Machen wir uns nichts vor: Von Bands mit großen Namen erwartet man (besonders als Fan) im Grunde zwangsläufig gute Alben. Bei den Death-Metal-Melancholikern von INSOMNIUM brauchte man sich hinsichtlich der Qualität ihrer Kompositionen auch noch nie zu sorgen. Dennoch hat sich in den letzten Jahren, und hier besonders mit „Anno 1696“ von 2023, eine gewisse Gefälligkeit eingestellt. Wie dem auch sei, das düstere Cover von „Netherworlds“ und damit der zehnte Studio-Output der Formation lässt auf erhabene Düsternis hoffen. Geht das auf?
„The Cold Song“ und „Shadow Life“ zeigen zumindest direkt, worauf es bei INSOMNIUM auch 2026 wieder ankommt. Dabei überzeugt erstgenannter Titel als opulentes Intro direkt mit einer starken Sogwirkung und erinnert ein bisschen an „Clear“ von HAKEN, während Position zwei auf „Netherworlds“ sofort aufzeigt, dass die Finnen in den drei Jahren seit „Anno 1696“ nichts an Drive und Intensität verloren haben. Der Track treibt in bester Melo-Death-Manier voran, serviert direkt wunderschöne Melodien, und die markanten Growls von Niilo Sevänen fusionieren wunderbar mit passendem Klargesang. Diese Komponente und eine nochmals gesteigerte Melodiösität erweisen sich im weiteren Verlauf auch als Kern des neuen Albums.
Die eher schönen als melancholischen Gitarrenläufe eines „Remembrance“ belegen das im Anschluss sehr deutlich, während die absolute Eingängigkeit von „Gleam In The Black“ ein Türöffner für Einsteiger sein dürfte, weil wendiges Schlagzeugspiel und eine Vielzahl großer Melodien diesen Track definitiv zu einem Repeat-Kandidaten machen, ohne für das Mehr an Zugänglichkeit an Intensität einzubüßen. Das ist es wohl, das neue Rezept von INSOMNIUM, und über die meiste Zeit hat die Band auch keinerlei Probleme, diesen neuen alten Standard zu halten, was eine ausufernd schöne Nummer wie „The Hour Grows Late“ klar und deutlich belegt. Und zwar nicht, weil das Feature mit Tomi Joutsen, Santeri Kallio und Tomi Koivusaari von AMORPHIS hierfür ein Garant wäre, sondern sich eher als sinnstiftende Ergänzung erweist.
Besonders der Klargesang auf „Netherworlds“ ist in seiner Präsenz eine große Bereicherung. Denn man kann es nicht anders sagen: Ein Track wie „Ethereal Sleep“ bekommt bei allem Weltschmerz und (anfänglicher) Zurückhaltung dadurch das emotionale Sahnehäubchen aufgesetzt. Die ruhige, bedächtige Art, wie Gitarren, Keyboards und Schlagzeug hier Stimmung aufbauen, kulminiert in einem echten Gänsehaut-Refrain, und dann spürt man sie wieder, die Fähigkeit von INSOMNIUM, sowohl in relativer Stille als auch kompositorischer Eruption große Emotionen hervorzurufen. Gibt es also irgendwo einen Haken?
INSOMNIUM haben wie gewohnt geliefert. Es fehlt „Netherworlds“ an nichts, das man als eingefleischter Fan nicht sowieso erwarten würde. Aber trotz der großen Melodien, dem stimmigen Klargesang und der vielseitigen Komposition – es fehlt dieser gewisse Funke. Das, was ein „The Primeval Dark“ als Intro von „Shadows Of A Dying Sun“ schon so groß und erhaben wirken ließ, die herrschaftliche Melancholie, die sich wie ein roter Faden durch „Winters Gate“ zog, diese Feinheiten verbleiben auch 2026 und wohl für die noch einmal gesteigerte Zugänglichkeit der Stücke relativ blass. Das ist bei aller Fähigkeit, große Songs zu schreiben, einfach insoweit schade, als eben diese Tiefe bei INSOMNIUM schon immer zu einem Teil ihrer DNA gehört hat.
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Wertung: 8 / 10


