Interview mit Bartłomiej Krysiuk von Batushka

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Der Streit um die Band BATUSHKA, ausgetragen zwischen Sänger Bartłomiej „Bart“ Krysiuk und Gitarrist Krzysztof “Derph” Drabikowski, beschäftigt Fans, Hater, Journalisten und Juristen nun bald zwei Jahre. Fast so lange haben wir uns um ein Interview mit Krysiuk bemüht – nun endlich mit Erfolg: Im Gespräch mit Metal1.info erklärt Bart, warum „Hospodi“ seiner Meinung nach keine faire Chance bekommen hat, räumt mit dem Gerücht des Ghostwriters auf und fällt ein vernichtendes Urteil über Derphs Konkurrenz-Album.

Hallo und vielen Dank, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast! Wie geht es dir?
Sehr gut, danke. Es gibt viel Arbeit, viele neue Ideen und Herausforderungen. Abgesehen von der Situation, die uns umgibt, ist es eine sehr gute Zeit.

Der Split der Band war 2019 ein großes Thema in der Szene. Es gab einstweilige Verfügungen und Rechtsstreitigkeiten um den Bandnamen. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?
Das waren alles vorgerichtliche Vorgänge. Die Internet-Trolle arbeiteten und die Leute waren eifrig dabei, das Thema aufzugreifen. Es wurde zu einer Seifenoper. Es gibt Hunderte solcher Band-Auflösungen in der Metal-Szene, denk nur an Immortal, Gorgoroth, Rhapsody oder vor kurzem mit der gleichen Ausgangslage wie bei uns: Children of Bodom. In unserem Fall jedoch wollten mehrere Leute Mist daraus machen und haben hart daran gearbeitet. Zum Teil haben sie ihr Ziel erreicht. Was die rechtlichen Aspekte dieses Falles betrifft, so hat der Prozess noch nicht einmal begonnen und wird noch viele Jahre dauern. Der ganze Fall wird dann eine ganz andere Geschichte haben.

Der Streit wurde öffentlich ausgetragen, am Ende ergab sich folgendes Bild: Du warst das Organisationstalent in der Band, mit einer Vision für das Konzept, während Krzysztof Drabikowski der musikalisch kreative Teil war. Kann man das so sagen?
Glücklicherweise habe ich mich an keiner Diskussion beteiligt. Die Leute erliegen leicht dem Narrativ einer Seite. Heutzutage ist es sehr leicht, Anschuldigungen zu erheben und Verleumdungen zu äußern. Es ist schwer, sich davon zu befreien. Und oft stellt sich heraus, dass die Wahrheit ganz anders aussieht. Aber dann wiederum erinnert sich niemand mehr daran, und das Stigma und der „Fleck“ bleiben einem erhalten. Der Großteil der Besetzung, aus der BATUSHKA über die Jahre bestanden hat, ist bei mir geblieben. Das ist ein Maß dafür, was in der Band vor sich ging. Die Leute beurteilen aus der Distanz, aus Informationsresten oder Gerüchten. Für mich ist das Wichtigste, was meine Bandkollegen über die Situation denken. Der Rest interessiert mich nicht.

Nach dem Split schrieb Drabikowski ein neues Album, das sehr nach eurem Debüt „Liturgiya“ klingt – hast du „Panihida“ gehört? Was denkst du über dieses Album?
Das Album hat zwei gute Lieder. Der Rest ist, gelinde gesagt, durchschnittlich, mit einer sehr schlechten Produktion. Man hört, dass es unter Zeitdruck entstanden ist.

Du hingegen hast ein Album veröffentlicht, das viel weniger nach dem Debüt, sondern eher nach traditionellem Black Metal klingt. Da dies bei der neuen EP „Raskol“ wieder anders ist: Wie stehst du heute zu „Hospodi“?
Es fällt mir schwer, meine Arbeit zu kommentieren. Vielleicht war es zu früh, um ein Album mit einer so radikalen Mainstream-Veränderung beim Sound zu veröffentlichen. Auf der anderen Seite muss sich die Musik wandeln und weiterentwickeln. Ich denke, dass dieses Album „alt werden“ wird, aber aufgrund seines High-End-Sounds später als unsere vorherige Veröffentlichung. Ich sehe auch, dass Leute, die mit der Propaganda „gefüttert“ wurden, dass „Hospodi“ ein schwaches Album sei, jetzt – nachdem die Emotionen abgeklungen sind – danach greifen und oft sehr positiv darüber schreiben. Und das ist das Problem mit „Hospodi“: Die Resonanz auf das Album wurde durch die damalige Situation innerhalb der Band und um uns herum beeinträchtigt. Die Leute beurteilten den musikalischen und künstlerischen Wert durch die Linse der Seifenoper, die im Internet lief. Jetzt, da sich die Situation beruhigt hat, kann man das Album nochmal zur Hand nehmen und es „neu“ bewerten.

