Interview mit Maria Lessing von Future Palace

FUTURE PALACE gehören zu den Senkrechtstartern der letzten Jahre. Mit starken Alben und unzähligen Live-Shows, haben sich die Berliner an die Spitze der nationalen Post-Hardcore-Szene gespielt. Mit „Resurgence“ steht nun das vierte Album in den Startlöchern, weshalb wir mit Frontfrau Maria Lessing über die neue Platte, KI im Kreativprozess, die Sinnhaftigkeit von Alben und die anstehende Tour sprachen. 

 

„Resurgence“ steht für Wiederaufleben oder Wiederauferstehung. Was steckt hinter diesem Titel?
Ja, der Titel fasst eigentlich genau zusammen, was es bedeutet. Es ist zum einen eine Wiederauferstehung von uns als Band, da es uns inzwischen seit acht Jahren gibt. In dieser Zeit ist unglaublich viel passiert. Wir haben in diesen acht Jahren eigentlich erst gelernt, wie man überhaupt eine Band ist: Wie macht man Alben? Wie tourt man? Das wird einem ja alles nicht erklärt. Bei mir persönlich führte das Ganze am Ende fast in eine Art Burnout, weil es einfach extrem viel war und wir alle noch nebenbei arbeiten. Irgendwann verliert man dadurch den Punkt ein Stück weit aus den Augen, warum man das überhaupt macht. Ich hatte dann auch mit Stimmproblemen, Mental-Health-Themen und allgemein mit diesem Burnout zu kämpfen. Nach einem Krisengespräch haben wir uns jedoch entschieden, weiterzumachen, Prozesse zu optimieren und Dinge zu verbessern. Das betraf unter anderem den gesamten Album-Prozess, und wir haben mittlerweile auch ein neues Label.

Dieses Album fühlt sich nun genau danach an: wie ein neuer Energieschub und eine neue Motivation. Ich nehme seit einigen Jahren Gesangsunterricht, speziell im Bereich Heavy Vocals, weil ich auf Tour nicht mehr nur Probleme haben, sondern mein volles Potenzial wieder ausschöpfen und kennenlernen wollte. Allgemein geht es auf dem Album um Heilung, also um einen Heilungsprozess. Es beschreibt den Versuch, eine neue Version von sich selbst zu werden.

Und wie passt in diesen Kontext das Artwork? Das Artwork, z. T. die Videos und auch die Promo-Fotos zu „Resurgence“ sind ja stark maritim geprägt.
Die Ursprungsidee drehte sich um eine Muschel und eine Perle. Mein Hauptgedanke war, dass ich gerne ein positives Album schreiben wollte, und Heilung war mein erster Ansatz. Wie fühlt sich ein Heilungsprozess an? Das ist das, was ich aktuell selbst erlebe. Wenn man mentale Erkrankungen hat oder traumatische Dinge im Leben erfahren musste, ist so ein Heilungsprozess eigentlich ein lebenslanger Prozess. Er dauert sehr lange und verläuft sehr divers, mit ganz vielen Höhen und Tiefen. Ich habe darüber nachgedacht, wie man das visualisieren könnte. Für mich hat eine Wiedergeburt auch etwas damit zu tun, dass man sich häutet oder eine Art Fossil von sich hinterlässt. Dadurch kam ich auf die Muscheln am Strand, die ja die Fossilien eines ehemaligen Lebewesens sind. Ich fand das ein schönes Bild: Seine alte Hülle hinter sich zu lassen und die eigene Perle freizulegen. Diese Perle stelle ich ein Stück weit mit der Seele gleich, dem Kern dessen, was man eigentlich wirklich ist, fernab von allen mentalen Erkrankungen und Problemen. Diesen Kern gilt es zu beschützen, während er sich ein neues Zuhause sucht. Das symbolisiert die schönere Muschel, die jetzt auf dem Albumcover zu sehen ist. Sie leuchtet total holographisch in schönen Farben, was auch Hoffnung und Kraft repräsentieren soll.

Und wie ging es von da aus weiter?
Von dieser Muschel aus habe ich das Bild dann weitergemalt: Die Muschel liegt am Strand, sie kommt aus dem Meer. Das Meer ist riesengroß, und auch davor war die Muschel schon im Wasser. Das Meer ist ein Symbol für das Leben an sich und dafür, wie dynamisch das Leben mit seinen Wellen ist. Dann wird es wieder still, es gibt Ebbe und Flut, das Meer bringt so viele Facetten mit. Zudem kommen wir Menschen ja ursprünglich aus dem Wasser; es ist gewissermaßen der Ursprung der Schöpfung. Von dort aus ging die Reise dann noch weiter zum Thema Natur, was bei Songs wie „Cyclone“ und „Nightfall“ schließlich etwas allgemeiner geworden ist.

