Interview mit Sven de Caluwé von Aborted

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ABORTED sind Dauerbrenner und feste Größe in der Brutal Death-/Grind-Szene. Auch mit dem elften Album „ManiaCult“ untermauern sie diesen Status eindrucksvoll. Wie Sänger und Mastermind Sven de Caluwé sich auch nach über 25 Jahren noch für neue Alben motivieren kann und warum „ManiaCult“ eine Metapher auf unsere aktuellen Zeiten ist, erzählt er uns im Interview. Außerdem geht es um die Liebe zum Horrorfilm der 80er Jahre, Festivalheadliner der Zukunft und … Scheiße.

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Hallo, Sven! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wie geht es dir dieser Tage?
Alles gut! Ich habe zurzeit nur Arbeit in meinem regulären Job, dazu kommt das ABORTED-Album und meine anderen Projekte Coffin Feeder und Fetal Blood Eagle.

Aborted Maniacult Bandfoto

Mit eurem vorigen Album „TerrorVision“ habt ihr in den deutschen Albumcharts Platz 39 erreicht. Ist so etwas für dich wichtig und hoffst du auf eine ähnliche Platzierung für „ManiaCult“?
Ehrlich gesagt ist es ein netter Bonus und es fühlt sich toll an, wenn die Verkäufe gut laufen und die Fans das Zeug mögen. Das ist aber nicht der Grund, warum wir Alben schreiben und veröffentlichen oder diese Musik machen. Wir machen das für die Fans und weil es uns Spaß macht. Das ist der Hauptgrund, alles andere ist ein netter Zusatz. Aber natürlich wäre es super, wenn „ManiaCult“ etwas Ähnliches erreichen könnte. („ManiaCult“ erreichte nach dem Interview Platz 33 in den deutschen Albumcharts, Anm. d. Red.)

„Ein neues muss Album einen Sinn haben und darf nicht nur die Wiederholung von Vergangenem sein“

Alle ABORTED-Alben, die wir seit 2003 rezensiert haben, haben zwischen 8 und 9 von 10 Punkten erhalten. Wie motiviert ihr euch nach dieser langen Zeit, wie schafft ihr es, jedes Mal etwas Neues und Interessantes zu schreiben und die Qualität konstant hoch zu halten?
Vielen Dank dafür! Nun, wir lieben einfach, was wir tun, und wollen immer neue Dinge ausprobieren und sehen, wohin uns das führt. Sicher, wir haben einen gewissen Rahmen, in dem wir uns bewegen müssen, aber wir möchten diesen Rahmen erweitern und ihn jedes Mal größer machen, wenn wir weitermachen. Meiner Meinung nach muss ein neues Album einen Sinn haben und darf nicht nur die Wiederholung von Vergangenem sein. Hoffentlich haben wir damit Erfolg und die Leute verstehen, was wir wollen!

Aborted ManiaCult CoverartworkPar Olofsson ist nun schon zum dritten Mal für euer Cover-Artwork verantwortlich. Warum ist er der beste Mann für die schrecklich schönen Artworks und welche Anweisungen hab ihr ihm für das „ManiaCult“-Cover gegeben?
Ehrlich gesagt kommen wir immer wieder auf ihn zurück, weil er großartige Arbeit leistet. Wir fanden es wirklich toll, was er mit „TerrorVision“ gemacht hat, und er hat das Konzept perfekt illustriert. Es hat Spaß gemacht und war einfach, mit ihm zu arbeiten, und ich liebe seinen Stil. Unsere Vorgaben für ihn waren, dass wir eine zentrale Figur wollten, eine Mischung aus allen ikonischen Horrorfilm-Slashern, und dass er völlig verrückt sein und Dämonen für das Ende der Welt beschwören sollte. Der Unterton und die Metapher des Ganzen waren aber psychische Probleme in unserer heutigen Gesellschaft. Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen!

