Gitarrenlegende YNGWIE MALMSTEEN spaltet seit jeher die Gemüter. Mit unüberhörbarer technischer Brillanz an seinem Instrument, musikalischer Vision und unwiderlegbarem Einfluss auf Generationen an Gitarristen ist der gebürtige Schwede sicherlich ein Innovator der harten Musik. Mit Egomanie, Größenwahn und unverbesserlicher Halsstarrigkeit vereint er in seiner Person aber auch die meisten negativen Eigenschaften, die man exzentrischen Gitarrenvirtuosen gemeinhin nachsagt. Damit ist Herr Malmsteen gleichzeitig Vorbild und leibhaftiges Internet-Meme, was beides dafür sorgt, dass er den melodischen Metal seit fast 40 Jahren prägt. Vor allem in Japan kommt sein virtuoses Spiel seit jeher gut an, weshalb es kaum überrascht, dass sein neues Live-Album „Tokyo Live“ eben dort aufgezeichnet wurde.
Inhaltlich bietet „Tokyo Live“ einen recht umfassenden Querschnitt des Schaffens von YNGWIE MALMSTEEN. Fans wird es kaum wundern, dass die Tracklist in überwiegender Mehrheit aus Instrumentalstücken besteht, denn eigentlich war das auch auf den Alben des Schweden stets so. Während seinen glühenden Verehrern angesichts des ausgiebigen neo-klassischen Gefrickels also der Sabber aus dem Mund laufen dürfte, werden sich Gelegenheitshörer fragen, ob das Publikum eigentlich zwischen „Rising Force“ und „I’ll See The Light Tonight“ mehrfach wieder aufgeweckt werden musste. Als Vorwurf wäre diese Bemerkung allerdings unangebracht, denn wer YNGWIE MALMSTEEN live genießt, weiß, was zu erwarten ist.
Auch, dass der Maestro sich inzwischen von der Zusammenarbeit mit namhaften Sängern verabschiedet hat, kann man ihm – zumindest live – nicht zum Vorwurf machen. Beispielsweise „Soldier“ zeigt, dass Mr. Malmsteen das auch ganz gut selbst hinbekommt. Der eigentliche Star ist aber Keyboarder Nick Marino, der Hauptberuflich als Frontmann der serbischen Power-Metal-Band NZM in Erscheinung tritt und Songs wie „Rising Force“ mit seinem Leadgesang veredelt – schade, dass er selbst zu diesen Gelegenheiten vom Chef an den Bühnenrand verbannt wurde. Der DVD-Teil von „Tokyo Live“ beweist dabei, dass der Shredder den enormen Platz, der ihm dank der recht einseitigen Bühnenaufteilung zur Verfügung steht, tatsächlich hervorragend für sein Stageacting zu nutzen weiß und überraschenderweise kommt die überzogenen Flamboyanz, mit der sich YNGWIE MALMSTEEN auf der Bühne selber feiert, tatsächlich sympathisch rüber.
Was man Herrn Malmsteen aber unbedingt vorwerfen sollte, ist der nachgerade unterirdische Mix von „Tokyo Live“. Als hätte er das Image vom egozentrischen Tausendsassa auch in diesem Punkt aktiv pflegen wollen, hat er die Platte natürlich selbst abgemischt. Das Ergebnis ist ein amateurhafter Mix mit viel zu lauter Gitarre (Überraschung …), unterirdischem Schlagzeugsound und einem reichlich unrealistisch klingenden Publikum, das irgendwie immer die gleiche Lautstärke hat. Völlig egal also, wie gut der Inhalt dieses Live-Pakets sein mag: „Tokyo Live“ klingt so amateurhaft wie ein Handy-Video, weshalb der Preis von knapp 25 Euro nicht im Ansatz zu rechtfertigen ist. Die DVD wiegt das zu einem geringen Teil wieder auf, denn der Schnitt ist in der Tat sehr gut geraten und fängt vor allem des Meisters Bühnenakrobatik hervorragend ein.
Ja, auf dem Papier ist „Tokyo Live“ ein wirklich wertiges Paket – 30 Songs auf Doppel-CD und DVD versprechen YNGWIE MALMSTEEN satt. Wer sich allerdings gefreut hat, ein volles Konzert des Saitenhexers nach modernen Standards produziert erleben zu können, wird enttäuscht. Akustisch entspricht das Gebotene nämlich absolut gar keinen Standard, sondern ist ein hervorragendes Beispiel dafür, warum die meisten – vor allem alteingesessenen – Musiker lieber anderen die Produktion überlassen sollten – optisch hingegen macht „Tokyo Live“ tatsächlich einiges her. Weil es bei Konzerten aber in erster Linie ums Hören geht und man diesen Mitschnitt dank der katastrophalen Nachbearbeitung eigentlich nicht anhören kann, ist dieses Live-Album leider nicht zu empfehlen. Schade.
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Wertung: 3.5 / 10


