CD-Review: Paradise Lost - The Plague Within

Besetzung

Nick Holmes - Gesang
Greg Mackintosh - Gitarre
Aaron Aedy - Gitarre
Steve Edmondson - Bass
Adrian Erlandsson - Schlagzeug

Tracklist

01. No Hope In Sight
02. Terminal
03. An Eternity Of Lies
04. Punishment Through Time
05. Beneath Broken Earth
06. Sacrifice The Flame
07. Victim Of The Past
08. Flesh From Bone
09. Cry Out
10. Return To The Sun


(Gothic Metal / Doom Metal / Death Metal) Wer sich vor der Veröffentlichung von „The Plague Within“ gesehen hat, hätte wohl bei den britischen Buchmachern, bei denen man bekanntlich auf so gut wie alles wetten kann, sicher keine überragende Quote bekommen, wenn er die Ausrichtung des Albums vorhergesagt hätte. PARADISE LOST haben bereits mit dem letzten Album „Tragic Idol“ gezeigt, dass sie ihre Wurzeln noch kennen und scheinbar gerne zu ihnen zurückgekehrt sind, vereinte die Scheibe doch vieles von dem, was die Briten Mitte der 90er zu echten Stars in der Szene machte.

Wenig überraschend präsentieren Holmes und Co nun die konsequente Fortsetzung des Weges. Und das bedeutet: düsterer, härter und aggressiver als zuvor. Man muss schon lange zurückblättern, wenn man Musik von PARADISE LOST finden will, die sich in diesen Belangen auf einem Level mit „The Plague Within“ befindet. Nicht nur, aber auch die Songtitel geben dabei die Richtung vor, bei Namen wie „An Eternity Of Lies“, „Sacrifice The Flame“ oder „Flesh From Bone“ (garniert – man höre und staune – mit zackigen Blast-Beats) erwartet man eben nichts anderes.
Und so ist der für eine Singleauskopplung schon recht harsche Opener „No Hope In Sight“ vergleichsweise nur ein harmloses Vorgeplänkel, welcher vielleicht so manchen Zartbesaiteten zu einem vorschnellen Kauf der Scheibe animiert. Hier zeigen die Briten jedenfalls, dass sie keine Schwierigkeiten haben, einen eingängigen, einfach gestrickten, aber dennoch anspruchsvollen Song zu schreiben. Im Gegensatz zu vielen früheren Alben, die sich rasch in Beliebigkeit verloren, bleiben PARADISE LOST hier aber am Ball. Schon mit „Terminal“ wird kräftig an der Härteschraube gedreht. Holmes growlt was das Zeug hält und obwohl die Geschwindigkeit nicht überragend hoch ist, umwabert die 50 Minuten eine durchaus böse Atmosphäre.
Daran ist nicht zuletzt der fiese, kalte Gitarrensound „schuld“. Produzierte man in der Vergangenheit bevorzugt warm und weich, schrubben die Sechssaiter in mitunter ganz gelungenen Duetten ein frostiges Brett herunter, welches wirklich nach Metal klingt. Fast folgerichtig und unbemerkt kristallisiert sich nach einer Weile die Abwesenheit sonst sehr dominierenden Keyboards heraus. Bis auf einige Streicher regiert ohne Wenn und Aber die Metalband Insgesamt streift man also mit „The Plague Within“ praktisch die komplette Diskographie, von jeder Platte (vielleicht mit Ausnahme von „Host“) ist etwas dabei und so bekommt der Titel vielleicht eine gewisse Mehrdeutigkeit. Möglicherweise ist die beschworene innere Pest die Manifestation der Musik, die PARADISE LOST hier präsentieren.
Wie auch immer, sie tun es jedenfalls auf einem guten Niveau. Ein wenig ist die leichtfüßige Eingängigkeit verloren gegangen und so benötigt „The Plague Within“ mit wenigen Ausnahmen einige Durchläufe, um sich in den Gehörgängen festzusetzen. Ganz sicher ist es keine Platte, die man mal eben nebenbei hören kann, zumindest dann nicht, wenn man die feinen Details erfassen will. Der verwöhnte Hörer mag hier vielleicht den vielleicht nicht einzigen, aber größten Kritikpunkt sehen: „The Plague Within“ lässt sich viel Zeit und – so ehrlich muss man sein – auch nicht jeder Song kommt tatsächlich beim Adressaten an.

Freunde der „harten“ PARADISE LOST verschmerzen das ohne Probleme, Liebhaber der seichten Klänge der Band sollten vor dem Kauf besser mal testhören, den einen oder anderen mag die Härte und Aggression überraschen und möglicherweise auch verstören. Aus Sicht der 2015ers ist „The Plague Within“ aber wohl das Album, welches schon anfangs der Karriere möglich gewesen wäre, wenn das technische und songwriterische Können vorhanden gewesen wären und man produktionstechnisch schon ein paar Schritte weitergewesen wäre. Musik von Visionären für Freigeister.