Was für ein Typ ist Wayland „Maniac“ Thurston und was hat er mit der gleichnamigen Lovecraft-Figur zu tun?
Gar nichts, es war nur eine nette Anspielung auf den erzählenden Charakter von „The Call Of Cthuhlu“. Wir lieben die Arbeit von Lovecraft und es war einfach schön, mehr Hintergrundgeschichte in das Gesamtkonzept des Albums einfließen zu lassen. Er verkörpert im Grunde das Beste, oder das Schlimmste, aus den Slashern der 80er und 90er Jahre, die wir alle so sehr lieben.

Zieht sich das Konzept des kranken Kults durch das gesamte Album? Was kannst du mir über die Geschichte erzählen?
Wie gesagt ist alles eine Metapher für den verrückten Scheiß, der heutzutage in der Welt passiert. Das zieht sich mit einer gewissen Portion Humor und Gore durch den größten Teil des Albums, wie wir es eben immer machen. Im Grunde ist Wayland ein geistesgestörter Irrer, der all diese verrückten Theorien in seinem eigenen „Necronomicon“ sammelt, um uralte Dämonen zu beschwören und die Welt, wie wir sie kennen, zu zerstören. In Wirklichkeit brauchen wir Wayland nicht, wir alle sind Wayland.

„Alles ist eine Metapher für den verrückten Scheiß, der heutzutage in der Welt passiert“

Aborted Wayland Thurston Action FigureEs gibt auch eine sehr coole Actionfigur von Wayland Thurston, sie passt perfekt zum 80er-Jahre-Stil des Albums. Wie ist die Idee entstanden, eine Action-Figur für das Album zu machen?
Nun, um ehrlich zu sein, haben wir eigentlich mit der Actionfigur angefangen und uns dann zur zentralen Figur, der Geschichte des Kults und zum Artwork zurückgearbeitet! (lacht) Die Idee für die Actionfigur kam von Lander, einem guten Freund von mir, der auch alle meine Vocals für das Album aufgenommen hat. Er stellt spezielle He-Man-Figuren her und schlug vor, dass wir eine ABORTED-Actionfigur machen sollten. Dazu konnte das innere Kind in mir natürlich nur ja sagen, und so machten wir uns auf den langen Weg, ein Spielzeug zu entwickeln. (lacht) Und zwar ein Death-Metal-Spielzeug!

Ich finde, „ManiaCult“ ist abwechslungsreicher, melodischer und grooviger als die vorherigen Alben, aber immer noch chaotisch, sehr schnell und brutal. Wie beurteilst du das Album im Vergleich zu euren Vorgängeralben?
Es ist immer schwierig, seine eigene Arbeit zu bewerten. Ich würde sagen, es hängt ganz davon ab, was man von einer Veröffentlichung erwartet. Ist es unsere extremste Platte? Wahrscheinlich nicht. Enthält sie einige der extremsten Parts, die wir je aufgenommen haben? Auf jeden Fall! Ich würde sagen, es ist unser bisher abwechslungsreichstes, rundestes und dynamischstes Album. Es hat alles, wofür die Band immer stand und noch mehr.

Das Album ist durch ein Intro, ein Interlude in der Mitte und ein Outro am Ende strukturiert. Ist das so etwas wie der Klebstoff, der das Chaos ordnet und zusammenhält?
Ja, wir wollten, dass das Album leicht verdaulich ist, dass die Teile richtig aufgeteilt sind und dass es einen Moment der Ruhe vor dem Wahnsinn gibt, damit es, wenn es wieder losgeht, die gleiche Wirkung hat wie zu Beginn des Albums. Sag du mir, ob es funktioniert hat! (lacht) Ich denke auf jeden Fall, dass es zur Struktur des Albums und der allgemeinen Atmosphäre voller Furcht und Dunkelheit beiträgt.

Der Text zu „Grotesque“ ist einfach unglaublich lustig. Wie bist du auf die Idee gekommen, hast du etwa selbst ein grausames „Jalapeño-Desaster“ erlebt?
Wir mussten kompensieren, dass es auf „TerrorVision“ keine Songs über Scheiße gab, also haben wir auf diesem Album gleich zwei! Den Text zu „Grotesque“ habe ich in etwa fünfzehn Minuten geschrieben, und es war einfach das dümmste Zeug, das mir zu der Zeit eingefallen ist. Die Idee war ganz einfach, dass jemand stirbt, weil er die tödlichste Burrito-Bowl der Welt gegessen hat, was ein Jalapeño-Desaster auslöst, wenn du verstehst, was ich meine. Danke dir, ich bin selbst stolz darauf.

„Es ist verrückt zu sehen, wie die Menschen sich in den Abgrund stürzen und sich von diesen verrückten Dingen überzeugen lassen“

Das „ManiaCult“-Video brachte mich mit den Fake News wirklich zum Lachen, „Impfstoffe machen Menschen nachweislich magnetisch“ mit dem Bild von Magneto zum Beispiel ist pures Gold. Wie bist du auf die Idee mit den Fake-News-Videos gekommen und wie bitter ist es, dass sie alle auf realen Überzeugungen bestimmter Menschen basieren?
Wie ich auf die Idee gekommen bin? Hast du dich in letzter Zeit mal umgesehen? Wir sind umgeben davon, wir leben in einem Zeitalter der Falschinformation. Das ist mit das Schlimmste, das in den letzten Jahren passiert ist. Es ist verrückt zu sehen, wie die Menschen sich in den Abgrund stürzen und sich von diesen verrückten Dingen überzeugen lassen (Sven benutzte die englische Redewendung „to go down the rabbit hole“ in Bezug auf den Kaninchenbau aus „Alice im Wunderland“, für die es keine adäquate deutsche Übersetzung gibt, Anm. d. Red.). Achtet auch darauf, dass es in dem Video mehrere Nachrichten gibt, die tatsächlich wahr sind, versucht mal, die zu finden! Ihr werdet überrascht sein!

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Als die Meldung „80er-Jahre-Slasher-Filme steigern nachweislich den Intellekt“ auftauchte, dachte ich sofort, dass das keine Fake News sein kann. Dem würde ich niemals zustimmen.
Nein, das ist wirklich die absolute Wahrheit. Die Leute müssen das verstehen, weniger den Social-Media-Müll konsumieren, durch den man jeden Tag scrollt, und stattdessen ein paar fantastische Filme schauen – das wird dich glücklicher machen als diese Scrollerei des Elends!

„Drag Me To Hell“ ist einer meiner Lieblings-Horrorfilme aller Zeiten, er ist so übertrieben blutig und brutal und passt perfekt zu eurer Musik. Ist der Song möglicherweise durch den Film inspiriert?
Der Song ist zu einhundert Prozent durch den Film inspiriert. Ich liebe diesen Film auch, er ist so überdreht und albern und verkörpert damit im Grunde all das, worum es in dieser Band geht. (lacht) Als ich den Film in Kino gesehen habe, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich habe immer gesagt: „Wow, das fühlt sich wirklich nach ‚Evil Dead‘ an“, und es stellte sich heraus, dass es ein Sam-Raimi-Film war, da haben wir’s also! Ein sehr, sehr unterschätzter Film!

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Welche sind deine liebsten Horror- und Slasherfilme der letzten Jahre und aller Zeiten?
Hmmm, „Don’t Breathe“, „Upgrade“, „Doctor Sleep“, „Life“, „Get Out“ und „Us „haben mir wirklich gut gefallen … oder, wenn es in die alberne Richtung geht, waren meiner Meinung nach auch Sachen wie „Psycho Goreman“, „The Babysitter“ oder „Happy Death Day“ sehr unterhaltsam. Es kommen viele coole neue Filme heraus, man muss sie nur finden. Das Einzige, was ich vermisse, sind die kultigen Horrorfiguren mit einem eigenen Franchise. Es wirkt, als gäbe es heutzutage keine Freddies, Jasons und Michael Myers mehr. (lacht)

Du hast unglaublich viel Energie auf der Bühne. Hast du ein besonderes Ritual zur Vorbereitung vor einem Gig?
Nicht wirklich, ich wärme nur meine Stimme auf und dehne mich ein bisschen. Manchmal mache ich Liegestütze oder Klimmzüge und lasse einfach das Adrenalin und die Wut fließen! (lacht)

