Interview mit Colin van Eeckhout von Amenra

Mit „Mass VI“ haben AMENRA ihr vielleicht bisher bestes, auf jeden Fall aber ihr ausgereiftestes Werk vorgelegt. Wir sprachen mit Sänger Colin Van Eeckhout über die Entstehung des Albums, das tiefere, symbolische Konzept und dessen Inhalt, den Mythos der Church Of Ra und das Tourleben der Band.

Colin, vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast! Wie geht es dir?
Mir geht es ganz gut, danke. Gerade fahren wir über Nacht nach Leipzig. Wir spielen heute Abend dort. Und unser Bassist Levy fährt 1300 km direkt vor einer Show. Es ist Wahnsinn! Die Leute merken es meistens nicht, dass wir um 2 Uhr morgens zu Hause aufbrechen, um eine Show um 23 Uhr zu spielen.

Zunächst herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album „Mass VI“. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis und den Reaktionen der Fans und der Presse?
Vielen Dank! Ja, es war das erste Mal, dass ich an das Album geglaubt habe, sobald es aufgenommen war. Meistens bin sehr unsicher gegenüber dem Resultat, und Rezensionen und Zeugnisse überzeugen mich erst nach einer Weile von seinem „Erfolg „. Wir freuen uns sehr über die Resonanz und die guten Bewertungen und Kommentare. Ich glaube, es ist ein neuer Meilenstein in unserer Bandgeschichte.

(c) Stephan Vanfleteren

Ihr habt euch entschieden, der Platte zwei verschiedene Mixe und zwei unterschiedliche Artworks in Europa und den USA zu geben. Worin unterscheiden sie sich und was sind die Gründe dafür?
In AMENRA wissen wir, was wir wollen, klanglich und ästhetisch. Wir tun also gerne so viel wie wir können, um es so zu gestalten, wie wir es uns wünschen.

Je mehr Menschen involviert sind, desto mehr weicht man von seinem eigenen gewollten Ziel oder Wunsch ab. Das ist der größte Grund, warum wir eine EU-Version haben, bei der wir uns mit der Vinyl-Ausgabe ausgetobt haben und eine 2x180gr LP 45rpm Vinyl gemacht haben, optimale Klangergebnisse, eine maßgeschneiderte Hülle etc. Das war aber keine kluge wirtschaftliche Entscheidung, was Porto und Produktion etc. betrifft. Aber für uns muss es immer ein Kunstobjekt sein, oder etwas, das so nah wie möglich dran ist. Es ist uns sehr wichtig, dass die Dinge so sind, wie wir es wollen.

Der Fotograf, mit dem wir gearbeitet haben, Stephan Vanfleteren, hat auch eine wunderschöne Fotoserie gemacht, und es lag für uns auf der Hand, damit zu‘ spielen‘, anstatt den einfachen Weg zu gehen und die Bilder einfach in verschiedene Vorlagen einzufügen.

Was die Mixe angeht, haben wir uns immer gefragt, was mit unserer Musik passieren würde, wenn sie an verschiedene Produzenten/Soundtechniker geht. Und diesmal hatten wir die Mittel dazu. Also hatten wir Billy als Mixer und Produzent für eine Version (US) und Jack Shirley für eine andere Version (EU). Es war interessant, die verschiedenen Nuancen zu hören und die Bedeutung von Mixen und Mastern zu erkennen.

Was ist deiner Meinung nach die Botschaft des Cover-Artworks und wie ist es mit der Musik und den Texten auf „Mass VI“ verknüpft?
Es gibt einen Ausdruck in verschiedenen Sprachen.“Svanesang“, “ La mort du cygne“, usw. Uns gibt es jetzt seit fast 20 Jahren und dieses Mal ist es uns gelungen, ein weiteres Album zu schreiben. Es gibt ein Ende für alles, und je länger wir existieren, desto bewusster bin ich mir darüber, dass dieses Ende näherkommen könnte oder präsenter wird. Auch wir sind nur Menschen und es gibt wahrscheinlich eine Grenze für unser musikalisches Können oder unsere kreativen Fähigkeiten. Ich habe Schwierigkeiten, daran zu glauben, dass es möglich ist, als Band weiter zu wachsen oder sich selbst zu verbessern.

