Seuche schreibt … – Teil 11

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Zu viele Scheißbands, zu viel Hype

Kolumne Nummer 11. Schnapszahl. Dazu fällt mir ein, ich habe seit einigen Wochen einen neuen Lieblings-Gin: Opihr (Oriental Spiced London Dry Gin). Schmeckt wie Gin halt schmeckt, nur eben mit einer handvoll orientalischer Ingredienzen. Aus einer vor allem gelangweilten Laune heraus trinke ich seit neustem nämlich Gin-Tonic. Unter dem Motto „Jeder braucht ein Hobby“ habe ich mir vor ein paar Wochen einen Schwung Gin-Flaschen und verschiedene Tonic Water gekauft, niedriges bis mittleres Preisniveau. Soll ja auch gut gegen Mücken sein, bei dem Wetter, har har! Seitdem versuche ich, mehr schlecht als recht, beim Fachsimpeln unter Kollegen mitzuhalten. Kaum mit der Aussicht auf Erfolg für einen, der am liebsten Bier aus der Dose trinkt.

Seuche FäulnisErnsthaft, Gin-Tonic schmeckt mir durchaus, sonst würde ich mir nicht schwachsinnigerweise mehr als eine handvoll verschiedener Buddeln in die Hütte stellen. Aber das Gelaber drumherum, „süffig im Abgang / frech in der Blume“ und so… alter Schwede! Nebenbei, unvollständige Liste, was ich absolut nicht trinke: Jägermeister, Saurer Apfel, Öttinger (außer das Malzbier, das ist überraschend gut), seit dem In Flammen-Festival Weißwein aus dem Tetrapack, ungern Billig-Wodka, Biermixgetränke uuund all das, was ich heute in Verbindung bringe mit „früher heimlich hinter der Turnhalle/ im Wald/ Feld etc. gebechert“. Kleiner Feigling und dieser ganze Scheiß!

Mir schwant, ich sollte mich in einer der kommenden Kolumnen mal dem Thema Alkohol widmen.

Es brennt mir aber etwas ganz anderes unter den Nägeln. Auf meine letzte Kolumne hin bekam ich endlich mal ein wenig Kontra von meinen Lesern. Ein Leser beschwerte sich über mein Casper-Zitat „Zu viele Scheißbands, zu viel Hype“, beziehungsweise über den Part „zu viele Scheißbands“. Warum dieses Thema überhaupt ein Thema ist? Ganz klar, wie Moritz (Chef hier) in seinem Kommentar schon richtig festgestellt hat: „Vor 20 Jahren sind Bands durch die limitierten technischen Möglichkeiten so lange im Proberaum gestanden, bis sie ihren Mist spielen konnten. Die, die wirklich viel Elan hatten, haben sich dann für teures Geld in einem Studio eingemietet, ein Demo aufgenommen und damit bei nem Label beworben. Heute kann auf gut Deutsch jeder dahergelaufene Arsch mit etwas Taschengeld eine halbwegs passable Studiosoftware erwerben“ etc. pp.

Die Frage, ist das jetzt gut oder schlecht? Tja, diese Frage zu beantworten, ist überhaupt nicht mein Ziel. Aber meine 50 Pfennig dazu: Warum nicht? Selbst wenn sich unter 100 Bands, die vor 20 Jahren ein Studio nicht hätten blechen können, auch nur eine Combo befindet, die richtig geil ist, dann hat es sich doch schon gelohnt. Man muss sie nur finden. Und im Grunde liegt auch nur da das Problem. „Zu viele Scheißbands“. Man steht heute eben erst einmal vor dieser Masse an Bands, durch die es sich durchzukämpfen gilt, und das mit erheblichen Qualitätsschwankungen. Nicht, dass alles, was mindestens zwanzig Jahre alt ist, im Durchschnitt qualitativ wertvoller ist als heute… doch, ähm… eigentlich schon, irgendwie!

Absu V.I.T.R.I.O.L.Früher bin ich in den örtlichen Second-Hand-Laden marschiert und hab mir zu einem nicht geringen Teil Platten mitgenommen, nur weil die Cover so krass böse waren (z.B. die Absu „V.I.T.R.I.O.L.“). Klar habe ich auch in vieles rein gehört, aber letzten Endes habe ich dann eh den halben Stapel so mitgenommen und war auch meistens sehr zufrieden. So etwas ginge doch heute kaum mehr, oder? Klar erwische ich mich immer mal wieder dabei, dass ich mir Platten fast nur wegen des Covers kaufen möchte, höre heute aber nahezu immer erst rein, bevor ich Geld ausgebe. Weil man heute einfach viel schneller auf die Fresse fliegt. Es ist schwierig zu erklären, weil auch früher nicht direkt vom Cover auf die Musik geschlossen werden konnte, aber heute ist das Risiko einfach noch größer, verstehste? Amorphis „The Karelian Isthmus“, Carcass „Necroticism“, beide ungehört mitgenommen wegen dem Cover. Cover geil, Mucke geil. Midnight „No Mercy For Mayhem“ – schweinehammerhartgeile Scheibe, aber echt mal beknacktes Cover, zum Glück drauf gestoßen (worden). Katharsis - KruzifixxionKatharsis „Kruzifixxion“… Musikalisch mehr als herausragend, aber das Cover, uhuhu, jetzt bitte keine Schnappatmung (OpenOffice-Auto-Korrektur gibt mir „Schnapsatmung“ vor), erinnert schon irgendwie an „Der kleine Vampir“. Wie ich jetzt auf die aus dem Zusammenhang gerissenen Bewertung von Plattencovern komme, weiß der Geier. Stimmt, wollte ich eigentlich in der Kolumne Teil 6 unterbringen, habe mich da aber komplett auf Unru eingeschossen.

