Das Cover von "The First Years Of Piracy" von Running Wild

Review Running Wild – The First Years Of Piracy (Re-Release)

  • Label: Noise
  • Veröffentlicht: 2022
  • Spielart: Heavy Metal

Die Geschichte von RUNNING WILD beginnt gefühlt erst mit „Under Jolly Roger“. Zwar veröffentlichten die Hamburger zuvor bereits eine EP und zwei volle Alben, das fortan prägende Piraten-Thema hielt aber erst zur dritten Platte Einzug, weshalb der Irrtum verziehen sei. Ziemlich genau zehn Jahre nach dem ersten Lebenszeichen seiner Band wollte Bandkopf Rock ’n‘ Rolf Kasparek den Riss zwischen diesen beiden Schaffensphasen offenbar kitten, denn er ließ seine Mannschaft ein paar handverlesene Stücke von besagten Alben für „The First Years Of Piracy“ neu einspielen – damals übrigens in der Besetzung von „Blazon Stone“. Zusätzlich zu sämtlichen übrigen RUNNING-WILD-Veröffentlichungen haben die wiederbelebten Noise Records nun auch diese Sammlung neu aufgelegt.

Wer das Debüt „Gates To Purgatory“ sowie seinen Nachfolger „Branded And Exiled“ im Original kennt, versteht durchaus, warum Käpt’n Kasparek hier Bedarf zur Nachbesserung sah: Ungeachtet ihrer musikalischen Qualität erinnert der rumpelige, kratzige Sound der Platten eher an frühe Venom denn an die späteren RUNNINGW WILD, die spätestens ab „Port Royal“ klanglich stets am Puls ihrer Zeit waren. Aber auch „Under Jolly Roger“ klang schon deutlich professioneller als seine beiden Vorgänger, weshalb nicht ganz klar ist, wieso auch diese Platte von den Renovierungsarbeiten betroffen war. Obendrein ist sie mit vier Songs vertreten und macht damit den Hauptteil der Compilation aus.

Musikalisch ist der eingangs angesprochene Bruch auf „The First Years Of Piracy“ deutlich spürbar. Während die Nummern von „Under Jolly Roger“ – neben dem Titeltrack u. a. „Diamonds Of The Black Chest“ – inhaltlich und musikalisch schon deutlich in Richtung des bis heute charakteristischen Sounds von RUNNING WILD weisen, lassen die früher entstandenen Songs die Wurzeln der Band erahnen: „Walpurgis Night“ von der „Victim Of State’s Power“-EP erinnert nicht nur im Namen an Stormwitch und Hymnen wie „Prisoner Of Our Time“ oder „Fight The Oppression“ sind zweifelsohne von der NWOBHM inspiriert. Wie gesagt, die Piraten kamen erst mit „Under Jolly Roger“ – zuvor hatten RUNNING WILD in gänzlich anderes Image im Sinn, was vor allem an „Soldiers Of Hell“ deutlich wird, denn in der ach so „bösen“ Nummer vom Debüt streben die Hamburger tatsächlich stark in Richtung Venom.

All diese Nummern werden auf „The First Years Of Piracy“ an – damals – aktuelle Hörgewohnheiten, sprich den Sound von Platten wie „Blazon Stone“ und „Pile Of Skulls“, angeglichen. Weil diese klangliche Frischzellenkur inzwischen auch schon wieder 30 Jahre zurückliegt, klingt das aus heutiger Sicht immer noch bzw. schon wieder altbacken – insbesondere das Schlagzeug ist nach heutigen Standards reichlich leise. Der Effekt ist aber dennoch spürbar und zu begrüßen, denn vor allem die ganz alten Songs klingen dadurch um einiges polierter. Müsste man die Verbesserung in seinem Satz zusammenfassen, man könnte sagen, dass die Titel von „Victim Of State’s Power“ bis „Branded And Exiled“ hier endlich in den regulären RUNNING-WILD-Kanon aufgenommen wurden.

Bei der Beschreibung von „The First Years Of Piracy“ wurde das Material von „Under Jolly Roger“ im Vorangegangenen bewusst am wenigsten beleuchtet. Wie eingangs erwähnt klang die Platte bereits bei Erstveröffentlichung typisch nach RUNNING WILD, weshalb der Effekt der klanglichen Überarbeitung geringer ausfällt als beim älteren Material. Folglich wäre es zu begrüßen gewesen, wenn Rock ’n‘ Rolf und seine Crew z. B. auch noch Songs wie „Black Demon“, „Mordor“ oder „Preacher“ auf die Höhe der Zeit gebracht hätten, anstatt ausgerechnet ihre dritte Platte zur Hälfte neu aufzunehmen. So oder so macht „The First Years Of Piracy“ aber großen Spaß und lässt manch alten Hit in neuem Glanz erstrahlen.

Keine Wertung

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