Review Unverkalt – Héréditaire

Vor etwas mehr als zwei Jahren veröffentlichte die deutsch-griechische Band UNVERKALT ihr zweites Album „A Lump Of Death: A Chaos Of Dead Lovers“, auf dem sie ihren schmerzhaft intensiven Post-Metal noch einmal auf ein anderes Level heben konnte. Es heißt, der dritte Longplayer einer Band entscheide über ihren weiteren Karriereweg – über Stillstand oder das Erklimmen einer neuen Stufe. Genau an diesem Kreuzweg stehen UNVERKALT nun mit ihrem neuen Album „Héréditaire“.

Der Start ist zunächst fulminant und bringt „Die Auslöschung“ als einen Song mit schlüssigem Wellencharakter an den Start. Ein fast doomiger Post-Metal-Part entfesselt nach rauen Gitarren und hallendem Gesang eine erste brachiale Black-Metal-Salve, nur um sich anschließend in knarzige, flächigere Gefilde zurückzuziehen. Der hallende Gesang von Dimitra Kalavrezou ist gerade in den postlastigen Abschnitten sehr stimmig. Wenn sie in rasanteren Momenten jedoch ihre Stimme für Klargesang anbietet, werden UNVERKALT zur Geschmacksfrage.

Eine weitere Facette in Kalavrezous Repertoire sind Screams, die besonders auf „Oath Ov Prometheus“ gelegentlich an CRADLE OF FILTH erinnern. Der Titel schwankt dabei zwischen Hochgeschwindigkeit, Arrangements im mittleren Temposektor und harmonischen Einsprengseln. Einen schönen, dynamischen Drift bietet hingegen „Lullaby For A Descent“, dessen verschwommene Gitarren auf einem Fundament rhythmisch gut ausbalancierter Drums einen wahrhaft großen Build-up zur Mitte des Songs hinlegen. Dann geben sich Kalavrezous helle Stimme und Eli Mavrychevs druckvolle Growls die Klinke in die Hand und verweben sich zu genrekonformem Post-Black-Metal.

Es bleibt nicht bei diesem Highlight: „I, The Deceit“ führt mit seinem weltvergessenen Einstieg kurz weg von großen Klangwänden und verhallenden Gitarren, ehe Sakis Tolis (ROTTING CHRIST) – begleitet von walzendem Black Metal – eine perfekte Ergänzung zur schieren Wut und Dunkelheit dieses Titels darstellt. Der Track ist überdies auch einer der griffigsten auf „Héréditaire“. Das ist so schön wie schade, da das Album auch Songs bereithält, die bei aller Komplexität zwar vieles richtig machen, jedoch nicht immer auf den Punkt kommen wollen.

„Ænæ Lithi“ etwa ist ein spannender Song, da sich UNVERKALT hier nicht nur auf die zuvor etablierten Mittel verlassen, sondern vergleichsweise offen starten. Zwar lässt der Titel keine Zweifel an den spielerischen Fähigkeiten der Band und auch Dimitra Kalavrezou spielt beim Klargesang all ihre Karten aus, wirklich hängenbleiben möchte der Song allerdings nicht. Ganz ähnlich verhält es sich bei „Penumbrian Lament“, der zwar gänzlich konträr zum zuvor genannten Track ordentlich auf das Aggressionspedal tritt, ohne jedoch nachhaltig prägnante Spuren zu hinterlassen.

UNVERKALT zeigen sich auf „Héréditaire“ von ihrer bisweilen sanftesten und zugleich verspieltesten Seite. Das neue Werk ist vielseitig, raumfordernd und gibt auch nach mehreren Hördurchläufen weitere Details und Eindrücke preis. Die Kehrseite dessen ist, dass die Songs auf „Héréditaire“ zuweilen auch anstrengend werden können. Es handelt sich hier nicht um ein reines Genussalbum, sondern um ein Werk, das Auseinandersetzung und Tiefe sucht. Wer also Zeit investiert und Vielseitigkeit über Eingängigkeit stellt, für den ist „Héréditaire“ womöglich ein Treppchenkandidat.

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Wertung: 7 / 10

Philipp Sorger

Publiziert am von

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