Interview mit Joakim Brodén von Sabaton

Die omnipräsente Kriegsthematik bei SABATON sorgt nicht erst seit letzter Woche für Kontroversen. In Zeiten eines innereuropäischen Krieges fällt der richtige Umgang mit dem Thema Krieg jedoch besonders schwer. Dieses Interview wurde bereits vor einigen Wochen geführt, weshalb auf die aktuelle Situation nicht eingegangen werden konnte. SABATON haben sich selbst in einem Statement zur aktuellen Situation unterdessen jedoch klar positioniert.

Wir sprachen mit Frontmann und Hauptsongwriter Joakim Brodén über das kommende Album „The War To End All Wars“, das sich erneut um den Ersten Weltkrieg drehen wird. Warum erneut dieser Konflikt besungen wird und welchen Ansatz die Band dieses Mal gewählt hat, erfahrt ihr genauso, wie die Antwort auf die Frage, warum SABATON niemals „Animal Crossing“ bewerben werden.

Ist es nicht ein wenig faul, schon wieder über den Ersten Weltkrieg zu schreiben?
(lacht) Nun, niemand hat sich beschwert, als wir unseren zweihundertsten Song über den Zweiten Weltkrieg geschrieben haben. (lacht) Wir haben zwei Alben über den Zweiten Weltkrieg geschrieben, also warum nicht noch ein zweites über den Ersten?

War es denn von Anfang an geplant, dass es ein weiteres Album über den Ersten Weltkrieg geben wird?
Nein, eigentlich gar nicht. Als wir „The Great War“ geschrieben haben, wussten wir schon, bevor wir das Album überhaupt veröffentlicht hatten, dass wir die Geschichten um die Harlem Hellfighters und den Weihnachtsfrieden nicht berücksichtigt hatten. Die beiden wollten wir eigentlich noch erzählen, hatten aber nicht die richtige Musik dafür. Während der Tour und zur Albumveröffentlichung schrieben uns viele Leute, Freunde gaben uns Bücher und so weiter. Jeder machte uns auf andere Stories aufmerksam. Als wir dann 2020 unsere Russland-Tour abbrechen mussten und viele Länder sich in einen Lockdown begeben hatten, hatte gut die Hälfte der Welt noch keine Tour zu „The Great War“ gesehen. Wenn wir nun, sagen wir mal, ein Album über die Napoleonische Zeit geschrieben hätten, hätten die Leute in Japan zum Beispiel noch nicht die „The Great War Tour“ gesehen. Wir entschieden uns dann dazu, noch eine Scheibe über diese Epoche zu schreiben. Zum einen hatten wir noch nicht alle Geschichten erzählt, die wir zum ersten Album eigentlich umsetzen wollten, zum anderen hatten wir einen Haufen neuer, von denen wir erst nach „The Great War“ erfahren hatten. So können wir in unserer Show eine komplette Sektion nur mit Songs über den Ersten Weltkrieg spielen. Man kann „The Red Baron“ zum Beispiel direkt in das neue Set einbauen.

Sabaton - The War To End All Wars_3000pxFühlt sich das Album denn von innerhalb der Band wie der zweite Teil zu „The Great War“ an oder seht ihr es als komplett unabhängiges Werk?
Oh, in Sachen Story würde ich sagen, es ist als eine Art Schwester oder Bruder zu sehen. Bis auf den Weihnachtsfrieden behandeln wir weniger bekannte Geschichten oder Personen. Das war cool, ein bisschen tiefer zu graben. Songwriting und Produktion unterscheiden sich aber. Wir stellen uns abwechslungsreicher auf, der Aufnahmeprozess war etwas entspannter und der Sound ist etwas härter. Auch wenn die Gitarren weniger verzerrt sind, hören sie sich härter an. Die Produktion ist generell besser.

Wie stellt ihr denn fest, dass die geschriebene Musik zu einem bestimmten Song passt? Ich erinnere mich, dass du schon zu „The Great War“ über die Geschichte der Harlem Hellfighters gesprochen hast, damals aber meintest, es würde keine passende Musik dazu geben. Wie kam es nun zu dieser?
Manchmal schreibe ich einfach Musik, weiß aber noch nicht so recht, für was ich sie am Ende verwenden werde. Manchmal habe ich einen Konflikt im Hinterkopf, aber keine spezifische Begebenheit, manchmal habe ich aber auch schon die kleinen Details vor Augen. Dann hast du vielleicht Musik zu einem größeren Thema, das aber nicht zur bestimmten Geschichte passen will, die du gerade erzählen willst. Es ist uns aber wichtig, dass Musik und Geschichte die gleiche Emotion übertragen, die gleiche Sprache sprechen. Dann kommt es vor, dass du dich an Musik versuchst, diese aber einfach nicht gut genug ist. Diese lassen wir dann zurück und versuchen uns zu einem späteren Zeitpunkt noch mal daran.

