Wenn sich eine Band vorwiegend aus bekannten Größen der Black- und Death-Metal-Szene zusammensetzt, liegt die Vermutung des „nächsten großen Dings“ durchaus nahe. Gitarrist Mateusz „Havoc“ Smierzchalski (ex-BEHEMOTH) widerspricht dieser Idee allerdings schon seit Jahren. Mit seiner ehemaligen Band BLINDEAD hat der Musiker einige hochinnovative (Metal-)Alben präsentiert, die nicht selten kaum einzuordnen waren. Diese Formation trug Smierzchalski 2022 zu Grabe, nur um kurz darauf mit neuem Line-up – unter anderem bestehend aus ehemaligen Musikern von KATATONIA, DECAPITATED und VLTIMAS – BLINDEAD 23 aus der Taufe zu heben.
„Deuterium“, das Debüt der Formation, wandelt weiterhin auf den vielseitigen Spuren BLINDEADs, geht dabei jedoch wesentlich frischer zu Werke. Die Songs „Immersion I“ und „Immersion II“ haben als Einstieg allein eine Laufzeit von knapp 18 Minuten. Ersterer führt über ein songgebundenes Ambient-Intro in das Album, ehe das tighte Drumming von Paweł Jaroszewicz im Zusammenspiel mit den melodischen Gitarren stark an IN MOURNING denken lässt. Die folgenden querlaufenden Rhythmen wecken hingegen Erinnerungen an frühere LEPROUS, während der Wechselgesang von Patryk Zwoliński und Roger Öjersson den Opener gleichermaßen mit Wut und Melancholie umwebt. „Immersion II“ fügt dem Ganzen mehr Brachialität hinzu, verliert jedoch durch seine komplexe Komposition und atmosphärischen Synthesizerflächen keinen Augenblick an Tiefe.
„Wither“ setzt nach dem vielseitig-pompösen Start von „Deuterium“ mit postigen Gitarren, sanftem Drumming und warmen Bassklängen einen absolut notwendigen Konterpunkt. Perfektioniert wird diese Atempause erneut durch den fantastischen Klargesang von Roger Öjersson. Die schiere Wut eines „Worst Laid Plans“ wirkt beinahe wie ein Ausrufezeichen gegen die zuvor etablierte Stille. Rasante Drums und tiefe Sludge-Gitarren verfallen hier in fast manische Willkür, werden jedoch durch einen treffsicheren Chorus geerdet und schließlich in ein Piano-Outro geführt.
Der Titeltrack „Deuterium“ stellt das anschließende Herzstück des Debüts von BLINDEAD 23 dar. Ein melancholisches Gitarrenmotiv führt in wuchtige Metal-Arrangements, die die zuvor erzeugte Grazie gänzlich zerlegen. Die Strophe wiederum wird von geisterhaft hallenden Gitarren und einem dominanten Bass ausgekleidet. Nach den starken Growls von Patryk Zwoliński wirkt der folgende Refrain, erneut getragen von Roger Öjersson, wie der emotionale Kernmoment nicht nur des Songs, sondern des gesamten Albums – ein Zeugnis zügelloser Wut und reiner Schönheit. Ab hier nimmt „Deuterium“ einen kompositorischen Turn. Denn „Towards The Dark“ gibt sich zugleich leichtfüßiger und progressiver als seine Vorgänger. Damit führen BLINDEAD 23 Wendigkeit und Atmosphäre ebenbürtig zusammen.
Apropos Atmosphäre: Genau darauf zielt das abschließende „You Are The Universe“ ab. Im Gegensatz zum Beginn des Albums wirkt dessen Ende eher friedvoll offen, jedoch ohne den drängenden Kern der vorherigen Stücke zu vernachlässigen. Instrumente und Gesang potenzieren sich schließlich zu einem emotionalen Höhepunkt, der den Blick von vertrackter Wut auf einen würdevollen Abschied lenkt. Aus dem Album heraus führt letztlich ein zum Song gehörendes Piano-Outro, das selbst Freude von Ludovico Einaudi einsacken dürfte.
Zu Beginn ging es um Erwartungen, und BLINDEAD 23 zeigen auf „Deuterium“ vor allem, dass sie ihre eigenen Ansprüche an atmosphärische wie harte Musik erfüllt sehen wollen. Wird dieses Album also jeden Fan von Black und Death Metal abholen? Definitiv nicht. Wer die genannten Attribute jedoch zu schätzen weiß und bereit ist, BLINDEAD 23 Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, wird mit einem innovativen Album voller Emotionen und Vielseitigkeit belohnt.
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