Interview mit Thomas Lindner von Schandmaul

Unser Mittelalterexperte Sigi hatte die Gelgenheit, SCHANDMAUL-Sänger Thomas im bandeigenen Proberaum zu treffen und mit ihm über das neue Album „Mit Leib und Seele“ und viele andere Dinge zu plaudern, wobei ein sehr interessantes und sympathisches Interview herausgekommen ist. Vielen Dank an Thomas und Schandmaul!

Unten am Ende des Interviews könnt ihr übrigens Sigis exklusive Eindrücke vom neuen Album lesen. Beim Interview konnte er kurz reinhören.

Bevor wir zum neuen Album kommen: Wieso findet ein Großteil der Metalhörer deiner Meinung nach einen einfacheren Draht zu Schandmaul als zu anderen mittelalterlichen Bands wie Faun oder Corvus Corax?
Ich denke, dass Faun und Corvus Corax im Speziellen noch etwas „softer“ sind – so richtig Mittelalter. Der Metalhead an sich hat natürlich gern seine Gitarren. Die haben wir nicht durch und durch, aber hier und da eben schon. Ich wusste bis jetzt nicht, dass das so ist, aber bei uns ist eben noch ein bisschen mehr Rock vertreten als bei den Kollegen.

Wie beurteilst du das Jahr 2005 für Schandmaul und besonders das Funkenflug Festival in Kiel, Bonn und München als Jahresabschluss?
Das Jahr war unglaublich arbeitsreich mit der Zwischenveröffentlichung der Kunststück-DVD, aber auch sehr erfolgreich. Es tat gut ein solches Seitenprojekt zu machen und die Tour, die sich daran anschloss, war ein Riesenspaß und ein Riesenerfolg. Mit dem Funkenflug Festival am Ende fand 2005 einen würdigen Abschluss. Wir haben uns auch zum ersten Mal aus München herausgewagt, um das Konzept zu verbreiten und sozusagen in die Welt zu tragen.

Gibt es eine Band, die dich oder euch durch ihren Auftritt besonders überzeugen konnte, besonders von den Nachwuchsbands, die ihr selbst ausgesucht habt und die dann in Kiel und Bonn als erstes aufgetreten sind?
Also, die waren jeweils super. Es war eine noch härtere Gangart, als es unser Durchschnittspublikum gewohnt ist. Aber sowohl Zyclotron in Bonn als auch Six Finger in Kiel haben kräftig gerockt und es hat denen nicht geschadet, vor 1000 Leuten zu spielen. Wir wollen das Konzept auch beibehalten und einen Platz im Line-Up an den Nachwuchs vergeben. Es muss auch nicht immer eine Metalband sein. Wir hören uns alles an, was so kommt. 2005 waren es eben die Metalbands, die sich durchgesetzt haben. Schauen wir mal, wer es 2006 wird.

Euer neuestes Werk heißt „Mit Leib und Seele“. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zu den letzten Alben?
Es gab keine große Kursänderung, die Songs entstanden immer noch aus dem Bauch heraus und wir haben das gemacht, was wir wollten. Eine Veränderung gegenüber „Wie Pech und Schwefel“ besteht darin, dass bei unserem letzten Album alles im Studio schon sehr detailverliebt war und seziert wurde. Uns ging dabei die Wärme und das Leben verloren. Dieses Mal haben wir nicht im klassischen Overdub Verfahren gearbeitet wie man das normal so macht, d.h. erst kommt der Schlagzeuger, dann der Bassist oben drauf, usw., sondern die Rhythmusfraktion wurde gleichzeitig aufgenommen, was sehr viel Dynamik bringt. Zudem sind wir andere Wege gegangen, was das Aufnehmen an sich und die Örtlichkeit betrifft. Wir sind weg von München, um frei von Terminen und unserer täglichen Umgebung arbeiten zu können, und haben uns im „House Of Audio“ in Karlsfeld in der Nähe von Karlsruhe weggesperrt. Dort haben wir Appartements bezogen und uns 24 Stunden nur auf Musik konzentriert. Nicht zuletzt sind die Stücke dieses Mal auch nicht im Proberaum entstanden, sondern wir haben uns zur Klausur auf die Runneburg nach Thüringen zurückgezogen, wo wir beim Grillen am Lagerfeuer die Stücke arrangiert haben. Da steckte jeder mit Leib und Seele drin.