© Tim Tronckoe

Und wie stellt ihr fest, dass etwas nicht gut genug ist?
Nun, das weißt du eigentlich nicht. (lacht) Manchmal hat man das im Gefühl oder es scheint so, als würde die Musik die Geschichte nicht korrekt repräsentieren, oder die Musik ist einfach langweilig. Auch wenn wir es noch so hart versuchen, das Album ist nicht das einzige Material, das wir geschrieben haben. Es gibt etliche, unfertige Liedideen, die nie fertiggestellt werden, weil sie unserer Meinung nach nicht gut genug sind. Die meisten davon landen im Mülleimer, teilweise behalten wir sie aber noch und verwenden eine Bridge oder ein Solo daraus. Vielleicht benötigst du das dann in ein paar Jahren nochmal, wenn du eine Idee in dieser Tonart oder diesem Tempo benötigst.

Für dich als Hauptsongwriter, wie groß sind denn die Kritiker innerhalb der Band? Kommt es oft vor, dass du deinen Mitmusikern eine Songidee vorstellst und diese dich dann schief anschauen?
Das passiert, ja. Zum Beispiel bei „Swedish Pagans“. (lacht)  Die halbe Band weigerte sich damals, das Lied zu spielen. Für dieses Album habe ich sehr viel mit unserem Gitarristen Chris geschrieben. Das war sehr gut, denn die Zeit seit „The Great War“ war sehr kurz. Normalerweise benötige ich länger, um neue Ideen zu sammeln, wieder kreativ zu werden. Das war deshalb eine große Hilfe. Aber ich bin üblicherweise auch sehr gut darin, mich selbst zu kritisieren. Ich zeige es der Band nur, wenn ich tatsächlich zufrieden damit bin. In vielen Fällen haben Chris und Pär aber nochmal Ideen ausgepackt, mit denen ich eigentlich nicht ganz zufrieden war. Der Song „Stormtroopers“ ist zum Beispiel so entstanden. Er war hier und wir haben uns alte Skizzen angehört. Er fand die Nummer cool und meinte, wir sollten sie ausarbeiten. Der Verse war gut, der Pre-Chorus auch, der Chorus selbst war aber scheiße. Ich hatte den Song nur aufgehoben, weil ich die anderen Elemente mochte. Ich schrieb dann ein neues Intro und Outro und einen neuen Refrain. So wurde aus dieser Idee „Stormtroopers“.

Du hast den Song über den Weihnachtsfrieden schon angesprochen. Das Lied erinnert mich sehr an Savatage oder Trans-Siberian Orchestra. Bist du dir über dieser Parallelen bewusst?
Ja, absolut! Ich habe mir die Melodie dort geholt, wo sie sie auch herhaben, aus „Carol Of The Bells“. Das ist ja auch nicht deren Komposition. Aber ich habe es nicht kopiert, sondern nur den Rhythmus verwendet. Wir hätten noch andere Weihnachtsmotive verwenden können, die hätten aber die falsche Stimmung transportiert, wären zu fröhlich für das Thema gewesen. Dieses Motiv war das einzige, das ich verwenden wollte. Mir war durchaus mir bewusst, dass Savatage es auf „Dead Winter Dead“ auch schon verwendet hatten. Aber nur dieser Teil des Liedes hat Parallelen, der Rest unterscheidet sich deutlich.

Was mir noch aufgefallen ist, ist das der Rhythmus und die Melodie in „Sarajevo“ und „Versailles“ gleich sind. Warum aber habt ihr das so gemacht?
Chris und ich fingen mit „Sarajevo“ an und uns war schnell klar, dass das Lied sich von denen unterscheidet, die wir geschrieben hatten. Bis dahin hatten wir ziellos Musik geschrieben. Hier wussten wir, noch bevor der Song fertig war, dass es um „Sarajevo“ gehen würde. Wir begannen dann „Versailles“, noch bevor wir mit „Sarajevo“ fertig waren. Mit dem Twist, dass ein Chorus in Dur und der andere in Moll geschrieben sein, wollten wir den gleichen Refrain benutzen. Es sollte so etwas wie der Einband eines Buches darstellen. Die erste und die letzte Seite. Der Rest des Albums ist dann aber nicht in chronologischer Ordnung. Das würde zum einen eine schreckliche Hörerfahrung ergeben und zum anderen wäre es auch quasi unmöglich. Manche Events fanden über hunderte Tage statt oder Menschen, die wir besingen, waren den kompletten Krieg über am Leben. Wir konnten sie so nicht in eine chronologische Linie bringen.

Sabaton_The Great War_4000pxWas mir ein bisschen fehlt, was ihr auf dem letzten Album endlich einmal hattet, ist ein kommentierender Track. Eine Nummer, die das gesamte Geschehen auch mal einordnet, nicht nur davon erzählt …
Ich würde sagen, dass „Sarajevo“ und „Versailles“ eine ähnliche Funktion einnehmen. Ein Lied wie „The Great War“ ging aber auch von einem Einzelschicksal aus, einem Soldaten, der Briefe an seine Mutter geschrieben hat. Der einzige, der wirklich ein Kommentar war, ist „The War To End All Wars“. Damals dachten wir aber auch noch, dass es unser letztes Lied zu diesem Thema sein würde.

