Interview mit Schwadorf von The Vision Bleak

Interviews werden in der Regel in der Promophase zu einem Album oder einer Tour geführt – und dann über diese Themen. Doch Alben und Shows gäbe es nicht, wären die Gesprächspartner nicht so begeisterte Instrumentalisten. In unserer Serie „Saitengespräche“ wollen wir dem Rechnung tragen – mit Interviews, die sich ganz um Instrumente, Verstärker, Effekte und andere Technik drehen. Von Gear-Nerds für Gear-Nerds – und solche, die es werden wollen.

In Teil 28 der Serie unterhalten wir uns mit Markus Stock alias Schwadorf, Gitarrist von THE VISION BLEAK und EMPYRIUM.

Wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?
Das müsste so Ende 1991/Anfang 1992 gewesen.

Was hat dich damals dazu gebracht, dass du Gitarre lernen willst?
In der damaligen Empyrium Vorgänger Band Impurity – in der ich Schlagzeug spielte und sang – war ich unzufrieden mit den beiden „Gitarristen“, weshalb ich nach den Proben immer noch alleine im Proberaum blieb und mir das Gitarrespielen beibrachte. Selbiges passierte mit dem Keyboard, das ich mir auf einer Heimorgel aus den Siebzigern beibrachte, die wir im Proberaum stehen hatten. Diese Emanzipation von den anderen Mitgliedern bzw. der Schritt zum Multiinstrumentalisten hatte dann auch später zur Folge, daß wir Impurity auflösten und ich Empyrium gegründet habe.

Hast du vorher schon ein anderes Instrument erlernt (erlernen müssen)?
Ja, Blockflöte gezwungenermaßen (was ich rückblickend gut finde) und Schlagzeug. Schlagzeug ist auch das einzige Instrument, welches ich nicht autodidaktisch sondern zwischen 1989 und 1992 per Unterricht erlernte.

Weißt du noch, welches Modell deine erste Gitarre war?
Oh ja. Eine Stratocaster Kopie vom damals angesagten Instrumentenversandhandel „Roadstar“. Das günstigste Model was zu haben war. Ein absolut unspielbares, furchtbares „Instrument“. Ein Hals wie eine Dachlatte, Sperrholzkorpus, schreckliche Elektronik. Da merkte man selbst als absoluter Laie, dass es das nicht sein kann. Ich kaufte mir kurz darauf dann eine Yamaha RGX , die ziemlich solide war/ist. Mit der Gitarre spielte ich alles vom Empyrium Demo bis einschließlich „Songs Of Moors And Misty Fields“ ein und auch einiges von Sun Of The Sleepless aus den Neunzigern.

Wie viele Gitarren/Bässe besitzt du?
Neun E-Gitarren, drei Akustikgitarren und zwei E-Bässe. Macht also 14.

Haben die Instrumente für dich unterschiedliche Einsatzbereiche, also hast du etwa verschiedene für verschiedene Bands oder Anlässe, etwa Studio, Liveauftritte und den Urlaub?
Absolut. Ich habe für Empyrium-Live-Auftritte zwei Gitarren (eine alte 1978er Baujahr Aria Pro II und dazu noch eine Fernandes), für Sun Of The Sleepless/The Vision Bleak vier verschiedene Flying Vs, eine zur E-Sitar umgebaute Telecaster, eine Epiphone Studioschlampe mit EMGs, die für verzerrtes Zeug trotzdem meist besser klingt als die Gitarren, die viele Gitarristen mitbringen, meine alte Yamaha RGX die an der Wand hängt,  Nylon-, Stahl- und 12-Saitige-Akustigitarren und die beiden E-Bässe die man halt so hat.

Worauf legst du aus technischer Sicht besonderen Wert, welche Kriterien muss ein Instrument für dich erfüllen, damit du damit zufrieden bist?
Erstmal muss man optisch mit dem Instrument zufrieden sein und sich damit auf eine Bühne stellen wollen, wenn es den eine Live-Gitarre sein soll. Sie muss gut spielbar sein. Elektronik kann man austauschen (was ich bei 95% aller meiner Gitarren mache). Meine derzeitige Hauptgitarre ist eine gebrauchte 300 Euro teure creme-weiße Epiphone mit getauschter Elektronik. Bisschen stumpf vom Sound aber auch sehr charmant. Ich mag sie!

Man hört ja oft von Musikern, die eine spezielle Verbindung zu ihrem Instrument zu haben scheinen. Empfindest du das auch so? Hast du ein Lieblingsinstrument?
Jein. Ich finde das oft überzogen und bin da eher Praktiker. Das ist oft dieses typische „Mucker Gesülze“ von Leuten, die über den Proberaum nicht hinauskommen und sich halt einfach lieber mit Technik beschäftigen, als mit Musik an sich und vor allem gerne darüber reden, um sich wichtig vorzukommen. Der Großteil des Sounds kommt eh aus den Händen des Musikers. Der Rest ist einfach das Sahnehäubchen oben drauf um das man sich dann kümmern sollte, wenn man ein Instrument für seine Zwecke schon sehr gut nutzen kann. Viele Leute beginnen mit der Technik statt mit sich selbst, was absolut fehlerhaft ist. Deswegen bin ich da eher pragmatisch. Trotzdem hat man natürlich zu Instrumenten die man schön sehr lange spielt eine gewisse Verbindung – auch nostalgischer Art.

