Interview mit Saskia von Schandmaul

SASKIA FORKERT trat Ende letzten Jahres das Erbe von Anna Kränzlein bei SCHANDMAUL an. In unserer Interview-Reihe „Frauen im Folk“ spricht die 29-jährige Geigerin und Drehleierspielerin unter anderem darüber, wie sie ihre persönliche Rampensau entdeckt hat, ihre Vorlieben im Folkmetal und wie sich ihre Rollen bei Schandmaul und Ganaim unterscheiden.

Hallo Saskia! Zunächst nochmals herzlichen Glückwunsch, du bist nun offiziell die neue Geigerin bei Schandmaul. Wie geht es dir damit?
Vielen lieben Dank! Ehrlich gesagt habe ich das noch nicht zur Gänze verstanden und es macht mich sehr glücklich! Immerhin habe ich die Musik von Schandmaul schon mit 15 Jahren gehört und sie hat mich über viele Jahre intensiv begleitet. Nun diese Musik, die für mich damit eine große Bedeutung hat, selber interpretieren und zum Leben erwecken zu können, ist für mich sehr erfüllend.

Wie hat sich der Weg für dich von „einer Aushilfe von mehreren“ bis zum festen Bandmitglied gestaltet?
Aufregend! Als die erste Anfrage zur möglichen Zusammenarbeit kam, weil mich der liebe Tobi von Fiddler’s Green bei den Schandmäulern empfohlen hatte, war ich zunächst ziemlich überrumpelt und mir sicher, dass das Ganze für mich „eine Nummer zu groß sei“. Hätte mir mein Ganaim-Bandkollege Pínto damals nicht gut zugeredet, hätte ich es vielleicht gar nicht erst probiert. Ich bin dann nach einigen Wochen der Vorbereitung für ein erstes Kennenlernen und Proben nach München gefahren und war unglaublich nervös. Scheinbar hab ich aber dennoch passabel gespielt, denn bereits am nächsten Morgen hatte ich die Zusage, dass ich bei der Leuchtfeuer-Tour im Herbst 2017 aushelfen würde. Bei den darauf folgenden Proben und den Konzerten der Tournee hat sich schnell herausgestellt, dass die Schandmäuler und ich nicht nur musikalisch bestens harmonieren, sondern uns auch menschlich sehr gut verstehen. In der folgenden Saison haben Ally von Subway to Sally & Ally the Fiddle und ich den Großteil der Konzerte abwechselnd gespielt und dann auch die große Jubiläumsshow in der Lanxess-Arena zu zweit bestritten. Im frühen Sommer kam dann die Anfrage, ob ich es mir vorstellen könnte, fest einzusteigen – und natürlich habe ich zugestimmt! Ab dem Spätsommer habe ich dann angefangen, immer mehr Aufgaben und Verantwortung im Bereich der PR zu übernehmen und seit dem 18. November letzten Jahres bin ich nun offiziell fest mit dabei – und freue mich auf alles, was noch kommen wird!

Neben dir haben unter anderem Tobi von Fiddler’s Green und Ally von Subway to Sally längerfristig bei Schandmaul ausgeholfen. Worin siehst du die Besonderheiten der einzelnen Typen und was gab den entscheidenden Ausschlag dafür, dass die Wahl letztlich auf dich fiel?
Beide sind technisch unglaublich gute und hochprofessionelle Kollegen – und dazu total sympathische Menschen! Tobi spielt einen sehr folkigen Fiddlestil – Irish Folk in einer rockig-rotzig-frechen-punkigen Art mit atemberaubenden Stunts. Allys Geigenspiel ist glamourös, manchmal jazzig, manchmal rockig oder elegant, aber immer ergreifend und auf den Punkt. Dass ich die Anfrage von Schandmaul bekommen habe, liegt wohl daran, dass sowohl Ally als auch Tobi bereits in großen Bands tätig sind und es schwierig ist, mehrere Bands dieser Größenordnung zu vereinbaren.

(c) Angela Miccolis

Schandmaul zählt zu den erfolgreichsten Folk-Formationen Deutschlands, headlinet große Festivals national und international. Hattet ihr zwischenzeitlich einen „Schandmaul-Geiger-Aushilfen-Chat“ oder ähnliches, indem ihr euch gegenseitig Tipps gegeben und über eure Erfahrungen gesprochen habt?
Einen Chat nur für die Geigenaushilfen gab es so nicht, aber wir standen natürlich in Kontakt und haben uns gegenseitig die Noten der Stücke, die wir uns jeweils erarbeitet hatten, zur Verfügung gestellt.