Zum Artwork selbst: Das Foto des Schwans hat wirklich zu mir gesprochen. Es verkörpert und visualisiert das, was wir mit „Mass VI“ geschaffen haben. Ich suche immer nach einem Bild, das dem, was wir geschrieben haben, so nahe wie möglich kommt. Der Schwan ist ein wunderschönes und graziöses, aber wildes Tier. Es verlangt einen gewissen Respekt und zwingt einen dazu, Distanz zu wahren und gleichzeitig seine Schönheit zu beobachten. Und hier ist das Leben des Schwans zu Ende. Auch nach seinem Tod verlangt es noch immer Respekt. Er hat immer noch seine Schönheit und Anmut. Die Stille, die von diesem Bild ausgeht, ist umwerfend. Die Ruhe. Ewiger Schlaf. Es ist ein Abschied. In allem, was wir tun, versteckt sich eine Verabschiedung. Wir sagen Auf Wiedersehen in allem, was wir tun.

Worin unterscheidet sich „Mass VI“ von seinen Vorgängern und was ist die Gemeinsamkeit dieser Reihe?
Die Reihe der Messen, meinst du? Ich kann sagen, dass „Mass III“ und „Mass VI“ dem entsprechen, was ich als Wendepunkte in unserer „Karriere“ bezeichnen würde. Dazu kann man leicht meinen Essay im Independent googeln, in dem ich das analysiere. Gleiches gilt für unser Buch 2009-2014. „I“ und „II“ sind der Ort, an dem wir den Weg in die musikalische Welt gesucht haben. „III“ ist der Moment, an dem wir unseren Weg gefunden haben, „IIII“ und „V“ sind die Stellen, an denen wir ihn perfektioniert haben. Und vermutlich ist „VI“ der Moment, in dem wir wieder eine neue Tür geöffnet haben.

Könnt ihr euch vorstellen, ein hartes Album zu veröffentlichen, das keine Fortsetzung der „Mass“-Reihe ist?
Natürlich, warum nicht? Wir sind unsere eigenen Herren. Wenn es für uns keinen Sinn ergibt, es „Messe“ zu nennen, werden wir es nicht tun. Wir haben bereits Afterlife und Alive, usw.

Diesmal gibt es viel mehr Klargesang als auf euren bisherigen Platten. Wie kam es dazu?
Ich denke, ich bin sicherer in meinem Cleangesang geworden, unter anderem durch das Spielen von akustischen Shows, durch mein Soloprojekt CHVE und durch zahlreiche Kooperationen und gesangliche Beiträge in befreundeten Projekten. Ich war dort frei und konnte quasi über ein neues Land regieren. Im Laufe der Zeit hat sich das zu einer neuen Stimme in meinem Kopf entwickelt. Wo früher meine innere Stimme noch „Schrei-Gesang“ war, habe ich jetzt eine zweite Stimme.

Wie schreibt ihr eure Songs normalerweise? Treffen Sie sich alle oder komponiert jemand?
Für dieses Album fehlte uns die Zeit, um endlos zu jammen und jede gespielte Note zu besprechen, wie in der Vergangenheit. Alle Gitarristen arbeiteten zu Hause und suchten nach Teilen und Ideen. Dieses Mal hat zum ersten Mal Levy bei uns mitgeschrieben, der sich mit diesem Verfahren bereits wohl fühlte. So hat er die Maschine wirklich in Bewegung gesetzt und viele Gitarren für „Mass VI“ geschrieben. Er kannte und mochte die Band, bevor er überhaupt in ihr spielte, also konnte er aus einer ganz anderen Perspektive arbeiten, während wir alle mindestens schon sechs AMENRA-Alben geschrieben hatten. Es war wirklich schön, diesen neuen Wind in den Schreibprozess zu bringen.