Eine Merkwürdigkeit, die mir gerade einfällt. Es gibt eine bestimmte Form von Black-Metal-Ästhetik, die nahezu identisch vom aktuell aufstrebenden (ist das so?) links orientierten Black Metal übernommen wird. Eine optische Ästhetik, die irgendwann mal ziemlich genau auf den Inhalt schließen ließ (raues Geholze, Delay, Scheiß auf alles und Hall). Eine Ästhetik, die von Bands jetzt als modisches Accessoire genutzt wird, ausgerechnet aber von Bands, die sich gleichzeitig vom Black Metal distanzieren, weil, vulgo, „eh alles rechts!“ Immer vorsichtig, immer korrekt, immer auf der richtigen Seite, schön und gut. Aber das ist ja nicht mal mehr Punk! Warum macht man das? Sich einerseits bedienen, sei es an der Optik oder dem musikalischen Fundus, sich anderseits aber distanzieren? Faszination Black Metal, nä?

Was ich ganz gerne mache, um neues Zeug kennenzulernen: Bei YouTube eine Band plus „full album“ eingeben, mich durch die dann zusätzlichen Vorschläge klicken und mir dann wahllos alles, was annähernd interessant „klingt“ auf den MP3-Stick rippen. Für Bahnfahrten, Autofahrten, zum joggen… Ok, der letzte war gut, haha! Die Ausbeute, und da komme ich wieder zum Thema, schildert sich wie folgt: Klassiker zählen nicht (habe mich gerade erst durch eine ganze Reihe alter Entombed, Unleased, Celtic Frost, Bolt Thrower etc. gewüht, geilo man!). An neuen und/ oder mir unbekannten Bands sieht es dann leider so aus, dass ich erschreckende 90% mit dem Vermerk „vollkommen belanglos“ wieder lösche. Besonders schlimm ist es in den Bereichen Post-Rock-BM, okkult angehauchtem BM und als Krönung natürlich DSBM. Was einem da für eine gequirlte Elitegülle untergejubelt wird, passt auf keine noch so gemästete Kuhhaut. Und hier kann ich endlich mal wieder, meine Güte, mein roter Faden heute macht mich fast sprachlos, querverweisen: Wer in der glücklichen Situation ist, vor lauter Weltenschmerz nur DSBM machen zu können, hat immerhin den begrüßenswerten Vorteil, dass DSBM Waschmaschinengeräusche und Waschbärschreie sozusagen von Haus aus mitbringt. Denn dafür braucht man kein echtes Studio. Warum eigentlich immer DSBM, Seuche? Mir ist mal aufgefallen, dass Rezensenten, die Fäulnis richtig scheiße finden, immer die DSBM-Karte ziehen, im Gegensatz zu den mir Wohlgesonnenen, die immer mit Punk argumentieren.

Zusammengefasst, klar, wenns Trend wird, steigt die Masse der Nachahmer, das war aber schon immer so. Heute kann jeder irgendwie irgendwas mit passablem Sound auf die Beine stellen. Und es von einem Label hochjubeln und hypen lassen. Denn „Hype“ scheint mal wieder das Wort der Stunde zu sein. Aber um mit meinem wie gewohnt reichen Erfahrungsschatz denen einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, die sich jetzt durch Cubase und Scheißequipment eine große Karriere erhoffen: Bislang ist es immer noch, trotz technischen Fortschrittes, musikalisches Talent, gute Ideen und eine ganze Menge harte Arbeit, die Bands nach vorne und nach oben bringt (und leider auch Geld). Der ganze Scheiß, der diese Kriterien nicht erfüllt, es dennoch gelegentlich nach oben schafft (Geld), hat nichts mit Musik zu tun, das ist grenzdebile Unterhaltung.

Gute Nacht,
//Seuche


SeucheSeuche. Jahrgang ’80, Biertrinker, Punker, 24/7-Musik-Konsument, loses Mundwerk, „hat Maiden ’92 live gesehen“. Fronter bei FÄULNIS, Basser bei BLACKSHORE. Für Metal1.info schreibt er an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über Musik, die Szene und was ihm sonst so durch den Kopf geht – wie er es selbst auf den Punkt bringt „bissig, zynisch und eben nicht auf Eierkuchen aus“.

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