Interview mit Neige von Alcest

Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, wieder Metal zu spielen, antwortete ALCEST-Bandleader Neige 2014 in unserem Interview „Mit ALCEST sicher nicht, nein“. „Kodama“ ist zwar jetzt kein reines Metal-Album geworden, doch der Metal ist wieder zurück im Sound der Franzosen. Wie es dazu kam und was hinter den Japan-Bezügen des Werkes steckt, erklärt Neige in unserem neuen Interview.

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Hat sich der Charakter des Albums beim Songwriting seit unserem Interview 2014 noch so stark geändert, oder ist „Kodama“ für dich tatsächlich kein Metal?
Das ist ja wirklich lange her – vermutlich war das damals noch zu einem sehr frühen Zeitpunkt im Kompositionsprozess. Schlussendlich enthält „Kodama“ jetzt sicher einige Metal-Elemente, aber es ist natürlich kein klassischer Metal. Ich würde es eher als eine Art Heavy-Rock mit Einflüssen aus verschiedensten Musikrichtungen bezeichnen. Es ist insgesamt ein sehr fremdartiges Album: Seine Energie ist sehr speziell, anders als bei unseren bisherigen Alben. Es ist düsterer, wütend, wild und strotzt vor Leben.

Du meintest damals auch, das Album werde „sehr rhythmisch [und] sehr triballastig sein, mit vielen Percussions und so. Aber nicht im Metal-Sinne … sehr heavy, aber nicht Metal. Ein bisschen wie das letzte Sigur-Rós-Album vielleicht“. Auf welchen Song hast du dich damals bezogen, und würdest du das fertige Album heute auch noch so umschreiben?
Ich glaube, ich habe mich damals auf „Untouched“ bezogen, weil das der erste Song war, den ich für „Kodama“ komponiert habe. Keiner der anderen Songs klingt wie dieses Stück, insofern sticht dieser Song wirklich heraus. Ich wollte tatsächlich etwas kreieren, das ähnliche Bilder und Gefühle heraufbeschwört wie das letzte Album von Sigur Ros. Ich bin nicht sicher, ob das Resultat wirklich stark nach Sigur Ros klingt, aber der Song hat definitiv seinen wilden und rhythmischen Charakter behalten.

Alcest - ShelterWie bist du nach „Shelter“ an das Songwriting herangegangen und wann wurde dir klar, dass auf dem neuen Album wieder Zerrgitarren und Screams zu finden sein würden?
Mit dem Komponieren habe ich direkt nach den Aufnahmen von „Shelter“ begonnen, insofern war es eine sehr kontinuierliche Entwicklung hin zu etwas Härterem. Ich musste mich aus dem Gedankenkonstrukt „Shelter“ erst einmal befreien, eine neue Perspektive einnehmen. Ich glaube, mir war sehr früh in dem Prozess klar, dass das Album wieder einige harte Gitarren enthalten würde, nachdem wir beide, Winterhalter und ich, wieder etwas harschere Musik machen wollten. Bisher war jedes Album, das wir gemacht haben, anders als sein Vorgänger – ich brauche das einfach, um inspiriert und motiviert zu bleiben.

Was hat dich konkret wieder an Metal-Elementen gereizt?
Das kam einfach ganz natürlich. Nach „Shelter“, das wirklich sehr leicht und ätherisch ausgefallen ist, mussten wir wieder etwas druckvolleres schreiben, um wieder Dynamik und die Kontrast in unsere Songs zu bringen.

alcestFür mich klingt „Kodama“ wie das bisher fehlende Bindeglied zwischen „Les Voyages De L’Âme“ und „Shelter“ – kannst du das nachvollziehen?
Ja, das stimmt wirklich. „Kodama“ hat die selbe epische, aus einer anderen Welt kommende Atmosphäre wie „Les Voyages…“. Und viele lange Songs. Es hat aber auch diesen Indie-Touch und das Post-Rock-Feeling von „Shelter“. Für mich ist „Kodama“ ein Metal-Album mit Indie- oder Grunge-Sound – ich denke, das ist es auch, was das Album spannend macht.

Glaubst du, „Kodama“ kann die Sicht der Metal-Fans, die sich nicht mit „Shelter“ anfreunden konnten, auf dieses Album ändern, weil es die Ideen, die du damals hattest, nun mit Metal verbindet?
Ich glaube schon, ja. Ich habe jetzt schon von vielen Fans unserer Frühwerke, die „Shelter“, aber teilweise sogar „Les Voyages…“ nicht mochten, gehört, dass sie „Kodama“ lieben und langsam wieder zu ALCEST finden. Das war natürlich nicht die Idee hinter dem Album, aber ich verstehe ihre Sichtweise. Unser neues Album hat ganz klar diesen spontanen, unpolierten Sound, den unsere letzten beiden Alben etwas haben missen lassen.

