Review Lindsay Schoolcraft – Harrowing

LINDSAY SCHOOLCRAFT packt auf ihrem neuen Album „Harrowing“ alles andere als leichte Themen an. Machtmissbrauch, häusliche Gewalt, toxische Beziehungen, Schmerz, Verzweiflung und schließlich der Weg raus aus diesem Strudel. Gut sechs Jahre Arbeit stecken in diesem Album, und anders als es die letzte Scheibe „Worlds Away“ und der thematische Überbau vermuten lassen, geht es auf „Harrowing“ alles andere als ruhig und melancholisch zu.

Stattdessen wirft SCHOOLCRAFT in den nicht mal 30 Minuten Spielzeit diverse Genres von Nu Metal über Pop-Punk, Alternative Rock, Electro und eine Spur Gothic in einen Topf und garniert das Ganze mit ihrer unverkennbaren Stimme. Abwechslungsreichtum ist also garantiert. Der Opener „Mercy Has Come“ übt sich noch in Zurückhaltung und stellt Harfenspiel, sanfte elektronische Klänge und eine Gothic-Atmosphäre in den Mittelpunkt. Erst mit „Crucified“ schraubt SCHOOLCRAFT an der Härteschraube und lässt treibende Drums auf Alternative-Riffs treffen. Auch textlich wird es intensiver, ist der Song doch eine Hymne für Überlebende von Missbrauch und Gewalt.

Die damit etablierte düstere, melancholische Grundstimmung bestimmt auch fast den ganzen Rest von „Harrowing“ und macht das Album damit zu einem emotionalen, aber auch etwas vorhersehbaren Hörerlebnis. Für Abwechslung sorgen etwa die Gast-Growls von Krista Shipperbottom im schleppenden „So Alive“ oder der verstärkte Einsatz von elektronischen Sounds im textlich kämpferischen „Cut Your Teeth“.

Trotz aller lyrischer Wucht macht „Harrowing“ aber auch Spaß, vor allem dann, wenn SCHOOLCRAFT im Metal-Sound der 90er und frühen 2000er wildert. Diese Musik hat die Künstlerin hörbar geprägt und so klingt „I Wait For You To Fall“ nicht nach bloßer Kopie, sondern nach einer Liebeserklärung an Nu Metal, Crossover und Co. Sehr sehenswert ist auch das dazugehörige Video im Retro-Stil. „Chase The Dark“ beschließt die Scheibe mit hoffnungsvollem Düster-Pop, zu dem sich erst in der zweiten Hälfte des Songs Gitarren dazugesellen. Ein würdiger Abschluss, der die emotionale Reise von Schmerz, Trauer, Wut und wiedergefundenem Kampfgeist mit Hoffnung und Mut beendet.

Ein Blick auf die Uhr zeigt aber, dass die Reise sehr kurz war. Knappe 27 Minuten dauert „Harrowing“ und hinterlässt damit doch einen faden Beigeschmack, denn auch wenn sich die sieben Tracks nicht unfertig anfühlen, erwartet man nach sechs Jahren Albumpause doch etwas mehr. Insgesamt hätte „Harrowing“ als EP mehr Sinn gemacht.

Dennoch beweist LINDSAY SCHOOLCRAFT einmal mehr, dass sie ein Händchen für düstere Musik hat. Anstatt sich aber nur auf ihren etablierten Sound zu verlassen, bricht sie diesen mit Nu Metal, Alternative und Co. auf und erfindet sich damit ein Stück weit neu. „Harrowing“ wird damit zu einem stellenweise überraschenden Album, dessen Konzept unbequem, aber so wichtig und mutmachend ist. Durch die knappe Spielzeit ist „Harrowing“ zwar sehr kurzweilig, hätte bei ein paar Songs mehr aber auch noch schlüssiger und facettenreicher ausfallen können.

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Wertung: 8 / 10

Juan Esteban

Publiziert am von

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