Viele Parts aus dem neuen Schandmaul-Album „Artus“ hat Ally im Studio eingespielt. Fühlt sich das für dich irgendwie fremd an bzw. nicht wie deine eigenen Ideen? Und wie gehst du damit um?
Das ist für mich tatsächlich überhaupt kein Problem! Bei der Entstehung der Stücke war ich nur bei zweien („Froschkönig“ und „Chevaliers“) involviert, die ich dann auch eingespielt habe. Bereits fertige Geigenparts zu reproduzieren, kenne ich aus meiner Orchesterzeit und natürlich auch von den ganzen alten Schandmaul Stücken, die wir auf den Konzerten spielen. Im Gegenteil bin ich Ally sehr dankbar so schöne Melodien gezaubert zu haben!

Ähnlich ist es bei den Schandmaul-Klassikern wie „Walpurgisnacht“, „Teufelsweib“ oder „Willst du“. Diese sind immer noch eng – besonders für Fans – mit deiner Vorgängerin Anna verbunden. Wie reagierst du auf Vergleiche bzw. was tust du, um deine eigenen Ideen und dein eigenes Spiel in diesen Liedern zu verwirklichen?
Mir geht es da ja im Prinzip ähnlich wie vielen Fans. Ich kenne und liebe die Lieder ja auch schon seit Ewigkeiten und habe dadurch natürlich auch eine sehr hohe Erwartungshaltung meinem Spiel gegenüber. Als ich angefangen habe bei Schandmaul auszuhelfen, hatte ich große Befürchtungen den Erwartungen der Fans, der Band und letztlich auch meinen eigenen nicht gerecht zu werden. Im Gegensatz zu Anna habe ich Geige ja auch nicht studiert und bin erst wenige Jahre im professionellen Bereich auf Bühnen unterwegs. Zum Glück waren die Rückmeldungen zu meinem Spiel bisher aber durchweg extrem positiv und ich wurde von allen Seiten, also von den Fans, der Band und der Crew, sehr liebenswürdig in die Schandmaul-Familie aufgenommen. Und das freut mich unglaublich! Meine eigene Interpretation der Geigenlinien kommt dabei eigentlich immer von alleine ohne viel Nachdenken, weil ich mit jedem Lied ein bestimmtes Gefühl verbinde und das versuche durch mein Spiel auszudrücken.

Was bringst du allgemein bei Schandmaul mit ein?
Viel Begeisterung, Motivation und gute Laune sowie den festen Glauben an die Band. Ganz praktisch gesehen auch die Fähigkeit die Sicht der Fans einzunehmen und Erfahrungen im Social-Media-Bereich.

(c) Robert Eikelpoth

Als festes Mitglied von Schandmaul sind nun mehr Augen auf dich gerichtet. Wie gehst du mit dieser gesteigerten Aufmerksamkeit um?
Das ist bisher gar nicht so dramatisch. Die Aufmerksamkeitssteigerung ist bisher auch langsam vonstatten gegangen. Nur an dem Tag, an dem ich als Aushilfe bekannt gegeben wurde, hatte ich über Nacht auf Facebook gefühlte tausend Freundschaftsanfragen. Das war schon komisch. Ansonsten werde ich bisher auf Schandmaul-Konzerten meistens erst nach dem Konzert angesprochen und kann vorher noch weitestgehend unerkannt durch das Publikum laufen. Mal sehen, wie lange das noch so bleibt.

In der Folk- und Mittelalterszene bist du erstmals als Geigerin von Ganaim in Erscheinung getreten. Wodurch unterscheiden sich diese Projekte für dich menschlich und musikalisch?
Ganaim und Schandmaul sind für mich zwei vollkommen unterschiedliche Welten, die beide einen festen Platz in meinem Herzen einnehmen und mir sehr viel bedeuten. Bei Ganaim sind wir nur halb so viele Musiker wie bei Schandmaul, weshalb ich bei Ganaim so gut wie keine Pausen im Spielen habe und damit eine tragendere Rolle als bei Schandmaul einnehme. Wie bereits zu Beginn beschrieben, kenne und liebe ich die Musik von Schandmaul schon seit sehr vielen Jahren, weshalb es für mich etwas ganz Besonderes ist, ihr nun selber Leben einhauchen zu dürfen. Bei Ganaim hingegen bin ich aktuell stärker an der Entwicklung der Musik beteiligt, wobei sich das bei zukünftigen Schandmaul-Alben bestimmt auch ergeben wird. Ganaim habe ich 2014 mit meinem guten Freund Pínto gegründet und seitdem mit sehr viel Herzblut jeden Erfolg und jeden Rückschlag miterlebt und mitgetragen. Bei Schandmaul bin ich in eine bestehende große Produktion und Gruppe eingestiegen, die jede Menge gemeinsame Geschichten erlebt hat. Zum Glück sind meine neuen Kollegen und ihre Crew aber sehr liebenswürdige Menschen, sodass ich mich von Anfang an aufgenommen und akzeptiert fühlen konnte.