Was für Musik hörst du selbst momentan am meisten? Metal, Post-Rock, oder etwas ganz anderes?
Ich höre sehr viel verschiedene Musik, aber sehr wenig Metal. Zuletzt höre ich oft die Elektro-Band Tycho, „Oshin“ von Diiv, Grimes, „October Rust“ von Type O Negative, Cocteau Twins, „Nocturne“ von Wild Nothing, Emma Ruth Rundle, Beach House, Dinosaur JR und so Zeug.

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Wie liefen die Aufnahmen ab, verglichen mit den Aufnahmen zu „Shelter“?
Die Aufnahme von „Kodama“ dauerte länger und war schwieriger, nachdem wir eine sehr genaue Vorstellung davon hatten, wie das Album klingen sollte. Es war das erste Mal, dass wir beim Sound jedes einzelnen Instrumentes so pingelig waren. Wir haben auch viele Gitarren-Aufnahmen wiederholt, weil sie vom Klang her nicht genauso geworden waren, wie sie klingen sollten.

„Shelter“ hattet ihr in Island mit Birgir Jón Birgisson, dem Produzenten von Sigur Ros, aufgenommen. Diesmal seid ihr für die Aufnahmen ins Drudenhaus-Studio gegangen. Warum war das diesmal die perfekte Wahl?
Die Aufnahmen mit Birgir Jón Birgisson waren eine großartige Erfahrung, der ganze Island-Trip eigentlich. Aber diesmal wollten wir für die Aufnahmen in Frankreich bleiben. Wir haben uns für Benoit [Roux, Mix – A. d. Red.] entschieden, weil wir mit ihm in der Vergangenheit bereits zusammengearbeitet haben, beim Mix von „Écailles De Lune“ und „Les Voyages De L’Âme“. Er ist ein Freund von uns und kennt unsere Musik sehr gut, insofern fühlten wir uns sehr sicher, wenn wir wieder mit ihm zusammenarbeiten.

„Kodama“ sind in der japanischen Mythologie baumbewohnende Geister. Was war die Idee hinter dem Albumtitel und wie passen die Texte, aber auch das Albumartwork dazu?
„Kodama“ bedeutet auf Japanisch beides, „Echo“ und „Baumgeist“. Für ALCEST hat mich immer schon die Betrachtung der Natur als Verbindung zu meinen Gefühlen und meiner Spiritualität stark inspiriert. Insofern fand ich, dass ein Begriff für „Baumgeist“ all das perfekt repräsentieren würde. Was das „Echo“ angeht, lässt das Album unsere Vergangenheit widerklingen – in seinem Stil wie in seiner Struktur. Insofern ist auch das eine schöne Metapher. Einen direkten Bezug zum Artwork gibt es aber nicht, da dieses eine andere Geschichte erzählt. Aber sowohl der Titel als auch das Bild haben einen japanischen Vibe.

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Worum geht es in den Texten auf „Kodama“? Ich habe gelesen, dass diese von dem Anime-Film „Prinzessin Mononoke“ von Hayao Miyazaki inspiriert sind?
Ja, dieser Film war eine Inspiration, neben anderen Dingen wie persönlichen Geschichten, dem Terror-Attentat in Paris und vielem mehr. In „Prinzessin Mononoke“ wird die Idee zweier Welten, der des Menschen und der der Natur, ausgearbeitet. Der Versuch, gemeinsam zu existieren, und die Konflikte, die daraus resultieren. Ich mag auch San sehr, den starken weiblichen Charakter in dem Film. Sie trägt einen Teil beider Welten in sich, da sie ein Mensch ist, aber von den Tiergöttern im Wald großgezogen wurde. Sie kämpft gegen die menschlichen Stämme und ihre zerstörerischen Technologien und hasst sie dafür, ihren geliebten Wald niederzumachen. Aber sie ist natürlich trotzdem ein Teil des Menschengeschlechtes. Ich kann mich sehr stark mit diesem Charakter identifizieren, da ich auch diesen Zwispalt in mir spüre und die Empfindung, nicht an diesen Ort zu gehören. Als würde ich zwischen zwei Welten leben, zwischen der Stadt und der Natur, zwischen der physischen und der spirituellen Welt. Ich bin auch von der Message des Films begeistert – dass wir uns mehr um die wunderschöne Natur um uns herum sorgen und in Einklang mit ihr leben sollten. Das ist natürlich eine Utopie, wenn man sich vor Augen hält, wie die Gesellschaft heutzutage funktioniert, aber man spürt schon, dass die Leute sich um soche Dinge immer mehr Gedanken machen.

Alcest - KodamaWelche Geschichte erzählt denn das Artwork und was denkst du, denkt das Mädchen auf dem Cover gerade? Sie schaut ein wenig gleichgültig…
Ich glaube, dieser Blick lässt sie mystisch und entrückt wirken. Ich mag diesen rätselhaften Ausdruck. Was die Story zu der Szene angeht, glaube ich, dass sie mit meinen Gefühlen über den Anschlag in Paris verknüpft ist. Dieser krasser Kontrast zwischen diesem jungen, schönen Mädchen in diesem dichterischen Szenario und dann den Fakt, dass die Umwelt eigentlich feindselig ist und der Tod geradewegs um sie herum schwimmt.

