Review The Keening – Devotion

Wenn Vögel im Frühling, während die letzte Winterkälte gegen die ersten wirklich kräftigen Strahlen der Sonne ankämpft, ihre Nester bauen, dann tun sie das mit voller Hingabe. Für sich, aber auch für ihre Jungen. Der Zaunkönig hingegen bewohnt sein Nest sogar während des Winters. Die Metapher: Wir können mit der Vergänglichkeit leben oder aus ihr etwas Neues erschaffen. So lässt sich auch „Devotion“ von THE KEENING interpretieren.

Zumal die Spielerei mit den (vorwiegend kühlen) Jahreszeiten tatsächlich gut ins Bild passt. Das neue Album von THE KEENING ist auf Grundlage eines großen Verlustes entstanden, der einer Aufarbeitung bedurfte, und das hört man ab der ersten Note. Die sanften Klavierklänge auf „Devotion I – Golden Thread“ verschmelzen mit traumhaft melancholischen Streichern von Andrea Morgan, (Violine und Viola) sowie Jackie Perez Gratz (Cello), sanftem Schlagzeug und der markanten Stimme von Rebecca Vernon. Den gleichen Weg geht die Sängerin (übrigens auch für die meisten Instrumente auf „Devotion“ verantwortlich) mit „Devotion II – Fitful Sleep“, wo ätherischer Gesang und Streicher-Arrangements durch ein leichtes und dennoch ausdrucksstarkes Fundament von Doom-Metal ergänzt werden.

Das kräftige Gitarren nämlich genauso zum Sound von THE KEENING gehören wie folkloristische Theatralik, zeigen Stücke wie „Devotion III – The King“ oder „A Little Bit Of Blood“. Mit diesen beiden Liedern gibt Vernon über schwere Gitarren und schleppendes Schlagzeug noch am ehesten klare Verweise darauf, dass sie sich mit SUBROSA schon lange vor THE KEENING ihre Sporen im Stoner-, Doom- und Sludge-Metal verdient hat. Wichtig ist aber zu sagen, dass die Songs auf „Devotion“ niemals ins Brachiale abkippen. Viel eher dient der Einsatz von Gitarren als stilvolle Ergänzung vor einem Klangbild, das näher bei STEVEN WILSON als AMENRA liegt. Bestens intoniert auf „Devotion IV – O Mother“, auf dem erneut die volle Theatralik ausufernder Streichermelodien dominiert.

Ob THE KEENING ihre sanfte, aber stets tragische Musik also über Saiteninstrumente, Tasten oder Bläser, zum Beispiel durch den Einsatz von Klarinetten, Flöten und sogar einem Waldhorn intonieren, spielt in Bezug auf das, was Rebecca Vernon mit ihrem Projekt ausdrückt, kaum eine Rolle, denn keine Komponente übertönt die andere. Alles verwebt sich zu einem großen Ganzen. Sicher wäre der ein oder andere eruptive Moment mehr für „Devotion“ durchaus vorteilhaft gewesen, und ganz sicher ist die zweite Platte auch nach wie vor nichts für den geneigten Nackenstaucher, was auch der Schluss des Albums, „The Murder Of Anna Brown“, noch einmal zeigt. Zwar ist das, was hier an Gitarrenarbeit geleistet wird, durchaus schlagkräftig, aber es dominiert nicht die Kulisse aus majestätischem Gesang, Hammond-Orgeln und den weiterhin unglaublich stimmigen Streichern.

Rebecca Vernon erschafft auf ihrem neuen Album mithilfe zahlreicher Musikerkollegen etwas, das zwischen der Schwere von Trauer und dem Optimismus der Erneuerung steht. Dass sie dabei Atmosphäre vor maximale Eingängigkeit stellt, ist nur konsequent. Somit ist „Devotion“ sicherlich kein Ohrwurm-Album, und auch tonnenschwere Doom-Riffs finden sich höchstens als eine leise Nuance in den sieben neuen Titeln. Vielmehr ist die zweite Veröffentlichung von THE KEENING ein Stück Musik für Einkehr, Reflexion und Erkenntnis. Mit anderen Worten: das perfekte Album für den Herbst.

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Wertung: 7.5 / 10

Philipp Sorger

Publiziert am von

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