Interview mit Joacim Cans von Hammerfall

HAMMERFALL sind die maßgeblichen Wegbereiter des schwedischen Power-Metal-Sounds und gehören nach den Genre-Urvätern Helloween und Gamma Ray zu den wichtigsten Metal-Bands Europas. Die Göteborger stehen kurz davor, ihr drittes Jahrzehnt durchgehender Aktivität abzuschließen und nach einer rundum gelungenen Live-DVD steht mit „Hammer Of Dawn“ nun das zwölfte HAMMERFALL-Album an. Themen gab es also genug für ein Gespräch mit Sänger Joacim Cans.

Das Logo der Band Hammerfall

Hallo, Joacim, und vielen Dank für deine Zeit! Stehen HAMMERFALL nicht kurz vor ihrem 30. Geburtstag?
Als Band ja. Ich bin aber erst seit 1996 dabei, weshalb wir das Alter der Band auf zwei verschiedene Arten angeben: Einmal von 1993 an, als Oscar die Band gegründet hat – demnach sind wir jetzt schon 30 – und einmal seit dem Debüt-Album. Und der zweiten Zeitrechnung nach haben wir dieses Jahr immerhin unser 25. Jubiläum. Tatsächlich wurde es für HAMMERFALL ja erst so richtig ernst, als ich dazugekommen bin. Auf der anderen Seite ist es aber natürlich nie verkehrt, zu feiern. (lacht)

25 Jahre sind ja auch keine kurze Zeit …
Das ist ziemlich lange! Ich bin jetzt fast mein halbes Leben dabei! Und es war ja auch nicht wirklich eine schlechte Zeit. (lacht)

Das Cover von "Live! Against The World" von HammerfallWürdest du sagen, dass es eine glückliche Fügung war, dass ihr kurz vor dem ersten Corona-Lockdown noch ein Konzert gefilmt habt?
HAMMERFALL ist eine der wenigen Bands, die das immense Glück hatte, noch im Sommer ihre US-Tour abzuschließen und der es sogar noch gelungen ist, kurz vor der Pandemie ihre komplette Europatour zu beenden. Und dann waren wir auch noch klug genug, in Ludwigsburg das größte Konzert der gesamten Tour mitzuschneiden. Eigentlich wollten wir „Live! Against The World“ noch etwas früher veröffentlichen, aber als die Pandemie alles zum Stillstand brachte, wurde uns klar, dass wir unsere Karten jetzt clever spielen mussten. Wir mussten nicht mit dieser Streaming-Geschichte anfangen, die uns überhaupt nicht gefällt, sondern konnten uns darauf konzentrieren, das denkbar beste Live-Dokument herauszubringen. Für uns war der Beginn der Pandemie also fast wie eine Art Urlaub – wir waren erschöpft vom Touren und konnten eine Pause einlegen. Natürlich war damals noch keinem von uns klar, dass das so lange anhalten würde. Und jedes Mal, wenn uns jemand einen Live-Stream anbot, konnten wir ablehnen.

Warum funktioniert das Modell „Streaming-Show“ für HAMMERFALL nicht?
Weil da etwas fehlt, nämlich die Fans. Man kann schon einen Live-Stream übertragen, aber man braucht dennoch ein Publikum. Wenn das in einem kleinen Club mit einem Publikum gefilmt und dann in den Rest der Welt übertragen wird, sind wir sofort dabei! Aber wenn man einfach nur dasteht und einen Song nach dem anderen abfrühstückt, dann kann man keine hundert Prozent liefern.

Und wie kam es dann zu einem neuen Album?
Natürlich haben wir jede Menge Pläne für 2021 geschmiedet – und dann wieder verworfen. Wir haben insgesamt drei Touren abgesagt. Eine davon war bereits offiziell angekündigt worden und bei den anderen beiden kam es gar nicht erst dazu. Irgendwann wurde uns dann klar, dass wir nach der Pandemie mit etwas Neuem zurückkommen müssen. Nach der Veröffentlichung des Live-Albums haben wir uns also mehr und mehr auf eine neue Platte konzentriert und damit begonnen, unser Material zu sichten.