KI hat also keine Rolle gespielt bei Artwork, Design und Co.?
Es war mir extrem wichtig, dass das Album nicht mit KI gemacht ist. Ich habe KI früher vor allem als Tool genutzt, um Synonyme oder Reime zu finden. Aber selbst das versuche ich mittlerweile gar nicht mehr zu tun, weil ich vor allem aus Umweltgründen gegen KI bin. Der enorme Wasserverbrauch rechtfertigt für mich einfach nicht, was einem da an Arbeit abgenommen wird, vor allem, wenn es um sogenannte „dumme Arbeit“ geht. Wenn uns nun auch noch die Kunst abgenommen werden soll, verstehe ich den Sinn ohnehin nicht mehr. Für mich liegt der Sinn von Kunst darin, dass sie von Menschen gemacht wird und Menschen einen Ort bietet, an dem sie ihre Gefühle verarbeiten können. In einem anderen Interview habe ich dazu das Beispiel „Der Herr der Ringe“ erwähnt: Der Autor hat die Bücher nach dem Krieg geschrieben, um das Erlebte zu verarbeiten. Die besten Werke entstehen nun einmal, wenn man echte Emotionen verarbeitet. Für mich gehört Kunst Hand in Hand mit dem Menschsein. Ich verstehe nicht, warum man die Kunst den Menschen wegnehmen sollte. Deshalb war es mir super wichtig, dass unsere Arbeit und die Kunst, die wir erschaffen, rein von Menschen gemacht sind. Natürlich gibt es im Prozess z. B. mal ein Touch-Up, bei dem der Hintergrund erweitert oder angepasst wird. In diesem Umfang finde ich das auch völlig okay, aber es sollte das Menschliche niemals ersetzen.

Und was hat das konkret für das Album bedeutet?
Das Album-Artwork ist zum Beispiel schlicht und ergreifend ein Foto. Wir haben anfangs überlegt, ob wir es grafisch darstellen, zeichnen oder als 3D-Animation anlegen lassen wollen. Letztendlich haben wir uns fürs Fotografieren entschieden. Eine Muschel sieht an sich schon großartig aus, das braucht gar nicht viel. Wir haben das dann zusammen mit Peter Leukhardt von ANNISOKAY in einem Fotostudio nach einer Show umgesetzt. Er hat es fotografiert und es sah super aus. So einfach geht das. Eigentlich bedeutet Kunst ja auch ein Stück weit „Back to the Roots“. Auch beim Writing-Prozess bin ich wieder etwas in die Vergangenheit gegangen und habe meine alten Tools genutzt. Ich habe mir Bücher gekauft, weil ich absolut pro physische Medien bin, und Songwriting-Exercises gemacht. Mein Gedanke war: Wenn ich Hilfe beim Songwriting brauche, dann muss ich an mir selbst arbeiten. Früher habe ich Online-Tools wie Thesaurus für Synonyme oder Rhymezone verwendet. Genau dorthin bin ich jetzt wieder zurückgekehrt, um dieses ganze KI-Ding einfach komplett aus dem Fenster werfen zu können.

Stichwort Songwriting: Ich finde, dass das Album jetzt mehr aus einem Guss und stringenter klingt als die bisherigen Alben. Habt ihr das als Ziel gehabt beim Songwriting?
Das war auf jeden Fall mein Ziel, denn es ist schließlich unser viertes Album. Eigentlich sagt man ja, alle guten Dinge sind drei, aber für uns ist es das vierte Album, das diesen Wendepunkt markiert. Das lag zum einen an dem Labelwechsel, zum anderen gab es davor gar nicht die Zeit, einmal zu reflektieren und aufzuatmen. Dieses Mal habe ich mir die Zeit bewusst genommen. Ich dachte mir: Stopp jetzt, Handbremse. Ich wollte ein Album nicht einfach im Autopiloten schreiben, es sollte richtig gut werden. Dazu kommt, wie schon erwähnt, die finanzielle Situation. Bei mir ist die Musik mittlerweile zwar endlich das Haupteinkommen, aber trotzdem müssen wir unser Einkommen noch aufstocken. Vor allem in der heutigen Zeit ist das alles nicht so einfach. Unser Hauptziel ist es nach wie vor, komplett von der Musik leben zu können und als Band natürlich auch zu wachsen.

Neben diesem Ehrgeiz war es mir aber generell wichtig, gute Kunst zu machen. Gerade in Zeiten von KI, in denen alles so irrelevant und unpersönlich wirkt, wollte ich etwas kreieren, das ehrlich, gut und authentisch ist. Ich habe deshalb vorab ein PDF erstellt, das im Grunde alles enthielt: meine visuelle Vision, die Fonts, die Farben und die Themen. Dann haben wir eine Playlist mit Einflüssen erstellt, bei der ich ursprünglich sogar in eine ganz andere Richtung gehen wollte. Manuel hat dann jedoch die Instrumentals geschrieben; das ging zwar eh ein bisschen in die Richtung, aber er hat am Ende voll seine eigenen Ideen eingebracht. Ich wollte zum Beispiel viel mehr Einflüsse von den DEFTONES und diese typischen Chorus-Gitarren drin haben. Richtig wichtig waren mir auf jeden Fall dieses Wasserthema, die melancholische Grundstimmung, aber auch eine gewisse Nostalgie. Ursprünglich hatte ich sogar die Idee, über nordische Götter zu schreiben, und hatte für jeden Song einen Gott oder eine Göttin herausgesucht und ich wollte auch nordische Elemente in den Songs haben. Das ist dann aber irgendwie wieder verflogen. Ein solcher Prozess entwickelt sich am Ende eben doch dynamischer, als man denkt. Jetzt hat das Ganze eher eine nostalgische Early-2000s-Energie bekommen, kombiniert mit nostalgischen und melancholischen Themen. Es war also schon eine klare Intention da, aber am Ende hat das Album visuell und musikalisch seine ganz eigene Form angenommen.

Und habt ihr einen Song oder auch mehrere Songs geschrieben, wo ihr hinterher selbst dachtet, wow, überraschend, dass wir sowas geschrieben haben?
Unser Gitarrist Manuel schickt mir seine seine Demos. Dann sage ich entweder, dass ich damit gar nichts anfangen kann, oder ich finde es direkt gut und wir übernehmen es so. Manchmal müssen wir auch noch extrem viel ändern, und ich mache entsprechende Vorschläge. Wir haben dieses Mal einen Song namens „Ebb And Flow“, bei dem ich das Instrumental von Grund auf selbst geschrieben habe. Ich habe mir die Akustikgitarre genommen, die gesamten Akkorde vorgeschrieben und gesagt: Hier sind die Akkorde, das wird ca. die BPM-Zahl, das ist die Tonart und das soll der Vibe sein. Hier ist das Inspirationsmaterial, mach gerne eine Demo daraus, aber diese Elemente müssen drin sein. Das war für uns etwas völlig Neues und für mich selbst extrem wichtig, um einfach mal ganz selbstbestimmt zu schreiben.

Auf der anderen Seite haben wir Songs wie „Tidal Waves“, bei dem ich anfangs dachte: Krass, jetzt haben wir irgendwie eine Ballade. Wollen wir das wirklich machen? Aber wir haben uns darauf eingelassen, auch wenn der Kontrast zum restlichen Material extrem stark ist. Im Gegenzug gibt es dann wieder einen Song wie „Nightfall“, der so brutal, traurig und mächtig ist. Da habe ich mich ebenfalls kurz gefragt, ob wir wirklich so komplett in diese Richtung gehen wollen. Aber ich fand es gut. Gleichzeitig weiß ich vorab nie zu einhundert Prozent, was für Demos mich von der Grundstimmung her erwarten. Letztendlich passte es aber perfekt zu meiner Kernidee mit dem Heilungsprozess, der, wie ich schon meinte, einfach ganz viele verschiedene Facetten hat. Ich würde also schon sagen, dass ein paar Überraschungen dabei waren. Insgesamt wiederum eigentlich doch nicht, weil es typisch für uns ist, dass wir uns irgendwie selbst überraschen.

