Interview mit Nikita Kamprad von Der Weg einer Freiheit

Eigentlich wollten wir uns vor dem geplanten Konzert in München vor Ort mit Nikita Kamprad von DER WEG EINER FREIHEIT auf ein Gespräch treffen. Die Corona-Situation hat allerdings zur Absage einiger Shows der Tour zum neuen Album „Noktvrn“ geführt. In einem alternativ vereinbarten Skype-Termin konnten wir zum Glück dennoch ein spannendes Gespräch über die Einwirkungen der Pandemie auf Bands, die Entstehung des neuen Albums, den aktuellen Vinylnotstand sowie Soundexperimente führen.

Schön, dass es auf digitalem Weg klappt, Nikita! Wie geht es dir zur Zeit, auch nachdem eure Tour ja nun mehr oder weniger abgebrochen werden musste?
Generell ist meine Gefühlslage natürlich sehr sehr positiv. Das Album kommt sehr gut an und die Reaktionen sind wirklich durchweg positiv. Das freut einen dann natürlich immer sehr, weil du halt ewig lang auf etwas hinarbeitest, und die ersten Reaktionen zu sehen ist dann schon etwas Besonderes.
Die Tour lief auch sehr gut, aber da muss ich ehrlich sagen, wir sind mit gemischten Gefühlen reingegangen, aber trotzdem mit sehr positiven Gefühlen wieder raus, obwohl es teilweise sehr kompliziert war und auch mental fordernd, weil das Corona-Thema natürlich omnipräsent ist, immer im Hinterkopf. Du weißt nie was passiert, ob du vielleicht am nächsten Tag positiv getestet bist. Wir haben uns jeden Tag testen lassen, das war uns ganz wichtig, und die Veranstalter haben natürlich auch alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die nötig und auch sinnvoll sind, um die Konzerte überhaupt durchführen zu können. Und am Ende ist einfach nur das Positive übriggeblieben. Aber der ganze Stress, die ganzen Szenarien, die man sich ausmalt, was passieren kann, wenn doch… das war richtig anstrengend, muss ich sagen.

Das glaube ich dir sofort. Wie war das denn, sobald ihr auf der Bühne wart? Habt ihr euch dann mehr oder weniger sicher- und vor allem wieder wohlgefühlt?
Wenn du auf der Bühne stehst, führt eh kein Weg zurück. Du kannst ja nicht sagen „Ich höre jetzt auf zu spielen, weil ich mich scheiße fühle“, oder sowas. Zumindest bei mir ist es so, sobald ich auf der Bühne stehe, ist das das Einzige, was gerade zählt. Ich habe auch keine Sekunde an das Virus oder daran gedacht, dass jemand da sein könnte, der alle ansteckt. Das zählt in dem Moment nicht. Wenn es so wäre, wäre es leider so. Es war aber zum Glück nicht so, es lief wunderbar, was das Thema anbelangt – wir sind alle gesund rausgekommen und haben auch nicht mitbekommen, dass sich Menschen angesteckt haben, die auf den Konzerten waren. Das ist sehr gut.
Wir standen auf der Bühne, haben alles andere ausgeblendet und das war im Vergleich zu anderen Shows, die wir davor gespielt haben, ein anderes Level. Wir haben gemerkt, dass die Leute wirklich hungrig waren. Das sieht man in den Augen, in den Reaktionen. Ich fand es auch sehr überraschend, dass so viele alle Schwierigkeiten auf sich genommen haben, das war sehr schön.

Sitzkonzerte habt ihr während der Pandemie gar nicht gespielt, richtig?
Ne, das haben wir nicht. Wir haben vorletzten Sommer einen Livestream aufgenommen, das war das einzige Specialkonzert ohne Publikum in einer leeren Lagerhalle, das war auch ganz nett. Aber so ein richtiges Sitz- oder Abstandskonzert haben wir gar nicht gespielt.

Als das Konzert in München angekündigt wurde, war es ja noch als Sitzkonzert geplant. Wäre es für euch eine Option gewesen, die leider abgesagten Konzerte alternativ in einer bestuhlten Halle zu spielen?
Wir vertreten die Meinung, solange Konzerte möglich sind, sollte man das wahrnehmen. Darum haben wir auch von unserer Seite nichts abgesagt. In Würzburg hatten wir FFP2-Maskenpflicht und 2G+, sicherer geht es ja kaum, quasi. Dann hört man sowas wie „Boah, unter den Umständen spielt ihr trotzdem?“ und sowas. Aber hey, die andere Option ist halt absagen und vielen Menschen die Möglichkeit zu nehmen, auf ein Konzert zu gehen. Und wir hatten den Eindruck, dass viele Menschen das wollten, genauso wie wir, darum haben wir das dann durchgezogen.
Und auch ein Abstandskonzert, wenn die Leute sitzen müssten… Wir hätten das, denke ich, schon auch gemacht, einfach um mal zu erfahren, wie das so ist. Wir können es uns ja nur vorstellen. Vielleicht ist es ja ne coole Sache. Auf unseren Konzerten ist ja ehrlich gesagt eh nie so krass viel Bewegung, die Leute stehen nur da und genießen das, manche machen sogar die Augen zu, und vielleicht gefällt es sogar dem ein oder anderen, dabei zu sitzen.
Bei vielen Bands, wo viel Bewegung im Spiel ist, ist die Bewegung Teil des Konzerts. Bei Hardcorebands zum Beispiel extrem, aber auch bei anderen Metalbands. Da fehlt der Funke, er springt nicht über, und das Konzert ist nicht das, was es eigentlich sein könnte.

Albumcover des Debüts von Der Weg einer FreiheitDann gehen wir doch zu den angenehmeren Livethemen über. Die letzte große Tour vor euren Shows diesen Herbst war die zum zehnjährigen Jubiläum eures Debüts, oder?
Das war die letzte Europatour, richtig. Wir haben dann im September 2019 mit Downfall Of Gaia noch eine Ostblock-Tour gemacht, Rumänien, Tschechien, Polen, das war sehr cool. Dann hatten wir noch ein Einzeldate im Dezember 2019 in Manchester – und dann war‘s vorbei.

Mit jetzt bereits fünf Alben im Gepäck und einer „regulären“ Tour: Wie schwer war es, aus noch einmal mehr Songs die Setlist zusammenzustellen?
Der Fokus lag bei diesen Shows klar auf dem neuen Album. Wir haben sechs von sieben Songs von „Noktvrn“ gespielt, alle bis auf „Haven“. Man will da einfach die Bandbreite abdecken, damit alle happy sind. Wir haben auch den Eindruck, dass es kein Release gibt, das besonders schlecht aufgenommen wird oder besonders gut, daher versuchen wir, von jedem Album was reinzunehmen. Wenn wir jetzt den Fokus aufs neue Album legen, ist das aber schwierig. Wir haben zum Beispiel diesmal dann doch keinen Song vom ersten Album gespielt, weil es ja die Jubiläumstour gab, da haben wir es komplett gespielt, und alle die Bock darauf hatten, hatten die Chance, da hin zu gehen.

Auch wenn es jetzt schon bald drei Jahre her ist – wie hat es sich denn angefühlt, euer erstes Album nach so langer Zeit komplett am Stück zu spielen?
Ich hab über die Zeit ein bisschen den Bezug zur alten Musik verloren, die ich damals geschrieben habe. Nicht nur die Musik entwickelt sich weiter, sondern auch du als Mensch. Für mich sind das zwei untrennbare Dinge: ich als Charakter und meine Musik. Ich sag‘s ganz ehrlich, so ein Album wie das erste Album würde ich heute nicht mehr schreiben. Aber irgendwie hat es uns schon auch zurückversetzt und das Gefühl war schon auch was Besonderes, muss ich sagen. Darum bin ich froh, dass wir das gemacht haben. Das bedeutet auch gar nicht, dass wir es nicht genossen haben, die alten Songs zu spielen. Aber gerade auf der Tour jetzt habe ich gemerkt, wie viel Spaß es macht, die neuen Songs live zu spielen.

Promofoto der vier Bandmitglieder von Der Weg einer Freiheit

Hattet ihr damals schon neue Songs in der Hinterhand, die dann wegen Corona erstmal länger warten mussten?
Ja, ich glaube, ein zwei Songs müssten da schon weitestgehend fertig gewesen sein, aber natürlich nicht live-fertig. Ich schreib einen Song und wir treffen uns sowieso kaum zum Proben, sondern echt nur für Aufnahmen, Konzerte oder Festivals, daher wäre es auch gar nicht möglich gewesen, damals schon was Neues zu spielen.

