Festivalbericht: Mittelalterlich Phantasie Spectaculum 2026

22.08.2026 - 23.08.2026 Speyer

Es ist ein Abschied auf Raten. Das MITTELALTERLICH PHANTASIE SPECTACULUM wird auch 2027 nach Speyer zurückkehren, doch in seiner bisherigen Form neigt sich die Ära des reisenden Mittelalter-Großevents ihrem Ende entgegen. Für einige jener Bands, deren Aufstieg über viele Jahre eng mit dem MPS verbunden war, bedeutet das Wochenende am 22. und 23. August 2026 bereits den Abschied von Speyer. Entsprechend steht das Festival nicht nur im Zeichen eines gewohnt umfangreichen Musikprogramms, sondern immer wieder auch der gemeinsamen Vergangenheit.

Passend zur gelegentlichen Abschiedsstimmung präsentiert sich am Samstag zunächst auch das Wetter wenig entscheidungsfreudig. Sonne, Wolken und Regen wechseln sich ab, was dem Publikumsandrang jedoch kaum schadet. Im Unteren Domgarten und auf der Kipfelsauwiese herrscht reger Betrieb. Marktstände, Heerlager, Ritter, Gaukler und Kleinkünstler sorgen dafür, dass das MPS auch 2026 weit mehr bleibt als ein Folk-Festival mit angeschlossenem Mittelaltermarkt.

Den musikalischen Auftakt bestreiten bereits mittags RAPALJE. Die niederländisch-schottische Folk-Formation gehört seit 32 Jahren (!) zum Inventar der Szene und steht inzwischen mit Sebás an der Geige auf der Bühne, der 2022 die Nachfolge des langjährigen Geigers Dieb antrat. Am grundsätzlichen Charakter des Auftritts ändert das wenig: RAPALJE liefern weiterhin jene Mischung aus Celtic Folk und ausgelassener Spielfreude, die sich auf einem MPS immer stimmig einfügt.

KATERFAHRT auf dem Feuertanz Festival 2024
KATERFAHRT auf dem Feuertanz Festival 2024

Zu den musikalischen Fixpunkten des Wochenendes gehören ebenfalls KATERFAHRT. Die sechsköpfige Piratencrew steht an beiden Tagen mehrfach auf der Bühne der Spielleute und liefert mit ihrem „Spiced Pirate Folk“ zuverlässig das, was der Name verspricht: treibende Rhythmen, Geige, Flöte und Akustikgitarre, dazu raue Vocals und reichlich Seemannsgarn. Musikalisch erfinden KATERFAHRT das Rad damit sicher nicht neu, ihre Mischung funktioniert live aber gerade wegen ihrer Direktheit und des hohen Mitmachfaktors ausgesprochen gut. „Teil des Schiffs, Teil der Crew“ ist dabei bekanntes Piratenmotto und beim MPS augenscheinlich auch Leitsatz: KATERFAHRT gehören nun schon so sehr zum MPS-Gefüge, dass sie sogar in der Morgenmesse auftauchen. Für ein beim vorherigen MPS vergessenes Regencape werden sie dort kurzerhand stellvertretend für alle Piratensünden geteert und gefedert.

HAGGEFUGG auf dem MPS 2026 in Speyer
HAGGEFUGG auf dem MPS 2026 in Speyer

Deutlich härter geht es wenig später bei HAGGEFUGG zu. Die Kölner verbinden Dudelsäcke, Schalmeien und traditionelle Elemente mit kräftigem Mittelalter-Rock und hinterlassen dabei einen mehr als vielversprechenden Eindruck. Gerade in den raueren Momenten fühlt man sich bisweilen an SALTATIO MORTIS in den 2000er-Jahren erinnert, als bei den Karlsruhern die mittelalterlichen Wurzeln noch wesentlich deutlicher im Vordergrund standen.

Dass HAGGEFUGG zwischen feuchtfröhlicher Mittelalter-Unterhaltung und ernsteren Themen wechseln können, zeigt sich, als die Band Depressionen anspricht. Ein Thema, das an diesem Tag bemerkenswerterweise nicht zum letzten Mal zur Sprache kommen soll. Statt den Auftritt damit unnötig zu beschweren, entsteht ein interessanter Kontrast zum ansonsten ausgesprochen lebhaften Set. Unter dem Strich gehören HAGGEFUGG damit zu den positiven Überraschungen des gesamten Wochenendes.