Bewertung: 7.5 / 10

Geschrieben am

1 Kommentar zu “Paradise Lost – The Plague Within”

  1. Sebastian Heiter

    So richtig schlau werde ich aus Jan Müllers Rezensionen immer noch nicht.

    „Insgesamt streift man also mit “The Plague Within” praktisch die komplette Diskographie, von jeder Platte (vielleicht mit Ausnahme von “Host”) ist etwas dabei und so bekommt der Titel vielleicht eine gewisse Mehrdeutigkeit.“

    „Aus Sicht der 2015ers ist “The Plague Within” aber wohl das Album, welches schon anfangs der Karriere möglich gewesen wäre, wenn das technische und songwriterische Können vorhanden gewesen wären und man produktionstechnisch schon ein paar Schritte weitergewesen wäre.“

    Na was denn jetzt? Wird die gesamte Diskographie gestreift oder kann das Album als technisch, songwriterisch und produktionstechnischer bessere Version der Frühwerke gesehen werden?

    „Fast folgerichtig und unbemerkt kristallisiert sich nach einer Weile die Abwesenheit sonst sehr dominierenden Keyboards heraus. Bis auf einige Streicher regiert ohne Wenn und Aber die Metalband“
    Auf „Tragic Idol“ bestanden die „sonst sehr dominierenden Keyboards“, wenn ich mich recht erinnere, aus einer(!) Melodie in „Solitary One“. Auch ansonsten waren auf Alben wie denen von „Shades of God“ bis „Draconian Times“ oder ab „Paradise Lost“ wohl nie so viele Akzente mit „nichtmetallischen“ Instrumenten gesetzt worden wie hier mit Streichern Bläsern und Chören.

    „Holmes growlt was das Zeug hält…“
    Auf „Gothic“ klang er kaum anders. Damals wurde noch ein Sängerwechsel empfohlen, jetzt beschwert man sich nicht mehr?!

    Ich bin ja mittlerweile in Sachen „eigentümlicher Logik“ bei Jan Müller gewohnt. (Bei dem Review zu „Faith…“ steht z. B. „Beim letzten Album “In Requiem” hörte es sich noch fast so an, als wenn sich die britischen Altmeister PARADISE LOST langsam aber sicher selber zu Grabe tragen würden. Das x-te Durchschnittswerk erinnerte sehr an die Karrieren von „Amorphis“ oder auch „Moonspell“, die nach starken Frühwerken lange Zeit vor sich hin dümpelten, ohne großes Aufsehen erregen zu können.“ Deswegen haben ja die ersten PL-Alben von Müller auch hervorragende Wertungen von 4 und 5 Punkten bekommen, die später nur einmal wieder erreicht wurden…) So richtig gebessert hat sich dahingehend noch nichts. Auch ansonsten bin ich nicht überzeugt. Hinter den vielen Floskeln versteckt sich letztlich ein großes Nichts. „Im Gegensatz zu vielen früheren Alben, die sich rasch in Beliebigkeit verloren, bleiben PARADISE LOST hier aber am Ball“ Aha, und wie wir wissen mit ganz wenig Keyboards… Schade, dass nicht das erotische Selbstvertrauen im Gesang von Holmes unterstrichen wurde. :-(
    Klar bleibt wenigstens, dass Jan Müller nie seine eigene Meinung beschreibt, sondern stets die „Wahrheit“. Wenn ich „Living with Scars“ für das beste Lied von „Faith…“ halte, Jan Müller aber schreibt: „[…]mit „The Rise Of Denial“ und „Living With Scars“ gönnt man sich wieder einmal zwei Ausfälle“, muss ich mich wohl geirrt haben. Musik hat schließlich nichts mit Geschmack zu tun. :-D

    Toll ist zuletzt auch die Kategorisierung als „Stilübergreifend“. Gothic Metal als unscharfer Begriff zwischen Death und Doom Metal, Dark und Gothic Rock sowie ein bisschen „Weltmusik“ o.ä. wäre wohl zu hilfreich gewesen.

    Also, aus meiner Sicht schreibt Jan Müller nach wie vor substanzlos und kaum hilfreich. Statt die Musik zu beschreiben, gibt es lauter blumige Schwafeleien.
    Vielleicht bewerbe ich mich um einen Ghostwriterplatz für ihn. Ein Review zu Anathemas „Serenedes“ fehlt ja noch genauso wie ein „vernünftiges“ zu My Dying Brides „The Dreadful Hours“. :-D

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: