Interview mit Andy LaPlegua von Combichrist

Spätestens seit sie als Maskottchen von Rammstein die Welt bereisen, sind COMBICHRIST auch jenseits der Grenzen der Industrial/Gothic/EBM-Welt vielen Leuten ein Begriff – und das völlig zurecht, ist das, was Mastermind Andy LaPlegua komponiert, doch für eine deutlich breitere Hörerschaft als die einer Genrenische gemacht.
Vor ihrem Gastspiel in München hatten wir die Gelegenheit, einen gut gelaunten Andy zu treffen und mit ihm ausführlich über das Touren mit Rammstein, Musik von Burzum bis Björk und den Unterschied zwischen „Liebe machen“ und „ficken“ zu sprechen. Doch lest selbst…

Hy Andy! Zunächsteinmal: Willkommen in München…
Danke!
…gehts dir gut? Alles ok soweit?
Ja, ich denke… ich bin grade erst aufgestanden, insofern bin ich grade erst dabei, herauszufinden, ob alle Körperteile funktionieren, aber bisher fühlt es sich so an, als wäre alles da, wo es hingehört (lacht) … Ja, wir haben uns gestern komplett zerstört…

…also hast du einen Kater?
Nein, es ist nur physischer Schmerz…(lacht)

Hattet ihr eine lange Fahrt hierher? Wo habt ihr gestern gespielt?
Wir hatten gestern einen Day Off, was immer viel schlimmer ist, als wenn man eine Show spielen muss… nein, weißt du, die Tour war so straff geplant bisher – das gestern war unser erster Day Off, und wir sind jetzt seit zwei Monaten auf Tour und haben fast jeden Tag irgndwo gespielt. Insofern sollte man sich eigentlich entspannen, wenn man einen Day Off hat… aber das passiert einfach nicht.

Was habt ihr gemacht? Wo wart ihr?
Gestern jetzt? Oh…wo haben wir angefangen? (überlegt) Wir waren in der… (ein Crewmitglied kommt zu Hilfe: Therme Erding!) Ah ja, genau, Therme Erding (lacht).
Das war wirklich lustig… kennst du diese Ampeln, die anzeigen, dass immer nur eine Person auf einmal in die Rutsche kann und der Nächste dann auf die grüne Ampel warten muss? Dann stell dir mal zwölf Leute vor, die versuchen, sich gleichzeitig durch die Rutsche zu prügeln… wir haben heute alle so viele blaue Flecken (lacht). Andere Bands entspannen sich von der Tour, lassen sich massieren… die einzige Massage, die wir bekommen haben, war ein Knie im Gesicht oder dergleichen auf dem Weg nach unten… aber wir hatten Spaß. Abends hatten wir dann noch ein BBQ-Essen – ich kann mich wirklich nicht beschweren!
Es ist auch schön, wieder zurück in München zu sein… ich liebe diese Stadt!

Habt ihr euch die Stadt denn auch ein bisschen anschauen können?
Ja, ich war hier schon ziemlich oft: Ich habe eine Zeit lang in Hamburg gelebt und hatte hier ein paar Freunde, insofernwar ich hier recht oft. Vielleicht kennst du Tom Craft (Trance DJ aus München, A.d.Red.)? Mit dem habe ich hier oft abgehangen… wir haben hier auch schon einige Male gespielt, letztes Mal im Metropolis, davor mit Rammstein, und noch früher auch mal in der Alabamahalle.

Seid ihr mit der aktuellen Tour denn soweit zufrieden?
Ja, es ist eine ziemlich gute Tour, abgesehen vom Wetter: Das hat uns schon ein paarmal übel mitgespielt, vereiste Straßen und so weiter… uns ist sogar der Tourbus kaputt gegangen: Wir mussten dann zwei Shows canceln, weil es so kalt war: Der Bus hat das nicht mitgemacht, und wir mussten Sockholm und Tampere, Finnland absagen. In Russland ist uns der Bus dann nochmal kaputt gegangen… er ist zwar angesprungen, aber die Heizung war kaputt, und es hatte minus 35° Grad. Aber die Shows als Solche waren wirklich gut, das Publikum war Wahnsinn…

Ich habe vorher erst erfahren, dass ihr die Halle ausverkauft habt und das Konzert jetzt ins größere Backstage Werk verlegt wurde!
Ja, das ist wirklich cool. Es ist gut, wenn man die Dinge wachsen sieht. Das Wichtigste, oder wie soll ich sagen… Erfüllendste für mich daran, zu sehen, dass die Shows so groß und ausverkauft sind (und wir hatten viele ausverkaufte Shows auf dieser Tour) ist, dass ich, auch wenn sich die Musik über die Jahre geändert hat, die Musik nie geändert habe, nur um damit mehr Erfolg zu haben. Ich habe immer genau das gemacht, was ich wollte, und völlig ohne Rücksicht darauf, was die Leute von mir erwartet haben. Deshalb ist es umso befriedigender, zu sehen, wie es aufwärts geht mit der Band, wenn du weißt, dass du dich nie verkauft hast, um mehr Fans dazuzugewinnen.

Meinst du, die Tour mit Rammstein war soetwas wie der Durchbruch in der Karriere von COMBICHRIST?
Ich denke, es kann oder könnte sein… was wichtig an einer Tour wie der mit Rammstein ist (und das gilt für alle Bands, die für sie eröffnen), ist, dass du, wenn du nach der Tour einfach wieder rausgehst, und eine andere Tour machst, vielleicht garnichts mehr davon merkst, garkein Wachstum verzeichnen kannst, wenn du keinen Nutzen aus diesem Markt schlägst: Du musst sicherstellen, dass deine Booking-Agentur, deine Promotion-Agentur, dein Label auf die Leute zugehen, die dort waren, weil diese Leute keine Newsletter haben, nicht wissen, wo sie schauen sollen… es ist also hauptsächlich eine Sache der Promoter, dafür zu sorgen, dass die Leute, die bei einer Rammstein-Show waren, und unseren Auftritt gemocht haben, es direkt vor Augen geführt bekommen: Hier ist das neue COMBICHRIST-Album! Weil diese Leute würden es im Sonic Seducer oder einem Underground-Magazin nicht entdecken, weil sie soetwas nicht notwendigerweise lesen…