MR HURLEY UND DIE PULVERAFFEN auf dem MPS 2026 in Speyer
MR HURLEY UND DIE PULVERAFFEN auf dem MPS 2026 in Speyer

Auf der großen Bühne übernehmen am Nachmittag MR. HURLEY & DIE PULVERAFFEN. Die Osnabrücker gehören längst selbst zu den großen Namen der deutschsprachigen Folk-Szene und zu jenen Bands, deren Geschichte eng mit dem MPS verbunden ist. Entsprechend selbstverständlich funktioniert ihr Piraten-Folk vor dieser Kulisse.

Dass auch dieser Auftritt angesichts der Veränderungen beim MPS unter besonderen Vorzeichen steht, lassen die PULVERAFFEN nicht unkommentiert. Mit einem eigens zusammengestellten MPS-Medley blicken sie musikalisch auf die gemeinsame Zeit mit dem Festival zurück. Damit bekommt auch ihr ansonsten gewohnt ausgelassener Auftritt einen Abschiedsmoment, ohne dass die Stimmung deshalb in Melancholie kippt.

STORM SEEKER auf dem MPS 2026 in Speyer
STORM SEEKER auf dem MPS 2026 in Speyer

Bei STORM SEEKER setzt sich später eine auffällige thematische Parallele fort: Auch die Neusser sprechen auf der Bühne Depressionen an. Musikalisch hinterlassen sie allerdings einen zwiespältigeren Eindruck als HAGGEFUGG. Ihr Pirate-Folk-Metal funktioniert live durchaus, wirkt aber ähnlich wie auf Platte über weite Strecken recht austauschbar. Wo andere Vertreter des Genres mit eigenständigen Melodien oder einer besonderen Bühnendynamik punkten, bleiben STORM SEEKER stärker in den bekannten Genre-Konventionen verhaftet.

Dem Publikum ist das herzlich egal. Selbst als der Regen einsetzt, wird vor der Bühne kollektiv gerudert. So entsteht ausgerechnet bei widrigen Bedingungen eines jener wunderbar absurden Festivalbilder, die letztlich stärker im Gedächtnis bleiben als mancher Song.

FAUN auf dem MPS 2026 in Speyer
FAUN auf dem MPS 2026 in Speyer

Am frühen Abend gehört die große Bühne FAUN. Die Münchner sind seit vielen Jahren mit dem MPS verbunden, wenngleich sich die Band musikalisch längst weit über die klassische Mittelalterszene hinausentwickelt hat. Zwischen Pagan Folk, historischen Instrumenten und moderner Produktion nehmen FAUN ohnehin eine Sonderstellung ein. Im Umfeld des MPS wirkt ihre Musik trotzdem noch immer so selbstverständlich wie an wenigen anderen Orten.

Aktuell befinden sich FAUN auf Jubiläumstour anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens. Entsprechend blickt die Band in Speyer auch musikalisch zurück und hat einige lange nicht mehr gehörte Klassiker ins Set aufgenommen. Dazu zählt etwa „Wind und Geige“, das an diesem Abend noch einmal den Bogen zu den früheren Jahren der Band schlägt. Gerade im Rahmen des MPS, das die Geschichte von FAUN über viele Jahre begleitet hat, passt dieser Rückgriff auf die eigene Vergangenheit besonders gut.

KUPFERGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer
KUPFERGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer

Anschließend sind KUPFERGOLD auf der Festivalbühne an der Reihe. Die Kölner sind längst mehr als nur einer der jüngeren Namen im MPS-Programm und ziehen entsprechend viele Besucher vor die Bühne. Dabei lebt der Auftritt mindestens ebenso sehr vom Zusammenspiel mit dem Publikum wie von Songs wie „Und ’n’ Tripper“ oder „Metmeister“.

Sängerin Bonnie Banks nimmt sich dabei selbst nicht sonderlich ernst: Kleine Patzer werden kurzerhand zum Teil der Show gemacht. Als ihr bei einer Ansage ein Fehler unterläuft, kommentiert sie diesen mit einem Seitenhieb auf Künstliche Intelligenz: Genau solche Fehler könne KI schließlich nicht machen. Außerdem könne es durchaus sein, dass sie selbst gerade „etwas die Lampen an“ habe, scherzt Banks in Anspielung auf den Song „Leuchtturm“ von MR. HURLEY & DIE PULVERAFFEN. Gerade solche Momente machen den Auftritt sympathisch und angenehm ungekünstelt.

