Seuche schreibt … – Teil 6

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Ästhetik, Provokation, Aufmerksamkeit und der ganze Rest

Meinungen sind wie Arschlöcher und Seuche hat sie alle. Oder so. Da klicke ich mich gestern gelangweilt durchs Internet und stoße auf der Seite meiner Lieblings-AZBMer* auf die neue Albumankündigung mitsamt Coverenthüllung. Und mein lieber Kokoschinski, wie hässlich! Wie unfassbar unansehnlich hässlich!

Es geht um UNRU und das Artwork zu „Als Tier ist der Mensch nichts“ und wenn ich nicht eine so große Wertschätzungen den Jungs und ihrem Tun gegenüber haben würde, hätte ich die Angelegenheit wohl auch schnell wieder vergessen. Wie aber kürzlich das Thema „Was ist Erfolg“ ließ mich das Cover und vor allem das „warum“ die Nacht über nicht in Ruhe, so dass ich mich heute über den Sinn und Unsinn von Plattencovern auslassen will.

Unru – Als Tier ist der Mensch nichts

Ästhetik, Provokation, Aufmerksamkeit. Im besten Falle visuell einfangen, was den Hörer erwartet, am Ende aber doch immer der Versuch, Aufmerksamkeit zu erregen. Ob durch Ästhetik oder Provokation, dass sei jedem selbst überlassen. Auf alle Fälle zählt, ohne geht’s nicht. Nicht einmal im MP3-Zeitalter. Oder gerade? Ich habe das Gefühl, das gerade mit dem Revival der Schallplatte dem Cover wieder verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Da lese ich Dinge wie „Och nö, das Cover ist scheiße, da wird’s wohl nicht die Vinyl“, denke mir im ersten Moment „Alter, …“, merke dann aber, eigentlich ist es doch so. Natürlich hat Vinyl noch viele weitere tolle Aspekte, einer ist aber, ein besonders geiles Cover kommt auf 12inch besser als auf den 12x12cm eines CD-Covers.

Es gibt zwar immer wieder Stimmen, die behaupten, das Artwork sei ihnen vollkommen egal. Auf der anderen Seite ist es fast immer der erste Berührungspunkt mit einem Album. Und mal ehrlich, wer hat noch nie ein Album einfach blind gekauft, nur wegen dem Cover?

Apropos, stand ich vorgestern bei Mediamarkt, um ein paar neue DVDs fürs Abendprogramm zu erstehen. Zeit für einen Blick durch die CD- und spärliche Vinyl-Abteilung war da. Schöner Kontrast, wenn einem eine CD, gestaltet von John Dyer Baizley (Kvelertak, Baroness) in die Finger gespielt wird, wenn man sich an die eben noch begutachtete neue Abbath erinnert. Ich sag noch „Baroness und Kvelertak verkaufen doch allein wegen der Coverartworks schon zig‘ Alben.“ Denke dann an die Abbath und füge hinzu „Vielleicht sind Immortal auch einfach nur ehrlich und denken sich ‚Wer bei unseren Covern noch mitmacht, meint es echt ernst mit der Mucke‘.“

Zurück zu UNRU. Da sitze ich vorm Rechner, starre das Cover an, versuche irgendwas darin zu erkennen, zumindest einen Sinn dahinter, eine Form, irgendwas. Aber nein, es bleibt hässlich. Auf der anderen Seite beginnt es, mich zu beschäftigen. Vielleicht auch vor allem, weil ich schon lange sehr gespannt auf das Album warte, der Albumtitel grandios ist und den Jungs dahinter viel zumute, aber auf keinen Fall Gleichgültigkeit ihrer Musik gegenüber. Dafür haben sie sich zum Beispiel gerade für ihr erstes Demo viel zu sehr ins Zeug gelegt, eine ausgesprochen gute Verpackung zu kreieren (Demo MMXIII). Außerdem fiel mir wieder ein, dass ich damals auf dem Weg nach Weimar zum gemeinsamen Gig bei den Dreien mitgefahren bin und mit den Latschen hinten auf irgendeinem Artbook zum Thema Cover rumgetrampelt bin. Gedankenlosigkeit klammer ich also aus.

