CD-Review: Slipknot - Iowa (10th Anniversary Edition Re-Release)

Besetzung

#8 Corey Taylor – Gesang
#4 James Root – Gitarre
#7 Mick Thompson – Gitarre
#2 Paul Gray – Bass
#1 Joey Jordison – Schlagzeug
#3 Chris Fehn - Percussions, Gesang
#6 Shawn Crahan - Percussions, Gesang
#0 Sid Wilson – Turntables
#5 Craig Jones 133 – Sampling

Tracklist

Iowa
01. (515)
02. People = Shit
03. Disasterpiece
04. My Plague
05. Everything Ends
06. The Heretic Anthem
07. Gently
08. Left Behind
09. The Shape
10. I Am Hated
11. Skin Ticket
12. New Abortion
13. Metabolic
14. Iowa
15. My Plague - New Abuse Mix (Bonustrack)

Re-Release-Bonus-Material:
CD: Disasterpieces – Live in London 2002:

01. (515)
02. People = Shit
03. Liberate
04. Left Behind
05. Eeyore
06. Disasterpiece
07. Purify
08. Gently
09. Eyeless
10. Drum Solo
11. My Plague
12. New Abortion
13. The Heretic Anthem
14. Sit It Out
15. Wait And Bleed
16. 742617000027
17. (sic)
18. Surfacing

DVD : Goat
"Iowa"-Dokumentation "Goat"
Musik-Videos zu:
My Plague
Left Behind
The Heretic Anthem (Live)
People = Shit (Live)


An SLIPKNOT scheiden sich seit jeher die Geister: Die einen werden nicht müde, die neun Maskenmänner als Kiddy-Band zu verurteilen und zu ächten, die anderen schätzen sie als die New Metal-Größe – sicher ist: Kalt lässt die Band die wenigsten. Zum zehnjährigen Jubiläum ihres zweiten Albums und Karrieresprungbretts „Iowa“ wird dieses nun in einer speziellen „10th Anniversary Edition“ wiederveröffentlicht. Grund genug, sich nocheinmal eingehend mit dem Meisterwerk selbst, sowie natürlich auch den Vorzügen des Re-Releases zu befassen:

