DVD-Review: Saltatio Mortis - Zirkus Zeitgeist live

Besetzung

Alea der Bescheidene - Gesang, Dudelsack, Schalmei
El Silbador - Dudelsack, Schalmei
Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein - Dudelsack, Schalmei, Drehleier, Gesang
Till Promill – Gitarre
Lasterbalk der Lästerliche – Schlagzeug
Luzi das L. – Dudelsack, Schalmei
Jean Mechant, der Tambour – Schlagzeug, Piano, Gitarre, Gesang
Bruder Frank – Bass

Tracklist

01. Wo sind die Clowns?
02. Willkommen in der Weihnachtszeit
03. Wachstum über alles
04. Des Bänkers neue Kleider
05. Nachts weinen die Soldaten
06. Habgier und Tod
07. Idol
08. Augen zu
09. Maria
10. Wir sind Papst
11. Geradeaus
12. Koma
13. Erinnerung
14. Satans Fall
15. Todesengel
16. Eulenspiegel
17. Prometheus
18. Früher war alles besser
19. Tritt ein
20. Trinklied
21. Worte
22. Rattenfänger
23. Spielmannsschwur


Von des Königs Henkern über die Eroberer des Paradieses bis hin zu zeitgenössischen Gesellschaftskritikern im Narrenkleid – diese mutige Vita legten SALTATIO MORTIS in den letzten rund zehn Jahren zurück. Zwei Nummer-Eins-Alben in den letzten vier Jahren sind die Belohnung dafür und zieren inzwischen die Diskografie der Südwestdeutschen. Zum 15-jährigen Bandbestehen gönnen sich die Totentänzer nun ihre zweite Liveveröffentlichung mit Bild und Ton, die eindrucksvoll beweist, warum SaMo inzwischen in einem Atemzug mit anderen Genregrößen wie In Extremo, Schandmaul oder Subway to Sally genannt werden (müssen).

Nein, nicht in ihrer musikalischen Heimat Karlsruhe, sondern in der hanseatischen Metropole Hamburg bauen die Chartstürmer die acht Kameras und zahlreichen Mikrofone für ihre neue Live-CD/DVD/Bluray auf, genauer gesagt in der mit 1400 Fans restlos ausverkauften Großen Freiheit. Mittlerweile ist es keine Seltenheit mehr im Folkrock, dass einige Kapellen fernab ihrer Heimat besonders euphorische Fans genießen. Die Hamburger erweisen sich jedenfalls als richtige Wahl, da sie bereitwillig mit Alea, Luzi und Co. feiern und in ruhigen Momenten wahlweise zuhören, mitsingen oder ein Meer an schwenkenden Armen bilden. Dieser Tatsache zollt auch das audiovisuelle Ergebnis Tribut, da die Fans sowohl akustisch im DTS-Mehrkanalmix als auch bei der Kameraführung eine wichtige Rolle bei „Zirkus Zeitgeist live“ spielen. Auf allen drei Medien befinden sich alle Songs der letztjährigen Toursetliste, die sich erwartungsgemäß mehrheitlich aus dem letzten Studiowerk „Zirkus Zeitgeist“ speist und dazu einige bandinterne Klassiker wie „Spielmannsschwur“ oder „Eulenspiegel“ erstmals mit neuem Material vereint. Apropos neues Material: Ganze 16 der insgesamt 23 Songs stammen von den letzten beiden Alben. Aus bandinterner Sicht verständlich, für einige langjährige Anhänger vielleicht zu einseitig.
An Bild und Ton sind die technischen Entwicklungen seit dem Relase von „Wild und Frei“ offensichtlich: Der Gesang und die Instrumente sind hervorragend ausbalanciert, die Schnitte und Kameraführungen weitestgehend professionell und immer stimmig zu den einzelnen Songs. Am Ende dürften vom Budget her noch einige Euro mehr in diese Produktion geflossen sein als in den Vorgänger – und das zahlt sich aus. Ganz ohne besondere Gäste oder Einlagen zeigen die zwei Stunden, wie beeindruckend SALTATIO MORTIS anno 2016 ihre Konzerte gestalten und wieviel Spaß und Freude die Musiker selbst mit ihrem Live-Set haben. „Bei uns gibt es keine Pausen, das wisst ihr doch“, lässt Sänger Alea mit einem Schmunzeln wissen und die Menge ist nach einigen Sekunden Atempause – genau wie die Band – sofort wieder voll da. Bereitwillig folgen die Jünger ihren Saltaten, die mit „Wo sind die Clowns?“ oder „Wir sind Papst“ live ebenso den mahnenden Zeigefinger erheben wie im Studio. Die omnipräsente Kritik an der modernen Gesellschaft und Politik erweist sich live als ungemein eingängig, tanzbar und ansteckend. Besonders angenehm: Die Musik steht im Vordergrund, nur selten ergreift Schlagzeuger Lasterbalk das Wort wie vor „Augen zu“. Dieses Lied steht in Hamburg ganz im Zeichen der Anschläge in Paris, die nur eine Woche vor der Aufnahme die Welt erschütterten. Davon abgesehen lassen SaMo lieber ihre Instrumente und Aleas Stimme sprechen, die sich bei „Maria“ und „Erinnerung“ auch von ihrer gefühlvollen Seite zeigt. Ab und an übernehmen auch die Fans stellvertretend für die Band wie in „Nachts weinen die Soldaten“ oder tragen Alea im Zugabenblock bei „Tritt ein“ auf ihren Händen. Mögen es nicht immer die Texte oder der Tiefgang sein, aber die Kombination aus den einzelnen Kompositionen zusammen mit eine Prise Zirkusambiente wie z.B. dem Konzerintro und Lichtern an der Decke funktioniert tadellos. Oben drauf bietet die Bluray noch rund 25 Minuten Making-Of-Material über den Aufbau der Show, die Band im Tourbus und am vorherigen Abend in Berlin. Kürzere Interviews mit den einzelnen Musikern runden das Gesamtpaket ab.

Wer auf der „Zirkus Zeitgeist“-CD noch nicht verstehen konnte oder wollte, welche Idee oder welchen Kurs SALTATIO MORTIS verfolgen – dem sei diese CD, DVD oder DVD wärmstens ans Herz gelegt. Sie zeigt eindrucksvoll die Livetauglichkeit des Albums und auch des gesamten „Bandkonzepts“, ebenso wie der erste Tourblock Ende letzten Jahres. Im Livegewand sind die einzelnen Stücke auch noch für Folkjünger geeignet, denen Dudelsack, Schalmei und Co. bei anderen Szenegrößen zu sehr zur Randnotiz verkommen. Dazu gehen kritische Texte nicht zwangsläufig auf Kosten der Live-Unterhaltung. Vielleicht ist es tatsächlich diese Kombination nebst energiegeladener Spielfreude, die den Siebener auf dem Höhepunkt jener Entwicklung so stimmig und stark macht.

Bewertung: 8.5 / 10

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