Hat die lange Zeit bis zur Veröffentlichung und auch die Tatsache, dass ihr diesmal mehr zusammen an den Songs gearbeitet hab, die Lieder dann noch einmal stark verändert?
Das hat jetzt nicht so mit reingespielt, würde ich sagen. Dass ich die Songs diesmal mit den anderen geschrieben hab, wurde auch ein bisschen falsch verstanden in letzter Zeit, das ist nicht ganz so. Die Songs für das neue Album habe ich weitestgehend selbst geschrieben, und wir haben das Album dann live zusammen aufgenommen. Im Oktober letzten Jahres haben wir eine Woche für eine Pre-Production zusammen im Studio verbracht, wo wir die Liveaufnahme, die wir im Kopf hatten, erstmal getestet haben, ob das überhaupt funktioniert. Da haben wir die Songs wirklich bis ins Detail auseinandergenommen, drüber geredet, Parts vielleicht noch ein bisschen verändert, Fills und Breaks reingenommen. Das waren die letzten fünf bis zehn Prozent, die von den anderen kamen, der Rest war fertig. Aber: Ohne diesen Input wären die Songs nicht das, was sie heute sind, das war sehr wichtig. Und im März 2021 haben wir die Songs dann final aufgenommen in einer Studiosession.

Cover von "Live in Berlin" von Der Weg einer FreiheitSprich, bei den vorangehenden Alben habt ihr die Songs quasi so aufgenommen, wie du das geschrieben hattest?
Ja, das meiste habe ich auch alleine aufgenommen. Ich kann kein Schlagzeug spielen, daher hat das immer Tobias gemacht, ist ja klar. Aber sobald die Drums im Kasten waren, habe ich mich um den Rest allein gekümmert. Und beim Aufnahmeprozess zur „Finisterre“ hab ich dann gemerkt… Also das ist schon ein befriedigender Prozess, aber nach fünf Releases insgesamt… Irgendwann hab ich mir die Frage gestellt, ob wir da nicht mal was anders machen können. Es dauert ewig lang, die ganze Verantwortung ist auf meinen Schultern, und das habe ich gerade bei der „Finisterre“ gemerkt, dass das ein Gefühl ist, das mich in Zukunft entrücken könnte. Ich hatte das Gefühl, wenn ich jetzt nochmal ein Album so mache, dann könnte das langsam wirklich überhand nehmen. Wir haben das Livealbum rausgebracht, das uns gezeigt hat, dass wir als Liveband sehr gut funktionieren, und warum sollte man das nicht auch für ein Studioalbum nutzen. Das war der Hintergrund für die Produktion.

Das hat sich in meinen Augen komplett ausgezahlt, der krachige Livesound passt auch perfekt zu „Noktvrn“.
Ja voll, danke dir! Ich finde Liveproduktionen sind einerseits roher, aber trotzdem homogener und natürlicher. Es gibt halt eine Wurst an Instrumenten, und wenn die Gitarre mal einen leichten Fehler spielt, dann wird das von den anderen Instrumenten direkt aufgefangen – wenn die nicht zufällig auch gerade einen Fehler spielen. Aber es ist viel einfacher, Ungleichmäßigkeiten und Fehler in einer Liveaufnahme zu verstecken. Wenn du jedes Instrument einzeln aufnimmst, dann konzentrierst du dich so krass darauf, dass du so fehlerfrei wie möglich spielst und verrennst dich dann total. Und am Ende ist es dann eine glattgebügelte Platte, was ja auch gut ist, aber am Ende fehlt dann das gewisse Etwas. Das hat man in einer Liveaufnahme einfach mehr.

Cover von "Finisterre" von Der Weg einer FreiheitDu hast „Finisterre“ gerade angesprochen. Der erste Song auf „Noktvrn“ heißt „Finisterre II“. Wie siehst du die Verwandtschaft zwischen beiden Alben?
„Noktvrn“ ist trotz diesem dunklen und nächtlichen Charakter und Thema ein Album, das der Musik und sogar der Ausrichtung der Band einen optimistischen Ausblick verleiht. „Haven“, am Ende vom Album, ist ja sehr hell als Song und beim Sounddesign. Ich wollte ich mit der Platte sowas wie einen Gegensatz zu „Finisterre“ herstellen, das von der Grundstimmung her in sich ein sehr düsteres, aggressives, pessimistisches Album ist. Das, was in der Zeit, in der ich „Finisterre“ geschrieben habe, in der Welt vor sich gegangen ist, hat beeinflusst, wie ich Songs und Texte geschrieben hab. Und viele Dinge haben sich seitdem nicht wirklich verändert, im Weltgeschehen, in der Weltpolitik, in der Klimapolitik – die Nachrichten sind voll von negativen News, jetzt nicht nur Corona. Und ich hatte den Eindruck, dass auch im neuen Album dieses Weltgeschehen noch Platz haben sollte. Ich wollte nicht nur Optimismus auf dem neuen Album verbreiten, was auch gar nicht der Fall ist. Am Anfang des neuen Albums war es mir mit „Finisterre II“ wichtig, so etwas wie ein Innehalten herzustellen. Der Hörer drückt Play, dann kommt das Intro, das ja mit Akustikgitarre und sehr ruhig ist, und wird erstmal in so eine Welt reingezogen, bevor der eigentliche erste Song startet. Quasi noch einmal kurz zurück, bevor man dann ins neue Album entlassen wird. Daher der ganz einfache Titel „Finisterre II“, um noch einmal eine Brücke zu kreieren zwischen den beiden Alben.

„Noktvrn“ schreibt sich ja anders als die Nachtstücke von Chopin. Ihr spielt ihr bei der Schreibweise mit dem „V“ in „Noktvrn“ schon ein bisschen, oder? Zum einen ist es ja das fünfte Album – aber vielleicht ist das etwas, das in den bisherigen Interviews nochmal etwas bewusster geworden ist?
Lustigerweise ist mir eine zweite Begründung wirklich erst während den Interviews aufgefallen, die im Nachhinein voll logisch ist, aber über die ich mir um ehrlich zu sein vorher gar keine Gedanken gemacht habe. Also das mit der römischen Fünf stimmt, das ist einer der Gründe, warum wir das V benutzt haben. Auf der anderen Seite, und das ist eben das Zweite, das ich vielleicht unbewusst gemacht habe: Das C und das U sind ja eher weiche, runde Buchstaben, und das K und das V sind eher eckige, kantige Buchstaben. Bei allem Neuen und Ruhigen und Sanften, was das Album mit sich bringt, ist es im Großen und Ganzen immer noch laute, eckige, kantige Musik. Im Nachhinein ergibt es also total sind, dass wir das K und das V genutzt haben. Aber das ist mir wirklich erst aufgefallen, als dazu dann viele Fragen kamen.

Cover von "Noktvrn" von Der Weg einer FreiheitBeim Cover ist mir ein Unterschied zwischen der Vinyl- und der CD-Ausgabe aufgefallen, was die Platzierung des Titels betrifft. Was hat es damit auf sich?
Das offizielle digitale Cover und das Cover der CD haben die „Noktvrn“-Raute, wie wir sie nennen, oben links. Für die LP-Version wollten wir sehr viel Wert auf die Haptik und den Look legen, dem Label ist es auch immer wichtig, einem besonderen Album auch auf dieser Ebene etwas besonders zu geben. Die „Noktvrn“-Raute hat nun ein Regebogen-Foil, das wollten wir unbedingt machen, und das dann nur links oben wäre etwas klein gewesen. Dann haben wir uns gedacht, warum machen wir nicht einfach alternative Cover. Klar, es wirft solche Fragen wie deine auf, aber es ist auch cool, bei verschiedenen Versionen unterschiedliche Cover zu nutzen, und der Foil-Print kommt in groß einfach besser. Ich bin sehr froh, wie es final rausgekommen ist. Da hat das Label auch echt viel Arbeit und Testdrucke investiert, bis es dann so geworden ist.

Das Thema Vinyl treibt derzeit die gesamte Musikbranche um, da es große Produktions- und Lieferprobleme gibt. Wie nimmst du das als Musiker wahr, auch was die konkrete Nachfrage nach Vinyl eurer Alben betrifft? Gab es da Probleme bei „Noktvrn“, oder lief es wie geplant?
Es ist generell echt erstaunlich, dass so ein Format, das noch vor der CD kam und sich erst mit den Rolling Stones und den Beatles etabliert hat, jetzt wieder so im Kommen ist. Das ist schon krass. Die Presswerke kommen gar nicht hinterher, dann kommt Adele mit 600.000 Stück und legt weltweit die komplette Vinylindustrie lahm, Rohstoffe werden knapp…
Aus irgendeinem Grund waren wir aber wirklich zum exakt richtigen Zeitpunkt mit dem Master fertig. Das Label hat auch sehr viel Druck gemacht, dass wir das pünktlich anliefern, weil es schon Kapazitäten vorreserviert hatte. Wir haben das Album im April angeliefert, und im November kamen die Platten. Da hatten wir total Glück, dass alles geklappt hat. Ich habe zum Beispiel auch Master für befreundete Bands, A Secret Revealed und Praise The Plague, erst im Mai fertiggemacht. Die müssen bis Februar auf ihre Platten warten. Sie haben nicht viel später angeliefert, aber haben keinen Slot mehr bekommen.

Eure Platten gab es ja quasi von Anfang an auch als Vinyl. Wie habt ihr die Nachfrage da erlebt?
Die Demo 2009 kam noch auf einer selbstgebrannten CD, das hab ich ja alles noch selber gemacht, aber mit dem Re-Release 2010 kam direkt die Platte. Ich weiß noch wie es damals war, da war das eher ein Risiko, eine Platte zu machen. Da hat es echt lange gedauert, bis die weg war. Bei der „Finisterre“ haben CDs und Platten sich noch die Waage gehalten, und heute sind Platten wirklich weit vor den CD-Verkäufen. Das spricht für sich.

Tourposter von der Der Weg einer Freiheit 2021Lass uns nochmal zum Cover eures neuen Albums zurückkommen. Wie lief der Entstehungsprozess hier ab? War das eine Idee von dir, die dann umgesetzt wurde?
Die einzige Idee, die von mir kam, war, dieses dreckige Lila zu benutzen, das Fliederfarbene. Das war mir wichtig. Ebenso wollte ich, dass das Artwork möglichst simpel gehalten wird, aber trotzdem auffallen soll. Und wenn man es jetzt anschaut, dann ist es genauso geworden. Wir haben großen Wert auf die Typographie gelegt, also eine schön ausgewählte Schriftart und nicht plump einfach irgendwas draufgeklatscht. Max Löffler, mit dem wir da zusammengearbeitet haben und schon seit der „Stellar“ zusammenarbeiten, hat das sehr gut umgesetzt. Aufgrund der Texte und der Musik hat er mehrere, ich glaub 15 Entwürfe angeliefert und das war eine große Bandbreite, also auch was komplett anderes. Aber unter diesen Entwürfen war quasi schon das Cover, das es jetzt geworden ist. Daran hat er noch ein paar Kleinigkeiten angepasst, aber im Endeffekt war es einer der ersten Entwürfe, wo wir sofort gesagt haben „Das ist es“. Das war wirklich ein Glücksgriff.
Ich muss auch ehrlich sagen, dieser visuelle Aspekt, der für ein Album ja echt sehr wichtig ist, da tue ich mir oft sehr schwer, meine Gedanken auszudrücken und mir erstmal ein Konzept zu überlegen. Für mich steht die Musik im Vordergrund und die spricht für sich. Aber man kann ja leider nicht einem Grafiker sagen, hier ist die Musik, mach was du willst. Da habe ich echt schlechte Erfahrungen gemacht. Jeder Mensch hat eine andere Wahrnehmung und vielleicht kommt dann am Ende etwas raus, das dir überhaupt nicht gefällt.

Thematisch finde ich spannend, dass Deafheaven musikalisch und mit dem Cover ihres Albums „Infinite Granite“ auch die Nachstimmung aufgegriffen haben, wenn auch musikalisch ganz anders.
Haha, stark, das höre ich grade zum ersten Mal. Als ich das Cover gesehen hab, als unseres quasi schon fertig war, dachte ich mir, fuck, das schaut gar nicht mal so unterschiedlich aus. Wir haben aber zum Glück keine negative Kritik dahingehend bekommen. Ich mag auch das „Sunbather“-Album, mit dem neuen Album kann ich nicht so viel anfangen. Dass dieses Nachtthema aber von beiden Bands aufgegriffen wird, die musikalisch ja ähnlich sind – oder eher waren – ist auf jeden Fall spannend.

Auf „Noktvrn“ habe ich viele verschiedene musikalische Asoziationen gefunden, von Crustpunk bis hin zu Bands wie Sigur Rós. Auf jeden Fall klingt die Platte deutlich vielfältiger als eure bisherigen Releases. Gab es hier konkrete Einflüsse, oder wie erklärst du dir, dass „Noktvrn“ so facettenreich geworden ist?
Ein sehr großer Einfluss war die Band Leprous, die ich 2018 entdeckt habe, und immer noch mindestens einmal die Woche höre. Das ist für mich echt viel, weil ich durch meinen Beruf als Musikproduzent einfach andauernd Musik hören muss und dadurch oft kein Ohr für andere Musik habe. Aber die Band sticht für mich raus, und hat mich auch dazu gebracht, Synthesizer auszuprobieren. Das hört man vor allem bei „Immortal“ raus.
Was die Vielfältigkeit betrifft: Beim Schaffensprozess von „Finisterre“ wollte ich eigentlich viel ausprobieren und neu entdecken, aber hab mir dann oft gedacht, dass ich mich lieber nicht zu weit aus dem Fenster lehne, da ich nicht wusste, wie das ankommt. Dann habe ich einfach das gemacht, was ich kann. Im Nachgang sehe ich das als Fehler – nicht als absolut krassen Fehler, aber ich hätte mich lieber mehr aus dem Fenster lehnen sollen, da ich am Ende über „Finisterre“ der Meinung bin, dass zu wenig auf dem Album passiert. Es ist solide, ich mag es und die Leute mögen es auch, aber ich wollte mehr machen und hatte einfach Angst davor, wie es ankommen könnte. Und diese Angst habe ich bei „Noktvrn“ abgelegt und es mir auch als Aufgabe gegeben, diese Angst hinter mir zu lassen und bewusst neue Dinge auszuprobieren. Daraus wurden dann Songs wie „Immortal“ oder „Haven“.
Es gibt jetzt keine Band, die konkret Einfluss auf mich hatte bei diesen Songs. Aber ich habe mich in den letzten vier Jahren seit „Finisterre“ auch musikalisch sehr weiterentwickelt, und viele neue Dinge gehört. Also vielleicht nicht super viele Sachen, aber die haben auf jeden Fall Einfluss gehabt.

Die beiden von dir genannten Songs sind neben dem rein instrumentalen auch auf Englisch gesungen. Zählt das für dich auch zum Aus-dem-Fenster-Lehnen?
Ja, unter anderem. Es ist einfach was Neues, das ich ausprobieren wollte, auch, weil ich mit der deutschen Sprache bei Klargesang immer ein Problem hatte. Bei anderen Künstlern und Bands hört sich deutsch klargesungen oft aufgesetzt und schwülstig an. Deutsch ist ja auch eine sehr kantige, eckige Sprache, die sehr gut zum Schreigesang passt, da liebe ich sie auch, aber beim Klargesang hab ich mir immer sehr schwer getan, schöne melodische, flowige Lines zu kreieren. Und dann hatte ich die Idee, auch weil ich in den letzten Jahren besser im Englischsprechen geworden bin, auf Englisch zu schreiben. Das hat auch erstaunlich gut geklappt für mich, ich habe mich wohl gefühlt und am Ende sind die Songs so geworden. Das hätte auch anders laufen können, hätte ich mich nicht wohl gefühlt, hätte ich es nicht gemacht.

Ihr habt in ja auch häufig im nicht-deutschsprachigen Ausland gespielt. Wie werden eure Musik und eure Texte dort aufgenommen? Gibt es Rückfragen, worum es in den Songs geht, oder hören die Leute es „nur“ als Musik?
Da bekommen wir wirklich viel Feedback. Das Schöne ist, dass Leute aus dem Ausland, die deutsch nicht verstehen oder sprechen können, sich durch uns extrem viel mit der Sprache beschäftigen. Und sei es nur im Google Translator eingeben, worum es so grob gehen könnte. Manche Fragen uns auch direkt, worum es in den Texten geht. Als wir 2014 auf Tour in Russland waren, kamen Fans auf uns zu, die meinten, sie haben einen Deutschkurs in der Schule belegt, um die Songs besser verstehen zu können. Das hätte ich nie erwartet, generell den ganzen internationalen Erfolg, den wir haben. Wir sind ja nicht nur eine deutsche Band, sondern haben auch einen Namen, den dort kaum jemand aussprechen kann – aber auch da geben sich die Leute Mühe und fragen uns, ob sie es richtig sagen.

