Interview mit Mateusz "Havoc" Smierzchalski von Blindead 23

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Die polnischen Progressive Metaller BLINDEAD standen dereinst für kompromisslos experimentelle Musik mit großen Konzepten. 2022 legte Main-Man Mateusz „Havoc“ Smierzchalski diese Band jedoch zu Grabe, nur um schon 2024 BLINDEAD 23 aus der Taufe zu heben. Mit dieser Formation hat er jüngst deren herausragendes Debüt „Deuterium“ veröffentlicht. Deshalb sprachen wir mit Mateusz unter anderem über (innere) Heilung, die Übel der heutigen Zeit und natürlich das erste Album seiner neuen Band.

Hallo Mateusz. Du hast mit BLINDEAD 23 etwas Neues gestartet. Wie kam es dazu, dass aus BLINDEAD irgendwann BLINDEAD 23 wurde?
Das ist eine ziemlich lange Geschichte, aber vereinfacht gesagt endete die vorherige Band BLINDEAD offiziell 2022 – nach 23 Jahren, seit ich sie 1999 gegründet habe. Die Originalbesetzung begann schon viel früher auseinanderzufallen, nämlich 2015. Wir haben versucht, es am Laufen zu halten, aber irgendwann sind wir gegen eine Wand gelaufen, und das hat angefangen, uns auf eine schlechte Weise zu beeinflussen. Ich habe beschlossen, 2021 von allem eine Pause zu machen. Ich bin in Therapie gegangen oder – wie ich es lieber nenne – in einen „Heilungsprozess“. Ich habe mich darauf konzentriert, meine mentale Gesundheit wieder in Ordnung zu bringen und mein Leben generell neu zu starten, kann man sagen. In dieser Zeit habe ich wieder angefangen, Musik zu schreiben, und die ersten Demo-Entwürfe dieser Geschichte namens „Deuterium“ sind entstanden. So entstand auch die Idee, unter einem leicht veränderten Namen BLINDEAD 23 weiterzumachen – und hier sind wir 2026 mit einer neuen Besetzung, aber mit Patryk Zwolinski und mir aus der Originalband, die das machen, wozu wir gemeinsam geboren sind.

Blindead 23; 2026

Lass uns einen Moment bei BLINDEAD bleiben. Mit dieser Formation habt ihr, meiner Meinung nach, einige der intensivsten Alben im (Extreme-)Metal geschaffen. Welche künstlerische Absicht hattest du, als BLINDEAD ursprünglich gegründet wurde?
Es sollte immer ein Gefäß sein, um die Musik zu kanalisieren, zu der wir in bestimmten Momenten eine Verbindung haben – wenn die Sterne richtig stehen oder uns die Inspiration aus dem Nichts trifft. Irgendwie hat die Vision seit unserem 2. Album („Autoscopia“, 2008) eine konzeptionelle Form angenommen, und seitdem schreiben wir Alben auf diese Weise. Ich schätze, man kann diesen Ansatz ein bisschen als cineastisch bezeichnen.

Das BLINDEAD-Album „Affliction XXIX II MXMVI“ zum Beispiel ist atmosphärisch sehr dicht und von der Stimmung her sehr melancholisch. Im Kontrast dazu wirkte „Absence“ zum Beispiel fast zugänglicher. Folgt ihr bei der Arbeit an solch intensiven Alben einem Plan, oder lasst ihr euch vom kreativen Flow leiten?
Meistens dem Flow, aber es gibt immer Faktoren, über die wir beim Ausarbeiten der Storyline nachdenken, zum Beispiel die Gitarrenstimmung zu ändern, um einen Stimmungswechsel zu markieren, oder bestimmte zusätzliche Instrumente, Field Recordings und Samples zu verwenden, um das Erlebnis interessanter und cineastischer zu machen.

Deine neue Formation BLINDEAD 23 hat kürzlich ein fantastisches Full-Length-Debüt veröffentlicht. Wo siehst du die entscheidenden Unterschiede zwischen BLINDEAD und BLINDEAD 23 – musikalisch, in Bezug auf Songwriting oder konzeptionell?
Vielen Dank. Ich denke, das, was sich verändert hat, liegt im Kern darin, wie wir als kreatives Kollektiv arbeiten. Wir setzen stark auf eine stressfreie und ehrliche Arbeitsweise. Der Rest bleibt ziemlich gleich, weil Patryk und ich auch in der vorherigen Band wie auch in der neuen die wichtigsten antreibenden Kräfte waren.

Als du BLINDEAD 23 gegründet hast: Gab es Dinge, bei denen du wusstest, dass du sie in Zukunft anders machen willst?
Ja, ich wollte einfach frei erschaffen können, ohne ständige Ego-Kämpfe, die in der Vergangenheit absolut nirgendwohin geführt haben.