Das Bild erinnert vom Stil her an Anime-Kunst. Was hat hier als Inspiration gedient?
Ich habe Fortifem, den Grafikdesigner, der das Artwork für uns gestaltet hat, gebeten, sechs Bilder für das Album zu malen – eines zu jedem Song. Am Ende habe ich mich für dieses hier entschieden, weil ich finde, dass es das speziellste von allen ist. Der Stil, in dem es gemacht ist, ist ganz anders als alles, was wir bisher immer hatten, und auch die Farben sind sehr untypisch für ALCEST. Ich wollte auch tatsächlich etwas im Anime-Stil, deswegen hat Fortifem Entwürfe gemacht, die vom Stil des japanischen Illustrators Takato Yamamoto inspiriert waren, von dessen Kunst ich ein großer Fan bin.

Warst du selbst schon in Japan? Was denkst du über das Land und die Mentalität der Leute dort?
Wir waren mit ALCEST bislang zweimal in Japan. Damit wurde ein Traum für mich wahr, da mich Japan schon immer fasziniert. Es ist eine ganz andere Welt – das ist, als wäre man auf einem anderen Planeten! Die Art, wie die Leute miteinander umgehen, ist auch ganz anders als hier. Es gibt unglaublich viele Regeln und Prinzipien, die die Leute dort untereinander einhalten. Bei Ausländern, wie uns Europäern, kümmern sie sich glaube ich nicht wirklich darum, was sie in Japan machen, weil sie davon ausgehen, dass wir ihre Regeln nicht kennen. Selbst, wenn ein Europäer seit Jahrzehnten in Japan lebt und sogar perfekt Japanisch spricht, wird er niemals als Japaner angesehen werden. Aber es ist ein fantastisches Land voller Kontraste. Auf der einen Seite hast du dort diese wirklich moderne Gesellschaft, auf der anderen gibt es ein großes Erbe an Traditionen, Spiritualität, Respekt für die alten Methoden und Respekt für die Natur.

alcestEs ist doch sicher kein Zufall, dass ihr nun mit Mono, der berühmten Post-Rock-Band aus Japan, auf Tour geht?
Nein, natürlich nicht. Wir fanden, dass eine Tour mit einer japanischen Band wirklich cool wäre, um „Kodama“ zu promoten, und sehr gut zur Atmosphäre des Albums passen würde. Außerdem ist Mono eine Band, die wir sehr schätzen – insofern wird das eine großartige Sache!

Hast du bereits Gelegenheit gehabt, in ihr kommendes Album „Requiem For Hell“ hineinzuhören?
Leider hatte ich diese Chance noch nicht, aber ich habe mir natürlich die Single angehört, die sie schon veröffentlicht haben. Ich würde sagen, das klingt sehr charakteristisch nach Mono. Sie erfinden sich nicht neu, aber es klang gut!

Was können wir uns von den Shows erwarten?
Wir werden verschiedene Songs von „Kodama“ spielen, unser Set wird also ziemlich heavy. Vielleicht wird es das härteste Set, das wir je gespielt haben, weil wir auch vorhaben, „Écailles De Lune Part 2“ zu spielen. Aber natürlich versuchen wir wie immer, Songs von unserer ganzen Diskographie im Set unterzubekommen.

Die Atmosphäre einer Mono-Show hängt ja immer sehr von den Fans ab – wenn die Zuhörer nicht zuhören, sondern reden, kann sich keine Atmosphäre entwickeln. Glaubst du, die ALCEST-Fans – vor allem die Metal-affineren – werden Mono eine faire Chance geben?
Ich glaube, Mono werden in der Metal-Szene gerade eine richtig große Nummer, nachdem sie jetzt diverse Touren mit Metal-Bands wie Sólstafir absolviert haben. Die ALCEST-Fans sind nicht dumm und wissen, dass es bei einer Mono-Show nicht darum geht, laut herumzuschreien oder zu headbangen. Ich bin mir sicher, sie werden die Show mögen und der Band mit Respekt begegnen.alcest_promo_2016_00214_web

Danke für deine Zeit und Antworten! Zum Abschluss ein kleines Wortspiel: Welcher der beiden Begriffe eines Pärchens liegt dir eher und warum?
Donald Trump / Hillary Clinton: Bernie Sanders
Guitar Hero / Singstar: Super Castlevania IV
Japan / France: Beide!
Black Metal / Death Metal: Post-Punk
Ein Auftritt als Headliner / Vorband: Vorband, das ist viel weniger stressig.
Festival / Clubshow: Kommt drauf an.
Pokémon / Asterix: Dragon Ball

Neige, nochmals vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte an unsere Leser gehören dir.
Wir kommen mit unserer Tour auch in verschiedene deutschen Städte – hoffentlich sehen wir uns bei diesen Shows!