Iowa
Mit „(515)“ beginnt das Album in Analogie zum Debütalbum mit einem verstörenden, sinistren Intro: Beklemmendes, schwelendes Grummeln, gequälte Schreie, und das Wort „Death“ erfüllen den Raum, bevor nach einem langgezogenen, finalen „Deaaaaaaaath“ in Form von „People = Shit“ die Hölle losbricht: In einem fulminanten Einstieg aus angespieltem Riff, infernalischem Geprügel mit Geschrei und heulenden Gitarren, sowie einem der mächtigsten Breakdowns der Metal-Geschichte wird hier in den ersten Sekunden scheinbar alle Energie, die die Musiker mit ins Studio gebracht haben gebündelt freigesetzt und auf den unbedarften Hörer losgelassen. Dass „People = Shit“ über die Jahre zu einem Lehrbeispiel in Sachen New Metal geworden ist, verwundert da wenig.
Wer jedoch erwartet, das Album würde nach diesem rasanten Start einbrechen, täuscht sich gewaltig – legen SLIPKNOT mit „Disasterpiece“ sowie „My Pleague“ doch gleich zwei weitere Höhepunkte nach, welche, jeder auf seine Art, zu überzeugen wissen: Ist ersterer doch eher auf die Kombination aus groovendem Riffing und schnellen Blasts ausgelegt, um im Mittelteil etwas zur Ruhe zu kommen und sogar mit etwas Klargesang aufwarten zu können, ist es bei zweiterem (im Übrigen bekannt vom „Resident Evil“-Soundtrack) ebendieser Klargesang, der im Mittelpunkt steht: Nach einer imposanten Steigerung im Songaufbau überrascht Corey Taylor den Hörer mitten aus einem harten Midtempo-Riff heraus mit einem clean gesungenen Refrain, welcher dem Song einen sehr eigenen Charakter verleiht und dezent an „Purity“ denken lässt. Nicht nur hier fällt dabei auf, wie sehr sich Taylor stimmlich verbessert hat – klingen doch einerseits die „bösen“ Passagen einen Zacken kraftvoller und mehr „von innen heraus“ als noch auf dem Debüt, andererseits die klar gesungenen Stellen deutlich souveräner: Corey weiß seine Stimme merklich präziser und vielseitiger einzusetzen – und bereichert den Sound der Truppe aus Iowa so immens. Deutlich wird das auch im nun folgenden „Everything Ends“, welches musikalisch keine großartig neuen Akzente setzt, jedoch durch den Gesang zu einer herausragenden Nummer wird: Von wüstem Geschrei über Sprechgesang bis hin zu Klargesang ist hier in schnellem Wechsel alles zu finden.
Mit dem gescratchten Countdown „8 7 6 – 6 – 6 5 4 3 2 1“ beginnt mit „The Herethic Anthem“ im wahrsten Sinne des Wortes eine weitere Bandhymne – wer einmal in den Genuss der „Disasterpieces“-DVD, oder auch einfach eines SLIPKNOT-Auftritts gekommen ist, wird die Energie, die nach dem Drumbreak sowie dem Einstieg der ersten Gitarre beim brachialen Einsatz der gesamten Band frei wird, quasi bildlich vor Augen haben, während dieser Track aus den Boxen dröhnt: Erbarmungsloses Geprügel, aber mit Stil.
Zeit für eine Pause, mag nun der ein oder andere vom bloßen Zuhören ausgepowerte Hörer denken… und sie wird in Form von „Gently“ gewährt: Der Track, ehemals schon auf dem verleugneten „Debüt“-Album „Mate. Feed. Kill. Repeat.“ zu finden, wurde für „Iowa“ in ein gänzlich neues Gewand gepackt und erfüllt so perfekt die Aufgabe des Ruhepunktes in der Albummitte – auch wenn von einem „Ruhepunkt“ zu sprechen dem Song freilich nicht wirklich gerecht wird, können SLIPKNOT doch auch hier gegen Ende nicht an sich halten und prügeln nochmal kräftig drauf los.

Auch die zweite Albumhälfte vermittelt eher das Gefühl eines Best-Of-Albums, denn den eines regulären Studiowerkes, reiht sich doch auch hier Hit an Hit: In „Left Behind“, sowie insbesondere bei „The Shape“ glänzt erneut Corey mit Klargesang, während seine Band alle Register zieht – und das sind, bei acht Instrumentalisten, einige. Wenig verwunderlich also, dass es hier immer etwas zu entdecken gibt, sind doch gerade Sit #0 Wilsons Scratches und Samples subtil genug eingeflochten, um sich nicht ständig in den Vordergrund zu drängen. Ähnlich verhält es sich mit den Percussions von Clown und Chris Fehn – fallen diese doch zwar nur an wenigen Stellen wirklich auf, verleihen dem Gesamtkonstrukt jedoch genau den Extra-Zacken Durchschlagskraft, der fehlen würde, wären sie nicht da. Läuft das Album bei „I Am Hated“ dezent Gefahr, sich zu wiederholen und damit totzulaufen, reißen SLIPKNOT das Ruder gerade noch im rechten Moment herum und liefern mit „Skin Ticket“ einen extrem vielseitigen Song ab, der gerade von den extremen Wechseln zwischen bedrohlich leisen Flüster-/Klargesangs-Passagen und aggressiven Groove-Momenten lebt und damit einiges an Abwechslung bereithält
Zwei weitere Kracher („New Abortion“ und „Metabolic“) später folgt schließlich mit „Iowa“ der das Album beschließende Titeltrack – und der hat es wahrlich in sich: Über 15 Minuten entwickelt sich hier eine Geräuschkulisse aus an Wind und Mövengeschrei erinnernden Lauten, zu denen sich langsam Cleangitarre, Schlagzeug und desillusioniert raunender Gesang, sowie später fast schon doomige Distortion-Gitarren mischen. Nach einer weiteren, großen Verschnaufpause bäumt sich „Iowa“ schließlich ein letztes Mal auf, bevor das Monster tödlich getroffen zu Boden geht und kümmerlich verendet.