Hatte sich trotz Touren und Arbeit an der Live-DVD bereits genug neues Material angesammelt?
Bei HAMMERFALL ist das Songwriting ein konstanter Prozess. Wir setzen uns nicht nur für ein paar Wochen zusammen, um an neuen Nummern zu arbeiten und dann ist alles fertig. Ein paar der Songs für das neue Album gibt es bereits seit „Dominion“. Wir mussten also nur unsere Ideen fertig ausarbeiten und vielleicht noch ein paar zusätzliche Titel schreiben.

Ein Foto der Band Hammerfall
HAMMERFALL 2022; © Tallee Savage

Braucht ihr nie eine Pause vom Kreativprozess, quasi um eure Batterien wieder aufzuladen?
Samwise Didier, der Künstler, der viele unserer Artworks gezeichnet hat, hat immer einen Stift und einen Block in der Hand und macht ständig irgendwelche Skizzen. Er sagte mal zu Oscar: Sei immer kreativ! Oscar hat sich das zu Herzen genommen. Er hat sich im Tourbus ein kleines Studio eingerichtet und auf Reisen immer eine Gitarre dabei. Auf diese Weise kann er – egal wo wir gerade sind – etwas aufnehmen, wenn ihm eine Idee kommt. Und je mehr man sich mit etwas beschäftigt, umso mehr und umso öfter wird man auch inspiriert. Natürlich gilt das nicht für alles – ich kann nicht im Tourbus an Gesangsmelodien arbeiten, aber ich kann Texte schreiben. Die Texte für „Dominion“ habe ich alle auf Tour geschrieben, als wir in den USA unterwegs waren. Zu dem Zeitpunkt, zu dem wir beschließen, mit der Arbeit an einem neuen Album zu beginnen, haben wir also schon etwa die Hälfte des Materials auf Lager.

Wie liefen die Aufnahmen zu „Hammer Of Dawn“ ab?
Wir haben natürlich gehofft, dass alles etwas früher geöffnet wird, als es dann tatsächlich der Fall war. Natürlich hatten wir überhaupt kein Problem, die Musik aufzunehmen, weil wir das in Oscars Studio in Göteborg machen. Das Schwierigste war der Gesang, weil ich seit zehn Jahren mit dem gleichen Produzenten in Los Angeles zusammenarbeite – allerdings durfte ich einfach nicht in die USA einreisen. Weil wir mit einer Deadline konfrontiert waren, wurde es da zwischenzeitlich sehr kompliziert. Und es war ja auch nicht nur die Pandemie das Problem: Für die Herstellung von Vinyl-Schallplatten muss man etwa sechs Monate einplanen! Wir haben noch nie so früh vor Veröffentlichung ein fertiges Album abgegeben!

Euer neues Album wird in Kürze veröffentlicht – wie würdest du es beschreiben?
Ich würde sagen, dass es ein sehr lebendiges, episches und kraftvolles Stück Power Metal ist. HAMMERFALL zeigen sich darauf von ihrer denkbar besten Seite. Ich glaube, dieses Album ist einzigartig, weil unglaublich viel Herzblut darin steckt. Wir hatten ja auch zwei Jahre lang nichts anderes zu tun! Ich denke, dass die angestaute Frustration, die jedes Bandmitglied durch den Wegfall von Live-Aktivitäten hatte, sich im Studio regelrecht entladen hat. Die Songs haben eine ganz besondere Energie und dadurch hebt sich „Hammer Of Dawn“ von unseren übrigen Alben ab: Jeder von uns liefert hier die bestmögliche Performance.