Hast du daran spezielle Modifikationen vorgenommen, oder ist es sowieso ein Custom-Modell? Kannst du uns hier die technischen Details nennen?
Wie gesagt, die Elektronik tausche ich bei fast alle Instrumenten und bastel auch gerne mal an einer Gitarre ein bisschen rum, um sie zu personalisieren. Ich habe aber wirklich kein echtes Lieblingsinstrument. Es ist immer die Gitarre, die ich gerade in der Hand habe… (lacht).

Gibt es ein Modell, etwa das Instrument eines großen Vorbilds, das du gerne einmal spielen würdest?
Nein.

Und womit spielst du deine Gitarren – welche Plektren verwendest du und warum diese?
Meistens Dunlop Max Grip .73 oder .88 für Live und Dunlop Tortex in den selben Stärken im Studio. Das Plek hat eh einen viel größeren Einfluss auf den Sound, als viele offenbar wissen. Wesentlich größer als der Einfluss von Kabeln oder der ein oder anderen Tretmine beispielsweise. Bei Akustikgitarre ist der Unterschied dann noch gravierender. Deswegen habe ich im Studio immer sehr viel verschiedene Plektren und Stärken zur Hand.

Für Touren werden Verstärker ja oft geleast – ist das für dich in Ordnung oder hast du deinen eigenen Amp dabei? Welches Modell spielst du?
Ich spiele seit Anfang 2013 den Kemper Profiling Amp Live und auch sehr häufig im Studio. Absolutes Top-Gerät.

Neben dem Instrument und dem Verstärker haben Soundeffekte einen wichtigen Anteil am Klang. Setzt du auf einzelne Tretminen, ein Multieffektboard oder eine Kombination?
Da ich den Kemper spiele und der schon  Tretminen und Effekte an Board hat, bin ich da absolut minimalistisch aufgestellt. Ich war aber eh nie ein „Effektfanatiker“. Es gibt ein Paar Stile, wie beispielsweise schwedischer Death Metal in Symbiose mit dem  HM2,  die abhängiger sind von Pedalen oder gewissen Soundvorstellungen. Doch auch da gab es Großmeister wie Uffe Cederlund an der Gitarre oder Nicke Anderson an den Drums die man ob ihres individuellen Stils sofort erkannt hat. Das ist was mich interessiert und was ich bewundere.

Lass uns ins Detail gehen: Erkläre uns doch bitte die Elemente deiner Effektschleife. Welche Geräte nutzt du, in welcher Reihenfolge geschaltet und warum?
Also ob virtuell am Kemper oder in „Real Life“: Ich brauche eigentlich nur zwei Pedale. Einen Tubescreamer für Rhythmus Sounds um den Sound etwas bissiger und kompakter zu machen und ein Delay für Leadgitarren. Für Cleansounds ist ein bisschen Chorus (sehr dezent) und ein bisschen Reverb noch fein. Aber kein absolutes Muss für mich.

Gedankenspiel: Du darfst nur einen Einzel(!)effekt mit auf die Bühne nehmen – für welchen entscheidest du dich? Welches Effektpedal macht deinen Sound aus?
Delay für Leadgitarren. Wie gesagt, das Sahnehäubchen. Der Großteil des Sounds kommt von der Quelle: Hände vor Amp/Cab/Gitarre vor Effekten. Einen Gitarristen sollte man an seinem Ton, seinem Vibrato oder Legato bei Leadgitarren erkennen oder seinen Anschlägen bei Rythmusgitarren, seinem Melodieempfinden und der Melodieführung und nicht daran, dass er das neueste geile Reverb in der Kette hat.

Hast du einen Effekt, den du ganz anders nutzt, als eigentlich vorgesehen, oder den du vielleicht sogar selbst (um)gebaut hast?
Eigentlich nicht, nein. Im Studio kompriere ich gerne stark modulierte Reverbs für einen spziellen Sound, oder ich missbrauche Pedale für Vocals etc. Aber beim Gitarrensound bin ich sehr traditionell.

Benutzt du ein Noise-Gate – warum (nicht)?
Ja, aber es nicht zwingend notwending. Ich mag, dass es gerade bei Rythmusgitarren den Sound bei Stops etwas tighter macht. Ich hatte früher immmer einen Boss Noise Suppressor dabei, aber jetzt macht es das Kemper Gate.

Ist dein Effektboard „fertig“ oder in stetem Wandel?
Fertig… (lacht).

Hast du zum Abschluss noch einen Tipp für angehende Musiker?
Bevor man sich in Equipmentschlachten begibt, sollte man an sich selbst arbeiten. Der geile Leadsound von deinem Lieblingsgitarrist oder der Hammer Snare Sound des Drummers den man „vergöttert“ mag weniger mit Effekten und Equipment als mit dem Spiel des Musikers zu tun haben. Sich selbstkritisch zu hinterfragen („Klingt das gut, wie ich das spiele oder sollte ich auf eine Alternative ausweichen die ich auch wirklich spielen kann?“) und die Fähigkeit sich selbst zuhören zu können sind die wohl wichtigsten Merkmale eines guten Musikers. Sie führen dazu seine eigenen Stärken auszubauen und einen eigenen Stil zu entwickeln.


Im nächsten Teil der Serie kommt Matthias von HARAKIRI FOR THE SKY zu Wort!


Die bisherigen Teile der Serie findest du hier: