Review Himmelsrandt – Schneeland

Schnee, Kälte, Winter. Fallen diese drei Begriffe im Metalkontext, assoziiert man sie in der Regel sofort mit Black Metal, häufig aus dem hohen Norden. Doch über Schnee kann auch über andere musikalische Wege erzählt werden. Schnee wohnt nicht immer nur Tod, Frost und Eiseskälte inne. Er kann mit seiner sanften, ruhigen Schönheit auch faszinieren. Wer erinnert sich nicht daran, als kleines Kind im Schnee zu liegen, seine winzigen, symmetrischen Kristalle zu bestaunen und sein Glitzern im Sonnenlicht zu betrachten? Klingt plötzlich gar nicht mehr nach kaltem Black Metal. Der Pianist und Bratschist Peter Honsalek hat versucht, diverse Eindrücke von Schnee über zeitgenössische klassische Musik einzufangen. HIMMELSRANDT heißt sein Projekt und „Schneeland“ sein Debütalbum nach seiner zuvor erschienenen EP „R A I N“.

Das Album besteht aus acht unbetitelten Stücken, aufgeteilt in zwei thematische Hälften. Die Entscheidung gegen Songtitel soll eine Vorbeeinflussung des Zuhörers verhindern, sodass dieser sich eigene Bilder erdenken kann. Einzig eine Unterteilung in das Fallen des Schnees bei den ersten vier Stücken und die entstehenden Schneelandschaften bei den letzten vier gibt Honsalek dem Hörer vor.
Das Album beginnt mit einem sanften Klavierstück zu an rauschenden Wind erinnernden Klängen und subtilen Synthesizerflächen, ehe im zweiten Stück die ersten Streicher hinzustoßen. Bis zum Stück III ist die Musik ruhig, unaufgeregt und ideal zum Hineinsinkenlassen. Honsalek, das muss hierbei klar gesagt werden, wandelt bei seinen Kompositionen auf modernen Pfaden. Mit alter klassischer Musik hat sein „Schneeland“ daher oft vergleichsweise weniger zu tun, dafür sind die Songstrukturen und Klavierbegleitungsläufe an vielen Stellen zu geradlinig und zu sehr von Popelementen und Filmmusik beeinflusst. Jedoch entscheidet er sich gleichzeitig gegen das Einbringen platter, abgenutzter Harmonien und auf Ohrwurmtauglichkeit ausgelegte Melodien, was seinem Album letztlich trotzdem die nötige musikalische Tiefe und Unvorhersehbarkeit verleiht, die es benötigt, um zu funktionieren. Mit dem belanglosen, maßlos überschätzten Geklimper eines Ludovico Einaudi hat die Musik von HIMMELSRANDT daher glücklicherweise nichts gemein.
Stück IV stellt einen Bruch dar, es finden erstmals bedrückende Dissonanzen den Weg in die Musik. Ein hörbarer Wandel findet statt, alles klingt dramatischer und sogar leicht bedrohlich. Ein erstes Highlight der Platte. Nach dem wieder etwas mehr beruhigenden fünften Stück, das viel mit Streichern arbeitet, folgt mit Nummer VI ein besonderes, über neun Minuten langes, komplexes Stück, das nach einer ruhigen ersten Hälfte erstmals sogar Schlagzeug verwendet, um einen grandios fesselnden, minutenlangen Spannungsaufbau zu zelebrieren, der so manche Post-Rock-Band erbleichen lassen würde. Das zweifellos beste Stück der Platte und eines, das das gewaltige Potential von HIMMELSRANDT erahnen lässt. Einen ähnlichen Weg schlägt das ebenfalls grandiose Stück VIII ein, das im Vergleich zum Rest des Albums viel mit melancholischen und traurigen Klängen arbeitet und die finalen Töne der Musik dann noch einmal nach einem letzten Aufbäumen verwehen lässt.
Einzig das siebte Stück wirkt mit seinen simplen Synthieflächen und dem Geräusch von Stapfen im Schnee etwas deplatziert. Stück III schafft es außerdem nicht über seine gesamte Länge von sieben Minuten die Spannung zu halten. Angesichts der überwiegend stimmigen Musik aber nichts, was der Platte sonderlich schaden könnte.

„Schneeland“ von HIMMELSRANDT ist trotz seiner sanften, unaufgeregten Art ein spektakuläres Album geworden. Von kleineren Schwächen abgesehen ist Peter Honsalek eine überzeugende Vertonung von Schneelandschaften gelungen. Dass die Musik durch das fehlende Anbieten von bekannten Harmonieverläufen und Melodien für so manchen nicht einfach zu hören sein wird, ist eine Entscheidung, die zum Wohle der Kunst eingegangen werden musste, aber im nicht vollständigen Lösen von modernen Strukturen bisweilen stellenweise etwas inkonsequent wirkt. Aufgrund der in sich wundervoll stimmigen Kompositionen, die mit Leichtigkeit ganze Bilderwelten im Kopf des Hörers erschaffen, ist „Schneeland“ aber ein absolut empfehlenswertes Album geworden, das Aufmerksamkeit verdient.

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Wertung: 7.5 / 10

Publiziert am von Simon Bodesheim

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