Ohnehin herrscht zwischen Band und Publikum eine bemerkenswert persönliche Atmosphäre. KUPFERGOLD bedanken sich mehrfach bei den Zuschauern, die wiederum mit einem Lichtermeer antworten. Dass Banks „Und ’n Tripper“ mit der Frage einleitet, wer sich wünsche, die Band noch nie gesehen zu haben, passt bestens zu diesem selbstironischen Ton. KUPFERGOLD hinterlassen so weniger wegen einer bis ins letzte Detail durchchoreografierten Show Eindruck als mit Spontanität, Publikumsnähe und dem offensichtlichen Spaß an der Sache.

VERSENGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer
VERSENGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer

Dann ist es schließlich Zeit für VERSENGOLD und damit für jenen Auftritt, auf den an diesem Samstag vieles hinausläuft. Der Platz vor der MPS-Bühne ist mittlerweile komplett gefüllt. Schließlich steht hier alles andere als der nächste Festivalauftritt der Bremer an. Nach rund 15 Jahren gemeinsamer Geschichte spielen VERSENGOLD zum letzten Mal beim MPS in Speyer.

Entsprechend schwingt von Beginn an Wehmut mit. Der Vorhang fällt später als geplant, und Frontmann Malte nutzt den Abend immer wieder für kleine Rückblicke und Anekdoten. Allzu sentimental wird die Angelegenheit trotzdem nicht. Dafür sorgen schon Nummern wie „Hey Hanna“ und „Hoch die Krüge“ sowie eine alte MPS-Tradition, die VERSENGOLD wiederbeleben: Getränke aus dem Publikum sollen ihren Weg auf die Bühne finden.

Auch sonst bleibt genügend Raum für gewohnt eigenwilligen Humor. Später wird der Platz kurzerhand zur Tanzfläche: VERSENGOLD animieren das Publikum zu einem gemeinsamen Line Dance, an dem sich schließlich ein großer Teil der Menge beteiligt. Das Ergebnis kommentiert Malte Hoyer trocken mit den Worten, es sehe „so wunderschön bescheuert“ aus. Bei „Thekenmädchen“ geht er noch einen Schritt weiter: Weil ihm die Beteiligung angesichts des letzten Speyer-Auftritts nicht ausreicht, wird der Song kurzerhand abgebrochen. Das Publikum könne das besser. Beim zweiten Anlauf klappt es dann auch.

VERSENGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer
VERSENGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer

Dazwischen schlägt der Abend immer wieder ernstere Töne an. „Feuergeist“ beginnt ungewöhnlich sanft, bevor auch auf der Bühne die Flammen auflodern. Bei „Verliebt in eine Insel“ verlagert sich das Geschehen ins Publikum, während „Haut mir kein’ Stein“ jenen Menschen aus dem MPS-Umfeld gewidmet wird, die diesen Abschied nicht mehr erleben können. Spätestens hier bekommt die viel beschworene letzte Runde eine Bedeutung, die über die gemeinsame Geschichte von Band und Festival hinausgeht.

Dass VERSENGOLD diese Geschichte immer wieder aufgreifen, verhindert zugleich, dass der Auftritt zu einem gewöhnlichen Best-of-Set gerät. Malte erinnert an seine Herkunft aus dem Norden und dem Flachland, und zeitweise bleibt er allein auf einer kleinen Insel im Publikum zurück. Selbst tief in der Bandgeschichte wird gekramt: Das aus dem Jahr 2003 stammende „Ich und ein Fass voller Wein“ verwandelt die Menge mit schunkelnden Bewegungen und maritimer Geräuschkulisse kurzerhand in ein wogendes Meer.

Natürlich dürfen auch „Kobold im Kopp“ und einige der bekannten Publikumsfavoriten nicht fehlen. Und wenn VERSENGOLD Toilettenpapier für „all die Arschlöcher da draußen“ durch die Menge fliegen lassen, ist vom Abschiedsschmerz vorübergehend ohnehin wenig zu spüren.

VERSENGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer
VERSENGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer

Für die Zugabe geht schließlich auch Eike ins Publikum. Den eigentlichen emotionalen Schlusspunkt kann an diesem Abend aber nur ein Lied setzen: „Die letzte Runde“. Für den Abschied vom MPS haben VERSENGOLD den Song eigens zur „Letzten Runde MPS“ umgearbeitet. Dazu läuft ein neues Video, während sich die Band noch einmal ausdrücklich beim MPS bedankt.