Was „Iowa“ als Ganzes so genial macht, ist, neben dem drückenden Sound und der glasklaren Produktion, die Tatsache, dass den neun Musikern aus Iowa ein entscheidender Kniff gelungen ist: Die Aggression, die das Debüt so einmalig gemacht hat, erneut einzufangen, ohne sich jedoch zu wiederholen oder dabei abzustumpfen.
Statt dessen ist eine deutliche Weiterentwicklung erkennbar:War „Slipknot“ eher noch der chaotische Schläger, der brutal, aber wahllos in die Menge drischt, ist „Iowa“ eher der kaltblütige, vorausplanende Killer, der mit Kalkül grausam mordet. Vom Intro bis zu den letzten, verlorenen Tönen von „Iowa“ hat man es hier mit einem durchkonzipierten, in sich stimmigen Album zu tun, das ohne eine Sekunde zu langweilen eine gute Stunde lang zu unterhalten vermag… ein Attribut, dass man so uneingeschränkt leider keinem der beiden späteren Alben zusprechen kann.

10th Anniversary Edition:
Neben dem normalen Album bietet die Re-Release-Version dem geneigten Fan, der sich das Album zum zweiten Mal in den Schrank zu stellen gewillt ist, beziehungsweise all jenen, die die Wiederveröffentlichung endlich zum Anlass nehmen, sich dieses Meisterwerk in den Schrank zu stellen, gleich zwei Bonus-Silberlinge: Neben „Goat“, einem „Dokumentarfilm“ im typischen Slipknot/Shawn Crahan-Stil (man denke an die vorletzte DVD, „Voliminal: Inside The Nine“), welcher sich mit der Geschichte des Albums befasst (A.d.Red.: das Videomaterial lag zur Rezension leider nicht vor), bildet die Live-CD „Live in London 2002“ wohl den Kern der Wiederveröffentlichung – handelt es sich dabei doch um nichts anderes als den legendären Auftritt der neunköpfigen Band in der London Astoria Hall, welcher noch im selben Jahr unter dem Titel „Disasterpieces“ im DVD-Format veröffentlicht wurde und damit nicht unwesentlich zum Ruf der Band beigetragen hat.
Eine so simple wie geniale Idee des Labels, könnte man sagen, ist der Aufwand, die Tonspur der DVD als Audio-CD herauszubringen doch ein wohl denkbar kleiner – der Effekt dafür umso größer, dürfte doch wohl jeder SLIPKNOT-Fan schon davon geträumt haben, dieses Konzert auf dem mp3-Player hören zu können. Und in der Tat, die CD hält, was sie verspricht: In brilliantem Sound brüllen die Songs hier aus den Boxen, aufgenommen genau zu der Zeit, als die Band die Hälfte des Weges zwischen Chaos und Professionalität, Aggression und Kalkül eben erreicht hatte – man könnte sagen: Am gefühlten Höhepunkt ihrer Karriere.

„Iowa“ ist ein Muss für alle Fans aggressiver, anspruchsvoller, chaotischer, brutaler, energiegeladener, gefühlvoller und vielseitiger Musik modernerer Gangart – ob nun im Original oder dem Re-Release. Doch wenn man schon die Chance bekommt, sich gleichzeitig eines der wohl besten je mitgeschnittenen Livekonzerte als CD zuzulegen, und auch noch einen – auch ohne ihn zu kennen – gewiss unterhaltsamen Dokumentarfilm hinterhergeschmissen zu bekommen, sollte niemand länger zögern.
Bei diesem Package ist vermutlich sogar der ein oder andere Besitzer des Original-Releases versucht, nochmals zuzugreifen… und wer an Live-CDs gefallen findet, macht damit in diesem Fall auch ganz gewiss nichts falsch.

Bewertung: 10 / 10

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