Interview mit Pegley Peggy von Mr. Hurley und die Pulveraffen

PEGLEG PEGGY ist das jüngste der vier Geschwister, die als MR. HURLEY UND DIE PULVERAFFEN ihr Unwesen in der Mittelalter- und Folk-Szene treiben. In unserer Interviewserie „Frauen im Folk“ spricht sie über ihre Anfänge am Merchandise, erste Erfahrungen auf der Bühne und wie sie ihr Leben zwischen Jura-Studium, Bass und Privatem balanciert.

Hallo Peggy! Oder soll ich lieber Esther sagen?
Hallo! Du darfst auch ruhig Esther sagen.

Was ist der größte Unterschied zwischen Pegleg Peggy und Esther Erichsen?
Als Pegleg Peggy bin ich definitiv selbstbewusster als im „normalen“ Leben. An sich bin ich eher ein ruhiger, stiller Mensch. Auf der Bühne oder im Fankontakt bin ich da aber deutlich offener.

Woher stammt dein Pseudonym?
Das ist keine besonders spannende Geschichte. Als feststand, dass ich bei den Pulveraffen einsteige, habe ich gemeinsam mit meinen Brüdern nach weiblichen Vornamen gesucht, die im Zeitalter der Piraterie verbreitet waren. Und dabei tauchte unter anderem der Name „Peggy“ auf. Und als dann feststand, dass mein Bühnencharakter ein Holzbein bekommen sollte, ergab sich mit Pegleg (engl. Holzbein) Peggy eine schöne Alliteration.

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Wir haben bei Metal1 die Interviewserie „Frauen im Folk“ ins Leben gerufen und freuen uns sehr, dass du dich bereiterklärt hast, unsere Fragen zu beantworten. Du bist seit vielen Jahren Teil der Folk- und Mittelalter-Szene. Wie würdest du diese Zeit ganz modern in einem Tweet zusammenfassen?
Das Leben als Teil der Folk- und Mittelalterszene ist chaotisch, hektisch und aufregend. Und ich würde es nicht wieder eintauschen.

In dieser Zeit hast du bei den Pulveraffen verschiedene Rollen eingenommen, von der Vortänzerin über Merchandise-Verkäuferin bis Bassistin und Sängerin. Womit fühlst du dich am wohlsten und warum?
Ich hab mich in allen Rollen wohl gefühlt, egal ob auf oder neben der Bühne. Das liegt zu großen Teilen auch daran, dass das ganze Band- eben auch ein Familienprojekt ist. Ich bin aber sehr glücklich jetzt auf der Bühne, da ich so ganz anders mit Fans interagieren kann.

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Weibliche Bassisten sind eine seltene Spezies, im Folk gab es dies u.a. mit Zora bei Vroudenspil und aktuell bei Cultus Ferox. Hast du davon etwas mitbekommen oder machst du einfach dein Ding, ohne groß auf andere Musikerinnen in vergleichbaren Rollen zu achten?
Mit Zora zum Beispiel hatte ich einiges zu tun. Als ich noch am Merch war, hatten die Pulveraffen öfter mal Konzerte gemeinsam mit Vroudenspil. Dabei habe ich auch immer gerne mit Zora gesprochen. Wobei es mir dabei eher um sie als Person ging, als um sie als Bassistin. Musikalisch versuche ich aber eher, mein eigenes Ding zu machen. Unter anderem, weil ich ja sehr spontan den Bass gelernt habe, das Instrument jetzt insgesamt erst seit zwei Jahren spiele und ich mich darum auch nicht unbedingt mit anderen Bassisten vergleichen möchte, egal ob weiblich oder männlich.

Gibt es noch weitere Instrumente, die dich reizen, oder möchtest du dich gesanglich noch mehr in der Band einbringen? Auf „Leviathan“ warst du ja stimmlich weniger präsent.
Kurzzeitig hatte ich Geigenunterricht und das ist auch ein Instrument, das ich weiterhin gerne erlernen würde. Zum Gesang: Natürlich möchte ich da in Zukunft mehr machen und wir arbeiten auch bereits daran, allerdings habe ich mich bisher eher darauf konzentriert, erstmal am Bass warm zu werden. Eins nach dem anderen …

Wann und wie ist die Idee entstanden, dass du zukünftig mit deinen drei Geschwistern als festes Bandmitglied auf der Bühne stehst?
Dass ich früher oder später auf die Bühne komme, war mehr oder weniger von Anfang an geplant, eben da es ein Familienprojekt ist und wir nunmal vier Geschwister sind. Ich war jedoch nicht von Anfang an dabei, weil ich zu Gründungszeiten noch an der Schule war. Nach dem Abitur bin ich dann erstmal im Merch eingestiegen, um Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen zu sammeln. Darüber ist die Bühne etwas in den Hintergrund gerutscht.
Ende 2017, tatsächlich im Nightliner zu den Eisheiligen Nächten, kam dann sehr spontan der Gedanke wieder auf, im Februar fing ich dann mit dem Bassunterricht an und Ende April stand ich auf der Bühne.