Für das BLINDEAD-23-Line-up hast du Patryk Zwoliński als Sänger an Bord geholt. Mit ihm hattest du schon während der BLINDEAD-Jahre regelmäßig zusammengearbeitet. Was schätzt du an ihm?
Abgesehen davon, dass wir beste Freunde sind, glaube ich, dass wir beide insgesamt buchstäblich dazu bestimmt waren, gemeinsam zu erschaffen. Seine Stimme – sowohl harsh als auch clean – plus das Talent, konzeptionelle Geschichten in geschriebene Worte zu verwandeln, ist außergewöhnlich. Ich bin froh, dass wir einen Weg gefunden haben, wieder zusammenzukommen und dieses Ding erneut zu machen. Das ist wirklich das Beste überhaupt.

Abgesehen davon unterscheidet sich das neue Line-up ziemlich deutlich vom ursprünglichen BLINDEAD-Line-up. Wie war es, „Deuterium“ mit dieser neuen Formation zu erarbeiten?
Erfrischend. Jeder, der an dieser Platte beteiligt ist, ist so talentiert und kommt aus leicht unterschiedlichen musikalischen Welten. Das hat das ganze Erlebnis durchgehend super inspirierend und kreativ gemacht.

Wie seid ihr in dieser Besetzung zusammengekommen?
Es hat damit angefangen, dass Roger Ojersson und ich während der Pandemie viel Zeit in Stockholm verbracht haben. Ich habe zu der Zeit MLC Amps in verschiedenen Studios in Skandinavien präsentiert. Eines davon war das Studio Grondahl, das David Castillo gehört. Roger hat dort viel mit mir abgehangen. Wir sind damals einfach richtig gute Freunde geworden und haben beschlossen, es zu versuchen, als ich neue Musik geschrieben habe. Schnitt zu 2021: Pawel Jaroszewicz hat gehört, dass ich langsam eine neue Band zusammenstelle, und hat sich gemeldet. Am Anfang waren wir zu dritt, dann kam Patryk Zwolinski dazu. Außerdem waren Maciej Janas von KETHA und Vinicius Zwolinski Teil der Studio-Band. Ich fühle mich sehr privilegiert, all diese Jungs auf dem Debütalbum zu haben. Jeder von ihnen hat seine Spuren darauf hinterlassen und alle waren für den Prozess sehr wichtig

Wie lief der kreative Prozess für das neue Album ab? Was ist dir als besonders schön oder vielleicht besonders herausfordernd in Erinnerung geblieben?
Der schöne Teil war, wie frei und inspiriert der Prozess war, aber auch die Tatsache, dass wir im Studio Grondahl aufgenommen haben – mit David Castillo als Produzent – hat das Erlebnis großartig gemacht. Der herausforderndste und zeitaufwendigste Teil war, das richtige Label zu finden, das das Album veröffentlicht. Es hat uns 3 Jahre gekostet, aber wir haben es geschafft und sind bei Peaceville Records gelandet, was das perfekte Zuhause für uns ist. Harte Arbeit hat sich am Ende definitiv ausgezahlt.

Für mich persönlich klingt „Deuterium“ deutlich zugänglicher und auch moderner als die meisten BLINDEAD-Releases. Natürlich ist es immer noch ein starkes Progressive-Metal-Album. Welche Erwartungen hattest du an das neue BLINDEAD-23-Material?
Eines der Dinge, die sich bei mir in Bezug auf meine kreative Arbeit verändert haben, ist, dass ich aufgehört habe, Erwartungen zu haben. Ich stecke mein ganzes Herz und meine ganze Seele hinein, und sobald es veröffentlicht ist, gehört es nicht mehr wirklich mir. Was damit passiert, hängt völlig davon ab, wie es bei den Leuten resoniert.

Blindead 23; 2026

Worum geht es thematisch auf dem Album?
Das Album basiert auf einer echten Geschichte aus meinem eigenen Leben. Das heißt, die Inspiration wurde aus meinem kompletten Zusammenbruch geboren, der wiederum der Auslöser dafür war, dass ich angefangen habe, um mein Leben zu kämpfen – durch den Heilungsprozess, anfangs in Isolation, dann dadurch, dass ich mich durch Musik ausgedrückt habe und mich wieder mit dem Universum verbunden habe, indem ich für mich einen neuen Weg gefunden habe. Aber das Thema des Albums ist sehr offen für Interpretationen. Ich bin sicher, dass viele Menschen sich auf die eine oder andere Weise darin wiederfinden können.