Darf man so Duckis Aussage „Wir wollten weg vom sterilen Studiosound hin zur Lebendigkeit des Livefeelings.“ verstehen?
Ja, genau.

Was dürfen sich eure Fans erwarten und was erwartet sich die Band selbst?
Wir selbst stecken noch mit beiden Ohren drin und es ist schwer, sich jetzt die Lieder anzuhören, weil wir das während der Produktion 500 bis 600 Mal pro Song getan haben und wir inzwischen jeden Ton rückwärts pfeifen können. Aber wir sind immer noch der Meinung, dass wir das Beste abgeliefert haben, was wir zu geben in der Lage sind. Was können die Fans erwarten? Naja, das Album ist sehr lang geworden. Es sind 17 Tracks drauf, die von den über 20 geschriebenen übrig blieben. Die Auswahl fiel relativ leicht. Wir haben uns schnell in 17 Lieder verliebt und diese dann durchgezogen. Das Spektrum ist relativ weit. Wir machen keinen Heavy Metal, aber von härteren Sachen und Folk über Soul bis his zu funkigen Sachen oder sogar Jazz ist alles vertreten und es wird jeder etwas finden, der der Musik halbwegs zugetan ist. Und wir hoffen, dass das Album in der Art und Weise weitermarschiert, wie es das Kunststück und „Wie Pech und Schwefel“ vorgelebt haben.

Auch in Bezug auf die Charts?
Ja, why not? Ehe ich mich schlagen lasse. Nachdem das letzte Album auf Platz 12 eingestiegen ist, könnten wir dieses Mal die Top 10 knacken.

Werden Fans der 1. Stunde genauso sehr auf ihre Kosten kommen wie die Späteinsteiger, die Schandmaul erst seit dem großen Erfolg des letzten Albums kennen und mit den alten Liedern vielleicht nicht so vertraut sind?
Unser Schlagzeuger Stefan hat es einmal sehr schön zusammengefasst: Man stelle sich vor „Wie Pech und Schwefel“ sei eine Dame und würde vom „Narrenkönig“ geschwängert. Es ist der für unsere Verhältnisse wuchtige Gitarrensound von „Wie Pech und Schwefel“, der sich in das neue Album rüberrettet, genau wie die Verspieltheit der Melodieinstrumente. Die Texte handeln auch wieder von Märchen. Es ist, glaube ich, kein Rückschritt, sondern wir gehen unseren Weg einfach weiter und die Fans der 1. Stunde werden auf jeden Fall auch ihre Lieder finden.

Wie hat sich jeder von euch persönlich in das neue Album mit eingebracht? Gibt es spezielle Einflüsse von WETO?
Hm, nein. Es gibt 3 Textschreiber bzw. Textschreiberinnen, die 2 Mädels und mich. Die Musik kann man nur als „Sechserpackage“ anbieten. Da hat einer mal diese oder jene Lagerfeueridee und dann setzt man sich eben zusammen und macht das Lied draus. D.h. da steckt jeder drin. Wenn wir etwas Neues auf dem Album haben, dann die Einflüsse aus der Arbeit mit dem Kunststück, nämlich diese unzähligen Stimmen zu arrangieren, ohne dass ein Chaos entsteht. Die wichtigen Instrumente, die vorne stehen, werden dementsprechend präsentiert, die anderen nehmen sich zurück. Da haben wir unsere Erfahrungen aus dem Kunststück auf „Mit Leib und Seele“ übertragen. Da wir das Gefühl hatten, dass wir mit unserem Akustikprogramm den Streichersound sehr gut hinbekommen haben, haben wir das natürlich auf der neuen Platte auch getan. Es gibt 2 Lieder, in denen ein „Orchester“ zu hören ist, und 2 weitere, in denen wir mit einem Quartett spielen.

Welches ist dein Lieblingsstück vom neuen Album?
Das ist ziemlich gefühls-, tages-, launen- und zeitabhängig. Zur Zeit ist es „Feuertanz“.