Okay, dann rüber zu einem gänzlich anderen Thema: Dieses Album ist nun euer zehntes. Wie schwierig ist es mittlerweile, eine Setlist zusammenzustellen? Bei vielen Bands sieht man, dass sie ihre neuen Alben nicht so schätzen oder die Fans diese gar nicht hören wollen. Da bleiben dann nach der Tour zu einem bestimmten Album in der Zukunft keine Lieder davon in der Setlist übrig. Andere Bands wie Iron Maiden spielen erst eine Tour zum Album und danach eine komplette Klassiker-Tour. Wie wollt ihr das angehen?
Wir haben dieser Tage ein Werkzeug, das kein Künstler in der Vergangenheit hatte: Streaming-Daten aus den verschiedenen Ländern, manchmal sogar der einzelnen Bundesländer. Da müssen wir nicht raten, ob ein Lied ankommt. Manchmal wird ein Song nämlich einfach nur bekannter, weil die Band es immer und immer wieder spielt. Menschen verbinden dann gute Erinnerungen mit diesem Lied. Vielleicht nicht, weil sie den Track wirklich mögen, sondern einfach nur weil, die Gruppe das Lied so häufig gespielt hat. Ich möchte nicht darüber urteilen, das passiert aber nunmal. „Swedish Pagans“ war zum Beispiel, als wir angefangen haben, es live zu spielen, nicht angesagt. Wir wollten aber mal was anderes spielen und dann wurde es auf diese bekannt – was ich mittlerweile ein wenig bereue. (lacht) Es ist nicht so, dass ich den Song hasse, aber es gäbe einige Lieder, in denen in vier Minuten mehr passiert.  Aber wir können so wissen, was die Leute wirklich anhören auf Spotify, Apple Music oder Amazon. Und du hast da vollkommen recht, der einzige Weg, festzustellen, ob ein Album wirklich gut ist, ist zu überprüfen ob nach dem Album-Zyklus Lieder davon überlebt haben. Klassiker werden immer gespielt werden, das befeuert sich dann am Ende selbst, weil sie in der Toplist landen. Dort sind meist die Klassiker und eine einige Tracks des aktuellen Albums zu finden. In dieser Welt befeuert Erfolg den Erfolg. Beim nächsten Album wirst du dann sehen, wie viele Lieder des vorherigen Albums immer noch in der Toplist sind. Man muss so natürlich ein bisschen Recherche betreiben. Wir verlassen uns aber auch nicht nur auf diese Daten, das wäre ein wenig langweilig. Außerdem wollen wir ab und an eine Überraschung mit einbauen.

© Christoph Ilius/Metal1.info

Ich habe noch ein Thema zum Abschluss: SABATON sind heutzutage omnipräsent, andauernd kommt etwas heraus. Sind es nicht neue Songs, dann sind es Klemmbausteinsets, Dokuvideos zu den Geschichten eurer Songs oder zuletzt auch Bürostühle für Gamer. Ist euch bewusst, dass SABATON mittlerweile viel mehr ist als nur die Musik?
Ja und nein. In der aktuellen Zeit kannst du nicht 250 Tage im Jahr auf Tour sein. Wir müssen irgendwas tun, um beschäftigt zu bleiben. Wir investieren aber auch sehr viel in unsere Videos, in das zu „Christmas Truce“ zum Beispiel. Es ist nicht so, dass uns Youtube dafür fürstlich entlohnen würde. Diese Gaming-Stühle zu verkaufen, hilft uns zum Beispiel dabei, SABATON-History zu unterhalten oder ein aufwändiges Musikvideo zu drehen.

Gab es schon Angebote, die ihr ausgeschlagen habt?
Ja, klar. Es gab etliches, dass sich einfach nicht richtig angefühlt hat. Von Spielzeug bis Alkohol war alles dabei. Nicht, dass ich kein Bier mögen würde, aber vielleicht wollte auch nur jemand unseren Namen auf ein schlechtes Bier klatschen, um es zu bewerben. Da machen wir dann nicht mit. Gaming-Stühle sind aber zum Beispiel eine Sache, die die Leute wollen. Nicht jeder Metaller wird Computerspiele mögen, aber wir selbst sind auch Gamer und verwenden die Stühle. Es ist wie bei einem Song: Nicht jeder wird ihn mögen. Am Ende muss es uns gefallen, das Gesicht dafür zu sein und Werbung dafür zu machen. Bei einem Video wie „World Of Tanks“ macht eine Kooperation also absolut Sinn. Die sind zum Beispiel auch ein großer Sponsor für einige Museen. Du wirst aber nicht erleben, dass wir Werbung für „Animal Crossing“ machen. Das ergibt in unserem Kontext keinen Sinn.

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Publiziert am von Manuel Stein

Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

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