Unru - Demo

Eine ausgesprochen gute Verpackung: Demo MMXIII (UNRU)

Jetzt habe ich mich bisher nicht mit UNRU in Verbindung gesetzt, ganz bewusst, es besteht also durchaus die Möglichkeit, hier einem vorgezogenen Aprilscherz aufgelegen zu sein. Wenn dem so ist, touché, glaube ich aber nicht und vor allem spielt es überhaupt keine Rolle, da mit der Präsentation dem Sinn ja schon genüge getan wäre. Alles weiter fiele dann unter „Schwanz einziehen“.

Knappe 12 Stunden später halte ich das Cover für fast genial. Immer noch hässlich, unschön und mich hämisch fragend, ob das Cover auf AZ-Konzerten überhaupt ausgelegt werden darf. Aber ein genialer Zug. Und zwar aus folgendem Grund: Auf der Basis eines Gegenentwurfes von Ästhetik endlich mal wieder Eier! Es wäre so einfach, wieder den Typen von Paramnesia zu engagieren und überhaupt einfach mit einem für die Szene mundgerechten Künstler aufzuwarten. Alle wären glücklich. So wie alle zu Metastazis rennen, von Peste Noire bis Amorphis. Einfach weil es funktioniert, weil man weiß, „dass es dann gut wird“. So wie diese ganzen dreckskonformen und so angesagten Okkult-Kackvögel-Truppen alle auf ihre Dreiecke, Gebetsbänder und fast schon lächerlich identischen Bühnenperformances wichsen. Weils bei Watain und Ascension ja so gut funktioniert, näch?!

Vielleicht übertreibe ich gerade etwas und schmiere meinen Lieblings-Bielefeldern etwas zu viel Honig ums Maul, gehört habe ich ja noch keinen Ton vom neuen Album. Aber es beeindruckt mich, wenn Bands aus einem Korsett ausbrechen und dann vor allem so radikal. Denn klar, im Großen und Ganzen hat sich UNRU bisher nicht wesentlich von anderem AZBM (beste Genrebezeichnung) unterschieden: raues Design, oldschoolig und doch irgendwie postig. So wie sich angesprochene orthodoxe Black Metaller kaum voneinander unterscheiden. Oder diese zum Glück aussterbenden Lümmelcombos mit Schreibschrift-Logos. Pissdrecks-DSBM**-Spackos. Und überhaupt alle Trendmuschis. Die ersten sind immer, ähm fast immer, super und wenn es funktioniert, springen sie alle auf den Zug und kopieren bis zur Verg.. bis die Schwarte kracht.

Natürlich geht es mir nicht darum, dass jetzt gefälligst jede Band mit bescheuerten Covern aufwarten muss, Hauptsache „anders“, darum geht es nicht. Aber es ist schön, wenn von Zeit zu Zeit und ganz unerwartet einfach mal was anders gemacht wird. Natürlich bleibt am Ende ein komisches Cover ein komisches Cover. Auf der anderen Seite ist es mir neu, dass BM etwas schönes ist oder sein soll, geschweige denn, Wohlgefallen auslösen muss oder soll.

Ich wollte eigentlich allgemein über Plattencover schreiben, all die guten Künstler, die Klassiker, meine Lieblingscover, aber nu ist die Seite wieder voll und ich bin wieder auf 180.
//Seuche

Erklärung der verwendeten Abkürzungen (A.d. Red.):
* AZBM: Alternatives Zentrum Black Metal
** DSBM: Depressive Suicidal Black Metal

 


SeucheSeuche. Jahrgang ’80, Biertrinker, Punker, 24/7-Musik-Konsument, loses Mundwerk, „hat Maiden ’92 live gesehen“. Fronter bei FÄULNIS, Basser bei BLACKSHORE. Für Metal1.info schreibt er an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über Musik, die Szene und was ihm sonst so durch den Kopf geht – wie er es selbst auf den Punkt bringt „bissig, zynisch und eben nicht auf Eierkuchen aus“.

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1 Kommentar zu “Seuche schreibt … – Teil 6”

  1. Pingback: Nomen est omen. UNRU - Silence Musik Magazin

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