Und warum?
Es ist einfach geil geworden. Es ist ein Lied, das sich von 0% am Anfang auf 200% am Ende kontinuierlich dynamisch durchsteigert und erzählt dabei eine schöne schaurige unheimliche Geschichte.

„Das Geisterschiff“ von „Wie Pech und Schwefel“ wurde durch die Erzählungen der 5 Freunde inspiriert. Gibt zu einem Stück von „Mit Leib und Seele“ vielleicht eine ähnliche Hintergrundgeschichte?
Ja, unzählige. Weil wir gerade beim „Feuertanz“ fahren. Kennst du „Säulen der Erde“ von Ken Follett? Es ist ein monumentales Werk, indem der Hauptdarsteller eine Kirche baut. Irgendwann werden ihm jedoch die Mittel gekürzt und aus Angst, dass der Vater seinen Job verliert, brennt der Stiefsohn die Kirche nieder. Diese Passage hat mich dazu inspiriert, den Text von „Feuertanz“ zu schreiben, wo ein Pyromane irrsinnig ein Gotteshaus niederbrennt. Und so gibt’s 1000 Geschichten. Bei „Abschied“ diente „The Sixth Sense“ als Vorlage, wo der Junge in einer kurzen Szene gegen Ende realisiert, dass er bereits tot ist und sich noch von seiner ehemaligen verabschiedet, die gerade schläft. Er verabschiedet sich im Schlaf von ihr, alles wird kalt, ihr Atem gefriert und er geht endlich dahin, wo er hingehört. Das hat mich inspiriert, den „Abschied“ zu schreiben. Nur bei uns ist es eben ein bisschen märchenhafter verpackt.

Inwiefern beeinflusste Annas Unfall mit dem Messer die Fertigstellung?
Gott sei Dank nicht wirklich. Sie war im Prinzip fertig mit Einspielen und hatte noch einen Unitermin. Dafür musste sie noch einmal weg aus dem Studio und genau an diesem Abend hat sie sich in den Finger geschnitzt, was sie dann für die nächsten Wochen außer Gefecht setzte. Es waren allerdings nur 1-2 Passagen, die sich noch einmal spielen wollte, und es war eigentlich geplant, dass dies in der 1. Studiophase stattfindet, doch als ich in Berlin meinen Gesang aufgenommen habe, kam sie dorthin und hat das – mit heilen Finger – nachgereicht. Es hätte viel schlimmer kommen können. Wäre das am Anfang der Produktion passiert, hätte man die Veröffentlichung und alles andere verschieben müssen.

Wird es auf der kommenden Tour eine besondere Liveshow geben oder setzt ihr auf Altbewährtes? Das Zenith in München ist z.B. die zweitgrößte Halle und in Bezug auf die Kapazität eine Steigerung zur Tonhalle.
Ja, die Tonhalle ist definitiv zu klein, besonders nachdem die Stadt München die Kapazität weiter beschnitten hat. Beim Funkenflug 2004 waren 2200 Leute dort, nun ist bei 1800 Schluss und ausverkauft. Das Zenith hat die Besonderheit, dass man die Kapazität durch Abhängen von 5000 auf 3000 verringern kann und ist somit eine gute Übergangslösung, bevor wir tatsächlich mal die 5000 voll kriegen. Die Decke wurde inzwischen ebenfalls mit schweren Stoffen abgehängt, so dass das nicht mehr so schepprig klingt. Ich war bei der letzten Tour von In Extremo, die in der abgehängten Halle gespielt haben. Da fand ich den Sound amtlich, von daher denk ich, dass wir das auch hinkriegen.

Wieso startet die kommende Tour wie die Akustiktour wieder im Ausland?
Das kann man oft nicht beeinflussen. Unsere Bookingagentur muss unglaublich viele Sachen unter einen Hut bringen, z.B. von der Logistik und welcher Club wann gebucht werden kann. Es macht ja auch keinen Sinn, den einen Tag in Wien und den anderen in Hamburg zu spielen. Im Prinzip hat es sich einfach zu ergeben. Österreich ist ein schöner Start, danach machen wir eine Runde quer durch Deutschland und hören schließlich in der Schweiz wieder auf. Hat sich vom Routing einfach so ergeben.

Schwebt euch eine größere internationale Tour vor, die über Deutschland, Österreich und die Schweiz hinaus geht?
Vorschweben tut einem vieles. Es sind Anfragen und Gespräche im Gange, was Japan anbelangt. Skandinavien wollen wir ausprobieren, genau wie Polen und Tschechien. Russland ist ebenfalls ein kommender Markt. Ich denke, je früher man anfängt, deutsches Liedgut in diese Länder zu bringen, desto eher kann es akzeptiert werden. Kann ja nicht angehen, dass überall nur englische Mucke oder Musik in der jeweiligen Landessprache gibt. Es ist auch mal spannend italienische oder französische Musik zu hören. Zumindest mir geht das so, aber die Deutschen kommen nicht richtig aus dem Quark, außer die Kollegen von Rammstein und so.

Gibt es ein Land, in dem ihr besonders gerne spielen wollt?
Also, Japan würde mich schon interessieren, genau wie Skandinavien. Viele Kollegen wie z.B. In Extremo waren schon in Südamerika. Es ist bestimmt ein schönes Land, aber ich will da nicht hin, da ich panische Angst vor Insekten habe. An Japan interessiert mich das Land – eine mickrige Insel vollgepackt mit Leuten und alles geht so wahnsinnig schnell. Das würde ich gern mal erleben.

Glaubst du, dass sich eure Musik dort durchsetzen kann?
Die Metaller zeigen einem ja, dass der Japaner an sich auf harten Sound und auch auf europäische Musik steht. Das Exotische macht für die den Reiz, da können ein Dudelsack, eine Drehleier und eine Geige nicht schaden. Schauen wir mal.

Deutsche Texte scheinen momentan im Zuge von Juli, Silbermond, Wir Sind Helden, etc. wieder „in“ zu sein. Selbst Tomte, die keine Mainstreammusik machen, schafften es auf Platz 4 der Albencharts. Siehst du darin eine besondere Chance im Augenblick?
Ich sehe eine Chance für deutsche Musik allgemein. Wir machen von Anfang an deutsprachige Texte, selbst in meiner Zeit mit WETO, die es seit 1993 gibt. Da hat noch keiner nach Silbermond geschrieen. Aber diese Bands, die auch entsprechend gehypet wurden, machen auch Türen auf. Vielleicht hört sich der eine oder andere verstaubte Radiosender auch unsere Platte an und traut sich, sie zu spielen. Es kann alles nur gut sein, da ich diese Eintönigkeit schlimm finde. Es muss nicht immer nur dieser Plastik-Pop aus Übersee sein, es muss nicht nur englischsprachig sein – die Mischung macht’s. Ich bin keiner von denen, die eine Quotenregelung wie in Frankreich befürworten, dass pro Tag so und so viele deutsche Lieder laufen müssen. Es ist schlimm, dass man im Schilderwald Deutschland immer alles vorschreiben muss. Die Leute können da auch von selbst drauf kommen. Die Entwicklung zeigt ein bisschen, dass das Interesse an der eigenen Sprache und für die Texte allgemein da ist. Englische Texte übersetzt sich niemand mal eben beim Autofahren.

Radio- und Fernsehsender wie Viva, MTV, etc. sind bekanntlich ein heikles Thema. Glaubst du, dass euer neues Album Chancen hat, nicht mehr ignoriert zu werden? Würdet ihr dafür sogar einen Videodreh in Erwägung ziehen?
Wenn MTViva und Co. kommen würden und sagen, wir wollen euch spielen und wir machen das, dann stellen wir uns auch hin und drehen ein Video. Alles andere wäre albern. Aber glauben tue ich nicht dran. Ich schaue sehr selten diese Sender – in letzter Zeit noch weniger, da außer Klingeltonwerbung und Downloadirgendwas nichts mehr zu sehen ist und von Musik keine Spur. Ich weiß gar nicht, ob ich da hin will. Aber wenn sie kommen würden und hätten was Interessantes für uns, dann stell ich mich auch hin und dreh ein Video.

