Interview mit Thomas Lindner von Schandmaul

Seit fast 25 Jahren sind SCHANDMAUL als Vorreiter der Folk-Rock- und Folk-Metal-Szene schon unterwegs. Mit ihrem elften Album „Knüppel aus dem Sack“ entwickeln sich SCHANDMAUL weiter, finden gleichzeitig aber immer mehr zu ihren Wurzeln zurück und klingen so unbeschwert und locker wie lange nicht. Mit Sänger Thomas Lindner sprechen wir über die Auswirkungen der Pandemie, die aktuelle Realität in der Musikbranche, über die Szene an sich und natürlich über das neue Album.

 

Schandmaul Knüppel aus dem Sack Coverartwork„Knüppel aus dem Sack“ macht einen rockigeren und härteren Eindruck als „Artus“ und fühlt sich auch unbeschwerter an. War das so geplant und würdest du dem überhaupt zustimmen?
Ja, in dem Sinne, dass es rockiger und kerniger ist. Das hat auch ganz vehement mit dem Mix und der Produktion zu tun. Es klingt auf jeden Fall kerniger, wie es ins Ohr kommt. Und unbeschwerter… das ist immer schwer zu sagen. Wir planen ja grundsätzlich nie so, dass wir uns vorher hinsetzen und uns fragen „Brauchen wir eine bestimmte Richtung oder einen roten Faden?“. Das diktiert einem die Madame Muse. Für mich ist so eine Platte wie ein Fotoalbum, eine Momentaufnahme. Die Lieder sind von 2020 bis 2022 entstanden und da kann man jetzt drin blättern. „Artus“ war dementsprechend 2016 bis 2018. Ob es unbeschwerter ist, kann man schwer sagen, wenn man grade drinsteckt. War ich unbeschwerter als vor drei oder vier Jahren? Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, das habe ich nicht reflektiert.

Das Album habt ihr ab 2020 geschrieben, also größtenteils während Corona…
Ne, wir haben produziert von 2020 bis 2022. Das glaubt  immer keiner, aber geschrieben waren die Songs vor Corona – alle! Bis auf „Irgendwann“, den haben wir nachgesteckt, alle anderen waren fertig. Wir wollten das Album eigentlich Anfang 2021  rausbringen. Dann kam Coronski und alles hat sich so ein bisschen verschoben. Umso lustiger ist es, dass Kollegen deiner Zunft direkte Parallelen ziehen. In Wahrheit ist es nur ein Indiz dafür, dass manches sehr zeitlos ist. Fake News und vieles andere gab es auch vor Corona schon.

Also hatte Corona an sich keinen Einfluss auf das Album. Wie sieht es da bei euch als Musiker, als Band und als Menschen aus?
Einschlagend. Tiefschürfend. Ich glaube, da sitzen wir ja alle in einem Boot. Da hat sich einiges verändert. Mal angefangen konkret bei der LP: Das ganze Arbeiten dafür war natürlich der Seuche geschuldet. Es war nicht so, dass einer im Studio saß, hat sein Werk verrichtet und der Rest saß kaffeetrinkend davor und hat seinen schlauen Senf dazu abgegeben, wie wir das in der Vergangenheit getan haben. Es wurde stattdessen mehr oder weniger alles in Einzelgruppen gemacht: Der Schlagzeuger und der Gitarrist haben sich ins Frankenland zum Produzenten verzogen. Dann sind die Mädels mit ihren Melodieinstrumenten dort hingefahren. Die Arbeit an den Arrangements musste im Vorfeld geschehen. Wir konnten dann am Abend hören, was sie aufgenommen hatten, und Daumen rauf oder Daumen runter geben. Zudem sind wir nicht so mit Reserven ausgestattet gewesen, dass wir Corona einfach locker aussitzen konnten. Es wusste ja niemand, wie lange das mit der Pandemie gehen wird und man weiß es ja immer noch nicht. In Wahrheit sind wir nach 20 Jahren aus der Professionalität in die Semiprofessionalität zurückgefallen.

Das heißt, ihr habt jetzt wieder normale Jobs neben der Band?
Ja.

„Wir sind nach 20 Jahren aus der Professionalität in die Semiprofessionalität zurückgefallen“

Musik und die Livebranche sind momentan ein sehr wackliges Geschäft. Es scheint ja zum Glück wieder weiterzugehen mit Konzerten und Festivals, aber wer weiß wie das im Sommer und Herbst weitergeht…
Genau, man weiß es noch nicht und es hat sich so viel verändert. Wir sehen es an unserer eigenen Crew: Wenn wir auf einer Tournee sind, sind wir etwa 15 bis 16 Leute und bei denen hat das ja auch eingeschlagen. Die sind auch alle in Festanstellungen geflüchtet. Es ist jetzt schon um einiges interessanter, am Tisch mit den Kalendern zusammenzusitzen und zu überlegen, wer wann Urlaub bekommt und wann wir fahren können. Das ist nun eine ganz neue Argumentation. Der ganze Markt mit den Freelancern wurde außerdem mit dem groben Besen so richtig leergefegt. Wenn wir wie jetzt eine Herbst-/Wintertournee für das Album anstreben, steht das  leider noch in den Sternen, aber wir sind guter Dinge, dass sie stattfindet… (klopft auf Holz) Es hat sich auch am Kaufverhalten des Publikums ganz krass was getan, ganz nach dem Motto „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“. Die haben alle ihre Pinnwand voll mit Eintrittskarten von verschobenen Verschiebungskonzerten. Die frühstücken die ab und bevor sie sich eine neue Karte holen, warten sie erstmal still ab. Das ist für einen Veranstalter oder für jemanden wie uns, der eine Tour plant, maximal beschissen. Du fährst ins Blaue rein und weißt nicht, wieviel Zeug zu mitnehmen musst, wie groß die Anlage sein muss, welche Halle wir überhaupt buchen sollen. Machen wir mit 300 Leuten eine 5000er Halle „voll“ oder sind wir zu klein angesetzt und stehen dann welche vor der Tür – man weiß es nicht. Es ist momentan alles sehr kurzfristig und aus dem Bauch raus: „Nächste Woche spielen Schandmaul, lass uns hingehen“ – damit kann aber keiner rechnen.