Könnt ihr denn feststellen, dass viele Leute, die bei den Rammstein-Shows waren, jetzt auch bei eurer Headliner-Tour zu den Konzerten kommen?
Auf jeden Fall, ja… wir hatten offenbar ziemlichen Erfolg, zu einer Menge Leute durchzudringen, und es ist ziemlich einfach, das festzumachen, weil jeder, der bei einer Rammstein-Show war, mit einem Rammstein-Shirt zu unserem Konzert kommt. Insofern ist es wirklich einfach: Du kommst auf die Bühne und kannst genau feststellen, wer uns schon vor Rammstein gesehen hat… weil sie alle Rammstein-Tourshirts anhaben. (lacht)

Ändert sich dadurch für euch etwas? Ist es etwas anderes, für diese Leute zu spielen, wie für euer angestammtes Publikum aus der Gothic/EBM/Industrial-Szene?
Ich weiß nicht, ob es einen großen Unterschied macht… ich meine, ich selbst komme ursprünglich nicht aus der Gothic-Szene, sondern aus der Hardcore, Punk und Metal-Szene… am Ende bin ich in der komplett gegenteiligen Szene gelandet, der Techno/Electro-Szene. Ich habe das dann vermischt, und aus irgendeinem Grund wurde das dann zu Musik für diese Szene… Metal und Hardcore mit Electro ergibt eben Industrial. Ich mag die Leute in der Szene, sie sind wirklich beeindruckend, extrem passioniert, vergleichbar mit der Hardcore-Szene oder der Metal-Szene. Das sind alles sehr hingebungsvolle Szenen, jeder steht hinter ihrer Szene und der Musik und allem. Diesbezüglich gibt es glaube ich viele Gemeinsamkeiten zwischen den Metal-Fans die zu unseren Shows kommen und den Gothics und Industrials. Ich denke, was sie gemeinsam haben, ist, dass sie ihren Bands und ihrer Musik sehr treu sind…

Wie seid ihr an den Support-Slot vor Rammstein überhaupt rangekommen? Ging das über deinen Schlagzeuger Joe Letz, der mit Rammstein-Gitarrist Richard Kruspe bei Emigrate spielt?
Ja, also Richard und Joe sind schon lange Zeit gute Freunde, er hat bei Emigrate gespielt, wodurch er ihnen als Privatpersonen nähergekommen ist. Aber am Ende haben sie uns gefragt, insofern würde ich vermuten, dass wir einfach irgendetwas richtig gemacht haben.. ich weiß es nicht. Aber wir wären ohne Zweifel dumm gewesen, hätten wir in dieser Situation nein gesagt. Und damit kommen wir wieder zu dem, was ich vorher über die Musik gesagt habe: Ich möchte nicht die Musik ändern, um Erfolg zu haben, aber das war einfach eine große Chance für uns, das, was wir tun, für eine neue Hörerschaft zu tun, direkt, ohne etwas ändern zu müssen… das war das Großartige daran.

Und wie darf man sich das dann Vorstellen, wenn man als kleine Band mit einer Band wie Rammstein auf Tour ist? Feiert man dann nach getaner Arbeit kräftig zusammen, oder zieht da jeder sein eigenes Ding durch?
Ich weiß nicht, wie viel ich darüber sagen sollte, aber…
Alles natürlich! (lachen)
…aber was an dieser Tour wirklich cool war, beziehungsweise ist – wir gehen nächsten Monat ja wieder mit ihnen auf Tour, in Amerika… wir werden sowas wie ihr Maskottchen, glaube ich, eine ewige Vorband (lacht)… aber ich will mich nicht beschweren! – nein, was mich am meisten überrascht hat, und was wirklich cool war, war, dass wir mit ihnen auf Tour gegangen sind, und wirklich nichts erwartet haben… wirklich… ich meine, ich bin jetzt den Großteil meines Lebens auf Tour, fast 17 Jahre mittlerweile, weißt du? Dabei habe ich gelernt, nichts zu erwarten… auch heute Abend, die Verlegung in die große Halle: Ich erwarte nichts von einer Show, du musst es so nehmen, wie es kommt, und das Beste draus machen. Und das Coole war eben, wie wir bei der Tour als Leute aufgenommen wurden: Es war nicht Hauptband und Supportband, unsere Crew, eure Crew und dergleichen, sondern es war eine Band, eine Crue… es war wie Rammstein und COMBICHRIST sind die Band… wie eine große Familie, die gemeinsam auf Tour ist. Eine wirklich große Familie, nebenbei bemerkt… ich meine, die haben ein paar hundert Leute in ihrer Crue. Das war wirklich eine beeinduckende Erfahrung. Es ist fast schon sonderbar, nicht mit ihnen auf Tour zu sein… man hat fast das Gefühl, dass die halbe Band fehlt. Es war einfach jeder Tag auf persönlicher Ebene extrem erfüllend.

Was sind für dich die Hauptunterschiede, eine große Halle als Rammstein-Support zu bespielen oder einen kleineren Club als Headliner?
Ich vergleiche Arena und Clubshow immer mit „ficken“ und „Liebe machen“: Es ist die gleiche Handlung, aber trotzdem ein bisschen anders. Eine Clubshow ist wie „Liebe machen“ intimer – eine Arena ist wie ficken: Geil, aber nicht notwendigerweise persönlich (lacht). So sehe ich das.

Du hast vorher erwähnt, dass das Interessante daran war, eure Musik einer neuen Hörerschaft vorzustellen… plant ihr Derartiges wieder, also mit Bands anderer Genres zusammenzuspielen, um neue Hörerschaften zu erschließen?
Ich denke, wir machen soetwas Ähnliches bereits auf dieser Tour mit Mortiis, oder? Ich meine, ich kenne die Jungs seit langer Zeit, witzig genug. Ich meine, ich wohne nicht mehr in Norwegen, sondern mittlerweile in Amerika, aber meine Eltern leben noch dort, und zwar in der selben Straße wie Mortiis. Die Welt ist klein, weißt du? Stephan von Apoptygma Berzerk, die dir vielleicht etwas sagen, lebt auch in der gleichen Straße (lacht). Ich, Mortiis und Stephan leben in der gleichen Straße, wirklich abgefahren eigentlich (lacht). Wir haben schon lange darüber geredet, mal zusammen auf Tour zu gehen, und hielten das für eine gute Idee, weil beide Bands Genregrenzen überschreiten – aber in komplett unterschiedlicher Art und Weise, klar: Er macht mehr so eine Metal-Sache mit Electronics, und wir machen es genau umgekehrt, und mischen Electonic mit einer Rock und Metal-Attitüde. Wir haben keine Gitarren dabei… aber manchmal haben wir sogar Gitarren dabei, wenn wir Bock drauf haben.
Ja?
Ja, Wes Borland von Limp Bizkit spielt jetzt mit uns zusammen…
Die ganze Tour jetzt?
Nein, nicht diese Tour… er ist leider grade mit Limp Bizkit im Studio, aber in den Staaten spielt er für gewöhnlich bei uns mit.

Ist geplant, das dann auf dem nächsten Album auch umzusetzen?
Unter Umständen, ja. Ich spiele auf jeden Fall mit dem Gedanken. Wie gesagt, ich wollte nie etwas ändern, nur um etwas zu ändern… aber beispielsweise für eine der Singles zum letzten Album („Today We Are Demons“, A.d.Red.) haben wir eine Gitarren-Version gemacht, bei der er Gitarre gespielt hat. Und irgendwie war an dieser Zusammenarbeit im Studio etwas „magisches“. Ich könnte die besten Gitarren aufnehmen, und es könnte trotzdem scheiße klingen… es ist einfach etwas magisches daran, wenn du einen Musiker triffst, mit dem du dich einfach genau auf einer Wellenlänge befindest. Insofern ist das damals ziemlich gut geworden und ich bin sehr zufrieden damit. Das wäre also auf jeden Fall eine Idee für das nächste Album… es könnte die nächste Stufe sein, so zu sagen, und zugleich etwas zurück zu meinen musikalischen Wurzeln gehen.
Ich vermisse das schon ein bisschen, Metal zu spielen oder Hardcore-Zeug… aber ich schweife ab (lacht) Jedenfalls denke ich, dass wir das (mit Bands anderer Genres zusammenzuspielen, A.d.Red.) grade mit Mortiis wieder tun. Ich hab auch neulich mit Brandan Schieppati von Bleeding Through geredet, vielleicht ziehen wir da auch eine Show oder gar Tour auf. Unlängst haben wir in den USA mit Tiger Army ein paar Gigs zusammengespielt, einer Rockabilly-Kapelle… insofern machen wir schon jetzt eine Menge in Richtung Crossover. Das ist bisweilen wirklich bizarr, und noch verrückter, wenn du es grade tust, aber aus irgendeinem verrückten Grund ergibt es auch Sinn, weil viele der Metaller, der Rabbitheads, oder „Grufties“ wie ihr sie nennt, und der Electro-Kids und Rockabilly-Fans einen gemeinsamen Nerv haben.

Ok, dann lass uns jetzt mal über euer neues Album sprechen, „Making Monsters“. Könntest du uns das Album zunächsteinmal in ein oder zwei Sätzen beschreiben?
Ich tu mich immer schwer, irgendetwas in Kurzform darzustellen (lacht). Aber es ist definitiv viel persönlicher als die Alben davor. Ich kann das nicht kurzfassen, aber einer der Gründe dafür ist, dass der Großteil der Alben, die ich je veröffentlicht habe – unabhängig davon mit welcher Band – in irgendeinem Übungsraum geschrieben worden sind, oder im Studio… jedenfalls in einer Art „sicherer“ Umgebung. Du gehst dort hin, um kretiv zu sein, und das führt dich dazu, dich selbst nicht all zu ernst zu nehmen, oft steckt da eine Menge Ironie drin und du machst dich dabei ein bisschen über dich selbst lustig… und eine Menge des älteren Materials bezieht sich auf die Figur COMBICHRIST, nicht auf mich als Person. Eher in Richtung Horror-Film oder Road-Movie… nichts von den Texten des älteren Materials ist ernstzunehmen, es ist eher wie ein Film anzuschauen: Natürlich renne ich nicht rum und töte Leute oder halte Frauen Waffen an den Kopf, damit sie mir einen blasen… (lacht) Ich könnte… (lacht) aber natürlich nur, wenn sie das auch wollen. Aber das sind Sachen, auf die du in einer Studio-Umgebung kommst und dir dort erlauben kannst. Der Großteil „Today We Are Demons“ und das komplette „Making Monsters“-Album sind auf Tour entstanden, was einfach etwas komplett anderes ist, weil der Moment, in dem du dich dann hinsetzt und schreibst, ist die dunkelste Stunde in deinem Leben. Nicht notwendigerweise negativ, aber diese Minuten, wenn du die Zeit und Ruhe hast, der Bus die Autobahn langfährt und du, während alle anderen schlafen, in der Lounge sitzt und schreibst, sind sehr emotionale Momente… auf Tour sein allgemein kann sehr stressig und emotional sein. Und wenn ich „emotional“ sage, meine ich natürlich nicht Emo (lacht) aber du weißt, was ich meine. Und so wird die Musik dann viel persönlicher, werden die Texte viel persönlicher. Du siehst dich selbst nicht mehr als Character, sondern plötzlich schreibst du über die Person, die du bist, nicht mehr über die Figur. Das ist, denke ich, der Hauptunterschied.

Schreibst du die Songs immernoch komplett alleine, oder trägt der Rest deiner Liveband auch etwas bei?
Ich würde es so formulieren: Gäbe es meine Live-Musiker nicht, würde es nicht klingen, wie es klingt. Sie schreiben nichts von der Musik, aber ich nehme das, was sie auf die Bühne bringen, mit ins Studio und auch in meine Komposition. Sie inspirieren mich, auf die oder die Art zu schreiben. Ich meine, ich habe zwei meiner absoluten Lieblingsdrummer in meiner Band, mit die Besten, die ich je gesehen habe, und das inspiriert mich schon ziemlich, wenn ich ins Studio gehe: Ich kann fast in meinem Kopf hören, wie irgendetwas dann live klingen wird. Ich versuche auch immer, Album und Liveinterpretation etwas unterschiedlich zu halten…weil… lass mich da nochmal auf den Sex-Vergleich zurückgreifen: Das ist Unterschied zwischen „Baby machen“ und „Baby haben“ quasi… (lacht) – es sind zwei komplett unterschiedliche Dinge, aber sie gehören zusammen…
An dieser Stelle eine kurze Zwischenfrage: Die Drummer sind auf den Aufnahmen dann aber nicht zu hören, oder?
Ich hatte Joey schon im Studio – die Idee habe ich zugegebenermaßen von Trent Reznor geklaut. Joeys Vetter ist Reznors Techniker… und der hat uns erzählt, wie Trent das macht. Also haben wir uns ins Studio gesetzt, und am Schlagzeug das Tempo und Feeling der Songs entwickelt. Danach habe ich mich dann hingesetzt und das Drumming nachprogrammiert und zerhackt und dergleichen.
Aber auf dem Album hört man kein echtes Drumming mehr?
Nun, es ist teilweise echtes Drumming, aber eben stark editiert und nachbearbeitet. Aber gerade so Sachen wie Drumfills waren Teile, die ich organisch haben wollte, und danach habe ich dann beispielsweise die komplette Hi-Hat-Spur gelöscht und durch eine sehr offensichtlich digitale ersetzt. Auf dem Album ist nichts zufällig, und ich versuche auch nicht, dass etwas auf Platte „live“ klingt, genausowenig wie ich versuche, etwas zu machen, das live „digital“ klingt… ich denke, das ist ein sehr wichtige Balance.

Du hast bereits erwähnt, dass „Making Monsters“ sich musikalisch doch deutlich von den früheren COMBICHRIST-Alben unterscheidet, vor allem von den sehr rohen, um nicht zu sagen „primitiven“ ersten Alben. War diese Wandlung ein bewusster Schritt, oder kam das einfach über die Jahre?
Ja, das war etwas, was sich über die Jahre einfach so entwickelt hat. Ich denke, das witzige daran ist rückblickend: Wenn ich Fan einer Band wäre, und sie würden sich derart verändern, wäre ich ziemlich angepisst – und jetzt habe ich mich selbst dabei ertappt, genau das gleiche zu machen… aber das ist einfach etwas ganz natürliches. Ich denke, es ist im Gegenteil wirklich selten, dass eine Band das absichtlich machen… das passiert einfach. Und am Ende ist es ja auch so, dass wenn ich jetzt zurückblicke die aktuellen Alben der Bands, bei denen ich mich zunächst über den Stilwechsel geärgert hatte, mir am besten gefallen (lacht).
Ich denke, das ist auch eine Frage des Alters und des ständigen auf Tour seins… aber das Wichtigste überhaupt ist, und das haben alle Alben, die ich released habe gemeinsam, dass ich genau das gemacht habe, was ich für richtig gehalten habe. Vollkommen ohne auf irgendetwas anderes Rücksicht zu nehmen. Und ob nun musikalischer Wechsel oder nicht – was zählt, ist, dass ich zu 100 Prozent hinter dem stehen kann, was ich gemacht habe. Ich könnte von keiner CD heute sagen „Oh, das wollte ich so eigentlich garnicht…“ – ich könnte höchstens sagen „Ich mag das heute nicht mehr, aber zu der Zeit, als es released wurde, war das genau, was ich machen wollte“… und das ist keine Schande, finde ich. Und nur darum geht es, vor allem bei COMBICHRIST: Dass ich mache, was ich für richig halte. Und wenn das Gitarren auf dem nächsten Album sind, mache ich auch das, und wenn noch so viele Industrial/Electro-Freaks schreien, dass ich es nicht tun soll.

Gibt es auch COMBICHRIST-Songs, die du heute nicht mehr magst, oder zumindest so nicht mehr schreiben würdest?
Nun, das erste Album beispielsweise ist da so eine Sache. Ich könnte mir zumindest nicht vorstellen, einen der Songs live zu spielen. Das heißt aber nicht automatisch, dass ich sie nicht mag, ich denke nur nicht, dass sie sich sonderlich gut dazu eignen, live gespielt zu werden. Ich höre sie mir jetzt auch zu Hause nicht unbedingt an… aber das heißt nicht, dass ich nicht dazu stehe. Aber es gibt da schon ein paar Sachen, die ich spontan gemacht habe, als eine Art Scherz, nicht unbedingt bezüglich der Musik, aber gerade hinsichtlich der Texte, die bezwecken, irgendjemanden anzugreifen, was mir heute nicht mehr richtig vorkommt.

Wie wichtig sind denn die Texte für die Kunst von COMBICHRIST als Ganzes?
Ich denke, sie sind wirklich wichtig: Sie müssen nicht gut sein, sie müssen nicht ernst gemeint sein, aber ich halte sie schon für wichtig, weil sie die Songs beeinflussen: Denn auch, wenn es etwas simples und dummes wie „This Shit Will Fuck You Up“ ist – ich meine, das ist wirklich primitiv und bescheuert, aber es ist für den Song wichtig, weil es das ist, was den Song zu dem macht, was er ist. Die Dead Kennedys haben einen Song, der „I Like Short Songs“ heißt… und es ist auch ein wirklich kurzer Song, in dem er vielleicht 20 Mal schreit „I Like Short Songs“ – aber es komplettiert den Song. Es ist total lächerlich, aber es macht den Song zu dem, was er ist. Und aus dieser Sichtweise heraus würde ich die COMBICHRIST-Texte durchaus als wichtig erachten, völlig unabhängig davon, wie gut oder schlecht sie sind.