Verkörperst du immer den gleichen Typ oder passt du dich an deine Rolle an?
Für die Bühne schlüpfe ich eigentlich gar nicht in eine andere Rolle, sondern bleibe größtenteils ich selber. Der einzige große Unterschied zwischen meinem Verhalten im Privaten und auf der Bühne, ist der „Grad an Rampensau“ – ich bin an sich eher eine ruhige und introvertierte Person, versuche das aber auf der Bühne abzulegen, da gerade bei Ganaim durch die kleine Besetzung gefordert ist, dass ich eine gewisse Bühnenpräsenz zeige. Dabei ist es mir aber sehr wichtig nicht zu viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, sondern immer das Optimum für die jeweilige Band zu finden.

Wie willst du in Zukunft beide Bands mit den nötigen Verschnaufpausen zwischendrin unter einen Hut bringen?
Da ich aktuell hauptberuflich Musikerin bin und mir somit in den spielfreien Zeiten, zum Beispiel unter der Woche, die Zeit zum Arbeiten und Erholen recht frei einteilen kann, ist das kein Problem. Während meines Studiums war es für mich wesentlich anstrengender Zeiten zum Erholen zu finden, da fast jede freie Minute in die Musik geflossen ist. Aber es war die Mühe wert!

(c) Hans-Heinrich Breuer

Ihr habt mit Ganaim bereits erste Support-Shows für Schandmaul gespielt. Inwiefern kann Ganaim weiter davon profitieren, dass du nun bei Schandmaul geigst?
Meine beiden Bandkollegen bei Ganaim sind schon einige Jahre mehr im professionellen Musiksegment unterwegs, da hole ich nun ein wenig mit Erfahrung auf. Ich denke, dass für uns vor allem die Sicherheit im Performen und die Steigerung an spielerischem Können, die ich durch die vielen Konzerte gewinnen werde, sowie die Erfahrungen in ganz verschiedenen Bereichen der Branche (Abläufe, Marketing, Songwriting, etc.), förderlich sein werden. Ganz praktisch gesehen aber auch einfach, dass ich mittlerweile durch die Drehleier noch ein zweites Instrument spiele und uns dadurch in Zukunft ein größeres Klangspektrum zur Verfügung steht. Weitere Supportshows sind aber nicht geplant.

 Gibt es musikalisch noch weitere Projekte, die dich reizen? Wenn ja, welche?
Oh ja, sehr viele! Ich möchte gerne im Improvisieren und Komponieren besser werden und es gibt so viele tolle Instrumente, die ich noch ausprobieren möchte (Nyckelharpa, Harfe, Banjo, etc.). In der nahen Zukunft plane ich auch erste Gehversuche im Unterrichten zu geben und natürlich auf meinen beiden Instrumenten (Geige und Drehleier) technisch noch viel besser zu werden. Zudem würde es mich als begeisterten Metal-Fan sehr reizen, eines Tages mal Folkmetal zu machen!

Mit welchem Künstler würdest du gerne einmal die Bühne teilen und was würdet ihr zusammen performen?
Einer meiner Träume ist durch mein Engagement bei Schandmaul schon Wirklichkeit geworden – und ich hoffe sehr, dass wir eines Tages den „Spielmann“ wieder ins Programm nehmen, da dies eines meiner ersten Lieblingslieder der Band war. Unglaublich würde ich mich freuen mal mit Ensiferum, Turisas oder Wintersun aufzutreten oder die lieben Kollegen von Faun zu unterstützen.

(c) Florian Stangl

Hast du weibliche Vorbilder, die so wahrgenommen werden wie du es dir für dich selbst wünschst?
All jene, die für ihre Kunst geachtet und geschätzt werden und dies unbeeinflusst von ihrem Geschlecht oder Aussehen geschieht.

Über deine musikalischen Anfänge ist wenig bekannt. Wie bist du zur Geige und zum Folk gekommen? Wodurch wirst du noch beeinflusst und was inspiriert dich?
Als Kind habe ich zunächst Blockflöte gelernt und im Alter von 8 Jahren auf Initiative meiner Eltern hin angefangen Geige zu lernen. Da ich den Musikzweig einer weiterführenden Schule besucht habe, hatte ich das Glück viel Musik(theorie)unterricht zu bekommen sowie bei unzähligen Konzerten des Schulorchesters und –chors mitwirken zu können.
Zu dieser Zeit habe ich schon viel folkige und rockige Musik gehört, kam aber irgendwie nicht auf die Idee, dass ich so eine Art von Musik ja auch selber machen könnte. Zum Glück hat mich 2009 ein ehemaliger Klassenkamerad und guter Freund (Stefan Decker) gefragt, ob ich nicht Lust hätte in seiner neugegründeten Irish Folk Gruppe („Der Elligh“) zu fiedeln – und ich hab einfach mal zugesagt. Das hat für mich sehr viele neue Herausforderungen gebracht – sowohl technisch als auch mein bis dahin sehr notenfixiertes Spielen aufzubrechen. Die aktive Beschäftigung mit Folk-Musik hat dann schnell eine Sogwirkung entwickelt und mich bis heute nicht mehr losgelassen. Einige Zeit habe ich mich geärgert, dass ich mir den typischen irischen Fiddlestil nicht komplett angeeignet habe, mittlerweile habe ich aber gelernt meine persönliche Mischung aus der „klassischer“ technischen Ausbildung und irischen Einflüssen wertzuschätzen und zu kultivieren.
Da ich ein sehr neugieriger Mensch bin und auch Spaß an weiteren Kunstformen habe, wie Zeichnen oder Fotografie, finden sich überall Einflüsse und kreative Inspiration. Besonders Zeit in der Natur zu verbringen und dabei kleine Details wahrzunehmen und zu genießen, wie ein schönes Blatt, die Reflexion der Sonne auf einem Gewässer oder Vogelgesang in der Ferne, macht mich glücklich und inspiriert mich. Auch Geschichten und alte Sagen finde ich höchstinteressant, ebenso wie ferne Orte, Architektur, Archäologie und die Vielfalt der Kulturen.

Wie bewertest du das Standing von Frauen in der weit gefassten Folk- und Mittelalterszene?
Mein persönlicher Eindruck ist, dass Frauen in dieser Szene größtenteils gleichberechtigt sind. Ich kenne ebenso viele erfolgreiche und großartige Musikerinnen wie Musiker. Unnötigen Widerständen oder Vorurteilen bin ich bisher noch nicht begegnet. Manchmal suchen Bands gezielt ein neues Bandmitglied eines bestimmten Geschlechts – das ist dann zwar genau genommen Sexismus, ist aber dadurch begründet, weil der Anteil an Männern und Frauen in der Band identisch sein soll oder weil ein einzelner Mann in einer ansonsten ausnahmslos weiblichen Gruppe das Konzept verändern würde (oder natürlich andersherum). Vor- oder Nachteile daran als Frau in einer bekannten Band zu spielen, habe ich bisher noch nicht erfahren – aber ich habe ja auch gerade erst damit begonnen. In zwei Jahren kann ich vielleicht mehr dazu sagen.

Wie sehr trägt deine Optik zu deinem Wiedererkennungswert bei? Fühlst du dich manchmal reduziert oder unterschätzt bzw. nicht genug anerkannt für deine Musik im Vergleich zu deinem Äußeren oder männlichen Kollegen?‘
Inwieweit mein Aussehen oder meine Weiblichkeit zu meinem Wiedererkennungswert beitragen, ist mir nicht bewusst. Ab und zu gibt es schon mal ein Kompliment zu meinem Aussehen von Fans oder Kollegen, aber eben auch genauso häufig zu meinem musikalischen Können. Ich freue mich einfach über beides.
Dass für Erfolg in der Musik das äußere Erscheinungsbild oftmals auch eine Rolle spielt, lässt sich aber wohl nicht leugnen. Menschen, die in der gegenwärtigen Gesellschaft als attraktiv empfunden werden oder ein bestimmtes Flair besitzen, haben es, so scheint es mir zumindest, in vielen Bereichen des Lebens leichter. Dies ist aber kein exklusives Problem der Musik-Szene, sondern leider generell weit verbreitet und betrifft nicht nur Frauen, sondern alle Geschlechter. Ich musste in der Musikwelt bisher zum Glück noch nie die Erfahrung machen, aufgrund meiner Optik oder meines Geschlechts in irgendeiner Form benachteiligt zu werden. Mir ist allerdings klar, dass dies auch daran liegt, dass mein Äußeres einem gewissen gesellschaftlich Konsens entspricht – wenn ich sehr viel größer oder kleiner, dicker oder dünner oder sonst irgendwie abweichend von der allgemein akzeptierten Norm wäre, würde ich vermutlich ganz andere Erfahrungen machen. Und das sollte uns zu denken geben!

Wie sehr beschäftigen dich Themen wie Gleichberechtigung, Rollenbilder, Vorurteile und „Sex sells“ als Stigmata für ein weibliches Bandmitglied?
In den Bands, mit denen ich bisher zu tun hatte, waren Geschlechtsunterschiede immer egal, vielmehr standen musikalisches Können und der Charakter im Vordergrund. Auch wurde ich nie genötigt mich auf der Bühne leichter oder konservativer zu kleiden. Ich kann mir zwar vorstellen, dass dies ein Vorzug der musikalischen Szene ist, in der ich mich bewege, kann es allerdings nicht belegen. Mein Eindruck ist aber dennoch, dass im Allgemeinen mehr Aufmerksamkeit darauf gerichtet wird, wie freizügig das Bühnenoutfit einer Frau ist, im Gegensatz zu dem eines Mannes, und schneller darüber gerichtet wird. Dieses Ungleichgewicht findet sich aber auch in allen anderen Bereichen des Lebens und ist damit eher ein gesamtgesellschaftliches Problem.

(c) Jobst Meese

Und wie waren deine Erlebnisse mit Fans? Viele deiner Kolleginnen haben uns von dreisten Fans berichtet, die z.B. unter den Rock fotografiert haben oder zu aufdringlich geworden sind. Ist dir ähnliches passiert und wenn ja, wie bist du damit umgegangen bzw. wie hast du das für dich verarbeitet?
Zum Glück ist mir so etwas bisher nicht passiert! Ab und zu gibt es zwar einzelne Personen, die in unpassenden Situationen (wenn zum Beispiel noch weitere Fans warten) am liebsten sehr viel Aufmerksamkeit beanspruchen würden, aber bisher waren sie immer verständnisvoll, wenn ich ihnen nicht die gewünschte Zeitspanne oder Aufmerksamkeit widmen konnte. Und sollte doch irgendwann mal jemand zu aufdringlich werden, wie es mir im Privaten schon des Öfteren passiert ist, würde ich zunächst freundlich eine klare Ansage machen und dann auf Distanz gehen. Generell scheint es mir, dass in der Folk-Mittelalter-Metal-Szene, in der ich mich musikalisch hautpsächlich bewege, größtenteils sehr respektvoll miteinander umgegangen wird, egal ob in der Zuhörerschaft oder unter Musikern.
Was mich allerdings verwundert und auch ein wenig schockiert, ist, wie abweichend der Umgang miteinander in den sozialen Medien ist. Dort haben mich schon sehr viele wirklich plumpe und oftmals respektlose Anmachsprüche erreicht und das teilweise von Leuten, denen ich dieses Verhalten im echten Leben nicht zugetraut hätte. Bei manchen Menschen scheinen durch die indirekte Kommunikation einige Hürden zu fallen oder sie verwechseln Facebook und Co. mit Dating-Plattformen. Um das einmal klarzustellen: Ich bin glücklich vergeben und an Flirts und dergleichen vollkommen desinteressiert!

Gibt es ein Ereignis mit einem Fan, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Oh ja, einige! Aber zum Glück fast nur positive! Ganz besonders berührend war für mich ein Ereignis letztes Jahr, als ich darum gebeten wurde, auf dem Fantreffen von Ganaim für ein Paar das Lied „An Hini A Garan“ zu singen, während dem sie sich verlobt haben! Das ausgerechnet mein Gesang diese beiden Menschen in diesem so bedeutsamen Moment begeleiten durfte, ist für mich eine riesige Ehre und macht mich sehr dankbar.

Du bist mit sozialen Medien aufgewachsen und auf Facebook relativ aktiv. Wie hat sich der Kontakt bzw. dein Verhältnis zu Fans dadurch verändert?
Mein kleiner Bekanntheitsgrad ist ja erst entstanden, während ich bereits auf Facebook und anderen sozialen Medien unterwegs war, dadurch bin ich nicht in der Lage zu bewerten, wie sich die Situation durch diese Medien verändert hat. Verglichen aber mit meiner Jugend, in der soziale Netzwerke gerade erst aufkamen und längst nicht so verbreitet waren, ist es heute oftmals viel leichter am Leben seiner musikalischen Idole teilzuhaben oder sogar persönlichen Kontakt aufzunehmen. Was sich für mich aber wirklich merkwürdig anfühlt und mich sehr ehrt, ist, dass ich nun scheinbar für manche Leute schleichend selber zu einem solchen Idol geworden bin – dabei bin ich doch selbst auch ein Fan von so vielen großartigen Musikern! Mein Vorsatz ist es daher, mich immer so zu verhalten, wie ich mir es mir wünschen würde, dass sich meine Vorbilder mir gegenüber verhalten würden.

(c) Jobst Meese

Wieviele Zuschriften von Fans erhältst du im Schnitt pro Woche und beantwortest du alle persönlich? Wie würdest du das Niveau der Nachrichten insgesamt zusammenfassen?
Meistens sind es so um die 5 pro Tag, allerdings sind die meisten davon einfach Grüße oder Anmachsprüche und ohne tiefergehenden Inhalt. Auf solche habe ich mir auch angewohnt, nicht mehr zu antworten. Bei allen anderen gebe ich mir immer Mühe persönlich und angemessen zu reagieren, allerdings bin ich zugegebenermaßen auch im Privaten sehr schlecht im Nachrichten beantworten (früher habe ich auch immer alle Brieffreunde verloren, weil ich viel zu langsam geantwortet habe…). Falls das hier also jemand lesen sollte, dem ich auf eine nette Nachricht nicht geantwortet haben sollte – es tut mir leid und es ist nicht persönlich gemeint!

Wo ziehst du die Grenze zwischen deinem Bühnen- und Privatleben?
Ich denke bei jedem Posting genau darüber nach, ob ich diese Informationen der Allgemeinheit wirklich unwiderruflich zur Verfügung stellen will – vieles Privates fällt dadurch weg. Andererseits finde ich unpersönliche Accounts, auf denen ausschließlich Informationen zu den musikalischen Projekten der jeweiligen Person veröffentlicht werden, langweilig und gebe mir daher Mühe auch persönliche Erlebnisse und Gedanken zu teilen und somit auch einen Teil meines Charakters zu offenbaren. Dabei den richtigen Grad zu finden, ist eine konstante Herausforderung und ich kann nur hoffen, dass es mir größtenteils gelingt.
Mir wurde mehrmals die Rückmeldung gegeben, dass es interessant sei zu sehen, was man als Musiker so abseits von der Bühne treibt, daher teile ich immer wieder Details aus meinem Musikerdarsein. Wichtig finde ich es aber, dabei nicht nur die schönen Vorzeigemomente darzustellen, in denen man perfekt gestylt und erfolgreich erscheint, sondern auch die alltäglichen, weniger angenehmen oder gar schmerzlichen Momente, die nunmal zum Leben dazugehören – sei es nur die wortwörtliche ungeschminkte Wahrheit, ewige Bahnfahrten oder gar Krankheit und Tod. Denn wenn diese einfach weggelassen werden, wird ein aufgehübschtes Bild der Realität abgeliefert und das kann in unserer Zeit, in der ständige Selbstoptimierung angepriesen wird, zu Unrecht viel zu leicht zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben führen.

Vielen Dank für deine Zeit und die Antworten. Zum Abschluss noch ein paar Stichworte für ein freies Assoziieren. Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?
#metoo – leider noch von Nöten
Der beste Blondinenwitz – den konnte ich mir nicht merken
Drehleier – ich liebe dieses Instrument! Was für ein Glück, dass mich Schandmaul auf die Idee gebracht hat es anzufangen!
Männliche Groupies – ich bin zum Glück bisher noch keinen begegnet – und das finde ich auch gut so!
Nightliner – Klassenfahrtsgefühl ohne Lehrer, Luxuscamping, gemütliche Koje, viel zu lang wach, ein Traum für Langschläfer wie mich!
Versengold ohne Pinto – der Lauf der Dinge

Die letzten Worte gehören dir …
Vielen herzlichen Dank, dass ich Teil dieser Reihe werden durfe! Ich habe mich sehr gefreut, als ich die Anfrage zu diesem Interview erhalten habe und mir sehr viel Mühe beim Beantworten gegeben. Hoffentlich fandet Ihr meine Sicht interessant! Und vergesst nicht in das neue Album „Artus“ von Schandmaul reinzuhören!

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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