Im Januar 2026 wurde Tomy Laisto offiziell als neuer Gitarrist von INSOMNIUM bestätigt. Wie er vom Aushilfsmusiker zum festen Bandmitglied wurde, wie es war, sofort am neuen Album „Netherworlds“ mitzuarbeiten, und was ihn nach wie vor an physischen Tonträgern begeistert – über all das haben wir mit Tomy im Interview gesprochen.
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Du hattest INSOMNIUM zunächst nur für ein paar Shows ausgeholfen. Wie ist aus dieser Live-Zusammenarbeit am Ende eine Position als festes Bandmitglied geworden?
Ich kenne die Jungs schon seit vielen Jahren, vor allem Markus Vanhala, der mich, ich glaube, so um Dezember 2023 herum, gefragt hat, ob ich ihnen aushelfen kann. Ich kenne ihn seit Anfang der 2000er. Ich bin auch vor neun oder zehn Jahren mal für OMNIUM GATHERUM eingesprungen, und das hat gut funktioniert. Markus wusste wohl, dass ich ein Teamplayer bin und ein okayer Gitarrist und Sänger, also hat er mich gefragt, ob ich einspringen kann. Ich hatte vor der Show in Zürich in der Schweiz nur ungefähr drei Wochen Vorlauf, aber das hat gut funktioniert. Danach haben sie mich gefragt, ob ich noch ein paar weitere Shows machen will. Ich habe gefragt, wie viele, und am Ende war es so ziemlich das komplette Jahr 2024, abgesehen von der US-Tour: Danach bin ich eingesprungen und seitdem bin ich hier.
Hast du das von Anfang an kommen sehen, oder hat sich das mit der Zeit entwickelt?
Ich habe es offen gestanden nicht kommen sehen, weil die Jungs da ziemlich geheimnisvoll waren. Klar, ich habe gehofft, dass sie mich fragen würden, weil ich die Musik liebe, ich die Jungs liebe und ich die Band liebe. Ich habe einfach abgewartet, ob da überhaupt irgendwas passiert.
Irgendwann, glaube ich, haben die Jungs ihre Shows zum 10-jährigen Jubiläum gespielt, unter anderem die in Turku, wo ich wohne. Ihr Management hat mich dann tatsächlich kontaktiert und gefragt, ob ich zur Show kommen möchte. Ich weiß noch, wie ich dachte: „Okay, läuft hier irgendwas Geheimnisvolles? Die Jungs möchten mich da haben, also muss das etwas Wichtiges sein.“ Und das war’s dann auch. Sie wollten mit mir darüber reden, dass ich der Band beitrete. Ja, das war im Grunde alles. Ich bin furchtbar schlecht darin, Menschen in solchen Dingen zu lesen. Diese Jungs sind schwer zu lesen.
„Wir treffen Entscheidungen demokratisch“
Bist du bei allen Entscheidungen und im kreativen Prozess der Band gleichermaßen involviert, oder gibt es immer noch Bereiche, in denen sich deine Rolle von der der anderen Mitglieder unterscheidet?
Ich bin wirklich ein gleichberechtigtes Mitglied. Wir treffen Entscheidungen demokratisch. Klar, ich bin immer noch der Neue, also beobachte ich im Moment meistens, wie die Jungs die Dinge machen. Sie sind schließlich die verdieneten Staatsmänner der Band. Aber ja, wir sind alle gleichberechtigt.

Du bist auch in mehreren anderen Bands aktiv, zum Beispiel ARC SPECTRA und CROWN SHIFT. Wie hat sich der Einstieg bei INSOMNIUM auf deine anderen Musikprojekte und deinen Alltag ausgewirkt?
Bei CROWN SHIFT habe ich nur ausgeholfen. Das war nichts Dauerhaftes, nur so ein kleiner Aushilfs- oder Ersatz-Job. ARC SPECTRA ist ein Projekt, das von ihrem Drummer Christian gestartet wurde, der im Grunde alle Songs komponiert und sich um alles kümmert. Wir haben eine Fünf-Song-EP aufgenommen, danach haben wir aber nie Shows gespielt. Das war im Grunde einfach nur zum Spaß.
Lass uns jetzt über „Netherworlds“ sprechen. Oft dauert es Jahre, bis ein neues Bandmitglied überhaupt die Chance bekommt, musikalisch zu einem Album beizutragen. Du wurdest im Grunde sofort ins kalte Wasser geworfen. Wie war diese Erfahrung für dich?
Das war ziemlich intensiv. Wenn du neu in einer Band bist, musst du erst mal ein Gefühl für den Boden unter deinen Füßen bekommen und sehen, wie das Ganze funktioniert. Du bist dir nicht sicher, ob deine Songs es am Ende aufs Album schaffen, also kommst du einfach mit irgendwas um die Ecke und hoffst, dass die Jungs es abnicken. Ich glaube, ich habe drei oder vier Songs geschrieben und sie den Jungs geschickt. Die meinten dann so: „Okay, das ist gut, aber schreib noch mehr.“ Mein letzter wurde dann zum Song „The Banished“, der auf dem Album ist. Du versuchst also im Grunde herauszufinden, was da eigentlich abgeht und wie die Dinge laufen. Wie gesagt, du musst erst mal ein Gefühl für den Boden unter deinen Füßen bekommen, weil alles neu ist. Selbst wenn du die Jungs kennst – und ich kenne sie seit mehr als 20 Jahren. Ich hatte vorher nie wirklich mit ihnen zusammengearbeitet. Also wusste ich nicht, wie ihre Arbeitseinstellung ist oder wie sie an solche Sachen rangehen.

Du spielst nicht nur Gitarre, du singst auch. Wie viel Freiheit hattest du da – zum Beispiel bei Gitarrenmelodien, Arrangements oder beim Gesang generell?
Die meisten Arrangements wurden von den anderen Jungs gemacht. Ich habe auf dem Album viel gesungen, aber wenn ich mich richtig erinnere, habe ich auch selbst an ein paar Arrangements gearbeitet. Also konnte ich in dem Bereich auch was beitragen.
„Es kann immer noch aufregend sein,
Neuland zu betreten“
Gab es einen Song auf „Netherworlds“, an dem du besonders gern gearbeitet hast?
Der erste, der mir einfällt, ist der Abschlusstrack, „Journey’s End“, bei dem ziemlich viel von meinem Gesang dabei ist. Ich erinnere mich, dass ich beim Singen im Studio echt alles hereingeworfen habe. Das war nice. Wir haben mit dem Kerl, der das Album produziert hat, an Harmonien und so gearbeitet, das hat wirklich Spaß gemacht. Wir haben einfach alles ausprobiert: dies, das, das singen, jenes singen. Also das wäre so ein Song. Dann ist da natürlich noch „The Banished“. Die Gitarren dafür aufzunehmen war auch super. Auch wenn ich seit über 30 Jahren Musik mache und Gitarre spiele, kann es immer noch aufregend sein, Neuland zu betreten. Ich weiß noch, dass ich ein wenig nervös war und mich gefragt habe, wie das am Ende alles ausgehen würde.
„The Hour Grows Late“ hat mehrere Special Guests, nämlich Tomi Joutsen, Tomi Koivusaari und Santeri Kallio von AMORPHIS. Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen, und wie hat sich der Song dadurch entwickelt?
Der Song wurde von Markus Vanhala geschrieben. Da er mit Santeri Kallio, dem Keyboarder von AMORPHIS, bei CEMETERY SKYLINE spielt, glaube ich, dass die Idee bei Santeri angefangen hat. Als Markus die erste Demo herumgeschickt hat, haben wir darüber gesprochen, ein Keyboard-Solo einzubauen. Ich glaube, Markus war es, der vorgeschlagen hat, dass Santeri vielleicht Lust haben könnte, das zu machen, und wir waren direkt begeistert. Was Santeri sich ausgedacht hat, ist irgendwie trippy und proggy, fast wie direkt aus der Psychedelic-Szene der 1970er-Jahre. Das ist richtig cool. Also, wenn ich mich richtig erinnere, hat’s mit Santeri angefangen. Sobald er zugesagt hatte, hat jemand – ich glaube, es war der Producer – vorgeschlagen, Tomi Joutsen zu fragen, ob er ein paar Clean Vocals singt. Also hat er am Ende Tomi gefragt. Danach hatten wir das Gefühl, dass es da einen bestimmten Part gibt, der unbedingt Tomi Koivusaari braucht. So hat sich das im Grunde alles zusammengefügt.

Ihr habt für „Netherworlds“ auch einen weiteren interessanten Künstler mit ins Boot geholt: Travis Smith, der das Artwork des Albums gestaltet hat. Wie lief der Prozess ab, das Artwork zum Leben zu erwecken?
Irgendjemand kam auf die Idee, Travis zu fragen. Ich bin ein riesiger Fan seiner Arbeit: Ich bin nämlich totaler DEATH– und OPETH-Fan, und Travis hat das Cover zum letzten DEATH-Album, „The Sound Of Perseverance“, gemacht. Ich liebe seinen Stil seit fast 30 Jahren, also war ich sofort dabei, als jemand vorgeschlagen hat, ihn mit an Bord zu holen. Zum Glück hatte er etwas Zeit frei und war an dem Projekt interessiert. Wir haben ihm ein paar Anhaltspunkte gegeben und ihm im Grunde gesagt, dass wir ein paar intensive Farben wollen. Als wir angefangen haben, das Album zu komponieren und über die Gesamtausrichtung nachzudenken, kamen Begriffe wie „frieren“, „gefroren“ und „erfrieren“ auf. Also haben wir diese Ideen an Travis weitergegeben, und er hat es beim ersten Versuch absolut perfekt getroffen. Ich glaube, er hat uns die erste Version des Artworks geschickt, und wir waren sofort überzeugt. Er macht das seit Jahren, also Hut ab vor ihm.
„Ich würde wohl immer etwas wählen,
das die Künstler unterstützt“
„Netherworlds“ erscheint auch als aufwendig gestaltete Digibook-Ausgabe mit Bonus-CD. Wie wichtig sind solche physischen Ausgaben heutzutage, und würdest du sie dir persönlich kaufen?
Ja, ich finde, sie sind wichtig. Ich sammle seit Ewigkeiten CDs und Vinyl, und ich nutze keine Streaming-Plattformen. Ich habe kein Spotify oder dergleichen. Ich würde wohl immer etwas wählen, das die Künstler unterstützt, weil ich natürlich meine Musikerkollegen unterstützen will. Also bin ich ein wenig anti-Spotify. Wenn ich unterwegs bin, irgendwas mache oder spazieren gehe, höre ich vielleicht Musik auf YouTube oder was auch immer. Aber zu Hause oder wenn ich Auto fahre, höre ich CDs oder Vinyl. Ich liebe es, eine neue CD zu bekommen, mir das Artwork anzuschauen und zu sehen, wer was gespielt hat. Als ich jünger war, habe ich das ständig gemacht. Ich habe mir eine neue CD gekauft, sie eingelegt, mich aufs Bett gelegt und das Booklet komplett durchgelesen. Daran habe ich immer noch richtig schöne Erinnerungen.
Solche Special-Editions kosten viel Geld, als 2CD-Artbook kostet euer Album knapp 70€. Wie viel bist du persönlich bereit, für ein Album zu zahlen?
Das kommt darauf an. Ich habe mir vor ungefähr einem Jahr die originale US-Version von PANTERAs „Vulgar Display Of Power“ gekauft. Ich habe dafür etwa 90 € gezahlt. Das ist wahrscheinlich meine Schmerzgrenze. Ich bin nicht so ein Sammler, der sich Alben kauft und sie dann irgendwo sicher wegpackt, damit sie nie zerkratzen. Ich finde, das ist ein bisschen bescheuert. Für mich sind Platten dazu da, gespielt und gehört zu werden. Die können Kratzer bekommen, das ist okay. Das ist bei meinen Gitarren genauso. Ich habe ein paar, und wenn die Kratzer bekommen, stört mich das nicht. Klar, ich will, dass meine CDs abspielbar bleiben, aber ich mache mir nicht übermäßig viele Gedanken um den Zustand meiner Alben.
Eure Bonus-CD enthält drei zusätzliche Songs. Wie habt ihr entschieden, welche drei Tracks es auf die Bonus-CD schaffen?
Wir haben das demokratisch entschieden. Demokratie ist im Grunde der beste Weg, das zu machen. Wir haben einfach Nachrichten hin und her geschickt und darüber diskutiert, welche Songs aufs Album sollen und welche am Ende auf der Bonus-CD landen. So ist das zustande gekommen. Eine Sache, die dann so ein wenig zu einem Tauziehen geworden ist, war die Tatsache, dass es zwei Intros gibt, von denen eins eine Coverversion ist. Wir haben diskutiert, welches das Album eröffnen soll, und am Ende haben wir einfach darüber abgestimmt und entschieden, welcher Track Song eins wird. So ist es dann geschehen.
„Ich tendiere dazu, einfach direkt
ins kalte Wasser zu springen“

Schauen wir uns den nächsten Schritt an. Ab dem Moment, wo die Tour im November startet, liegt ein vollgepackter Terminplan vor euch. Wie bereitest du dich auf diesen umfangreichen Konzert-Run vor?
Ich schätze, man kann nie zu gut vorbereitet sein. Im Grunde musst du sicherstellen, dass du ausreichend Klamotten und das ganze Zeug dabei hast, das du brauchst. Die Shows in Finnland sind freitags und samstags, also sind die etwas einfacher. Aber wenn du vier oder fünf Wochen von zu Hause weg bist, musst du sicherstellen, dass du alles eingepackt hast, was du brauchst. Klar, man kann Wäsche waschen und so was, aber trotzdem … Was die emotionale Seite der Vorbereitung angeht, weiß ich es noch nicht wirklich. Ich tendiere dazu, einfach direkt ins kalte Wasser zu springen, also bin ich mir nicht ganz sicher, wie man sich darauf überhaupt vorbereiten soll. Vielleicht die Songs lernen. Ja, ich schätze, das ist Pflicht.
Hast du den ultimativen Lifehack, um diese Touren durchzustehen?
Ich mag es, meine Privatsphäre zu haben. Zwischendurch rede ich gern mit Leuten und hänge mit ihnen ab, aber manchmal muss ich einfach für mich sein. Im Tourbus liebe ich es, eine eigene kleine Koje zu haben, wo ich die Vorhänge zuziehen kann und ein bisschen Zeit für mich habe. Wenn man allerdings zu Shows fliegt, ist das eine komplett andere Geschichte. Dann sind es Flughäfen und überall sind Menschen, permanent. Da habe ich in dem Sinne keine wirklichen Lifehacks. Das Erste, was mir einfällt, ist wirklich, sich von Zeit zu Zeit ein bisschen eigenen Raum zu suchen.

Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.