Das Cover von "Hammer Of Dawn" von HammerfallUnd dann taucht ja auch noch King Diamond im Song „Venerate Me“ auf …
Ja, das war eine Art Cameo-Auftritt! Es ist kein Duett und auch nicht „featuring King Diamond“ und ich möchte auch niemandem vormachen, dass es so sei. Als Oscar mir den Song gezeigt hat, habe ich gleich gesagt, dass ich mir in diesem einen Part den Gesang des King wirklich gut vorstellen kann. HAMMERFALL und King Diamond kennen sich und obendrein ist unser Gitarrist Pontus (Norgren, Anm. d. Red.) der Gitarrentechniker seiner Band. Pontus hat ihn also angerufen und vorgeschlagen, dass er sich an „Venerate Me“ beteiligt und er war sofort dabei. Wir haben ihm die Spuren geschickt und er hat sein King-Diamond-Ding gemacht und es wieder zurückgeschickt. Ich würde sagen, sein Beitrag ist ein klarer Fall von „Qualität statt Quantität“. Er taucht in der Nummer so plötzlich wie ein Kastenteufel auf und singt nur diesen einen Part (lacht). Seine Beteiligung ist sowohl für Oscar als auch für mich eine große Ehre – wir alle sind mit seiner Musik aufgewachsen und jetzt ist er ein kleiner Teil der Geschichte von HAMMERFALL geworden.

Würdest du zustimmen, dass die Songs „Brotherhood“ und „No Mercy“ den Geist klassischer HAMMERFALL-Alben wie „Legacy Of Kings“ atmen?
Ich weiß, was du meinst, aber ich würde auch empfehlen, nicht zu viele Vergleiche anzustellen. Ich bin aber ganz genauso: Jeder hat bei einer Band seine Lieblingsalben und wenn ich dann etwas Neues höre, vergleiche ich es stets mit der ersten Platte, die ich von dieser Band kennengelernt habe. Das Fazit ist dann immer das gleiche: Es ist gut, aber nicht das Gleiche wie früher. Wir versuchen aber als Band und Musiker, uns ständig zu verbessern. Wenn ich meinen Gesang von „Hammer Of Dawn“ mit dem aus der Zeit von „Legacy Of Kings“ vergleiche, dann höre ich zwei verschiedene Menschen. Ich verstehe den Gedanken also vollkommen, aber ich bitte euch, eine neue Veröffentlichung zunächst für sich stehen zu lassen. Und hört ein Album als Ganzes, denn wir schreiben ganze Alben! Wenn ihr eine Platte von Anfang bis Ende hört, versteht ihr, was wir damit ausdrücken wollen.

Du hast Samwise Didier bereits erwähnt. Seit „Dominion“ hat er wieder alle eure Artworks gezeichnet, nachdem ihr zuvor mit Andreas Marschall, der ja auch eure legendärsten Cover realisiert hat, gearbeitet habt. Wie kam es zum erneuten Wechsel?
Andreas hat ja vor nicht allzu langer Zeit das überarbeitete Cover für „Renegade 2.0“ abgeliefert und das sieht fantastisch aus. Trotzdem finde ich, dass die Arbeit von Sam das, was HAMMERFALL heute sind, besser repräsentiert. Andreas hat mit Bands wie Running Wild, Blind Guardian und natürlich auch uns eine ganz bestimmte Welt geschaffen, aber ich finde, dass HAMMERFALL heute etwas moderner sind. Aber wer weiß? Vielleicht arbeiten wir in der Zukunft ja auch mal wieder mit Andreas.

Das Cover von "Renegade 2.0" von HammerfallWo wir gerade über „Renegade 2.0“ sprechen, das ja einen Remix eures dritten Albums darstellt: Könnt ihr euch vorstellen, auch mal einen eurer Klassiker komplett neu einzuspielen?
Ich denke nicht, dass wir das machen müssen, weil wir es schon beim ersten Mal richtig gemacht haben. Nehmen wir mal an, wir würden „Legacy Of Kings“ neu aufnehmen: Das würde vollkommen anders klingen als das Original. Aber als wir es damals aufgenommen haben, war es das Beste, was wir erreichen konnten. Es ist ein essenzieller Teil der Geschichte von HAMMERFALL und der Entwicklung der Band sowie der Musik. Ohne diese Platte würde „Renegade“ nicht so klingen, wie es klingt. Und ohne „Renegade“ würde auch „Crimson Thunder“ nicht so klingen, wie es klingt. Wenn man jetzt im Nachhinein etwas verändern würde, dann macht man das meistens deswegen, weil man das Gefühl hat, das etwas nicht stimmt. Und das würde ich nicht machen. Ich war wirklich schockiert, als Manowar mit „Battle Hymns“ ihr erstes Album neu aufgenommen haben. Dieses Album ist ein Meisterwerk! Ich habe mir die neue Version angehört und natürlich kann ich ihre Entscheidung respektieren, aber ich werde immer wieder das Original auflegen!

Es kann aber ja durchaus spannend sein, ältere Songs einer Band in neuer Besetzung zu hören …
Wenn ich eine Band live sehe, höre ich den Song ja in eben dieser aktualisierten Version. Und das ist der Punkt: Wenn wir es neu aufnehmen würden, würden wir vermutlich nichts daran ändern. Falls es im Original ein improvisiertes Gitarrensolo gab, würde sich das vielleicht ändern, aber das war es dann auch schon. Für „Renegade 2.0“ haben wir uns für einen Remix entschieden, weil wir fanden, dass das Album einen neuen Anstrich gebrauchen könnte. Fredrik Nordström hat uns die Ehre erwiesen, das Album neu zu mischen und auf einmal klingt die Platte zeitlos! Der ursprüngliche Mix war vor 20 Jahren genau richtig, aber er ist eben nicht so gut gealtert – die Performance schon, aber der Sound nicht.

HAMMERFALL 2022 © CameraLucida, Sandra Myhrberg

Wir haben bereits über Live-Alben gesprochen und es ist wirklich schön, dass HAMMERFALL auch heute noch an dieses Format glauben. Was würdest du jemandem sagen, der behauptet, dass Live-Alben im Zeitalter von YouTube tot sind?
Naja, in gewisser Weise sind sie das. Wir haben in die Blu-ray von „Live! Against The World!“ unglaublich viel Geld gesteckt und mussten dann feststellen, dass die meisten Leute noch nicht einmal einen entsprechenden Player haben. Jetzt steht sie auf YouTube und die Leute gucken sich unsere Live-Show an, ohne dass wir auch nur einen Cent dafür bekommen. Wir fanden aber, dass wir dieses Statement machen und unseren wahren Fans etwas, das wirklich gut aussieht, geben mussten. Aufgrund der Pandemie konnten wir mit dieser Tour einen großen Teil der Welt nicht erreichen und wir wollten ihnen zumindest irgendetwas bieten. Und am Ende sind wir selber Metal-Fans. Wir veröffentlichen nur das, was wir selbst auch als Fans kaufen würden. Seien wir doch mal ehrlich: Auf YouTube gibt es schlechte Handy-Videos von Leuten, die lieber filmen, als die Show zu genießen. Steckt eure Handys ein und genießt das Konzert! Manchmal will man den Leuten wirklich das Telefon aus der Hand treten, so nervig ist das.

Wie sieht es angesichts eurer Jubiläen mit euren Tourplänen aus?
Im Augenblick gibt es noch in sehr vielen Ländern starke Beschränkungen und wir können nicht wirklich etwas tun, ehe überall wieder offen ist. Derzeit stehen die Chancen für unsere Tour mit Helloween etwa 50 zu 50. Aber die Tour wird auf die eine oder andere Weise stattfinden – wenn sie nicht jetzt wie geplant startet, dann eben später. (Der Großteil der Tour, darunter alle Konzerte im deutschsprachigen Raum, wurden kurz nach der Durchführung des Interviews verschoben, Anm. d. Red.)

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Wie stehst du zu Einlassbeschränkungen wie Maskenpflicht oder Impfnachweisen bei Konzerten?
Das ist ja in jedem Land ein bisschen anders – ich glaube nicht, dass man derzeit in Schweden auf Konzerten eine Maske tragen oder seinen Impfnachweis vorzeigen muss. Auf dem Höhepunkt der Pandemie war das aber eine gute Sache, weil man versucht hat, wenigstens den Leuten, die ihr Bestes geben wollen, damit das alles schnellstmöglich vorbei ist, Konzerte zu ermöglichen. Nach zwei Jahren wird das aber alles allmählich ganz schön frustrierend.

Damit sind wir am Ende angekommen. Noch einmal vielen Dank für dieses Interview!

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Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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