„Hospodi“ wurde – so hieß es – quasi als Auftragswerk von Artur Rumiński (Furia/Thaw) komponiert. Das wäre sehr ungewöhnlich, vor allem im Metal und erinnert an Pop-Kultur, wo das Image einer Band oft wichtiger ist als die Musik, die ein Produzent beisteuert. Kann man das vergleichen, war der zentrale Aspekt deiner BATUSHKA damals mehr die Idee des Band-/Bühnenkonzepts als die Musik?
Das ist ein weiterer Mythos und eine der Lügen, die von Hatern und Trollen ins Internet „geworfen“ werden. Artur war seit Ende 2017 vollwertiges Mitglied der Band. Er hat mit uns Dutzende Konzerte zu dem Album „Liturgiya“ gespielt. Damals haben wir mehrere Tourneen absolviert, wir haben viele Kontinente gemeinsam bereist. Niemand hat etwas „in Auftrag gegeben“. Es war ein natürlicher kreativer Prozess wie bei jeder anderen Band auch. Aufgrund dieser Erzählung, die sich überall wiederholte, hat Artur viel Unmut von den Hatern abbekommen und sich schließlich entschieden, die Band Mitte 2019 zu verlassen. Er ist im Übrigen ein großartiger Musiker und Mensch, und er hat nicht verdient, was ihm widerfahren ist.

Standest du damals unter Druck, weil Drabikowski gerade ein neues Album herausgebracht hatte?
Ich? Ich glaube, du hast das falsch verstanden. Das Album „Hospodi“ wurde Ende Januar 2019 fertiggestellt und an Metal Blade Records geschickt. Das Erscheinungsdatum des Albums war bereits im Februar angekündigt. Offenkundig war nicht ich es, der unter Druck stand. Die andere Seite hatte es eilig, ihr Album kurz vor unserer ersten Single zu veröffentlichen und sich so einen Vorteil zu verschaffen.

Eigentlich wolltet ihr dann ja ausgiebig touren, aber die Europa-Tour und die USA-Tour wurden nacheinander aus Krankheitsgründen und dann wegen der ungeklärten Namensrechte abgesagt. Kannst du uns etwas über diese Zeit erzählen – was hat das mit dir gemacht? Hattest du vielleicht sogar in Erwägung gezogen, BATUSHKA aufzugeben?
Im Januar 2019 musste ich mich einer Gastrektomie (Entfernung des Magens, A. d. Red.) unterziehen. Zuerst war alles in Ordnung, aber dann traten gesundheitliche Komplikationen auf und ich musste viele meiner Pläne verschieben. Gesundheit ist das Wichtigste, verstehst du? Und fürs Protokoll: Ich habe nie daran gedacht, BATUSHKA aufzugeben.

Jetzt erschien mit „Raskol“ eine neue EP, die stilistisch viel mehr an das BATUSHKA-Debüt erinnert als „Hospodi“. Wer hat die Musik auf dieser EP geschrieben?
Diese EP ist eine Gemeinschaftsarbeit aller Musiker der Band. Die Besetzung, die sich von Anfang an gebildet hat. Alle Jungs, die „Liturgiya“ gespielt haben, und ein neuer Gitarrist, der 2019 zu uns stieß, haben perfekt harmoniert. Es hat uns Spaß gemacht, an der EP zu arbeiten, und wir werden diesen Weg in Zukunft weitergehen.

Im September 2019 hattet ihr angekündigt, dass ihr künftig auch wieder Lieder von eurem Debütalbum „Litourgiya“ live spielen werdet, nachdem ihr zunächst nur „Hospodi“-Material gespielt hattet. Wie ist es dazu gekommen? Warst du mit den „Hospodi“-Shows nicht zufrieden?
Nein, wir waren und sind zufrieden mit den Konzerten zur Promotion des „Hospodi“-Albums. Es waren die Fans, die gefordert haben, dass einige Lieder von „Litourgiya“ in das Set aufgenommen werden, aber das ist nie geschehen.

Jetzt habt ihr auch das EP-Material zur Verfügung – werdet ihr trotzdem Material von „Litourgiya“ spielen, wenn wieder Auftritte möglich sein werden?
Wir konzentrieren uns gerade auf unser neues Material. Mit Blick auf die Pandemie-Situation werden wir wieder auf Tour gehen, wenn es möglich und sicher sein wird. Dann werden wir auch eine neue Veröffentlichung haben, die wir promoten und aufführen werden.

Generell sind Konzerte im Moment ohnehin nicht möglich – was hältst du von Stream-Shows? Plant ihr so etwas?
Ich muss zugeben, dass wir darüber tatsächlich nachdenken. Wann, ob und wie – das wird erst die Zeit zeigen …

Auf der letzten Tour hattet ihr einen großen Sarg und ein Kreuz auf der Bühne – viel mehr kann man aus eurem Live-Konzept aber nicht herausholen, oder? Hast du keine Angst, dass es auf Dauer zu statisch wird und sich totläuft?
Nein, davor habe ich keine Angst. Da unsere Einflüsse in der orthodoxen Kirche verwurzelt sind, gibt es viele Themen, aus denen man wählen kann. Ganz zu schweigen vom liturgischen „Theater“, von dem wir beeinflusst sind. Wir haben tonnenweise Ideen für neue Live-Shows. BATUSHKA wird immer eine Konzeptband sein, bei der jede Veröffentlichung sowohl musikalisch und lyrisch als auch in Bezug auf Live-Auftritte eine eigene Geschichte hat.

Euer Heimatland Polen gilt als sehr konservativ und christlich – ist ein Konzept wie das eure dann nicht sehr anstößig? Wurdet ihr dafür schon angegriffen?
Ja, natürlich, Polen ist ein sehr spezielles Land. Wir haben eine Regierung, die mit Nationalisten flirtet und die der Kirche sehr nahesteht. Das alles wirkt sich auf unser Leben aus. Was BATUSHKA betrifft, so hat man uns beschuldigt, religiöse Gefühle zu beleidigen und eine religiöse Kultstätte zu entweihen. Das wird derzeit strafrechtlich verfolgt, sodass ich davon ausgehe, dass wir bald beträchtliche Probleme haben werden.

Apropos Feindseligkeit – glaubst du, der ganze Wirbel um die Trennung der Band war eher eine Werbung für euch oder hat er dem Ruf der Band geschadet?
Teilweise trug es zur Promotion bei, auf der anderen Seite hat es sicherlich einen Teil unseres Images zerstört. Unsere Anonymität, die ein sehr wichtiger Teil von BATUSHKA war, hat am meisten gelitten. Das bedaure ich sehr. Anonym zu sein war sehr bequem.

Danke für das Gespräch! Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Corona-Krise: Ein totaler Zusammenbruch der Veranstaltungsindustrie.
Lukaschenko: Diktator
Chance für eine Wiedervereinigung beider BATUSHKA: keine
Black Metal: Schöpfung und Unnachgiebigkeit
Dein Lieblingsalbum im Moment: The Devil’s Trade – The Call Of The Iron Peak
BATUSHKA in zehn Jahren: Ich habe keine Ahnung.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit. Die letzten Worte dieses Interviews gehören dir:
Erliegt nicht der allumfassenden Oberflächlichkeit!

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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Geschrieben am

Fotos von: Afra Gethöffer-Grütz

3 Kommentare zu “Batushka”

    1. Moritz Grütz Beitragsautor

      Hi! Worauf genau beziehst du dich? Also nicht, dass ich da grundsätzlich widersprechen würde, ich fände nur interessant, zu erfahren, woran du das konkret festmachst …

      1. C.F.

        Wenn man Panihida und Hospodi nebeneinander hört, ist selbst für jemanden, der kein Die-Hard-Batushka-Fan ist, sofort ersichtlich, wer von den beiden Protagonisten für Liturgiya verantwortlich war. Soviel also zu einem „natürlichen, kreativen Prozess, an dem die gesamte Band beteiligt war“.

        Und selbstverständlich muss Bart auch Panihida bashen, obwohl es schlicht und ergreifend das mit Abstand bessere Album ist. Er hätte auch sagen können, dass es ebenfalls ein gutes Album mit einem etwas anderen Ansatz ist, aber das wäre ja zu einfach gewesen…

        Und naja, die übliche Opfer-Rolle, die der Gute anschlägt. Das Album wurde nur wegen dem Split schlecht bewertet und mimimi…

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