Wir sehen derzeit Egoismus, Angst und Ignoranz in vielen Gesellschaften, aber (zumindest fühlt es sich so an) weniger Empathie und Widerstandskraft. Wie nimmst du das wahr, und inwiefern hat das „Deuterium“ beeinflusst?
Um ehrlich zu sein, ist es mir egal geworden, was Leute denken oder tun. Ich gebe mein Bestes, eine gute und empathische Person zu sein gegenüber denen um mich herum. Ich halte mich die meiste Zeit von Menschen fern – außer wenn ich auf Tour bin und mit EMPEROR arbeite oder aktuell mit BLOOD INCANTATION. Ich lebe auf dem Land in der Nähe meiner Familie, meines Hundes und der schönen Natur ringsum, und ich habe mich noch nie in meinem ganzen Leben besser gefühlt.

Wessen sollte sich die Menschheit deiner Meinung nach in ihrem Kern bewusster werden, um einen Weg aus dem Pessimismus dieser Zeit zu finden?
Weniger Social Media, mehr menschlicher Kontakt, Lesen, Musik auf physischen Formaten erleben oder live. Das funktioniert definitiv für mich jetzt, und ich hätte in der Vergangenheit beinahe mein Leben verloren, weil ich Teil dieses Wahnsinns der „normalen“ Gesellschaft war.

Apropos Einfluss und Menschen: Wie reagiert das BEHEMOTH-Lager eigentlich auf die experimentierfreudige Seite von BLINDEAD 23?
Ich bin gut mit Nergal befreundet, und er war immer sehr unterstützend gegenüber BLINDEAD und jetzt auch BLINDEAD 23 – genauso wie Seth. Darüber hinaus weiß ich es nicht wirklich. Ich bin vor so langer Zeit bei BEHEMOTH ausgestiegen, dass diese beiden Welten sich nicht wirklich mehr überschneiden.

Blindead 23; 2026

Wie ist das Feedback eurer Fans generell zu „Deuterium“?
Bisher überwältigend und großartig. Es fühlt sich an, als hätten wir dieses Mal etwas richtig gemacht, weil wir noch nie so viel Interesse an irgendeinem unserer früheren Releases hatten. Es scheint bei den Leuten auf eine sehr gute Weise zu resonieren, und das fühlt sich sehr belohnend an, wenn ich an die Menge an Zeit und Aufwand denke, die es gekostet hat, es überhaupt rauszubringen.

Ihr seid dieses Jahr noch in Polen auf Tour. Gibt es eine Location, auf die du dich besonders freust? Wenn ja, welche?
Ich liebe es, beim SUMMER DYING LOUD FESTIVAL zu spielen, das einen ganz besonderen Platz in der Geschichte beider Bands einnimmt. Was Venues angeht, wird es, glaube ich, großartig, zu dem Ort zurückzukehren, wo alles angefangen hat – in unserer Heimatstadt Gdynia, Polen. Der Laden heißt „Ucho“, und wir haben dort Anfang der 2000er unsere ersten Shows gespielt. Es war so eine Art Zuhause für dieses Christmas Festival, das wir mindestens 12 Jahre lang mit BLINDEAD organisiert haben. Wir haben dort, wenn ich mich richtig erinnere, seit 2018 nicht mehr gespielt. Also ja, das wird definitiv sehr emotional.

Wie unterscheiden sich polnische Publikum von zum Beispiel deutschen?
In unserem Fall ist das im Moment irgendwie schwer zu sagen, weil wir noch nicht wirklich die Chance hatten, so viel in Deutschland zu spielen. Wir waren 2013 und so mit LEPROUS auf Tour, aber das waren nie unsere Shows. Mal sehen, ob wir das dieses Mal ändern können. Ich würde dieses Material sehr gerne auf deutschen Boden bringen.

Wenn du die Identität von BLINDEAD/BLINDEAD 23 in einem Satz einem Neuling beschreiben müsstest – was würdest du sagen?
Emotional, atmosphärisch, heavy, cineastisch und Healing-Vibes für aufgeschlossene Hörer.

Blindead 23; © Karol Makurat / Tarakum Photography

Zum Schluss unser Metal1-Brainstorm:
Seele: Alan-Watts-Podcasts sind was für die Seele
Die polnische Black-Metal-Szene: FURIA, MGŁA, CHRIST AGONY, OVER THE VOIDS, SEAGULLS INSANE AND SWANS DECEASED MINING OUT THE VOID
Veränderung: Beginnt in dir
Original-Motion-Picture-Soundtracks: „Dracula“ von Wojciech Kilar
BLINDEAD 23 in zehn Jahren: Mal sehen, was passiert, ich bin lieber im Hier und Jetzt und mache das Beste, was ich kann.

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Philipp Sorger

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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