Das wäre meine nächste Frage gewesen: Wollt ihr überhaupt auf MTV und Viva laufen? Das Verhältnis von Schandmaul zu den Fans ist von Beginn an ein sehr besonderes und vor allem enges. Doch steigende Bekanntheit geht einher mit mehr Fans und irgendwann könnte es schwierig werden, nach Konzerten gemütlich mit den Fans ein paar Worte zu wechseln. Würdet ihr das auf’s Spiel setzen?
Also, ich sehe da nicht den großen Zusammenhang. Am Anfang haben wir vor 50-60 Leuten gespielt und uns mit denen unterhalten. Inzwischen haben wir schon vor 2500 Menschen gespielt – und uns mit denen unterhalten. Natürlich ist dies sehr aufwändig und man schafft’s nicht, mit allen 2500 persönlich zu reden, aber wir fahren unseren Stiefel weiter. Im Gegenteil, wenn es mehr Leute interessiert und mehr zu uns und unserer Musik finden, dann kann das ja nur schön sein für alle. Vielleicht ändert sich dann auch das Schachteldenken der großen Radio- und Fernsehsender und es wird andere Musik zugelassen, die durchaus existiert. Aber wie gesagt, wir bleiben wie wir sind.

Wie schafft man es, sich selbst musikalisch treu zu bleiben und trotzdem den Erfolg zu haben, damit es sich finanziell am Ende doch rechnet?
Treu bleiben kannst du dir nur, wenn du dir treu bleibst und weiter aus dem Bauch heraus das machst, was dir selber gefällt. Der Glücksumstand dabei ist, dass das, was dir selbst gefällt, auch anderen gefällt. Wenn du deinen Style versuchst, den anderen anzugleichen oder einem bestimmten Publikum recht zu machen, dann bist du dir nicht mehr treu und wirst deine ganzen alten Fans verlieren. Das haben wir nicht vor. Es gibt den schönen Spruch von Goethe, der sagte: „Wer dem Publikum immer nur nachrennt, wird nie mehr als dessen Arsch sehen.“ – logischerweise. Wir machen weiterhin unsere Musik und hoffen, dass wir damit mehr Leute erreichen. Aber es bleibt unser Stil.

Wie verhindert man Stagnation in dem, was man tut, und entdeckt immer neue Facetten an seiner Musik?
Man darf einfach nicht stehen bleiben. In Bezug auf das neue Album haben wir wie erwähnt unsere Herangehensweise ans Songwriting verändert. Mich inspirieren Filme und Bücher und dementsprechend darf ich nicht aufhören, neue Filme zu schauen und neue Bücher zu lesen. Man wird auch von Erlebnissen inspiriert und darf nicht aufhören etwas zu erleben. Wenn ich mich hier unten einbuddel, kann kein neuer Input und keine neue Idee kommen. Es wäre unglaublich schade, wenn die Leute irgendwann keine neuen Songs mehr von mir hören wollen, sondern sich nur noch auf die alten Sachen stürzen. Das wäre für mich Stagnation und da hätte die Band dann ihren Zenit überschritten. Aber solang die Meute noch wild ist auf die neue CD haben wir diesen Punkt nicht erreicht.

Worin siehst du die besondere Aufgabe des Leadsängers bei Schandmaul?
Auf einem Konzert in erster Linie die klassischen Aufgaben eines Frontmanns, das Sprachrohr zu sein und mit dem Publikum zu kommunizieren. Eigene Probleme sollte ich vor der Bühne lassen, da die Besucher Party machen oder in irgendeiner Weise emotional berührt werden wollen. Das ist meine Aufgabe. Und schön zu singen *grinst*

Wie beurteilst du deine eigene Entwicklung im Laufe der Jahre? Wer oder was hat dich am meisten beeinflusst?
Wenn man anfängt und von JUZ zu JUZ zieht, um dann irgendwann in der Dorfkneipe zu spielen, hat man als Frontmann nur die Möglichkeit zu gucken. Es gibt ja kein Buch „So werde ich Frontmann/Frontfrau“. Man muss seinen eigenen Style suchen und schauen, was möglich ist und was die anderen machen. D.h. man sollte sich möglichst oft auf Konzerten rumtreiben und auch etablierte Größen betrachten. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich mir eine Metalband oder Robbie Williams anschaue. Du willst das entertainen lernen. Der eine macht es so, der andere so, mir ist vielleicht beides unsympathisch und ich geh da lang – man lernt halt und im Laufe der Jahre hab ich meinen Style gefunden. Gesangstechnisch ist es viel üben und Auseinandersetzung mit der eigenen Stimme, damit man auch überdenkt: „Bei dem Song bist du so weit nach oben gegangen, dass du aus dem letzten Loch pfeifst. Ist es das überhaupt? Macht das deine Stimme aus? Komm, transferieren wir das für die nächste Liveshow etwas runter, dann hat das mehr Wumms.“ Früher war ich der Meinung, der höher singende Sänger ist der bessere Sänger. Es kann aber nicht jeder als Pavarotti geboren werden, der ein Tenor sein will. Da muss man erst lernen, seinen Klang und seine Klangfarbe richtig einzusetzen. Es muss nicht immer der höchste Ton sein. Das lernt man im Laufe der Zeit.

Gibt es im neuen Album ein Lied, das dich persönlich vor eine besondere Herausforderung gestellt hat?
Ich weiß nicht, ob das jedem so ad hoc auffällt, aber es sind einige neue Effekte dabei, die ich bei Schandmaul davor noch nicht genutzt habe. Stimmtechnisch gesehen sind einige Songs etwas rauer und gefühlsorientierter. Wenn ich die alten Alben Revue passieren lasse, dann war ich ein bisschen brav teilweise, was das Singen angeht. Ich bin jetzt keiner, der röhrt wie Micha, das ist sein Style. Das ist nicht mein Ding. Ich wollte gefühlsintensiver arbeiten und es gibt einige Songs, bei denen ich sehr zufrieden bin, was ich zusammen mit unserem Produzenten geschafft habe.

Bei Fiddler’s Green stieg letzten Monat Peter Pathos aus, was ein herber Schlag für die Band war. Könntest du dir vorstellen, dass es Schandmaul in einer anderen Besetzung als der jetzigen gibt?
Die Band, wie sie jetzt funktioniert, passt einfach wie Arsch auf Eimer. Jeder hat seinen Part, jeder hat seine Aufgabe. Es kommt immer auf die Umstände an, die dazu führen, dass man sich trennt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die freundschaftlichen Bande sich zwischen uns so zerstören, dass wir jemanden rausschmeißen oder dass man sagt, dein Spiel da find ich nicht toll, wir müssen uns einen besseren holen. Das wird es nicht geben. Wenn es jetzt aber etwas Schlimmes passiert und einer auf Grund von einem Unfall nicht mehr kann oder eins der Mädchen schwanger wird, so dass wir Ersatz brauchen, dann nimmt uns das niemand übel und es gäbe kein Problem. Aber es ist keine Umbesetzung in Sicht.

Einmal gabs die bereits…
Ja, einmal gabs die. Danach kam „Wie Pech und Schwefel“ und seitdem ist der Name Programm.

Ist für dich nach all den Jahren ein Leben ohne Schandmaul überhaupt noch vorstellbar?
Ne, eigentlich nicht. Es war ein so langer Weg, hierher zu kommen – vom Hobbykeller auf die semiprofessionelle Bühne, über unbezahlte Überstunden und geopferten Urlaub. Es war kurz vor knapp, dass das alles bei einem Hobby bleibt, wenn man einfach den rein finanziellen Sprung nicht schafft, den gutbürgerlichen Job abzulegen und in die Musik zu gehen. Da gibt’s schlimme Überschneidungen, da man keinem Arbeitgeber die Zeit, die wir in die Band gesteckt haben, zumuten kann. Auf der anderen Seite kam nicht genügend Geld rüber, um den Kühlschrank zu füllen. Deswegen stand alles auch kurz vor dem Ende. Aber man hat sich durchgekämpft, gegenseitig angeschubst und nun sind wir alle im Profilager. Man hat zusammen etwas aufgebaut und ist unglaublich stolz und froh.

Wäre das auch dein Rat an Nachwuchsbands, die ein kleineres Tief durchleben? Dass man immer weiter am Ball bleiben muss, selbst wenn es zwischenzeitlich nicht so läuft?
Ab dem Zeitpunkt, wo man nicht mehr in Elternhaus wohnt, ist es wichtig, sicher dazustehen und einen Job zu haben, um die Musik vorantreiben zu können. Irgendwann muss man diesen sicheren Pfad verlassen, um sich ins kalte Wasser zu stürzen. Dieser Zeitpunkt muss jedoch gut erwählt sein. Aber vorher aufgeben? Man wäre irgendwann traurig und würde feststellen: „Hätte ich doch damals…“
Es gehört auch das Quäntchen Glück dazu. Bei vielen Bands, die durchhalten ohne Ende und am liebsten die ganze Welt aus den Angeln heben würden, kommt kein professioneller Partner um die Ecke, der ihnen hilft, oder es will immer noch keiner hören. Da ist Fortuna natürlich auch im Spiel.

Wer ist oder war euer größter Kritiker?
Also, ich glaube, jeder hat so seine persönlichen Anlaufstellen. Wenn man ins Forum bei uns schreibt „Wie gefällt euch das?“, dann bekommt man 1000 verschiedene Meinungen, da man’s nie allen recht machen kann. Und man hat seine persönlichen Kritiker. In meinem Fall ist das mein Bruder und ausgewählte Freunde, wo man weiß, die stehen nicht unbedingt auf Schandmaul, haben aber gerade deswegen die nötige Distanz, um mich zu kritisieren, sowohl positiv als auch negativ. Das ist das eine. Der Kritiker bandübergreifend ist der Produzent (Thomas Heimann-Trosien), mit dem wir seit mehreren Jahren zusammenarbeiten und der seinen salzigen Finger in die offenen Wunden liegt. Dafür wird er auch noch bezahlt *lacht*

Du hast vorhin In Extremo angesprochen: Die traten dieses Jahr beim Bundesvision Songcontest von Stefan Raab auf. Wie beurteilst du den Auftritt? Käme so etwas für Schandmaul in Frage?
Der Auftritt hat für Furore gesorgt und war mit Sicherheit nicht schlecht für die Szene. Das haben 4-5 Millionen Menschen gesehen und zum ersten Mal in ihrem Leben bemerkt, dass es Rockkapellen mit Dudelsack gibt und schrägen Gestalten, die sich da vorne rumtreiben. Ich denke, dass das nicht geschadet haben kann. Von Stefan Raab kann man halten, was will, er ist irgendwo eine coole Sau. Er hat sich selbst etwas aufgebaut, um den ganzen European Songvision’s oder was es da gibt…diese ganze schlimme Scheiße…er macht sein eigenes Ding und hat dabei auch das letzte Wort. Wenn man uns fragen würde, warum nicht. Da waren einige Bands dabei: Was die können, können wir schon lang.

Denkst du an jemand Spezielles?
Ja, aber nicht im Mund *grinst*

Ok.
Am Sonntag fand die ECHO-Verleihung statt. Nominiert waren u.a. Subway to Sally und In Extremo in der Kategorie „Rock/Alternative National“, am Ende gewannen Rammstein. Deine Meinung?
Über die Nominierung hätte ich mich an deren Stelle gefreut, aber wer will jetzt grad gegen Rammstein anstinken? Die haben soweit den Arsch oben, da kann man nur den Hut ziehen. Verdient gewonnen, würde ich sagen. In Extremo und Subway hätte ich es auf jeden Fall gegönnt, aber wenn man Rammstein daneben sieht – das ist schon noch eine andere Liga.

Passen sie für dich in diese Kategorie?
Ja, klar. Was ist denn sonst? Was kann man denn sagen? Was ist Rammstein? Das sind diese typischen Schubladen, die man dann aufmachen muss. Für mich ist das alles Rockmusik. Alternative ist es auch, denn schließlich ist es nicht das, was Lieschen Müller beim Bügeln hört. Also, von mir aus passt das.

Last but not least: Hat das Internet mit seinen stetig wachsenden Möglichkeiten die Arbeit von Schandmaul eher negativ oder positiv beeinflusst (Stichwort: Raubkopien/neue EP nur online erhältlich)?
Teils, teils. Es ist ein zweischneidiges Schwert. So Geschichten wie Foren, Gästebücher, Newsletter, Internetshops – man kann die Infos viel besser streuen und kommt viel eher an die Leute ran. Es geht über das klassische Plakat an der Litfasssäule hinaus. Andererseits sind da natürlich Gefahren. Früher hat man sich die BASF-Kassetten zugeschoben und wenn die nach paar Mal hören anfingen zu nudeln, ging man in den Laden und kaufte sich selbst die Platte. In Zeiten von CD und Brennerei gibt es keine großen Qualitätsunterschiede und es verführt natürlich, sich vom heimischen Wohnzimmertisch aus die ganzen Sachen reinzusaugen. Ich muss sagen, ich kenn die genauen Zahlen nicht, wieviel wir verkauft hätten bzw. wieviel schwarz gebrannt wird. Doch ich habe das Gefühl, dass es uns jetzt nicht so betrifft wie eine Yvonne Catterfeld. Ich denke, dass die Leute, die Schandmaul oder auch In Extremo hören, auch die sind, die live auf Konzerte gehen und eine CD mit Booklet zum Stöbern in der Hand halten wollen. Die sehen die Wertigkeit eher als so ein Plastik-Pop Anhänger.

Vielleicht ehrlicher vom Charakter her? Oder treuer?
Treuer würde ich sagen, nicht so schnelllebig. Heute ist es Tokio Hotel, morgen ist es Boston Motel – keine Ahnung, was da kommt. Ich meine, wir werden Tokio Hotel jetzt noch 2 Jahre sehen, dann hat sich das erledigt, prognostiziere ich jetzt mal so blöd. Die Kiddies mit 12-13 interessiert es mit 15-16 nicht mehr, wer da jetzt durch den Monsun stiefelt. Ich denke, unsere Fans sind nicht so hastig, so eilig und so schnelllebig wie das Musikgeschäft.

Vielen Dank für das Interview.

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Zum Abschluss des Interviews hier noch Sigis „Mit Leib und Seele“-Preview:

Ich hatte die Ehre, kurz in das neue Schandmaulalbum reinhören zu dürfen. Nachdem die EP mit „Kein Weg zu weit“ und „Zauber der Nacht“ einen ersten Vorgeschmack bot, war ich zunächst überrascht, dass das Album durchaus eine ganze Spur härter klingt als alles, was man davor von Schandmaul kannte. Der Klang ist im Gegensatz zu früher „voller“ geworden oder wie Thomas es selbst nennt „bauchiger“ bzw. „nach unten hin breiter“. Es entsteht tatsächlich eine völlig neue Dynamik, die man bis dato so noch nicht von den Münchnern kannte. Dabei decken sie ein bisher nicht gekanntes Spektrum ab, das mit Sicherheit viele neue Fans begeistern dürfte, wenn sie einen Blick riskieren. Natürlich kommen mittelalterliche Märchenstunden mit aussagekräftigen Texten und passender musikalischer Unterhaltung ebenfalls nicht zu kurz, so dass man der Band lobend bescheinigen kann, einen großen Spagat gemeistert zu haben. Bei meinem kurzen Durchhören blieben mir direkt ein paar Melodie- und Textpassagen im Ohr, was mir sehr selten passiert. Doch die neue „Schandtat“ ist intensiv und zugleich nicht aufdringlich. Besonders hervorheben möchte ich noch „Die Tür in mir“ (welches mich vom Titel her am meisten ansprach, da ich mir darunter am wenigsten vorstellen konnte) sowie die beiden rein instrumentalen Stücke „Käpt’n Koma“ und „Das Mädchen und der Tod“. Normalerweise bin ich kein Freund rein instrumentaler Musik, doch hier haben Schandmaul bei mir einen Volltreffer gelandet. Selbst der Durchschnittsmetalhead sollte zumindest Teilen dieses Werks eine Chance geben, denn mit den frühen (soften) Werken sind viele Stücke von „Mit Leib und Seele“ nicht zu vergleichen. Es steckt eindeutig mehr Power drin und der Name des Albums ist Programm. Eine ausführliche Review folgt, sobald ich das fertige Werk in den Händen halte. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei Thomas und dem gesamten Schandmaulmanagement für alles bedanken.

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