Hatte euer Akustik-Album einen Einfluss auf die Art und Weise, wie ihr Songs und Texte geschrieben habt, vor allem im Vergleich zu euren früheren Platten?
Ich glaube, wir haben uns dadurch wohler in den akustisch und cleanen Teilen des Albums gefühlt. Es kam natürlicher, es war wie eine neue Sprache, die wir gerade gelernt hatten.

Es gibt drei Sprachen auf dem Album. Wie entscheidest du, welche Sprache für welchen Song die richtige ist?Es kommt von selbst. Ich schreibe ständig etwas in Bücher, manchmal hatte ich Phrasen in niederländisch, französisch oder deutsch; Dinge, die Sinn für mich ergaben, mit mir sprachen. Es ist nur eine Entscheidung, die man treffen musst, indem du dieser inneren Stimme folgst. Die Sprache, die du dort hörst, ist die Sprache, die du nimmst.

(c) Stephan Vanfleteren

Wofür stehen die beiden flämischen Interludes und warum habt ihr euch diesmal für Interludes entschieden?
Sie sind das, was die Franzosen „des points de repères“ nennen. Momente, in denen alles wieder „eins“ wird, in denen du zu dir selbst zurückkehrst, in denen du dein Wesen zentrierst. Schwer zu erklären. Wir dachten, dass es diese Momente auf dem Album braucht. Sie sollten sich wie ein Moment anfühlen, in dem jemand seinen Arm auf deine Schulter legt und dir in die Augen sieht. Ein schwaches Lächeln. Kurz bevor du wieder hineintauchst.

Es sind niederländische Gedichte. Unsere Muttersprache macht es uns möglich, Worten stärker zu ‚ bearbeiten‘, damit sie richtig klingen und einen symbolischen Unterton haben, der nur von denen verstanden werden kann, die die Sprache sprechen. Diese Interludes sind das, in denen wir alles, was AMENRA tut, so knapp sagen wie möglich. Mehr mit Weniger sagen.

Ihr habt ein sehr symbolisches und atmosphärisches Video für „Children Of The Eye“ veröffentlicht. Warum habt ihr euch für diesen Song entschieden und kannst du ein wenig über die Symbolik des Videos sprechen?
Unser Freund Wim Reygaert, der die ersten AMENRA-Visuals live während der „Mass III“-Veröffentlichung gemacht hat, hat das Video gedreht. DOP Maxim Dierickx hat die „COR“ und „23.10.“-DVD für uns 2008 gemacht. Es liegt auf der Hand, dass wir auf Freunde zurückgreifen, die uns seit über einem Jahrzehnt kennen. Wir brauchen weniger Worte, um uns gegenseitig Dinge zu erklären.

„Children Of The Eye“ ist ein klarer Angriff auf einen unsichtbaren Feind. Wir sprechen die Momente in der Zeit oder dem Leben an, in denen es keine klare Person und keinen eindeutigen Ort gibt, wogegen man seine Wut oder Frustration richten kann. Es sind die Momente, in denen man eine Situation aushalten muss, ohne in der Lage zu sein, etwas dagegen zu tun. Die Situationen im Leben, die von einer solchen Größe sind, dass sie das Leben gegen den eigenen Willen auf den Kopf stellen. Aber man muss einfach damit leben und Wege finden, es zu einem Teil seines „neuen“ Lebens zu machen. Dort, wo das Schicksal für dich entscheidet, egal wie sehr du dich auch anstrengst und wie hart du arbeitest. Und dem wirst dich beugen. Es geht darum, nicht aufzugeben und die Hoffnung zu verlieren. Es geht darum, in diesem Moment zusammen zu sein, obwohl es die einsamsten Zeiten im Leben eines Menschen sind.