Schreibst du, wenn du einen Song komponierst, die Musik mit einem Textkonzept im Kopf, oder die Texte erst, wenn die Musik steht?
Oh, das geht in beide Richtungen. Manchmal schreibe ich eine Melodie nieder, also C, D…wie auch immer, und schreibe dann die Songs zum Text. Generell schreibe ich einfach alles auf, und dann in einer Anmerkung am Rand noch dazu, wie ich mir dieses oder jenes Detail vorstelle, und dies und das… und wenn ich dann im Studio stehe, und die einzelnen Ideen zusammenfüge, denke ich mir manchmal nur „Oh mein Gott, was habe ich damit denn jetzt wieder gemeint…“ (lacht) Genauso geht es aber auch andersherum, dass ich mit einer Kickdrum anfange, und eine Bassline dazu schreibe, und dann erst Gesang dazupacke und Melodien und noch mehr Gesang und so weiter. Biede Richtungen sind also möglich, aber meistens habe ich, wenn ich die Texte schreibe, entweder ein Gefühl oder bestimmte Bilder im Kopf. Das ist wie eine Geschichte oder ein Film oder auch ein Comic-Heft… gerade das ältere Zeug geht stark in diese Richtung und hat mehr mit einem Comic-Helden, einem Film-Charakter zu tun als mit mir. Der Charakter, der ich auf der Bühne bin – das bin nicht ich. Ich meine, ich benehme mich nicht, wie ich es auf der Bühne tue… also ganz offensichtlich. (lacht) Ausser, ich bin richtig betrunken vielleicht… aber weißt du, es ist ein Charakter. Sehr oft sehe ich die Story quasi vor mir, und versuche, diese dann in einen Text zu verpacken.

Die Texte schreibst du dabei immer in Englisch. Hast du schoneinmal drüber nachgedacht, ein deiner Muttersprache, Norwegisch, zu texten?
Ja, ich habe drüber nachgedacht… tatsächlich habe ich mit anderen Projekten sogar schon ein paar Songs auf Norwegisch gemacht, und es hat wirklich gut funktioniert. Aber aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, das ich das nie gut mit COMBICHRIST zusammenbringen könnte. Ich denke, es ist auch der Song entscheidend, nicht der Text… insofern: Wenn ich den richtigen Song dafür schreibe, könnte das schon klappen. Das Ganze hat natürlich auch etwas mit Eingängigkeit zu tun: Für 99,9 Prozent der Weltbevölkerung könnte es schwierig werden, einen Song auf Norwegisch eingängig zu finden… insofern versucht man schon, das ganze ein wenig universal verständlich zu halten.

Die Deluxe-Edition des neuen Albums enthält ja eine kleine Live-DVD… wo wurde das Material aufgenommen?
Oh, das ist keine komplette DVD, es sind nur ein paar Live-Clips und ein paar Videos… da sind ein paar der russischen Shows verwendet worden.
Wir hatten so viel Material von den Touren, Livemitschnitte, von dem Chaos im Backstage-Bereich und so weiter. Ichbin ein Kontrollfreak, insofern muss ich immer alles selbst machen. Insofern arbeite ich ständig an der Idee einer DVD und sammle Material und editiere es, wenn ich dazu auf Tour die Zeit finde. Aber ich kann es eigentlich garnicht richtig machen: Ich will keine DVD veröffentlichen, nur um eine DVD veröffentlicht zu haben. Es gibt so schon viel zu viele Bands, die das so anpacken und sagen: „Oh, lass uns mal eine DVD produzieren… lass uns diese Show filmen, und die DVD veröffentlichen“. Ich halte das für falsch, weil es einen falschen Eindruck von der Band vermittelt. Ich will eine DVD veröffentlichen, bei der du den Wahnsinn, mit uns auf Tour zu sein, den Wahnsinn und die Energie, mit uns auf der Bühne zu stehen, fühlen und erleben kannst. Es geht nicht darum, dass das, was du hörst oder siehst die DVD so extrem macht, sondern darum, dass du es fühlen kannst, was du gefühlt hättest, wärst du da gewesen, auch, wenn es nicht exakt das ist, was du gesehen oder gehört hast. Und das ist eine ziemlich schwere Aufgabe… das ist, wie wenn du ein Bild malst und versuchst, damit jemand anderem ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln..

Zu den früheren COMBIHRIST-CDs gab es in den Deluxe-Editions immer CDs mit Bonustracks… wo waren die her? Extra dafür geschrieben oder Ausschuss?
Nun, ich experimentiere viel, wenn ich im Studio bin, und manchmal komme ich dann in eine Phase, in der ich so minimalistisches Zeug, fast in Richtung Techno, mache oder mehr Dark Ambient-Geschichten oder Noise oder auch etwas Rockigeres… und ich denke, das ist ein großer Teil von dem, was COMBICHRIST ausmacht. Ich verwende das dann nicht notwendigerweise, aber es ist ein wichtiger Teil des Endresultats… und das ist auch der Grund, warum ich dieses Material auf den Bonus-CDs veröffentlicht habe. Es ist vielleicht nicht eben das beste Zeug, was ich je gemacht habe, aber es ist wirklich wichtig… eine Art Erklärung, warum COMBICHRIST so klingt, wie es klingt.

Ihr habt ja kürzlich auch eine neue Single veröffentlicht, „Throat Full Of Glass“. Im Industrial-Sektor ist es ja eine recht populäre Herangehensweise, dass man eine Single mit 5 Remixes des gleichen Songs füllt, was im Metal-Genre so undenkbar wäre. Stehen die Industrial-Fans auf soetwas? Verkauft sich eine CD mit einem Song in fünf mehr oder weniger unterschiedlichen Versionen darauf?
Ich glaube nicht, dass du überhaupt noch irgendetwas auf CD verkaufen kannst heutzutage… keiner kauft heutzutage noch CDs. Und um 100 Prozent ehrlich zu sein: Ich hasse Remixes, und ich hasse es auch, anderer Leute Songs zu remixen, genauso wie ich es hasse, wenn andere Leute meine Musik remixen. Das heißt aber nicht, dass es nicht interessant ist – ich hasse auch die Ergebnisse eines solchen Prozesses nicht, ich mag nur den Grundgedanken dahinter nicht unbedingt. Aber beispielsweise jetzt bei „Throat Full Of Glass“ haben ein paar Künstler mitgearbeitet, die ich wirklich bewundere für das, was sie machen…

Wer wählt denn aus, wer einen Song für eine Singleauskopplung remixen darf?
In 95 Prozent aller Fälle bin ich das. Dieses Mal waren es Computer Club und S.A.M. Und Daniel Myer… das sind Künster, die ich für das, was sie machen, sehr schätze: Sie machen, lässt man COMBICHRIST jetz mal beiseite, einen großartigen Job mit ihren Projekten. Dann fragt man sich, was diese Leute aus einem deiner Songs wohl machen können, und gibt ihnen so wenig wie unbedingt nötig, damit sie so viel wie möglich selbst machen müssen – nur die Gesangsspuren beispielsweise. Und dann kommt manchmal auch etwas wirklich cooles dabei heraus…
Ich mache beispielsweise gerade für eine große Metal-Band, die ich an dieser Stelle wegen Vertragsbindung und sowas nicht nennen darf, einen Remix für eine Single. Es ist ihr erster Release in vielen, vielen Jahren und ihr erster Remix überhaupt. Ich bin da wirklich aufgeregt, weil es wirklich eine meiner Lieblingsbands ist, und das Resultat sich so sehr vom Original unterscheidet. Aber einen Remix zurückzubekommen, der fast wie das Original klingt, ist einfach Scheiße. Das ist nicht interessant, sowas hasse ich. Oder du sollst einen Remix für eine Band machen, und die sagt dann „Wir wollen es nicht wirklich anders, wir wollen nur, dass dein Name drauf steht“, verstehst du? Sowas ist einfach völlig daneben…
Ich schmeiße deshalb für gewöhnlich die komplette Musik weg und behalte nur die Gesangsspuren und mache neue Musik dazu… das macht das Ganze weit interessanter. Aber zurück zur Frage: Ich hasse die Idee, fünf Songs auf einer CD zu haben, die alle gleich klingen… du machst sie im Auto an, und scibbst zum 240. Song, der dann mal anders klingt… (lacht)

Ihr habt zu dem Song auch ein Video gedreht… hast du den Plot dazu selbst geschrieben, oder hattet ihr dafür einen Drehbuchautor?
Nun, ich habe die Grundidee geschrieben – aber die ging ein wenig anders. Das Video beispielsweise endet ja mit einer Schießerei in einem Hotelzimmer, die eigentliche Idee war, dass der Showdown dann draußen stattfindet, und mit ein bisschen mehr Story drumherum, und dann kam das Budget ins Spiel, und sie haben gesagt: „Ok, ihr könnt kein Polizei-Auto in die Luft sprengen“ – „Oh, fuck, verflucht!“ – „Aber wie wäre es mit Stripperinnen? Die sind billiger!“ – „Ok, auch geil!“ (lacht)
Nein, im Ernst: Die Story war ursprünglich ein bisschen anders, dann hat die Band Ideen beigesteuert, und dann kam irgendwann Trevor (Live-Schlagzeug, A.d.Red) mit der Idee an, warum wir nicht aufeinander schießen, und ich nur „Yesss… ich wollte euch schon lange mal erschießen…“. Dann kommt der Regisseur ins Spiel, wirft alles komplett um, und am Tag, an dem wir es dann gefilmt haben, haben wirs wieder zurückgeändert… du siehst, es ist ein langwieriger Prozess, sowas.

In dem Video gibt s ja unzählige Szenen, die für Youtube und dergleichen zensiert werden müssen. Ist es mehr Promotion, ein Video zu drehen, das unzensiert nicht gesendet werden kann, oder warum habt ihr euch für derartige Provokation entschieden?
Ich war ehrlichgesagt schockiert! Die Reaktionen, die wir auf das Video bekommen haben, waren wirklich schockierend für mich… Ich war quasi derjenige, der schockiert war bei der ganzen Geschichte, während alle behaupteten, dass ich schockieren würde. Diese Dummheit hat mich wirklich fertig gemacht: Wir haben einfach ein Video gemacht, das Spass gemacht hat und cool zu drehen war… das war einfach sauwitzig. Weißt du, es kommt jeden Tag so viel Mist im Fernsehen und den Nachrichten, nichts ist eigentlich mehr so wirklich schockierend. Und dann schreibst du eine simple, nichteinmal originelle Geschichte nach dem Motto „Drogendeal misslingt, ein paar Nutten, Stripper und sonstige Personen schießen aufeinander“, einfach weil es dir Spass macht, witzig zu filmen ist, und ein interessantes, unterhaltsames Video werden könnte, fast so ein bisschen in Richtung Kurzfilm, und machst es fertig, und denkst dir „Hey, das ist cool“, und plötzlich kommen Kommentare in Richtung „Du bist ein Sexist, auf Frauen schießen und vergewaltigen! Und es kommen Brüste vor! Oh mein Gott!! Brüste! Bitte… zensiert diese Brüste oder entfernt es von Youtube!“. Und du sitzt dann da, und denkst dir – meint ihr das ernst? Das sind nur ein paar Nippel…! Niemand beschwert sich darüber, dass wir uns gegenseitig erschießen… aber Nippel! Oder dass die Mädchen erschossen werden – Wow! Aber dass wir uns gegenseitig erschießen, geht voll in Ordnung. Die Welt ist so fucked up, ehrlich wahr…

Einerseits denke ich, hat Deutschland das verrückteste oder strengste Zensur-Gesetz auf der ganzen Welt, weil du keine Gewalt und garnichts zeigen darfst, aber wenn jemand komplett nackt ist, ist das kein Problem. Aber es ergibt schon Sinn, weil das ist, wie es sein sollte, im echten Leben. Die USA sind auf andere Weise fucked up… du kannst Leute zeigen, die sich gegenseitig das Hirn rausballern, direkt nach irgendeiner Kindersendung, aber in Nippel um Mitternacht ist ein absolutes No-Go… was wirklich schräg ist eigentlich. Aber allgemein hasse ich Zensur. Ich glaube, dass alles immer nur so anstößig ist, wie man es hinstellt. Ich meine, wenn du oft genug „fuck“ sagst, hast es irgendwann keine besondere Wirkung mehr – es ist einfach nur ein Wort. Wenn du jetzt das Wort „fuck“ zensieren würdest, würde es jeder als anstößig anehen. Wenn du einmal im Jahr „Scheiß“ sagst, rastet jeder aus – wenn du es 2000 Mal pro Tag sagst, interessiert es die Leute einen Scheiß. (lacht)