„Dass Leute in der Industrie nun in Panik geraten, weil wir bald keine Headliner mehr haben, ist faktisch deren eigene Schuld“

Chris Jericho von Fozzy hat kürzlich gesagt, dass er sich Sorgen um die zukünftigen Festivalheadliner macht, wenn Metallica, Iron Maiden oder Judas Priest mal nicht mehr da sind. Wie siehst du das? Verfolgst du ein paar jüngere Bands, die diesen Status eines Tages einnehmen könnten?
Ich denke, der einzige Grund, warum Bands diesen Status haben, ist, dass seit Jahrzehnten immer die gleichen Gruppen als Headliner gesetzt werden. Deshalb wurden nie neue Headliner „erschaffen“, anderen Bands wurde nicht die Möglichkeit gegeben, diesen Status zu erlangen. Selbstverständlich sind diese Gruppen alle großartig und verdienen den größten Respekt. Dass aber einige Leute in der Industrie nun in Panik geraten, weil wir bald keine Headliner mehr haben, ist faktisch deren eigene Schuld. Ich will damit nur sagen, dass es einfach ist, keine Risiken einzugehen und immer die gleichen Headliner zu buchen … Schlussendlich sind die Fans hungrig auf Musik und lieben es, auf Festivals zu gehen. Es gibt viele, großartige, talentierte Bands da draußen, das wird alles nicht das Ende für die Musik bedeuten.

Du scheinst viel zu reisen. Was sind deine Lieblingsreiseziele und wo möchtest du noch hin, wo du noch nicht warst?
(lacht) Ja und nein! Da wir ziemlich oft auf Tour waren, bin ich mit der Band viel gereist. Das bedeutet aber nur, dass man viele Veranstaltungsorte in verschiedenen Städten sieht … was nichts bedeutet. Um ehrlich zu sein, haben Stefano und ich uns in den vergangenen Jahren vorgenommen, immer die Städte zu besuchen, in denen wir auftreten. Von diesen Städten fallen mir auf jeden Fall Vilnius, Tallinn, San Francisco, Berlin und Paris ein.

Welche Art von Videospielen magst du als leidenschaftlicher Gamer am meisten und auf welcher Plattform spielst du? Bist du organisiert oder spielst du lieber alleine?
Ich spiele sowohl auf der PS5 als auch auf der Xbox Series S, wobei ich die Xbox ziemlich selten anmache. Ich spiele mit mehreren Freunden aus den Bands, in denen ich bin und mit Freunden überall auf der Welt. Momentan spiele ich vor allem „Alien Fireteam“, was mit Freunden ein großer Spaß ist. Normalerweise mag ich Multiplayerspiele mit Freunden wie „Overwatch“ oder „Borderlands“ oder gute Storys. Das letzte „God Of War“ oder „Horizon: Zero Dawn“ waren fantastisch.

Kommen wir zum Schluss zu unserem traditionellen Brainstorming. Was fällt dir zu folgenden Begriffen zuerst ein?
Aktuelles Lieblingsalbum:
“Valde” von Humanity’s Last Breath.
Old School: Entombed.
Klima: Bitte schickt Hilfe.
Kaffee: Es gibt nie zu viel Kaffee, Kaffee ist DER Lebenssaft.
Marvel oder DC: Stellt sich die Frage überhaupt? Marvel!
Etwas, das jeden schlechten Tag besser macht: Haustiere.
ABORTED in zahn Jahren: Hopefully alive and still kicking ass and taking names!

Danke dir nochmal für deine Zeit! Die letzten Worte gehören dir, möchtest du unseren Lesern noch etwas sagen?
Danke für das Interview und die Unterstützung! Hört euch “ManiaCult” an! Mein anderes Projekt Coffin Feeder veröffentlicht zu Halloween eine EP namens “Stereo Homicide”, hört euch das ebenfalls an. Und Fetal Blood Eagle releasen im Februar ihr Debütalbum über Listenable Records. Wir sehen uns auf der Hell Over Europe Tour im Februar und März!

Aborted Tour 2022 Plakat

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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