Fällt dir als einzige Schwester von drei Brüdern eine besondere Aufgabe zu, sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Bandgefüges?
In der Band hat jeder so seine Aufgabe, ich kümmere mich aktuell zum Beispiel viel um die sozialen Medien und die Nachbestellungen des Merchandise. Die Auswahl der Aufgaben hat aber nichts damit zu tun, dass ich die einzige Schwester bin, die haben sich einfach ergeben. Außerhalb der Band ist das ähnlich. In meiner Familie ist es glücklicherweise so, dass ich nie anders behandelt wurde, weil ich eine Frau bin.

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Nachdem deine Brüder jahrelang als Trio unterwegs gewesen sind: Wie schwer war es, die Show und z.B. eure Abläufe im Studio oder beim Soundcheck auf vier Pulveraffen umzuändern?
Das war größtenteils tatsächlich sehr einfach. Der Bass ist ein Instrument, das relativ einfach hinzugefügt werden konnte, ohne dass der Ablauf zu sehr verändert werden musste. Und auch beim Soundcheck etc. lief alles ziemlich reibungslos, was zum großen Teil auch an unserer großartigen Crew liegt.

Wie hast du die musikalische Entwicklung deiner Brüder miterlebt, von den kleinen Märkten hin zu den großen Festivalbühnen wie dem Summer Breeze und auch stilistisch von den ersten Eigenproduktionen „Achterstück“ bis zum letzten Universal-Release „Leviathan“?
Auch als ich noch nicht im Merch war, habe ich viel davon direkt miterlebt. Wenn kleinere Märkte in der Nähe von Osnabrück waren, bin ich häufig mit unseren Eltern hingefahren. Oder die ganze Familie saß abends in der Küche und hat die Papp-Couverts der ersten CDs per Hand zusammengeklebt. Da ist man als kleine Schwester natürlich umso stolzer, wenn man sieht, wie mit der Zeit die Mengen vor der Bühne wachsen. Und ich bin auch heute noch wahnsinnig stolz auf meine Brüder, grade auch, weil ich weiß, wieviel Herzblut in diesem Projekt steckt.

Wie waren die ersten Reaktionen auf dich als Bassistin? Und wie hast du das empfunden, nachdem du quasi ins kalte Wasser geschmissen worden bist?
Die Reaktionen waren der Wahnsinn! Ich habe fast ausschließlich positive Rückmeldungen bekommen, worüber ich wahnsinnig dankbar bin. Vor dem ersten Konzert war ich unfassbar aufgeregt und habe unglaublich gezittert. Da haben meine Brüder und die Crew mir aber auch sehr mit geholfen und mir gut zugesprochen. Sobald ich dann auf der Bühne stand und alles funktionierte, war die Aufregung dann sofort verflogen.

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Wie darf man sich deinen Alltag in den letzten Jahren vorstellen, in denen du parallel zu allem anderen Bass gelernt hast? Du warst ja häufig mit den Pulveraffen unterwegs, bist nicht immer Musikerin gewesen und hattest hoffentlich auch noch ein Privatleben …
Mein Alltag ist tatsächlich sehr chaotisch. Ich bin ja nicht nur Musikerin, sondern studiere parallel auch noch Jura. Da ist es umso wichtiger, Prioritäten zu setzen. Als ich Bass gelernt habe, habe ich mein Studium erstmal runter geschraubt, um mich auf das Instrument zu konzentrieren. Inzwischen studiere ich wieder aktiver. Dabei ist es für mich wichtig, mein Zeitmanagement so gut wie möglich im Griff zu haben und gewisse Routinen aufzubauen, um den Stress im Alltag zu minimieren.
Aktuell versuche ich, vormittags etwas für die Uni zu tun, nachmittags geht es dann ans Bass üben etc. – die Abende versuche ich dabei so gut wie möglich frei zu halten für Zeit mit meinem Freund, Treffen mit Freunden oder auch mal Zeit für mich.

Apropos Privates: Du bist vor nicht allzu langer Zeit erstmals Tante geworden, wie ist das für dich?
Ich könnte nicht glücklicher sein. Nicht nur über meinen Neffen an sich, sondern auch darüber, zu sehen, wie sehr mein Bruder und meine Schwägerin in der Elternrolle aufgehen.

Hat sich das Leben auf Tour bzw. haben sich die Konzerte und Eindrücke für dich als Musikerin im Vergleich zu vorher geändert? Wenn ja, was ist nun anders?
Der Kontakt mit den Fans ist ein ganz anderer. Am Merch hatte ich im Endeffekt zwar mehr Fankontakt, weil man den ganzen Tag am Stand ist, als Musikerin kann man aber deutlich mehr Menschen erreichen. Dadurch sind auch die Gesprächsthemen andere.

Wie waren deine Erlebnisse mit Fans? Viele deiner Kolleginnen haben uns von Fans berichtet, die zu aufdringlich geworden sind. Ist dir ähnliches passiert und wenn ja, wie bist du damit umgegangen bzw. wie hast du das für dich verarbeitet?
Man muss ganz ehrlich sagen, zu 90% sind meine Erlebnisse mit Fans durchweg positiv. Aber leider gibt es immer auch andere: Dabei kommt es immer mal wieder vor, dass ich diverse Kosenamen bekomme, manche Menschen meinen, mir bei Fotos die Hand auf den Hintern zu legen, zu fragen, was man mir zahlen müsste, damit ich mit zu ihnen käme oder ähnliches. Anfangs habe ich dabei versucht, das möglichst freundlich zu lösen, inzwischen wehre ich mich aber deutlich gegen. Und meist werden diejenigen dann plötzlich ganz ruhig und verschreckt, weil sie nicht damit rechnen, dass ich etwas gegen dieses Verhalten sage.

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Gibt es ein besonders Ereignis, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Positive Beispiele gibt es wirklich diverse. Eines, was mir von der letzten Tour sehr im Gedächtnis geblieben ist, war ein Konzert, bei dem eine Familie in der ersten Reihe stand. Als wir dann den Kodex gespielt haben, fing dort eine große Gruppenumarmung an, was wahnsinnig schön anzusehen war. Ein negatives Erlebnis ist tatsächlich nicht mir direkt passiert, sondern zwischen zwei Fans. Ein Paar wollte ein Foto, entweder mit Morgan und mir oder mit der ganzen Band, ganz genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls gab die Frau ihr Handy einem Herrn und fragte, ob er das Foto machen könnte. Daraufhin forderte er sie auf, sich aufreizender hinzustellen und man sah ganz deutlich, wie er auf dem Bildschirm auf ihren Ausschnitt zoomte. So viel Respektlosigkeit habe ich noch nie erlebt.

Du hast bei Instagram einen eigenwilligen Weg eingeschlagen. Anstatt wie viele andere Künstler mit wachsender Bekanntheit dort weniger aktiv zu sein, berichtest du nun mehr über dich und deine Lieblingsmenschen. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?
Viele Wochen des Grübelns. Für mich war es eine Zeit lang sehr schwer, etwas zu posten, weil ich wusste, wieviele Menschen mir folgen. Und ich wollte unter keinen Umständen etwas „Falsches“ posten. Irgendwann habe ich dann aber festgelegt, dass sich das ändern sollte. Menschen folgen jemandem nun mal auf den sozialen Medien, weil sie mehr von dem Menschen erfahren wollen. Ginge es meinen Followern nur um die Band, würden sie nur unserem Bandaccount folgen, sie haben sich aber dazu entschieden, meinem Personen-Account zu folgen. Darum habe ich jetzt für mich entschieden, offener mit Social Media umzugehen und den Leuten mehr von mir als Privatperson zu zeigen. Und ich muss sagen, dass ich mich damit sehr gut fühle und auch durchweg positive Rückmeldungen bekomme.

(c) Christoph Ilius

Die Anzahl an Pulveraffen-Fans ist massiv angewachsen. Wie gehst du mit den vielen Fanwünschen von Fotos über Autogramme bis zu persönlichen Gesprächen um?
Die Wünsche versuche ich nach Möglichkeit immer zu erfüllen. Meinen Brüdern und mir war und ist der Fankontakt immer sehr wichtig. Wir wollen den Leuten Spaß bringen und da ist es umso schöner, mit den Menschen direkt Kontakt aufnehmen zu können.

Fühlst du dich manchmal überfordert?
Natürlich, das ist nur menschlich. Aber inzwischen kann ich mit solchen Momenten gut umgehen. Da muss ich auch meinem Freund sehr danken, der mir dabei immer unter die Arme greift.

Wieviele Zuschriften von Fans erhältst du im Schnitt pro Woche und beantwortest du alle persönlich?
Ein paar kommen da schon zusammen und ich versuche, dann auch zu antworten. Da muss ich allerdings zugeben, dass ich dabei auf Instagram deutlich besser bin als auf Facebook. Einfach weil ich Facebook deutlich weniger nutze als Instagram.

Wo ziehst du die Grenze zwischen deinem Bühnen- und Privatleben?
Eine klare Grenze gibt es da nicht, das entscheide ich von Situation zu Situation. Natürlich gibt es Dinge, die einfach niemanden außerhalb meines direkten Umfelds etwas angehen, aber in den diversen Grauzonen entscheide ich das aus dem Bauch heraus. Und damit bin ich bisher sehr gut gefahren.

Vielen Dank für deine Zeit und die Antworten. Zum Abschluss noch ein paar Stichworte für ein freies Assoziieren. Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?
#metoo –
Wichtig, auf das Thema sexuelle Belästigung aufmerksam zu machen; Furchtbar, dass es überhaupt ein Thema ist
Osnabrück – Kindheit und Heimat, auch wenn ich inzwischen nicht mehr in Osnabrück wohne
Selfies – Guilty Pleasure
Blondinenwitze – Kenne ich vermutlich alle, hab sie aber nie persönlich genommen

Möchtest du zum Schluss noch etwas loswerden?
Gerne. Ich möchte die Möglichkeit nutzen, um mich bei all denen zu bedanken, die mich in der Musikszene unterstützen und willkommen geheißen haben. Egal ob es Veranstalter, Fans oder andere Musiker sind.

(c) Sigi Maier

Alle bisher erschienenen Teile dieses Specials im Überblick:

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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