Ihr habt trotz der damit verbundenen Kosten und Mühen schon früh begonnen, Videos zu drehen, und immer wieder Videos veröffentlicht. Wie wichtig denkst du ist der visuelle Aspekt für die Musik?
Ich weiß nicht, wie wichtig er ist… ich denke, für mich ist es mehr ein künstlerischer Aspekt, dass wir das einfach machen wollen. Ich denke, früher war das wichtiger… sogar im Hardcore oder Metal-Bereich hattest du diese MTV-Shows und so weiter. Roadrunner und Nuclear Blast und so weiter haben die Videos dafür rausgebracht, um ihre Bands zu pushen, um bei Headbangers Ball und so weiter gezeigt zu werden. Und unter diesem Gesichtspunkt war es wohl extrem wichtig, um die Bands zu promoten und das Image. Heutzutage ist das nicht mehr so wichtig, du kannst einen Cartoon nehmen, die Musik dazu packen und das ganze auf Youtube stellen… die Musik landet da so oder so, und wenn dazu nur ein Typ gezeigt wird, der dir entgegengrinst und die Daumen nach oben streckt. Unter diesem Gesichtspunkt also ist es heute weniger wichtig. Aber ich denke, für einen Künstler ist es wichtiger, Qualität abzuliefern und etwas abzuliefern, hinter dem man auch stehen kann, als etwas, was die Musik um etwas cooles erweitert. Aber wie gesagt, wie wichtig das für die Promotion noch ist, weiß ich nicht.
Ausser natürlich, du machst etwas wie Rammstein mit ihrem „Pussy“-Video, von dem jeder etwas mitbekommt. Wir haben uns schon überlegt, dass wir das Gleiche machen sollten, nur mit alten Knackern, um das noch zu toppen… und du in der Ecke (lacht). Aber nichts schockiert heute mehr so richtig…

Ein Video drehen ist ja weit mehr Arbeit, als man sich das für gewöhnlich so vorstellt… gab es diesmal irgendwelche abstrusen oder witzigen Momente beim Shooting, oder wie lief das im ganzen überhaupt ab?
Ein Video zu drehen ist in erster Linie mit unglaublich viel Warterei verbunden… du sitzt rum und wartest, dass du dran bist. Es sind da ja auch ne Menge Leute involviert… aber generell ist es auch eine Menge Spaß, auch wenn es viel Arbeit ist… schon alleine, weil du das nur ein paar Mal machst. Touren tun wir fast jeden Tag, wir spielen quasi jeden Tag irgendwo eine Show… 250 bis 300 im Jahr, das ist eine ganz schöne Menge… insofern touren wir quasi ununterbrochen. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich es nicht mag, aber es ist einfach nicht mehr so aufregend, wie an ein Film-Set zu kommen und etwas komplett anderes zu machen. Man kennt diese Welt einfach nicht, ich meine, wir sind ja keine Filmstars. Das ist wirklich eine komplett andere Welt, und das macht eine Menge Spaß. Diese ganze Schusswechsel-Szene im letzten Video war eine der coolsten Sachen, die ich je gemacht habe. Wir haben uns die ganze Zeit nur angeschrien und so getan, als wären wir wütend aufeinander… in Wirklichkeit gab es dabei eine Menge Gelächter, das für das Video natürlich rausgeschnitten wurde (lacht)… aber du stehst da mit einer Waffe in der Hand und schreist… und du weißt garnicht, was du eigentlich schreien sollst, also schreits du die ganze Zeit „Fuck You, you fuckin…“ und fängst wieder an zu lachen, so sehr du dich auch bemühst, ernst zu bleiben. Aber wie gesagt, gerade die Schießerei-Szenen waren echt witzig zu drehen.

Du hast ja vorher schonmal erwähnt, dass du eher aus der Metal-Szene kommst… gibt es Norwegische Künstler, die du bewunderst, oder zum Vorbild hast?
Nun, es gab ein paar, mit denen ich großgeworden bin, gerade aus der Hardcore/Punk-Ecke, die mich inspiriert haben, als ich älter wurde, aber es gibt auch andere Bands natürlich, wie beispielsweise Mayhem, die definitiv eine meiner absoluten Lieblingsbands sind… das ist schon eine der Bands, auf die ich als Norweger stolz bin. Die Jungs sind auch Freunde von uns. Ich habe Attila, den Sänger, erst vorgestern in Budapest getroffen…

Warum spielt ihr dann nicht mal mit denen zusammen? Das wäre doch auch mal eine interessante Genre-Kreuzung…
Du weißt doch garnicht, was wir geplant haben… (lacht) Nein, aber Spaß beiseite… oder auch Mortiis oder Emperor, bei denen er früher mal gespielt hat. Generell eine Menge aus der Black Metal-Ecke. Aber es gibt auch Sachen, für die ich mich schäme, die andere Seite der gleichen Medallie beispielsweise, wie Burzum: Ein Kind – nunja, jetzt nichtmehr Kind, aber… – in bescheuertes Kind, das denkt, dass es cool ist, aber es einfach nie war. Ich meine, wenn man bedenkt, was für eine bedeutende Rolle die Person, die er getötet hat, für die Metal-Szene war: Euronymous war eine der Schlüsselfiguren in der Metalszene überhaupt, und vor allem natürlich der Black Metal-Szene. Er hatte den Plattenladen (Helvete, A.d.Red.), er war derjenige, der all die Leute in die Szene gebracht hat. Klar gab es da auch eine Menge Scheiße, aber es gibt definitiv eine Menge guter norwegischer Bands… und einige richtig schlechte, auf die ich auch stolz bin. (lacht)

Du warst ja schon in den unterschiedlichsten Szenen aktiv, von Metal, Punk über Hardcore bis hin zu Industrial und Techno… gibt es in Norwegen für jede dieser Musikrichtungen eine ausgeprägte Szene, oder ist das weniger streng aufgeteilt als beispielsweise bei uns?Oh, ich denke, all diese Szenen sind sogar ziemlich stark. Dass ich in all diesen Szenen aktiv war, hat damit zu tun, dass die Stadt, aus der ich komme, recht klein ist.

Welche Stadt ist das, wenn ich fragen darf?
Fredrikstad. Aber die Stadt ist eben extrem musikalisch geprägt und hat wirklich starke Underground-Szenen. Eine Menge guter Musiker kommen von dort, und damit auch viele Bands. Die sind da alle extrem hingebungsvoll, aber es ist eben alles Underground – das ist das Entscheidende: Es gab einen Überfluss, weil es Underground war. Klar gab es die Leute mit ihrem Kommerz-Scheiß, aber wir hatten einfach all unser Zeug am laufen. Ich bin da zur Probe meiner Punkrock-Band gegangen, von da bin ich in den anderen Proberaum gegangen und habe Bass bei einer Grindcore-Band gespielt, dann bin ich nach Hause und habe mit ein paar anderen Kerlen Techno-Zeug programmiert… aber weil es eben alles Underground war, hatte es alles diesen familiären Charakter, und dadurch ist man eben auch mit all dem in Berührung gekommen.

