anstellt, klingt das Endprodukt offensichtlich nach Studiosound statt nach Live-Atmosphäre. Wie man zwischen diesen Herausforderungen den perfekten Weg bei der Umsetzung eines Live-Albums findet, zeigen DER WEG EINER FREIHEIT eindrucksvoll mit ihrer ersten Live-Platte „Live in Berlin“.

Denn das Album macht so ziemlich alles richtig, was es richtig zu machen gibt. Die Produktion ist der absolute Wahnsinn: Alles klingt fett und gleichzeitig genau nach jenem rohen, ungeschliffenen Live-Sound, den man von einem Live-Album erwartet. Man hört hier und da die kleinen Ungenauigkeiten beim Herumrutschen zwischen den Akkorden, die gerade noch präzise genug sind, dass sie nicht wie Spielfehler wirken, aber gleichzeitig auch zeigen, dass hier keine auf Perfektion ausgelegte Studioaufnahme vorliegt. Man hört die Reaktionen des Publikums und man kann fast die Energie spüren, die sich zwischen der Band und dem Zuschauerraum des Berliner Lidos ausgebildet haben muss an jenem Abend.

Dass die Platte so dermaßen fantastisch klingt, ist neben Band-Mastermind Nikita Kamprads Mixing und Philipp Welsings Mastering vor allem Tobias Schulers hyperpräzisem Schlagzeugspiel zu verdanken. Was Schuler hier zusammentrommelt, ließe sich nämlich tatsächlich problemlos für ein Studioalbum verwenden. Zu jedem Sekundenbruchteil genau auf den Punkt und stets mit musikalisch sinnvoller Akzentuierung bildet sein Hochgeschwindigkeitsspiel das Fundament, auf dem der brachiale Sound von „Live in Berlin“ aufbaut.

Damit schaffen DER WEG EINER FREIHEIT auf „Live in Berlin“ schließlich das, woran die allermeisten anderen Bands bei ihren Live-Alben scheitern: Sie verleihen den Songs eine individuelle Note und schaffen es sogar, manche gegenüber der originalen Studioversion zu verbessern. Besonders die Tracks der ersten beiden Alben profitieren sehr vom neuen Sound und der angepassten Performance. „Ruhe“ und „Ewigkeit“ etwa vom leider recht dünn produzierten, selbstbetitelten Debüt feuern hier mit einer ungeheuren Wucht aus den Boxen. Auch „Lichtmensch“ und „Zeichen“ gewinnen durch den natürlicheren Sound deutlich an Wirkung hinzu, verglichen mit der zwar fetten, aber zu maschinellen, sterilen und glatten Produktion des „Unstille“-Albums.

Doch auch die Tracks vom fantastisch produzierten „Stellar“ können hier durch so manche Entscheidung der Band punkten. Traute sich Kamprad etwa auf dem Studioalbum noch nicht, seine erstmals eingesetzten Clean-Vocals in „Repulsion“ aus dem Hintergrund zu holen, sind diese hier sinnvoller im Song eingebettet. Am geringfügigsten unterscheiden sich wohl die Tracks der aktuellen Platte „Finisterre“ von den jeweiligen Versionen auf „Live in Berlin“, da beide Alben auf einen rohen, organischen Bandsound setzen. Dass die Formation es dennoch schafft, bei „Skepsis Part II“ noch mal eine Spur brachialer vorzugehen, ist umso erstaunlicher.

DER WEG EINER FREIHEIT haben mit „Live in Berlin“ ein Musterbeispiel eines nahezu perfekten Live-Albums vorgelegt. Die Performance fühlt sich zu jeder Sekunde authentisch an, viele der Songs gewinnen durch den Live-Sound sogar an emotionaler Wirkung hinzu. Dass dies ausgerechnet einer Band gelingt, deren Musik durch den exzessiven Einsatz von Blastbeat-Geballere und Akkordgeschrammel nicht gerade prädestiniert dafür ist, in einem Live-Setting gut zu funktionieren, macht die Sache umso bemerkenswerter. Überraschend großartig – auch (beziehungsweise: besonders) für Fans, die schon alle Alben besitzen, ein absoluter Pflichtkauf!

Bewertung: 9.5 / 10

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