Interview mit Stephanie Marin & Stephan Gossen von ARL3CCH1NO

Die Münchner Post-Rock-Newcomer ARL3CCH1NO haben vor einiger Zeit ihre erste EP „Psyche“ veröffentlicht, auf der sie neben Post-Rock auch Trip-Hop, Doom, Industrial und andere Musikrichtungen zu einer spannenden Melange kombinieren. Wir haben mit Sängerin Stephanie Marin und Bassist, Elektroniker und Tontechniker Stephan Gossen über die Musik und ihre Entstehungsgeschichte gesprochen.

Hallo! Wie würdet ihr ARL3CCH1NO und eure Musik in einem Tweet mit 140 Zeichen zusammenfassen? 
Stephan: Post-Rock, Industrial, Trip Hop und eine ganze Menge mehr… der perfekte Soundtrack für Dein Kopfkino.

Ihr macht zu dritt zusammen Musik, zwei Männer und eine Frau. Wie habt ihr euch gefunden und dazu entschlossen, gemeinsam das Projekt ins Leben zu rufen?
Stephan: Jan, der Gitarrist, und ich kennen uns über 20 Jahre, wir sind gemeinsam aufgewachsen. Vor rund 15 Jahren haben wir angefangen, mit anderen Musikern unter dem Namen „VorTeX“ Musik zu machen… damals noch klassischer Industrial-Metal, durchaus vergleichbar mit Fear Factory. Das Projekt hat sich dann leider aufgelöst und Jan und ich haben 2011 angefangen, neue Musik zu schreiben, die einen starken Post-Rock-Einschlag hatte. Irgendwann kam natürlich die Frage nach dem Gesang auf. Ich wollte schon immer mal weiblichen Gesang mit härteren Gitarren und elektronischen Elementen kombinieren und Stephi als ausgebildete Sängerin war somit eine naheliegende Option, zumal wir auch schon seit 2004 kannten.

Was sind bei ARL3CCH1NO typisch weibliche und typisch männliche Elemente, sowohl musikalisch wie auch im Drumherum?
Stephan: Ich weiß nicht, ob man das immer so eindeutig trennen kann. Für die Instrumentals sind Jan und ich verantwortlich, Stephi sagt immer dann Bescheid, wenn Ihr irgendwas besonders gut oder überhaupt nicht gefällt. Umgekehrt ist sie aber für die Gesangslinien und Texte verantwortlich – hier äußern Jan und ich uns dann, wenn uns irgendwas außergewöhnlich gut oder eben nicht so gut gefällt. Der Feinschliff der einzelnen Elemente ist dann aber oft eine Teamleistung, jeder bringt sich ein.

Welchen Bezug hat euer Bandname zu eurer Musik?
Stephan: Der Harlekin (=Arlecchino) ist per Definition eine vielschichtige, exzentrische Persönlichkeit, der in der Geschichte ganz unterschiedlich dargestellt wurde. Mal als wilde Dämonenschar im 11. Jahrhundert, die Wanderer an der normannischen Küste erschreckt und überfallen hat. Oder auch als Hofnarr oder Gaukler, der Gut und Böse, Himmel und Hölle, Engel und Teufel in sich vereinigt und der sagen konnte, was andere nicht durften, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Stichwort „Narrenfreiheit“. Diese Freiheit beanspruchen wir als Musiker auch für uns, weil die Stücke, die wir schreiben, von ganz unterschiedlichen musikalischen Einflüssen geprägt wurden und wir uns da auch keinen Grenzen unterwerfen wollen.

Würdet ihr sagen, dass eure Musik am meisten von anderen Musikern, Filmen und Serien oder Büchern beeinflusst ist?
Stephan: Da gibt es ganz unterschiedliche Faktoren. Sicherlich beeinflussen uns Musik, Literatur oder auch Filme, gerade letztere haben meine persönliche Soundästhetik sehr geprägt. Aber es sind auch oft individuelle Erlebnisse, Alltagsituationen oder Ähnliches.

Bis dato habt ihr größtenteils Soundtracks für Hörspiele produziert. Worin unterscheiden sich diese von eurer EP „Psyche“?
Stephan: In erster Linie durch die Vocals und die Texte. Und die Arrangements haben eine andere, songdienlichere Struktur als die Soundtracks, die ja normalerweise einen ganz anderen Spannungsaufbau unterstützen müssen.

„Psyche“ besteht aus insgesamt fünf Stücken, welche bis auf das melancholische Piano-Intro alle aus eurer Feder stammen und mindestens über sechs Minuten dauern. Was war eure Absicht dahinter, euren Stilmix in wenigen langen Kompositionen zu veröffentlichen anstatt in mehreren kürzeren?

Stephan: Das hat sich so ergeben, nicht zuletzt wegen eigenen Hörgewohnheiten. Jan und ich sind sehr Post-Rock- und Post-Metal-geprägt, hier sind klassische Dreiminüter ja eher die Ausnahme. Und wir alle lieben atmosphärische Musik und Soundtracks. Naja, und Atmosphäre braucht halt Zeit, um sich aufzubauen und wirken zu können.

Wie ist eure EP entstanden? Hattet ihr erst die Texte oder erst die Musik?
Stephanie: Die Musik war zuerst da, meistens in Form von Instrumental-Versionen ohne Gitarren. Dann hieß es „Der erste macht das Rennen.“, so kamen Gitarren und Vocals dazu, je nachdem, wer zuerst von der Muse geküsst wurde. Wenn die einzelnen Bausteine mal nicht auf Anhieb zusammengepasst haben, haben wir das diplomatisch gelöst und ausdiskutiert – aber das war erstaunlich selten nötig. Wir haben, da wir alle befreundet sind, immer viel miteinander gesprochen, auch über Privates, und haben so die Themen gefunden, die in den Texten behandeln werden. Und wenn mich eins dieser Themen dann noch bis in die Nacht verfolgt hat, habe ich angefangen zu schreiben. Und so ähnlich war es mit den Gesangslinien. Ich habe Vorschläge gemacht und dann wurde gemeinsam sortiert. Es gab aber auch Freunde, die ganz am Anfang bezweifelt haben, dass meine soulige Stimme dazu passen wird.

Wer hat außer euch noch daran mitgewirkt und wie ist der Kontakt entstanden?
Stephan: Vor bald drei Jahren habe ich meine Freundin Julia kennengelernt, die dann auch das Intro „Psyche“ beigesteuert hat. Wir empfinden Musik auf eine sehr ähnliche Art und Weise, was die Zusammenarbeit sehr einfach gemacht hat – zumal sie auch von Stephi und Jan herzlich in unser kleines Kollektiv aufgenommen wurde. Es gibt auch schon ein paar weitere Ideen von ihr, die wir aktuell gemeinsam ausarbeiten. Matthias Wimmer, dem die Wellenwerkstatt Studios gehören, in denen wir Vocals und Gitarren aufgenommen haben, ist ein Studienkollege von mir. Mark Freier, der für das Artwork verantwortlich ist, kennt man wohl vor allem aus der Hörspielszene: Er macht auch die Cover der neuen Hörspielserie „Der Hexer von Salem“ von Stefan Lindner, bei der ich auch für das Musikarrangement verantwortlich bin. Ansonsten sind mit Sicherheit die wachsamen Ohren von Stefan Lindner oder auch meinem Arbeitskollegen Doni Wunder sehr hilfreich gewesen. Der Kontakt zu Ludwig Meyer, dem Mastering Ingenieur, kam über einen anderen Musikerkollegen zustande. Alles in allem hatten wir auch ein bisschen Glück mit unserem Produktionsteam, das muss man schon sagen.

Eure Sängerin ist hauptberuflich als Schauspielerin aktiv. Wie spielt das ineinander, sprich welche Elemente ihres Jobs bringt sie bei ARL3CCH1NO ein und wie beeinflusst die Band auch ihr Schauspiel?
Stephanie: Mein Hauptantrieb in der Kunst war es immer, Geschichten zu erzählen und das Publikum oder den Zuhörer dadurch im Idealfall auf irgendeine Art und Weise berühren zu können. Das heißt, ich habe beim Schreiben der Texte immer eine klare Situation oder sogar eine Geschichte vor Augen, ein bisschen wir ein Kurzfilm oder eine Theaterszene.

Ihr habt mit „Overload“, „Stalling“ und „Medication“ sehr prägnante Titel gewählt. Seht ihr diese als einzelne Überschriften oder mehr als eine mögliche Interpretation von vielen?
Stephanie: Die Songtitel sind bewusst gewählt, man könnte sagen, sie sind die einzelnen Bausteine, aus denen sich das Gesamtkonzept „Psyche“ zusammensetzt. Die vier Songs beschreiben eigentlich vier extreme Lebenssituationen, in denen man als Mensch gezwungen wird, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Es geht um Verluste, aufgegebene Träume oder Ideale, aber auch egoistisches Handeln, Menschen, die am liebsten in Ich-Monologen über sich selbst sinnieren. Unterm Strich handelt es sich um vier Momentaufnahmen von Situationen, die viel alltäglicher sind, als einem lieb ist.

Was wäre das Beste und das Schlimmste, das euch nach dem Release von „Psyche“ passieren könnte?
Stephanie: Das Schlimmste wäre, wenn niemand die Platte hören wollen würde. Das Beste wäre ein Plattenvertrag und Liveauftritte. Und wenn ich ganz groß träumen darf, wäre eine Zusammenarbeit mit Mike Patton oder Trent Reznor das Genialste.
Stephan (lacht): Oder wenn die beiden uns anbieten würden, unsere nächste Platte zu produzieren. Nein, ernsthaft: Am schlimmsten wäre wirklich, wenn niemand die Songs hören wollen würde. Über eine vernünftige Vertriebsmöglichkeit würde ich mich auch freuen, ich weiß nicht, ob’s gleich ein „richtiger“ Plattenvertrag sein muss.

Von eurem Demo-Release bis 2018 sind ganze drei Jahre ins Land gezogen. Was hat sich bei euch in dieser Zeit getan?
Stephanie: Wir sind zufriedener geworden.
Stephan: Das stimmt. Es ist nach all den Jahren der Bastelei ein schönes Gefühl, endlich ein vollwertiges Release vorweisen zu können. Aber es gibt eine Menge Dinge, die sich verändert haben. Insgesamt hat sich auch viel stabilisiert, auch beruflich, was in Zukunft auch die Zusammenarbeit einfacher gestalten könnte.

Eure Musik ist über Bandcamp frei zugänglich, d.h. ihr seid auf freiwillige Zuwendungen eurer Hörer angewiesen. Seht ihr darin mehr einen Vor- oder einen Nachteil?
Stephanie: Wir haben die Band ja primär gestartet, um ganz kompromisslos unser eigenes Baby zu schaffen, eigene Geschichten zu erzählen und einfach unser eigenes Ding durchzuziehen. Ums Geldverdienen geht es dabei jetzt nicht in erster Linie. Sollten dann doch mal ein paar Euro rumkommen und die nächsten Studiokosten sind damit gedeckelt, wäre das natürlich super.
Stephan: Uns ist klar, dass wir sehr spezielle Musik machen, quasi eine Schublade in einer Schublade in einer Schublade. Es wäre naiv zu glauben, dass man damit reich werden könnte. Insofern freuen wir uns, wenn sich das eine oder andere Projekt vielleicht einfach refinanziert. Bandcamp ist für uns eine super Plattform, weil hier auch eine Community dran hängt, die sich viel mit Musik beschäftigt. Das heißt, man kann schon mehr Leute erreichen, als zum Beispiel über das eher tote Facebook. Und die „Pay what you want“-Option ist natürlich auch toll. Ich bin auch überrascht, wie viele Leute ein paar Euro für den Download springen lassen, obwohl sie gar nicht müssten.

Ihr gebt als Einflüsse einen bunten Strauß von verschiedensten Künstlern und Gruppen an wie z.B. Cult Of Luna, Daft Punk, Steven Wilson oder auch Cypress Hill. Wie konntet ihr dadurch eure eigene Identität finden, ohne nur einfach die für euch prägendsten Elemente eurer Vorbilder zusammenzuführen?
Stephanie: Ich denke, da muss jeder für sich sprechen. Aber ich persönlich habe bei ARL3CCH1NO während des Schreibeprozesses nie nach einer besonderen musikalischen Identität gesucht. Ich glaube, der sehr tolerante Umgang mit den jeweiligen Vorschlägen des anderen hat dann schließlich das Gesamtwerk ergeben. Privat höre ich auch viel Blackmusic oder stehe auf große Stimmen oder Entertainer wie Mike Patton. Trent Reznor bzw. Nine Inch Nails zählen immer noch zu einer meiner Lieblingsbands.
Stephan: Auch wenn die genannten Musiker und Bands auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken, gibt es mit der Atmosphäre der Musik doch oft ein verbindendes Element. So können zum Beispiel sowohl Cult Of Luna als auch Cypress Hill ausgesprochen düster und soundtrack-artig klingen und manche Beats (vor allem die der neueren Demos auf unserer Soundcloud-Seite) haben einen starken Electronic- oder Hip-Hop-Vibe – obwohl „Psyche“ so post-rock-lastig geworden ist. Und ich remixe auch gerne andere Bands, völlig egal welches Genre, solange es mir gefällt. Hier kommt auch wieder der Harlekin bzw. bereits erwähnte Narrenfreiheit ins Spiel. Wir haben alle einen sehr vielseitigen und auch unterschiedlichen musikalischen Background, so ist Jan z.B. sehr mit Punkrock, Hardcore und Nu Metal aufgewachsen. Und wir sind kein Fan von Schubladendenken.

Ist es überhaupt möglich, so komplexe Musik wie eure in einer gewissen Zeit und Menge zu produzieren oder müssen die einzelnen Stücke reifen wie guter Wein?
Stephanie: Kaum zu glauben, dass wir dafür echt drei Jahre gebraucht haben, denn eigentlich sind wir recht schnell, was das Schreiben betrifft. Der Zeitfaktor war wohl das größere Problem: Da wir mit der Musik kein nennenswertes Geld verdienen, können wir uns damit natürlich nur neben unseren eigentlichen Jobs beschäftigen.

Vielen Dank für eure Zeit und Antworten. Zum Abschluss noch ein paar Stichworte für ein freies Assoziieren. Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?
Spotify:
Stephanie: Zweischneidige Sache… ich habe aber ein Abo.
Stephan: Boykottiere ich, da ich der Meinung bin, dass Musiker überhaupt nicht fair entlohnt werden.
Sólstafir:
Stephanie: Musste ich googeln… werde da aber mal genauer reinhören.
Stephan: Habe ich mal live gesehen, ich glaube als Vorgruppe von Paradise Lost. Hat mich aber nie umgehauen, wenn ich ehrlich bin.
Limp Bizkit:
Stephanie: Take A Look Around… weiterhin meeega!
Stephan: Haben ihre Blütezeit natürlich hinter sich… gibt aber immer noch viele Songs, die ich mag.
Stefan Lindner:
Stephanie: Ich habe schon ein paar coole und erinnerungswürdige Rollen für einige seiner Hörspiele gesprochen (z.B. die „Guillotine“ in Humanemy).
Stephan: Sicherlich einer meiner besten Freunde, ein langjähriger Weggefährte und definitiv ein nützliches Paar Ohren.
Münchner Musikszene:
Stephanie: Hilfsbereit.
Stephan: Klein, aber fein. Wobei ein bisschen mehr Subkultur dem größten Dorf der Welt nicht schaden dürfte.
Chemnitz:
Stephanie: Hmm… traurig.
Stephan: Wehret den Anfängen. Ganz schlechte, aber vorhersehbare Entwicklungen. Seehofer und Merkel sind durch ihre Aggressivität bzw. Passivität natürlich auch keine Hilfe.
Donald Trump:
Stephanie: Dumm, dümmer, Trump…menschlicher Totalausfall.
Stephan: Der amerikanische (Alb-)Traum… ungefähr genauso nützlich wie die AfD.
Musiker, die schauspielern und Schauspieler, die Musik machen:
Stephanie: „Ein guter Sänger ist ein guter Schauspieler.“  (Vicki Hall, ehemalige Studiengangsleiterin an der Theaterakademie August Everding)
Stephan: Ein kreativer Mensch kann auch in mehr als nur einer Hinsicht talentiert sein, warum also nicht?
Die drei Fragezeichen:
Stephanie: Ich weiß, großartige Hörspiele… aber selber nie angehört.
Stephan: Absolute Kindheitserinnerung. Die Folge „Das Gespensterschloss“ hat mir echt Angst gemacht.

Die letzten Worte gehören euch!
Stephan: Wir arbeiten schon an neuer Musik und sind optimistisch, dass es diesmal keine drei Jahre dauert, bis ihr was zu hören bekommt. Außerdem machen wir uns Gedanken über eine mögliche Live-Umsetzung, Musikvideos und Remixprojekte… stay tuned!

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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