Textlich behandelt ihr mit Depressionen, Selbstzweifel und Ängsten fordernde Themen. Was macht das mit euch als Band, solche Themen in Songs zu verwandeln, sie aufzunehmen, etc.?
Innerhalb der Band reden wir eigentlich wenig darüber, weil im Normalfall das Instrumental zuerst da ist. Zu dem Zeitpunkt weiß ich erst einmal gar nichts über den genauen Hintergrund der Musik. Ich denke, das wird auch so bleiben, es ist ein Stück weit Manuels stilles Denken für sich selbst, was er da genau kreiert. Wir wissen es meistens nicht, manchmal eben schon. Ich packe dann ja erst meine Geschichte darauf und schaue, was ich mit der Musik verbinde. Erst dadurch pushe ich den Song weiter in eine bestimmte Richtung. Beim letzten Album, bei „Dreamstate“, war es mir zum Beispiel extrem wichtig, dass der Chorus genau das transportiert, was das Gefühl sein soll, also auch Depression und Überforderung. Dafür habe ich damals sogar die Akkorde für den Chorus noch einmal komplett neu auf dem Klavier geschrieben. Bei diesem Album war das gar nicht so oft nötig, weil die Instrumentals irgendwie schon sehr gut zu dem gepasst haben, was ich gefühlt habe. Ich denke, dass bei den anderen beim Schreiben bestimmt irgendwo ähnliche Emotionen im Spiel waren. Trotzdem rede ich meistens vorab nicht mit der Band darüber. Sie hören es dann einfach aus der Musik heraus und fragen erst danach. Bei „Tidal Waves“ war es zum Beispiel so, dass Johannes meinte: Ich musste gerade weinen, als ich das gehört habe. Er ist ja selbst gar nicht in das Songwriting involviert, deshalb trifft es ihn dann umso unvorbereiteter. Johannes gibt zwar ein bisschen Feedback, ist sonst aber nicht mit im Studio. Er befindet sich daher eher in der Position eines neutralen Hörers. Bei „Tidal Waves“ fragte er plötzlich: Krass, geht der Song um deine Schwester? Ich antwortete nur: Ja, richtig rausgehört. In dem Moment haben wir kurz darüber gesprochen, aber meistens reden wir generell nicht viel über diese Dinge.

Und wie ist das für dich persönlich?
Für mich persönlich ist das Songwriting auf jeden Fall eine intensive Aufarbeitung der Geschehnisse. Bei dem Song „The Shades“ habe ich bis fünf Uhr morgens geweint, während ich ihn geschrieben habe. Bei „Tidal Waves“ habe ich geweint, bei „Nightfall“ ebenfalls. Es flossen also wirklich viele Tränen. Manchmal saß ich auch im Zug und habe geschrieben, oder ich war auf Tour. Es gab ganz viele verschiedene Settings, in denen die Texte entstanden sind. Für mich selbst war das eine krasse Erfahrung, voller intensiver Emotionen und Themen, die ich da aufgearbeitet habe. Interessanterweise kommen solche Details eigentlich immer erst bei Interviews zur Sprache. Es passiert tatsächlich oft, dass wir, wenn wir gemeinsame Interviews geben, gegenseitig zum ersten Mal bestimmte Dinge voneinander erfahren. In dieser Hinsicht sind wir innerhalb der Band einfach nicht die großen Miteinandersprecher und im Studio läuft es im Grunde genauso ab.

Ihr seid bekannt für eure aufwändigen Musikvideos und die aktuellen Clips zu „Deep Blue“ und „Resurge“ erzählen eine durchgehende Geschichte. Kannst du mehr darüber erzählen?
Es freut mich, dass das so rüberkommt. Mir ist das extrem wichtig, und ich habe sofort Bilder im Kopf, wenn ich Songs schreibe; ich zeichne sie auch immer direkt daneben auf. Bei „Deep Blue“ war mir zum Beispiel von Anfang an klar, was im Musikvideo passieren soll. Ich hatte die Sirene bereits im Text erwähnt und im Kopf quasi schon meine eigene Geschichte entwickelt, die sich dann immer weiter konkretisierte. Dass es eine Fortsetzung zu „Deep Blue“ geben soll, wollte ich ursprünglich ohnehin schon immer mal machen. Ich finde es bei anderen Künstlern selbst total cool, wenn die Videos miteinander verbunden sind. Diese konkrete Idee ist mir allerdings tatsächlich nachts um drei Uhr beim Zähneputzen eingefallen. Ich habe meinen Freund direkt damit vollgelabert (lacht). Er wollte eigentlich nur schlafen, aber ich meinte: Oh, ich hatte gerade so eine geniale Idee! Es ging um Atlantis und darum, dass wir dort neu leben.

Zu dem Zeitpunkt war das erste Video, glaube ich, sogar schon fertig gedreht. Aber ich wollte ohnehin, dass es ein Ende hat, an das man eventuell anknüpfen kann. Generell basiert das Video dieses Mal viel mehr auf Storytelling als sonst, die gesamte Story ist gefühlt viel durchdachter als bei unseren früheren Musikvideos. Es ist wirklich wie ein kleiner Kurzfilm. Genau deshalb wollte ich danach eigentlich noch einen zweiten Kurzfilm umsetzen. „Resurge“ bietet sich dafür hervorragend an, weil der Song das Album thematisch ein Stück weit zusammenfasst. Inhaltlich passt es perfekt: „Deep Blue“ bildet die Vorgeschichte des Albums ab, diese Isolation, die Depression, den Kummer, die Trauer und das Gefühl, komplett allein gelassen zu sein. Mit „Resurge“ beginnt dann eigentlich Kapitel eins, der Neustart. Ich bin jetzt ein neuer Mensch, ja, im Grunde schon eine völlig neue Kreatur. So ist das Ganze entstanden, eigentlich total zufällig beim Zähneputzen (lacht).

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Knapp die Hälfte der Songs von „Resurgence“ sind inzwischen als Singles mit Videos erschienen. Im Zeitalter von TikTok, Spotify-Playlists und Co. würde es auch reichen, mit diesen einzelnen Songs Reichweite zu generieren. Wieso haltet ihr nach wie vor am Format Album fest?
Ich nicht, das ist ein Label-Ding. Das war von meiner Seite aus gar keine bewusste Entscheidung. Ich schätze Alben einfach als eigenständiges Kunstwerk und als Kunst an sich; man hat danach fast so etwas wie ein Buch in der Hand. Bei diesem Album war es jetzt tatsächlich so, dass ich dachte: Wenn wir schon wieder ein Album machen, muss es einen tieferen Sinn haben. Ich arbeite nebenbei als Social-Media-Managerin und sehe dort eine ganz andere Realität. Ich habe Freunde, die haben noch kein einziges Album veröffentlicht, sind aber erfolgreicher als wir und machen das Ganze noch viel kürzer als wir. Man muss heute kein Album mehr machen. Genau genommen ist es Geldverschwendung, das ist einfach Fakt. Genauso verhält es sich mit Musikvideos: Sie sind reine Geldverschwendung, außer du hast wirklich extrem viel Lust darauf und erschaffst etwas absolut Großartiges.

Euch geht es also primär um die Kunst?
Genau das war für mich der entscheidende Punkt: Wenn wir diesen Aufwand schon betreiben, dann muss es richtig gut werden. Es muss zusammengehören und ein echtes Gesamtkunstwerk sein. Wozu sollten wir sonst das x-te Standard-Musikvideo drehen, in dem ein paar schwarz gekleidete Dudes zwischen pinken und blauen Lichtern stehen? Das braucht heute niemand mehr. Deshalb stand für mich fest: Okay, wir ziehen das durch, aber dann machen wir es auch richtig. Lasst uns ein starkes Konzept ausarbeiten und verdammt gute Videos drehen. Videos mit coolen, spannenden Geschichten, die man sich auch wirklich gerne anschaut. Natürlich kann man das Material im Nachhinein immer noch in Short-Form-Content für Social Media umwandeln. Aber unser primärer Fokus lag dieses Mal ganz klar auf der Kunst an sich.

Ihr habt im letzten Jahr erstmals eine Tour in den USA gespielt. Wie hat sich das für euch angefühlt?
Das war ein krasser Meilenstein. Dass wir es überhaupt dorthin geschafft haben und dass drüben Leute zu den Shows kamen, war für mich ohnehin unvorstellbar. Es war auf jeden Fall ein extremer Kontrast zu Europa. In Großbritannien ist es zwar ein bisschen ähnlich, aber die Gastfreundschaft und die Betreuung vor Ort sind in den USA einfach nicht so ausgeprägt wie hier. Man bekommt oft nur ein geringes Budget für die Verpflegung und muss dann zusehen, wie man schnell an Essen kommt. In Europa haben wir uns mittlerweile einen relativ komfortablen Status erarbeitet; wir können mit einem Nightliner fahren und die Venues sind relativ groß. Selbst die kleineren Clubs in Europa sind meistens sehr angenehm. In den USA hieß es für uns dann plötzlich wieder back to the roots: Wir sind mit einem Van durch das Land gefahren. Die Autofahrer dort drüben sind teilweise geisteskrank. Nach nur zehn Minuten hatten wir direkt einen Unfall mit einem Lastwagen. In den USA gibt es gefühlt kaum Arbeitsschutzgesetze für LKW-Fahrer. Der Fahrer war wahrscheinlich völlig übermüdet und hat die Situation gar nicht realisiert. Ab diesem Moment setzte bei mir die Paranoia ein, dass wir sterben würden. Die Stimmung war entsprechend angespannt, und durch die langen Fahrstrecken kam massiver Schlafmangel hinzu. Wir hatten keinen externen Fahrer engagiert, sondern unsere eigenen Leute saßen am Steuer. Das war extrem stressig.

Zusätzlich war es eine Herausforderung, sich dort vegan zu ernähren, wenn man nur auf den Highways unterwegs ist. An den Raststätten gibt es oft nur Dunkin‘ Donuts und selbst die sind dort teilweise nicht einmal vegetarisch, weil in den Inhaltsstoffen Proteine aus Hühnerfedern stecken. Also völlig utopisch, dort etwas Veganes zu finden. Ich hatte mir zum Glück vorab in Deutschland eine Tüte mit Lebensmitteln aus dem Biomarkt gepackt, mit Bionella und verschiedenen Aufstrichen. Bei Walmart habe ich mir dann einfach Brot gekauft und mir das jeden Tag im Bus reingepfiffen. Das Tourleben an sich war dort also ein wirklich hartes Pflaster, wohlgemerkt rein auf das Drumherum bezogen, nicht auf die Fans. Die Fans in den USA sind super, lieb und einfach toll. Aber das gesamte Umfeld, das ja die meiste Zeit des Tages einnimmt, war extrem anstrengend. Trotzdem hätten wir unheimlich große Lust, wieder rüberzugehen. Unser Wunsch wäre es allerdings, das nächste Mal als Support für eine größere Band zu machen. Das war eigentlich auch dieses Mal unser ursprüngliches Ziel, aber man kann es sich eben nicht immer aussuchen. Wir sagten uns damals: Okay, wenn es nicht anders geht, machen wir es eben allein. Es ist dann vielleicht etwas härter, aber let’s go. Wenn man sich in einem neuen Land etwas aufbauen möchte, muss man eben in den sauren Apfel beißen. Das ist harte Arbeit.

Also würdest du schon sagen, dass ein spürbarer Unterschied besteht zwischen den deutschen/europäischen Fans und den amerikanischen Fans?
Generell ist es überall immer anders, selbst wenn man in Europa spielt. Ein Konzert in München, Berlin oder Köln unterscheidet sich jeweils extrem voneinander. In den USA war die Crowd an sich jedoch viel gemischter und diverser, was ich richtig cool fand. Da standen Leute vor der Bühne, wie wir sie in Europa noch nie bei unseren Shows gesehen haben. Das hat mich wahnsinnig gefreut. Man merkt natürlich, dass diese Menschen teilweise einen ganz anderen Leidensdruck erfahren haben oder immer noch erfahren. Sie kommen aus anderen Armutsverhältnissen und stehen unter einem Überlebensdrang, den man sich hierzulande teilweise gar nicht vorstellen kann. Vor allem, als wir in New York waren, kamen sehr viele Besucher unserer Show aus der Bronx und ähnlichen Vierteln. Da denkt man sich nur: Krass, es ist absolut crazy, dass ihr heute hier seid und sogar Geld für ein VIP-Ticket ausgegeben habt. Vor so etwas ziehe ich ganz tief den Hut und sage einfach nur Danke. Die Dankbarkeit der Leute war ohnehin heftig. Sie meinten wirklich: Danke, dass ihr den Weg auf euch genommen habt. Wir sind schon seit so vielen Jahren Fans, aber es kommen aktuell einfach so wenige Bands zu uns rüber. Zudem herrscht dort eine ganz eigene Energie. Wenn man bedenkt, was für legendäre Bands alle aus diesem Land kommen und dass genau diese Acts früher auch in diesen kleinen Clubs gespielt haben, das macht etwas mit der Atmosphäre.

Und wie hast du persönlich diesen Trip erlebt?
Für mich persönlich ist Amerika sowieso ein enorm wichtiges Pflaster. Ich habe eine familiäre Situation, die sehr kompliziert und hier kaum zu erklären ist, aber viele meiner Geschwister sind in den USA aufgewachsen und leben dort. Sie sind im Grunde Amerikaner, auch wenn sie teils in Deutschland geboren wurden, bis auf eine Schwester, die direkt in den USA zur Welt kam. Durch meine Geschwister hatte ich schon immer eine tiefe Verbindung zu diesem Land. Das ist auch der Grund, warum ich ein sehr amerikanisches Englisch spreche: Mein Bruder zog mit zwölf Jahren nach Deutschland, sprach kein Wort Deutsch und wir mussten damals irgendwie eine gemeinsame Sprache finden. Die Songs, die ich schreibe, sind eben auch stark vom amerikanischen Englisch geprägt. Als ich nun das erste Mal vor einer amerikanischen Crowd gesungen habe, gab es diesen absoluten Klickmoment: Es passte einfach perfekt zusammen. Die Leute dort singen die Texte teilweise besser mit als ich selbst. Sie verstehen die Inhalte zu einhundert Prozent, und man hat sofort gespürt, dass da eine tiefere Ebene erreicht wurde. Bei Shows in Großbritannien, den USA oder auch in Kanada ist das vom Publikums-Feedback her einfach noch einmal ein ganz anderes Level.

Auch in diesem Jahr stehen noch diverse Festivals sowie eine ausgedehnte Tour zum Album auf dem Plan. Worauf können sich die Fans freuen?
Vor allem hier in Europa und auch in Großbritannien ist es jetzt schon wieder zwei Jahre her, dass wir getourt sind. Wir freuen uns deshalb unheimlich, überhaupt wieder hier zu sein und in diesen coolen Venues zu spielen. Nach der US-Tour im letzten Jahr wird das jetzt wieder ein ganz anderes, intensives Erlebnis. Es ist einfach großartig, wieder so eine tolle Tour zu spielen, auf der man zudem als Headliner unterwegs ist – das ist natürlich immer das Beste. Wir arbeiten aktuell parallel an einer starken Produktion: die Interludes, die Lichter, die Bühnendeko, die Outfits und die Setlists. Ich habe auch gerade die Leadsheets fertiggestellt; das Ganze wird also ziemlich cool.

Wie schon erwähnt, habe ich selbst viel an meinem Gesang und an meiner Tourroutine gearbeitet. Diese Tour wird für mich ein echter Test, wie gut ich mental und körperlich durchhalte. Das Problem ist, dass man auf Tour leider sehr oft krank wird; das lässt sich kaum vermeiden. Man verbringt viel Zeit in klimatisierten Räumen mit vielen Menschen, das ist einfach Mist. Ich werde fast auf jeder Tour krank, und danach bin ich immer extrem sauer, weil man so viel geübt hat und am Ende beim Singen doch wieder Kompromisse eingehen muss. Ich hoffe einfach, dass ich dieses Mal gesund bleibe, denn ich habe hart dafür gearbeitet, live stärker, besser und unbeschwerter singen zu können. Für uns persönlich wünschen wir uns einfach, dass wir Spaß auf der Tour haben. Das ist tatsächlich manchmal gar nicht so leicht, weil es eben extrem anstrengend ist, aber ich bin überzeugt, dass es sehr cool wird. Wir bieten auch VIP-Meetings an, die immer eine tolle Erfahrung sind. Außerdem haben wir großartige Support-Acts dabei, ein komplett Female-Fronted-Line-up, auch wenn ich diesen Begriff eigentlich hasse. Mit den Leuten von AS EVERYTHING UNFOLDS sind wir mittlerweile eng befreundet, waren aber noch nie zusammen auf Tour. Das wird bestimmt richtig genial. Die Festivals dieses Jahr werden sowieso verrückt. Wir spielen auf dem Wacken Open Air direkt am Tag unseres Album-Releases, inklusive Livestream. Das wird für mich wahrscheinlich ziemlich viel auf einmal werden. Außerdem spielen wir noch in Spanien, irgendwo direkt am Strand, und machen ähnlich verrückte Sachen. Darauf freue ich mich schon sehr.

Auf welche Songs von „Resurgence“ freut ihr euch am meisten, ihn live zu spielen?
Ich freue mich eigentlich auf alle, wirklich alle Songs, weil wir insgesamt einfach extrem zufrieden mit dem Album sind. Wir hatten dieses Mal fast schon Streit darüber, welche Tracks als Singles ausgekoppelt werden sollen, weil wir uns schlichtweg nicht entscheiden konnten. Bei den Alben davor gab es zwar auch Diskussionen, aber dieses Mal war es wirklich extrem. Im Grunde hätte fast jeder Song eine Single sein können. Selbst jetzt, wenn ich die Tracklist durchgehe, frage ich mich manchmal noch: Warum ist der hier eigentlich keine Single geworden? Warum haben wir uns stattdessen für den anderen entschieden? Das ist bei diesem Album wirklich außergewöhnlich.

Das hatte natürlich auch massive Auswirkungen auf unsere Live-Setlist, die ein ganz großes Thema war. Früher konnten wir die Songs für die Shows noch relativ entspannt auswählen. Mittlerweile haben wir jedoch vier Alben veröffentlicht und könnten eine komplette Tour ausschließlich mit Singles bestreiten. Am liebsten würden wir das gesamte neue Album live spielen, aber das geht natürlich nicht, weil die Leute ja auch wegen der alten Songs kommen. Von den älteren Sachen spielen wir deshalb inzwischen fast nur noch die Singles. Beim neuen Album mussten wir folglich ebenfalls ein paar Abstriche machen und einige Songs streichen, die wir jetzt erst einmal nicht live spielen können. Da dachten wir uns schon: Mist, wie schade, wir würden sie so gerne performen. Wir freuen uns einfach auf jeden einzelnen Song der neuen Platte. Generell ist es für jeden Künstler das Größte, nach langer Zeit endlich wieder neue Songs live zu spielen, das macht einfach unglaublich viel Spaß.

Ihr seid nun seit knapp acht Jahren als Band aktiv, habt erfolgreiche Alben veröffentlicht und spielt national und international in immer größeren Hallen. Welche Pläne und Wünsche habt ihr noch für die Zukunft von FUTURE PALACE?
Auf jeden Fall. Unser Ziel ist es, im Idealfall von der Musik leben zu können und zwar komfortabel. Wie gesagt, Manuel lebt im Moment zwar davon, aber es ist vermutlich nicht so, wie man eigentlich leben sollte. Ein großes Ziel wäre es einfach, unter guten Umständen komfortabel touren zu können. Wir möchten nicht jedes Mal so eine Van-Tour durchziehen müssen, sondern uns einen größeren Bus inklusive Fahrer leisten können. Es geht darum, komfortabel und gesund zu touren, damit man nicht nach jeder Tour kurz vor einem Burnout steht.

Wenn man jetzt völlig unrealistisch träumen möchte: Irgendjemand meinte letztens zu uns, Arena-Touren mit Future Palace würden bestimmt auch noch kommen. Ich persönlich glaube nicht daran, dass das passiert. Vor ein paar Jahren war das zwar noch unser Mindset: Go as big as you can. Aber meine Lebensziele haben sich radikal verändert. Früher wollte ich so groß werden wie möglich, heute möchte ich einfach ein glücklicher Mensch sein. Solange ich von der Musik leben kann, es mir Spaß macht und alles finanziell sicher ist, bin ich mittlerweile absolut zufrieden. Der Spaß an der Sache ist mir viel wichtiger geworden. Ich habe überhaupt nicht mehr diesen extremen Drang, dass wir um jeden Preis eine krasse Stadion- oder Arena-Tour schaffen müssen.

 Zum Schluss noch das „Metal1-Brainstorming“
Horrorfilme
Nein, das mag ich leider gar nicht. Als Teenager hatte ich zwar mal eine Phase, in der ich die „Saw“-Filme geschaut habe, aber seither bin ich mit Horror eigentlich nur noch im Anime-Bereich okay. Ansonsten brauche ich das nicht, ich habe in meinem Leben wirklich genug echten Horror gehabt.
Kleinanzeigen
Voll geil, da bin ich Fan von. Selbst für meine anstehende Wohnungssuche überlege ich aktuell tatsächlich, das zu nutzen. Mein Rat ist: Schaut lieber erst bei Kleinanzeigen vorbei, bevor ihr direkt zu Ikea rennt. Ich habe auch meine Gitarre von Kleinanzeigen, finde ich super.
BRING ME THE HORIZON
Sie sind auf jeden Fall ein großer Einfluss für uns. Ihr Erfolg gibt einem auch eine gewisse Hoffnung und zeigt, wie unglaublich weit man es eigentlich schaffen kann. Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass das jedem gelingt, wenn man es nur wollen oder auf eine ganz bestimmte Art und Weise angehen würde. Für uns sind sie jedenfalls eine enorme Inspiration und wir empfinden große Bewunderung für den Erfolg, den sie erreicht haben.

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Juan Esteban

Publiziert am von

Dieses Interview wurde persönlich geführt.

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