Gedanken zu einem Sabaton-Konzert. Oder: Wie viel Krieg verträgt der Metal? (Teil I)

sabaton12_01

Wenn man schon wie die Jungfrau zum Kinde zu einem Konzertbesuch kommt, dann kann das ganz eigenartige Folgen haben. So geschieht es, dass ich in Vertretung des guten Marc zur SWEDISH EMPIRE-Tour aufbreche, wo sich ELUVEITIE und SABATON die Klinke in die Hand geben. Ich muss vorwegnehmen, dass ich noch nie so dicht dran war, ein Konzert vorzeitig zu verlassen wie an diesem Abend in der Hamburger Großen Freiheit 36.

Was ist geschehen? Nun, ich komme erst kurz vor ELUVEITIE in die Halle, denen ich nur mit einem halben Auge folge. Vor einem Dreivierteljahr enttäuschten mich die Schweizer bei der Paganfest-Tour. Auch wenn ich den Folk Metal gern mag, ist jene Ausprägung über die Dauer eines Konzertes schwer auszuhalten für mich. Chrigel & Co. machen aber offenbar einen besseren Job als in München und sorgen für gute Stimmung in der restlos ausverkauften Freiheit. Die Setlist ist bunt gemischt, die Band ordentlich aufgelegt und das Publikum wirkt bei solidem Sound immer zufriedener. So weit, so gut, ELUVEITIE kann ich keinen Vorwurf machen an einem der unbehaglichsten Konzertbesuche meines Lebens.

Ich halte fest: Kein Freund bin ich von politisch korrektem „darüber macht man keine Witze“, von Tabus in der Kunst, von verkrampftem Umgang mit historischen Themen. Doch die Art und Weise, wie SABATON die Kriege des 20. Jahrhunderts und weitere Konflikte vor hunderten von Fans zelebrieren, widert mich an. In dem Moment, als die Band die Bretter betritt, kann ich vor dem Outfit von Joakim Brodén nur den Kopf schütteln. Den Meisten dürfte es bekannt sein, wie SABATON sich auf der Bühne verhalten, mir war es das nicht. Ich habe mich zuvor in die Songs eingehört, in viele Texte eingelesen und konnte die Vorwürfe der Kriegsverherrlichung, die auf der Band lasten, bis zu diesem Konzert nicht nachvollziehen. Klar, da ist ein einseitiges lyrisches Konzept, aber wenn sogar Historiker mitarbeiten wie beim jüngsten Album „Carolus Rex“, dann ist das doch alles in Ordnung mit der Kriegsthematik?

Weit gefehlt. Nichts stimmt bei SABATON. Vor ausverkauftem Hause eine Story nach der anderen über Kriege und Verbrechen der Weltgeschichte zu erzählen, während ein Sänger mit Vollassi-Outfit und Pornobrille herumhüpft, während ein Trinkspiel vor johlenden Fans dem anderen folgt – das wird der Sache in keiner Weise gerecht. Viele Bands im Metal nehmen sich dem Krieg als lyrisches Thema an, doch der große Unterschied ist, dass keine Black Metal-, Thrash Metal- oder auch Power Metal-Band die Massenvernichtung so sehr als geistlose Party inszeniert wie SABATON. Viel würde düsteres Licht bewirken. Mit seriösen Ansagen wäre eine Menge erreicht. Und wenn sich die Band in Outfits kleiden würde, die nicht nach Mallorca-Party in der Brunsbütteler Großraumdiskothek aussähen, würde viel Kritik verpuffen.

Nun, ob es mir gefällt oder nicht, bin ich mal wieder allein mit der Ansicht. Die gesamte Große Freiheit feiert SABATON, als wenn es kein Morgen gäbe. „Noch ein Bier, noch ein Bier“, das kennen die Meisten und befeuern damit die hirnlose Extase. Musikalisch stimmt auch alles, sieht man von unsäglichen Samples vom Band ab – die Gitarren brezeln fein und selbst wenn der Sound nicht immer glasklar ist, kommen die Songs der Schweden allesamt gut rüber. Brodén lässt die Fans an einer Stelle über die Setlist entscheiden („White Death“ gewinnt gegen „Coat Of Arms“), geht zu späterer Stunde sogar selbst zum Stagediving über. Die Spielfreude merkt man den alten und neuen Mitgliedern deutlich an. Der Sänger wird nicht müde zu betonen, was für ein fantastisches Publikum Hamburg sei und dass man das viel zu früh ausverkaufte Konzert gern durch einen Zusatzauftritt im November entlastet. Schön für euch, liebe Hamburger – mich soll man auf keinem SABATON-Konzert mehr sehen.

Ich habe es wirklich versucht. Es dürfen alle wissen, dass ich durchaus ein Faible für Kriegsthematik habe, dass ich den Wehrdienst nicht scheute, dass ich es als völlig legitim ansehe, wenn reale Grausamkeiten zum Gegenstand von Metal-Texten werden. Aber bitte nicht so. SABATON machen mit solchen Inszenierungen einen großen Fehler. Vielleicht hängt es mit der Historie Schwedens zusammen, das sich seit den napoleonischen Kriegen stets zu seiner Neutralität bekennt und deswegen ein distanziertes Verhältnis zum Waffengang hat. Offenbar kann dieses Klima leider dafür sorgen, dass die größte Katastrophe so unreflektiert verklärt wird. Da mag man Brodén & Co. ein halbes Jahr Afghanistan wünschen, damit sie lernen, dass Krieg keine Party ist.

sabaton12_02

Eine weiterführende Kolumne zu dem Thema findet ihr hier:
>> Kolumne: Wie viel Krieg verträgt der Metal (Teil II)

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: