Interview mit Stéphane “Neige” Paut von Alcest

Mit ihrem Album „Shelter“ veröffentlichten ALCEST unlängst ein wahrlich außergewöhnliches Album, mit dem die Band um Stéphane „Neige“ Paut dem Metal endgültig den Rücken kehrte. Derzeit sind die Franzosen mit Hexvessel und The Fauns im Schlepptau auf Europatour. Vor dem Konzert in München trafen wir den Bandleader zum Gespräch über seinen Abschied vom Metal, den Einfluss von Produzent Jón Þór Birgisson (Sigur Rós) auf das Album und persönliche Rückzugsräume als Albumkonzept.

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Heute ist ja die zweite Show der Tour – wie war der Tourauftakt in Wien?
Die Show gestern war wirklich gut! Normlerweise ist die erste Show ja immer ein Desaster, aber dieses Mal war es wirklich gut. Und viele Leute, fast ausverkauft.

Ihr seid mit Hexvessel aus Finnland und The Fauns aus England unterwegs. Habt ihr euch die Bands selbst ausgesucht, beziehungsweise kanntet ihr euch schon vor der Tour?
Ja, Hexvessel sind langjährige Freunde von uns, wir haben mit ihnen schon ein paar Festivals beispielsweise in Rumänien gespielt. Wir haben uns schon oft getroffen und hatten immer viel Spaß. Und The Fauns kenne ich seit einigen Jahren, sie sind eine Band aus Bristol. Ich habe Michael, den Bandleader, auf einer Portishead-Show kennen gelernt. Er ist ein enger Freund von dem Portishead-Kerl … so kam das alles zustande.

P1020622-002Wie schwer war es, die Songs des neuen Albums in einer Setlist mit den Songs der Metal-lastigeren Alben zu vereinen?
Ja, das war wirklich schwierig. Wir spielen die Songs ziemlich anders als auf dem Album, viel härter, aber ja … wir spielen von allem etwas, da muss das natürlich schon zusammenpassen. Wir haben uns da wirklich viele Gedanken über die Setlist gemacht. Am Ende haben wir sie gestern vor dem Konzert dann sogar noch einmal umgestellt.

Habt ihr die neuen Songs vor dieser Tour denn schon mal live gespielt? Wie reagieren die Metal-Fans auf das Material?
Ja, wir haben auf der letzten Tour mit Anathema ein paar gespielt. Die Reaktionen der Metaller waren wirklich gut – aber das liegt vielleicht auch daran, dass wir die Songs live viel härter spielen als auf dem Album. Das enttäuscht dann sicher ein paar, wenn sie die Stücke auf Album hören. (lacht)

War es schwer, die Songs entsprechend neu zu arrangieren?
Nein, wir haben da einfach den Gain-Regler der Verstärker aufgerissen. (lacht) Wie du siehst eine sehr simple Lösung.

Könntest du dir vorstellen, die Songs auch mal in ihren Nicht-Metal-Versionen live darzubieten?
Auf jeden Fall – wir planen so etwas schon: Wir werden in Japan eine Akustik-Tour spielen, mit Klavier und Streichern. Wir werden dort nur in Tempeln spielen … das wird wirklich interessant.

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Und was erwartest du dir diesbezüglich von den Sommer-Festivals?
Glaubst du, die Musik des neuen Albums eignet sich auch für die Atmosphäre eines Open-Air-Auftritts?

Man wird sehen. (lacht) In ein paar Monaten werde ich es wissen. Aber vielleicht schon: Einige der Songs sind ja sehr ausladend, vielleicht funktioniert das vor der riesigen Zuschauermenge auf einem Festival ja auch besonders gut. Wie gesagt: Man wird sehen …

Habt ihr denn schon Pläne für die Festival-Saison?
Ja, viele Pläne. Ich habe das jetzt nicht genau im Kopf, aber da ist schon einiges gebucht. Wir spielen beispielsweise auf einem Gothic-Festival … das ist schon ein bisschen sonderbar irgendwie. Ich liebe Gothic-Musik, aber …

Kommen wir zum Album selbst: Es ist ja das erste ALCEST-Werk, das einen englischen Titel trägt – wieso?
Weil der Titel auf Französisch scheiße klingt: Refuge.
Ok, das ist ein Argument … (lacht)
Refüüüge. Üüüüü (lacht)

Alcest-ShelterAuch das Cover ist stilistisch ganz anders als die der letzten beiden Alben …
Ja, auf jeden Fall. Ich bin sehr stolz auf die Cover der letzten beiden Alben, das hat auch perfekt zur Musik gepasst. Aber mit dieser Art der Illustrierung wollte ich dieses Mal bewusst brechen und statt dessen etwas sehr Simples und Modernes machen, in Richtung Indie-Rock. Deshalb ist es dieses sehr einfache, symbolreiche Bild geworden. Ich denke dieser Wandel geht recht gut mit dem musikalischen Wandel einher.

Wenn du von Wandel redest, würdest du diesen eher als fließenden Übergang oder als Bruch beschreiben?
Ich weiß es nicht.

War es denn dein Ziel, dieses Mal etwas ganz anderes zu machen?
Ich hatte schon lange beschlossen, aufzuhören, Metal zu machen. Schon bei den Aufnahmen zu „Les Voyages De L’âme“ war ich dieser ganzen Metal-Sache wirklich überdrüssig. Insofern habe ich diesen Wechsel wirklich dringend gebraucht. Das war wie eine echte Befreiung für mich, dieses Album zu machen. Insofern war es für mich eine sehr natürliche Entwicklung. Ich weiß, dass ein paar Metalheads mit dem neuen Material nichts anfangen können. Aber das wusste ich vorher, das ist für mich kein Problem – mir ist nur wichtig, dass ich aufrichtig bin in dem, was ich schreibe.

Neige Alcest 02Glaubst du, dass du mit dem neuen Material eine neue Fan-Base erarbeiten kannst, abseits des Metal?
Das kann gut sein. Im Moment vielleicht noch nicht, weil das Zeit braucht, aber vielleicht werden wir in ein paar Jahren eine ganz andere Fanbase haben.
Und natürlich auch noch die Metaller – das sind ja generell sehr loyale Fans. Aber ich bin mir durchaus bewusst, dass wir mit dem neuen Album einige verlieren werden, weil es ihnen einfach zu soft ist.

Ist das Konzept des Albums mit dem der Vorgänger, auf denen deine persönlichen Erfahrungen im Mittelpunkt standen, vergleichbar, oder hast du auch hier etwas ganz neues ausprobiert?
Ja, auch das Konzept ist dieses Mal ein bisschen anders ausgerichtet. Das Konzept von „Shelter“ (engl.: Zuflucht – A.d.Red) ist offener – jeder kann sich darin wiederfinden. Es geht dabei um Orte oder Gegenstände, die dir persönlich wichtig sind und die dir helfen, dich im Leben nicht zu verlieren. Manchmal gibt es im Leben schwierige Zeiten, da ist es gut, wenn man auf konkrete Dinge zurückgreifen kann – auf bestimmte Orte, an die man gerne geht oder Musik, die man gerne hört oder auch einen Film … deinen Lieblingsfilm, den du dir ansiehst, seit du 14 bist. Das ist das Konzept von „Shelter“. Meine Zuflucht ist das Meer. Ich liebe es, im Sommer Urlaub am Strand zu verbringen und einfach auszuspannen …
Das klingt gut. (lacht)

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Strandurlaub ist allerdings nicht das erste, was man mit dem Ort verbindet, an dem ihr das Album aufgenommen habt: Island. Hatte der spezielle Flair der Insel oder auch Produzent Jón Þór Birgisson (Sigur Rós) Einfluss auf eure musikalische Entwicklung?
Die Songs waren bereits fertig, als wir nach Island zum Aufnehmen geflogen sind – aber ich denke schon, dass das einen Einfluss hatte. Vielleicht eher auf unsere Gefühlslage, die war auf der Insel natürlich schon eine andere. Auch die Insel war für uns eine Art Zuflucht: von unserem Kontinent! Es hat sich sehr behütet, sehr kreativ angefühlt – in Island sind die Leute sehr aufgeschlossen, sehr kreativ. Jeder hat eine Band oder macht Musik … das ist da etwas sehr Alltägliches. Das Land selbst ist einfach unbeschreiblich… das ist etwas sehr Besonderes. Ich weiß nicht, wie und wann es einen Einfluss auf das Album hatte, aber es hatte definitiv einen Einfluss.

Kanntet ihr Jón Þór Birgisson schon vorher oder habt ihr ihn aufgrund seiner Tätigkeit bei Sigur Rós ausgesucht?
Wir haben uns wegen Sigur Rós für ihn entschieden.

Wolltet ihr also so ähnlich klingen?
Nein, wir mochten einfach die sehr texturellen Sounds, die sie bei ihren Platten haben. Wir hatten früher immer diesen sehr klinischen Metal-Sound – dieses Mal wollten wir einen etwas dreckigeren, unscharfen Klang haben. Wir haben ja auch keine Metal-Verzerrung verwendet, nur etwas Overdrive.

Neige Alcest 03Du hast vorher erwähnt, dass dich die ganze Metal-Sache schon bei „Les Voyages De L’âme“ gelangweilt hat – bezogen auf die Songs oder nur auf den Sound?
Ich meine damit nur den Sound. Du hast immer den gleichen Gitarrensound, das ganze Album lang. Wir wollten dieses Mal einfach etwas experimentelleres. Das war damals sehr frustirerend – ich bin jeden Tag ins Studio gegangen, um etwas aufzunehmen, aber ich war mir meiner Sache nie sicher. Bei „Shelter“ jetzt ist das etwas ganz anderes gewesen.
Ich glaube, es ist eines der ehrlichsten Alben, die ich bisher gemacht habe. Sehr spontan und ehrlich.

Wenn ich mir „Shelter“ anhöre, muss ich stellenweise an die Japanischen Post-Rocker Envy denken, die ähnliche Musik mit Screams verbinden. Hast du beim Songwriting darüber nachgedacht, eventuell auch Screams einzusetzen?
Nein, das wäre einfach zu hart. Ich habe früher viel gescreamt, aber jetzt passt das nicht mehr. Ich möchte zwar starke Gefühle ausdrücken, aber nur zu Schreien, das ist zu einfach. Ich will da lieber anderes ausprobieren.

Auf dem Album ist ein Gastauftritt von Neil Halstead – kanntest du ihn vorher schon oder wie kam es dazu?
Ich habe Neil Halstead einmal auf einem seiner Auftritte getroffen, er ist einer meiner Lieblingsmusiker. Er ist dann extra nach Island gekommen für vier Tage – das ist eine sehr schöne Sache, dass das geklappt hat.

Hast du dann den Text zu „Away“ geschrieben oder er?
Den habe ich für ihn auf Englisch geschrieben, er kann kein Französisch.

Und wie kam es zu dem Gastbeitrag der Streicher von „Amiina“? War das eine spontane Idee?
Das war eine Idee von unserem Produzenten, Jón Þór Birgisson. Ich meinte zu ihm: Gibt es eine Möglichkeit, dass wir echte Streicher auf das Album bekommen? Und er meinte dann, er überlegt sich etwas, er würde das schon hinbekommen.

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Ihr habt zu „Opale“ auch ein sehr farbenprächtiges Video gemacht.
(Das Video gibt es am Ende dieses Interviews oder auf Youtube zu sehen)

Wessen Idee war das Konzept?
Die Idee mit den Farbpigmenten kam von mir, das entstammt dem indischen Holi-Fest. Das hat mir sehr gut gefallen, ich liebe so buntes Zeug. Ich bin keine sehr düstere Person.

Plant ihr noch mehr Videos zu dem Album zu drehen?
Das kostet leider immer viel Geld. Ich hoffe es sehr… für mich ist ALCEST sehr visuelle Musik. Wenn ich könnte, würde ich zu jedem Song ein Video drehen – aber das kostet eben alles immer sehr viel Geld.

Hast du nach diesem musikalischen Break, den „Shelter“ ja vielleicht darstellt, schon einen Plan, wie du mit dem nächsten Album weitermachen willst …
Ja!
… oder vielleicht sogar schon neues Material geschrieben?
Ja, ja, ja … (lacht) Ich bin immer am Komponieren.

Wo nimmst du denn da die Zeit her … ihr seid doch ständig auf Tour?
Mein Schlagzeuger, Winterhalter, lebt jetzt in Boston und vor zwei Wochen war ich dort und wir haben zwei Wochen lang an neuen Songs gearbeitet. Das Material ist wieder ganz anders als „Shelter“ – sehr rhythmisch. „Shelter“ war sehr ambient-lastig, ein bisschen wie ein Film-Soundtrack. Das nächste Album wird sehr triballastig sein, mit vielen Percussions und so. Aber nicht im Metal-Sinne … sehr heavy, aber nicht Metal. Ein bisschen wie das letzte Sigur-Rós-Album vielleicht („Kveikur“, 2013 – A.d.Red).

Neige Alcest 04Kannst du dir vorstellen, auch irgendwann wieder Metal zu machen?
Das ist die Frage, die sie alle irgendwann stellen. (lacht) Mit ALCEST sicher nicht, nein, aber mit einer anderen Band gerne. Ich mag beispielsweise das erste Album von Entombed sehr. Ich hätte schon mal Lust, in einer Oldschool-Band etwas in diese Richtung zu machen.

Hättest du dafür überhaupt Zeit?
Ich weiß es nicht … (lacht)
Vermutlich nicht, du hast recht.

Ähnlich wie du mit ALCEST haben interessanterweise in den letzten Jahren Bands aus unterschiedlichsten Genres eine starke musikalische Entwicklung durchgemacht, an deren Ende ein sehr ähnliches musikalisches Ergebnis stand – Beispiele wären dafür Envy oder Deafheaven. Hast du eine Erklärung für diese nennen wir es einmal „musikalische Konvergenz“?
Das Internet vielleicht? Ich meine, es ist so einfach geworden, an unterschiedlichste Musik zu kommen. Als ich angefangen habe, Metal zu hören – ich meine, ich bin jetzt auch nicht so alt (lacht), aber ich habe noch ein, zwei Jahre diese ganze Tape-Trading-Kultur miterlebt … ich habe Kassetten verschickt und zusammengestellt und so weiter. Und das war die einzige Möglichkeit, an Musik zu kommen. Heute ist es über das Internet so einfach, neue Bands zu entdecken und du bekommst dauernd neue Empfehlungen … das macht die Leute auch offener gegenüber Neuem. Als ich angefangen habe, Black Metal zu hören, warst du entweder Black Metaller oder ein Goth oder Indie-Rocker, aber du musstest dich entscheiden. Heute mischen Leute wie beispielsweise die Jungs von Deafheaven einfach alles miteinander – wir haben auf dem ersten ALCEST-Album ähnliches gemacht … das war ja auch schon Black Metal und Shoegaze und vieles mehr.

Neige, wir danken für das Gespräch.