Review Casper – XOXO

  • Label: Four
  • Veröffentlicht: 2011
  • Spielart: Entmetallisiert , Hip-Hop, Indie Rock

„Anti Alles. Für immer.“ Der Verlust der eigenen Identität, Aussichtslosigkeit, Resignation, sei es ob persönlicher Kämpfe oder politischer Umstände. Das Verstecken der eigenen Person hinter einer Fassade, ob sie nun Facebook oder Alltag heißt, oder das schon gleichbedeutend ist. Keine Gefühle zeigen, obwohl es im Inneren brodelt. Auch in der Musik gilt viel zu häufig: Keine Experiment wagen, an das Altbekannte anknüpfen, die eigenen Ideen, die eigene Persönlichkeit notfalls der Produktion und dem Prinzip nach Angebot und Nachfrage unterordnen.

Ist es nicht gerade deswegen umso höher anzurechnen, wenn sich jemand nicht aufgibt, sondern diese Verzweiflung, diese Emotionen so direkt wie möglich ausspricht, und gerade im Angesicht der Ausweglosigkeit den Umständen den Kampf erklärt, das Herz auf der Zunge trägt und die Faust geballt in die Luft reckt? Wenn jemand musikalisch auf die Gepflogenheiten eines Genres keinen Pfifferling gibt, sondern vielmehr einen eigenen Sound kreiert? Die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen um die Musik machen zu können, die man im Herzen trägt? Wenn sich jemand so verwundbar macht, sich so weit aus dem Versteck hinaus wagt?
Wenn man derartig persönlich, offene und direkte Texte schreibt wie der Rapper CASPER, muss man damit rechnen in der Öffentlichkeit auf die Fresse zu fliegen. Wenn man sich dazu musikalisch so weit von der Hip Hop Tradition entfernt, wie er es mit seiner Annäherung an Indie Rock und Post-Rock auf „XOXO“ tut, muss man das auf Grund von keiner klar zu definierenden Zielgruppe wohl noch mehr. Dem stereotypen Hip-Hopper ist CASPER zu sehr emo, seine Musik und besonders seine Texte tragen zu viel Pathos in sich. Texte über den Selbstmord eines Freundes, Klagen über die Ausweglosigkeit der eigenen Existenz, musikalisch fehlen die Beats, es dominieren flirrende Gitarren, schleppendes Schlagzeug und melancholische Klaviermelodien. Der typische Indie-Hörer hingegen wird mit CASPERS Stimme nichts anzufangen wissen. Durch seine Vergangenheit als Sänger von Punk und Hardcore Bands, was seine Stimmbänder von Narben und Entzündungen übersät zurückgelassen hat, klingt seine Stimme als hätte er eine Käsereibe verschluckt.
Doch gerade weil CASPER sich nicht um diese Schubladen schert, sondern genau weiß welche Musik er spielen will, weil er weiß, dass seine Stimme hierzu notwendig ist, genau weil er sein Herz auf den Tisch schmeißt und ein „Take it or leave it“ hinterherrotzt – genau deswegen ist „XOXO“ das geworden, was es ist: Ein Manifest.

Ja, auch auf dem in der Zwischenzeit vergriffenen Erstling „Hin zur Sonne“ war CASPER textlich sehr persönlich und emotional, auch seine Stimme war hier schon sein Markenzeichen. Musikalisch wurden hier die altbewährten Hip Hop Muster allerdings noch stärker bedient, auch Features mit Genre-Kollegen wie Kollegah (im großartigen Battle-Song „Mittelfinger hoch“) waren in CASPERs musikalischer Vergangenheit keine Seltenheit. Auf „XOXO“ sind klassische Beats kaum zu hören – lediglich auf „Blut sehen“ und „So perfekt“ dominieren nicht Gitarre, Schlagzeug und Bass. Bei den Features findet sich im Titeltrack „XOXO“ in Form von Thees Uhlmann – seinerseits Frontmann der Indie-Band „Tomte“ – eine weitere Entfernung vom klassischen Hip Hop. Doch diese Kollaboration erscheint nur logisch, ist doch auch der Sänger dieser deutschsprachigen Institution dafür bekannt, mit seinen Gefühlen nicht zu geizen und diese so offen und direkt wie möglich mit der ganzen Musik-Welt zu teilen. Doch nicht nur textlich, auch musikalisch würde dieser Song auf einer Tomte-Platte nur bedingt aus dem Rahmen fallen: Getragen von einer melancholischen, wunderschönen Klaviermelodie, treibt sich das Schlagzeug in Indie-Pop Gefilden herum, und auch der gesamte Songaufbau erinnert mehr an einen Indie-Song, als dass er sich normalerweise auf eine Hip-Hop-Platte wiederfinden würde.

Das düstere „Alaska“ würde musikalisch auf keiner Post-Rock-Platte auffallen. „Die letzte Gang der Stadt“ mit seinem beschwingten, Indie-Rock infizierten Schlagzeug-Beat und Gitarren-Melodien, sowie das Einsteigerdoppel „Der Druck steigt/Blut sehen“ können, so divergent sie musikalisch sind, durchaus als Hymnen an die Generation der Twenty-Somethings betrachtet werden. Am beeindruckendsten stellen sich allerdings CASPERs persönliche Geschichten dar: „Michael X“, „Das Grizzly Lied“, „230409“ und das abschließende „Kontrolle/Schlaf“ wissen durch bedrückende musikalische Untermalung und herausragende Texte zu begeistern.

Der Flow des Albums ist atemberaubend, jeder Song schließt sich schlüssig an den vorangehenden an, CASPERs Stimme treibt die schleppenden Beats vorwärts, die Hoffnung die in seiner Hoffnungslosigkeit mitschwingt, wird in jeder Sekunde spürbar. Dennoch ist das Album nicht perfekt: Der Song „Lilablau“ muss als Fehlgriff gewertet werden – ein gesungener englischer Refrain trifft auf viel zu kurze, textlich erneut herausragende Strophen, welche sich nicht in den Rest des Songs einfügen. Mit der tollen, gesungenen Melodie zum Ende des Songs findet aber auch diese eher schwache Nummer noch ein versöhnliches Ende. Auch das bereits erwähnte „Die letzte Gang der Stadt“ weiß trotz, oder gerade wegen seiner Eingängikeit und seiner musikalischen Naivität nicht zu 100% zu begeistern.
„XOXO“ wird sicherlich in einigen Jahren als absoluter Klassiker der deutschsprachigen Gitarrenmusik gewertet werden. Die Erwartungen an CASPERs nächstes Album dürften allerdings bereits jetzt ins schier unermessliche wachsen.

Wertung: 9 / 10

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