Entsprechend wollt ihr auch in Zukunft weiter international auftreten, oder?
Genau, das hoffen wir natürlich. Wir sitzen für Herbst nächsten Jahres an einer ausgedehnteren Tour, aber man muss einfach abwarten, was passiert. Das ist sehr schwer planbar.

Sowohl das Produzieren und Schreiben des Albums als auch die Tourplanung stelle ich mir unter Corona-Bedingungen sehr schwer vor. Welche konkreten Erfahrungen habt ihr da gemacht und macht ihr gerade?
Um es kurz zu sagen: Die Aufnahmen zum Album liefen sehr gut ab, wir hatten auch keine großen terminlichen Schwierigkeiten, das Studio zu bekommen. Ich habe ja auch viel bei Ghost City Recordings gearbeitet als Producer und Sound Engineer, da war der Draht eh relativ direkt. Natürlich hat jeder von uns seinen Job und muss schauen, dass die Urlaubstage am Ende vom Jahr reichen – aber die Schwierigkeiten hat man auch ohne Corona. Also was das betrifft, hat es keine großen Probleme gegeben.
Was den Livebereich betrifft, haben wir am eigenen Leibe erfahren müssen, dass neben den Veranstaltern und Clubs auch das Personal knapp wird. Die ganzen professionellen Mitarbeiter, die so ein Konzert erst möglich machen, das sind die Techniker, Licht und Sound, Backliner, Tourmanager, Mercher, und je größer so eine Produktion wird, desto professionellere Leute braucht man auch. Wir waren und sind sehr viel mit Freunden unterwegs, die hier und da kurz aushelfen, aber irgendwann muss man einfach auf top professionelle Leute zurückgreifen. Und diese Leute sind seit März 2020 quasi arbeitslos. Das ist ein schwieriges Thema. Die Techniker, mit denen wir bisher zusammengearbeitet haben, haben sich neu ausgerichtet, weil sie das mussten. Unser Lichttechniker ist jetzt wieder Student mit Mitte 20, jemand anderes musste Hartz IV anmelden. Das haben wir auch von anderen Bands gehört. Die Bands wollen auf Tour und die Leute fehlen.
Das gilt auch für die Clubs und Veranstalter – viele Clubs haben ja auch schon zugemacht. Zum Glück haben wir ein Booking, das da den Überblick hat und Kontakte zu Veranstaltern pflegt. Müsste ich das jetzt selber machen, wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte. Und am Ende, wenn‘s wieder losgeht… Die Bands sind ja immer noch da und wollen spielen, aber im Verhältnis gibt es weniger Clubs, weniger Veranstalter, weniger Techniker. Das ist ganz offensichtlich, dass es sich negativ auf die Branche auswirken wird. Das ist echt schade, da auch der Staat verschnappt hat, die Kulturbranche zu unterstützen. Es gibt Hilfen, klar, aber die sind teilweise so schwierig zu beantragen und manche Regelungen sind so sinnlos, dass man auch gar nicht motiviert ist, sich dort Hilfe zu holen und lieber schaut, dass man anders über die Runden kommt.

Könntest du dir vorstellen, dass es dann – ein bisschen äquivalent zu Shows in den USA – in Zukunft stärker dazu kommen wird, dass mehrere Bands in größeren Tourpackages gemeinsam spielen werden?
Hm, das könnte sein. Aber wir persönlich mögen es am liebsten mit nur einem Support unterwegs zu sein, das macht viele Dinge einfacher. Also außer man ist mit einem Co-Headliner unterwegs, dann braucht man noch einen Opener. Aber so riesige Touren, mit acht Bands oder sowas – das würde ich auch als Besucher komisch finden. Wenn ich auf ein Konzert gehe, dann meistens, weil ich eine bestimmte Band sehen will und da würde ich mich freuen, wenn die Band 90 Minuten oder mindestens ne Stunde spielt. Bei so riesigen Packages kriegt der Opener 20, 25 Minuten und die Hauptband dann trotzdem nur 45 Minuten, das finde ich dann auch komisch.
Ich glaube vor allem, dass Tourneen in Zukunft eher nationaler ablaufen werden. Deswegen haben wir jetzt auch nur in Deutschland und eine Show in der Schweiz gespielt, weil es echt schwierig ist, über Grenzen zu fahren, weil man nicht weiß, ob sich da kurzfristig was ändert. Und das wird sicher auch noch eine Weile so bleiben.

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Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

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