Hier funktioniert der große emotionale Abschluss gerade deshalb, weil die knapp zwei Stunden zuvor nur selten auf Abschied getrimmt waren. VERSENGOLD haben viel mehr herumgealbert, das Publikum angespornt und angepflaumt, alte Geschichten erzählt, gemeinsam getrunken, getanzt und gesungen. Dafür darf es jetzt sentimental werden. Mit „Butter bei die Fische“ als Gute-Laune-Rausschmeißer ist anschließend endgültig Schluss.

HEAVYSAURUS im Dezember 2025 in München
HEAVYSAURUS im Dezember 2025 in München

Am Sonntag zeigt sich dann noch einmal eine andere Stärke des MPS. Während der Samstag musikalisch stark von den Abschieden langjähriger Weggefährten geprägt war, wird spätestens bei HEAVYSAURUS deutlich, wie selbstverständlich das Festival mittlerweile mehrere Generationen zusammenbringt. Der Andrang bei den Kinder-Metallern ist riesig. Wo am Vorabend noch die erwachsenen Folk-Fans gefeiert haben, stehen nun zahlreiche Familien mit dem Metal-Nachwuchs vor der Bühne.

Dass HEAVYSAURUS keineswegs nur ein nettes Nebenprogramm für Familien sind, zeigt schon die schiere Menge an Zuschauern. Die Dinosaurier gehören am Sonntag zu den Publikumsmagneten und demonstrieren damit ziemlich eindrucksvoll, dass Nachwuchsförderung im Metal auch ganz wörtlich verstanden werden kann.

KUPFERGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer
KUPFERGOLD auf dem MPS 2026 in Speyer

Auch KUPFERGOLD stehen am Sonntag ein zweites Mal auf der Bühne. Nach dem ausgelassenen Auftritt am Vorabend erhält ihr MPS-Wochenende nun noch einen deutlich emotionaleren Abschluss. Mit „The Parting Glass“ verabschiedet sich die Band schließlich vom MPS. Das traditionelle Abschiedslied könnte angesichts dieses Wochenendes kaum passender gewählt sein und reiht sich in jene Momente ein, in denen immer wieder spürbar wird, dass das MPS 2026 für zahlreiche Beteiligte mehr ist als ein weiterer Termin im Festivalsommer.

Wer das MPS lediglich von Konzert zu Konzert absolviert, verpasst ohnehin einen wesentlichen Teil dessen, was die Veranstaltung ausmacht. Über das Gelände verteilt gibt es mehrfach am Tag Unterhaltung, die insbesondere für die kleinen Gäste mindestens ebenso wichtig sein dürfte wie das Geschehen auf den Musikbühnen.

Mit Heiko, dem Zauberer, dem Kiepenkaspar und Nebenbei Sorgenfrei wechseln sich verschiedene Programme ab. Gerade die große Seifenblasen-Show von Nebenbei Sorgenfrei entwickelt dabei eine ganz eigene Faszination. Während wenige Meter weiter Dudelsäcke und E-Gitarren dröhnen, stehen hier Kinder zwischen riesigen Seifenblasen und verfolgen gebannt ein Programm, das mit dem klassischen Festivalbetrieb wenig zu tun hat und trotzdem vollkommen selbstverständlich dazugehört.

NEBENBEI SORGENFREI auf dem MPS 2026 in Speyer

Genau diese Gleichzeitigkeit gehört zu den großen Stärken des MPS. Markt, Heerlager, Musik, Gaukelei und Kinderprogramm existieren nicht als voneinander getrennte Bereiche, sondern gehen ineinander über. Man kann sich problemlos mehrere Stunden über das Gelände treiben lassen, ohne gezielt eine der großen Bühnen anzusteuern, und wird trotzdem permanent unterhalten.

Das Wochenende in Speyer zeigt damit auch, warum die angekündigten Veränderungen des MPS mehr bedeuten als eine bloße Umstrukturierung eines Festivals. Über viele Jahre ist hier eine eigene kleine Welt entstanden, in der Celtic Folk neben Metal, Seifenblasen neben Pyrotechnik und Kinder vor Dinosauriern neben langjährigen Fans vor ihren musikalischen Wegbegleitern stehen.

2027 geht es in Speyer weiter. Doch für einige Bands und wohl auch für einen Teil des Publikums endet an diesem Wochenende trotzdem etwas. Dass dabei ebenso viel gelacht, getanzt und gerudert wie zurückgeblickt und Abschied genommen wird, könnte kaum besser zum MPS passen.

Christina MaierSigi Maier

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