Und was für Musik hörst du heute selbst?
Hauptsächlich, aber nicht, weil ich aus Norwegen komme (lacht), skandinavischen Rock’n’Roll, Punkrock und so weiter. Gluecifer, Hellacopters, Turbonegro… so Zeug. Das ist auf alle Fälle, was ich am meisten höre zur Zeit. Dann natülich eine Menge älteres Zeug, Billie Holiday, Frank Sinatra und 20er und 30er Jahre Swing… Jonny Cash… all so Geschichten.

Magst du auch elektronischen Pop, wie beispielsweise Björk aus Island?
Ja, Björk find ich auch ziemlich cool, ja, auf jeden Fall. Ich habe Björk schon diverse Male live gesehen… ich liebe was sie macht. Das ist wieder das gleiche Schema: Unabhängig davon, wie bekannt sie als Künstlerin ist, ist das vom Gefühl her Underground: Es ist ehrliche Musik, die von Herzen kommt. Da ist nichts für die Massen produziert… und genau das ist der Schlüssel, völlig unabhängig davon, welcher Musikstil es ist. Es gibt auf der anderen Seite auch eine ganze Menge Metal-Bands, die ich hasse, weil es einfach kommerzieller Bullshit ist, was sie da machen. Ich meine, wer will noch die ausgelutschten Metallica sehen, wenn er eine wirklich gute Metal-Show in der Bar an der Ecke sehen kann?

Vielleicht das genaue Gegenteil zu Björk, und genau, was du gerade angesprochen hast, dürfte wohl der Eurovision Song Contest sein… hast du ihn dir angeschaut, als er letztes Jahr in Oslo ausgetragen wurde?
Ich war nie persönlich da, aber ich denke, genau wie ihr, bin ich damit aufgewachsen. Samstag Nacht mit der Familie vor dem Fernseher und so… Aber ich denke, es geht weniger um Musik, als um einen Wettkampf… es ist mehr ein Sport als Kunst, finde ich. Ich meine, du würdest auch nicht Picasso und Munc in einem Malwettbewerb erleben: Samstag Nacht, wer hat das schönste Bild (lacht). Wenn du Künstler bist, bist du Künstler… das ist kein Wettkampf. Du teilst deine Kunst lieber und hilfst einander und unterstützt dich gegenseitig. Ich hasse diese Wettkampf-Mentalität auch bei Bands… es gibt so viele Bands, die sich für etwas besseres halten. Dabei machen all die Bands ihre Sache gut… die sollten sich unterstützen, das ist doch viel wichtiger. Das ist doch kein Wettkampf…
Und wie fandest du den Auftritt unserer deutschen Kandidatin, Lena?
Oh, das kann ich nicht sagen, ich habs nicht angeschaut. War es interessant?
Mh, nicht wirklich… (lachen)
Es hat in Deutschland nur einen großen Hype ausgelöst, vor allem, weil sie jetzt dieses Jahr nochmal antritt…
Das Ganze ist wie ein Fussballspiel… das ist einfach lächerlich. (lacht)
Das, denke ich, kann man so stehen lassen.

Eine letzte Frage habe ich noch, und zwar zu deinen ganzen anderen Projekten. Wird man in Zukunft beispielsweise von Icon Of Coil oder Panzer AG nochmal etwas zu hören bekommen?
Also Icon Of Coil ist Geschichte… wir haben jetzt seit gut sieben Jahren nichts mehr aufgenommen… oder fast acht Jahre.

Und da kommt auch nichts mehr?
Nein, ich denke nicht… wir spielen zwar hin und wieder ein Konzert, ein, zwei im Jahr, aber mehr als Anlass, mal wieder zusammenzukommen und gemeinsam einen zu trinken und Spass zu haben… Aber grundsätzlich bin ich damit durch… das ist auch nicht mehr, was ich machen möchte. Das live zu performen macht schon Spass, aber es ist nicht mehr exakt, was ich machen will. Wir haben auch alle keine Zeit dafür eigentlich… und bei Panzer AG ist es im Endeffekt das Gleiche. Momentan sind es bei mir also nur COMBICHRIST und eine andere Band, die sich Skandinavian Cock nennt, mit der wir straighten Punk Rock / Rock ’n’Roll machen… mehr so das Zeug, das ich momentan auch privat höre. Aber es ist auch da so ziemlich das Gleiche: Ich komme von der Tour nach Hause, wir haben einen Proberaum in meinem Haus, wir trinken einfach Bier und spielen Rock’n’Roll… fünf Kerle, die ehrlichen Rock’n’Roll spielen, irgendwo zwischen AC/DC und Turbonegro, einfach um Spass zu haben. Momentan sind COMBICHRIST mein Ding, und das macht mich auch auf eine gewisse Art frei: Wenn ich für COMBICHRIST einen Song schreiben will, der in Richtung Panzer AG geht, kann ich das machen, weil es Panzer AG nicht mehr gibt. Ich habe nicht das Gefühl „Oh, das kann ich nicht bringen“ – das befreit schon. Ich kann auch ein bisschen mehr herumprobieren, und fühle mich einfach noch freier zu tun, was immer ich will.

Ok, das war die letzte Frage. Willst du noch irgendetwas loswerden?
An die Leser: Wärt ihr nicht da und würdet unsere Musik hören und zu unseren Konzerten kommen, wären wir nichts… insofern möchte ich mich bei jedem bedanken, der heute Abend gekommen ist und bei all denen, die uns anderweitig unterstützen. Wenn ihr uns noch nicht live gesehen habt, vollkommen egal, was für Musik ihr für gewöhnlich hört, kommt vorbei und schaut es euch mal an, ihr werdet es nicht bereuen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr eine gute Zeit haben werdet, auch wenn ihr die Musik hasst. In diesem Sinne: Danke!

Ich habe zu Danken! Viel Erfolg bei der Show und der restlichen Tour!