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So wie eure hypnotisierende Musik sind auch eure Live-Shows fast schon ein Ritual und sehr intensiv. Habt ihr euch von Anfang an dafür entschieden, euch in die Kombination aus Visuals und minimalistischer Beleuchtung zu hüllen?
Quasi von Anfang an; die minimalistische, filmische und repetitive Natur unserer Musik hat uns schnell auf den Gebrauch von Visuals und einer minimalistischen Beleuchtung gebracht. Wir wollten komplett sein. An allen Sinnen arbeiten. Den Leuten helfen, sich im Moment bzw. der Musik zu verlieren. Wir machen den Moment zu unserem eigenen. Je größer wir werden, desto schwieriger wird das allerdings produktionsbedingt.

Dieses Jahr habt ihr gemeinsam mit Converge und Neurosis in den USA getourt. Wie war das, auf der Bühne und hinter den Kulissen?
Umwerfend. Beide haben uns auf unserem Weg beeinflusst und beide sind Bands, die ihren Weg durch die bestehende Musiklandschaft gemacht haben und einfach durch sie hindurch gemäht sind. Sie hatten und haben eine klare Vision, und müssen keine Erwartungen und Forderungen erfüllen. Sie tun einfach, was auch immer in ihren Köpfen oder Seelen vor sich geht. Ich respektiere das wirklich.

Wie beide Bands uns unter ihre Fittiche genommen haben, um diese US-Tournee für uns möglich zu machen, war herzerwärmend. Sie haben uns bei allem geholfen. Wir kannten uns von EU-Shows und wurden im Laufe der Jahre Freunde, sodass alles ganz natürlich verlief. Die beste Tour, die wir je hatten.

Gibt es bestimmte Länder oder Städte, in denen ihr am liebsten spielt?
Ich spreche vielleicht für mich selbst, aber ich schaue mit einer gewissen Melancholie auf unsere Shows in Griechenland und Russland zurück. Europäische Hauptstädte sind natürlich auch schön, ebenso wie einige US-Städte.

Wie unterscheiden sich Festivalshows von Clubshows und was bevorzugt ihr?
Club-Shows natürlich. Es ist intimer. Wir haben mehr Zeit, uns den Ort zu eigen zu machen. Dort hat man einen halben Tag Zeit, um die Produktion vorzubereiten, anstatt einer halben Stunde. Das Coole an Festivals ist, dass man mehr Leute erreicht, es ist eher eine Herausforderung, fühlt sich mehr wie Guerilla-Kriegsführung an. Die Clubs geben uns tendenziell mehr Kontrolle.

Ihr seid ein integraler Bestandteil der belgischen Alternative-Music-Szene, besonders mit der Church Of Ra. Wie würdet ihr die Szene beschreiben und wie unterscheidet sie sich von anderen Ländern?
Es unterscheidet sich wahrscheinlich nicht von anderen Szenen oder Ländern, in denen befreundete Bands sich gegenseitig helfen, soweit sie können. Ich kann es nicht wirklich sagen, denn ich kann nicht für die Welt sprechen.

Wie kam die Idee für Church of Ra damals zustande?
Durch das Wissen, dass wir nicht allein sind, sondern mehr als fünf Musiker, die Musik machen.

Gibt es konkrete Pläne für Shows im nächsten Jahr und ist vielleicht schon neue Musik geplant?
Es wird zahlreiche Tourneen und Auftritte geben. Ich denke, wir werden uns jetzt auf unsere Seiten- und andere Projekte konzentrieren, da dieses Kapitel geschrieben ist. Wiegedood und Oathbreaker schreiben, Absent in Body, CHVE und Syndrome werden folgen, neue Projekte und Kooperationen etc. Ich glaube, dass wir mit AMENRA als nächstes ein akustisches Album machen werden. Aber man weiß nie.

(c) Stephan Vanfleteren

Ich möchte das Interview mit unserem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was ist das erste, das dir in den Sinn kommt, wenn du die folgenden Begriffe hörst:
Religion: Glaube
Schwarz und Weiß: Licht über Dunkelheit
Kälte: Wärme
Belgien: Heimat
AMENRA in 10 Jahren: Gegenwart

Die letzten Worte sind deine – gibt es noch etwas, was du unseren LeserInnen mitteilen möchtest?
Dankbarkeit. Unendliche Dankbarkeit an alle, die auf unserem Weg begleiten.

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