Thomas Lindner von SCHANDMAUL im Interview

Ihr habt mit Napalm ein neues Label gefunden. Die Wahl wirkt für euch recht ungewöhnlich, mit F.A.M.E. und Vertigo wart ihr bisher bei großen, breitgefächerten Mainstreamlabels. Wie kam es dazu, dass ihr euch nun für ein Metallabel entschieden habt?
Der Vertrag mit Universal ist einfach ausgelaufen und wir haben uns umgeschaut. Napalm ist … (überlegt) Ich empfinde das ganz anders. Wenn man sich anschaut, was die so alles in ihrem Kader haben, ist das eine unglaublich illustre Gesellschaft. Die stellen sich gerade sehr breit auf – nicht im Sinne von „Wir nehmen alles, was da kommt“, das will ich damit nicht sagen, aber sie sind sehr offen. Klar, man kennt sie so und denkt „Napalm, das ist der Knüppelmetal“ und nichts mehr als das. Aber das stimmt ja gar nicht mehr, sie sind total bunt geworden und das finde ich sehr erfrischend. Das ist einfach ein cooles Team und das ist für uns immer ausschlaggebend. Der Name, der drübersteht ist immer das eine, aber letzten Endes arbeitest du mit einem ganz kleinen Team eng zusammen und planst die Schritte, telefonierst, schreibst E-Mails und dieser Geschmack muss stimmen. Wir haben uns mit Napalm getroffen und das hat gleich geschmeckt.

„‚Knüppel aus dem Sack‘ war der Weckruf – wir sind wieder da!“

Eure erste Single „Knüppel aus dem Sack“ ist ungewöhnlich hart für euch. Warum habt ihr euch dafür als erste Single entschieden?
Man hat bei der Entstehung eines Albums immer Arbeitstitel mit den Ideen der Songs an der Wand stehen. Sobald klar ist, welche Lieder wir verwenden wollen, guckt man, welcher Songtitel sich als Überschrift anbietet. „Knüppel aus dem Sack“ ist uns da einfach ins Gesicht gesprungen. Die Katze aus dem Sack lassen oder eben den „Knüppel aus dem Sack“, das fanden wir als Überschrift schon geil. Das Lied an sich ist hart geworden mit dem nötigen Augenzwinkern, das fanden wir spannend als erste Singleauskopplung um erstmal alle zu erschrecken … (lacht) Da waren sie alle wach und dann konnte man schön die weiteren Singles hinterherschieben. Unterm Strich haben wir ja einfach wieder ein SCHANDMAUL-Album. Das soll nicht herabwertend klingen, es ist eben alles da und alles drauf und jeder wird sein Eck finden, der uns zugetan ist. „Knüppel aus dem Sack“ war der Weckruf – wir sind wieder da!

Dem stimme ich zu, im Kern ist es ein ganz klassisches SCHANDMAUL-Album. Viele Mittelalterbands gehen heute ja etwas andere Wege, Saltatio Mortis zum Beispiel in Richtung Deutschrock oder Feuerschwanz Richtung Power Metal. Ihr seid im Kern einfach das SCHANDMAUL geblieben, das ihr schon immer wart, auch wenn es jetzt mal etwas härter oder mit „Unendlich“ und „Leuchtfeuer“ etwas melancholischer war.
Ich kann ja auch nichts anderes. Ich will was rauslassen und je nachdem, wie ich mich fühle, kommt es dann so oder so raus. Ich häng mich da ehrlich gesagt an keinen Zug, nur weil der ins gelobte Land fährt. Die sind meistens eh schon aus dem Bahnhof raus, wenn man auf die Idee kommt, sich da hinten dranzuhängen. Ich habe jetzt auf meine alten Tage auch nicht mehr vor, noch was anderes als die eigene Musik zu machen.

Schandmaul Bandfoto
SCHANDMAUL; © Heilemania

Macht ihr beim Songwriting dann einfach, worauf ihr Bock habt, oder habt ihr schon ein gewisses SCHANDMAUL-Framework mit abgesteckten Grenzen?
Wir haben schon viel ausprobiert und sind über diese Grenzen, die du ansprichst, gegangen um dann festzustellen, dass nicht jede Idee, die man hat, automatisch ein SCHANDMAUL-Lied werden muss. Da wandern ein paar jetzt auch woanders hin. Die Liedermacher-Ballade muss ja nicht unbedingt als SCHANDMAUL vorgetragen werden, das kann ich auch abends am Lagerfeuer machen, wenn meine Freunde da sind. Klar hat man für sich den Geschmack gefunden, aber ich finde, wir sind sehr breit, was das angeht. Man kann den „Knüppel“ machen und den „Quacksalber“, dazwischen ist alles erlaubt. Ich glaube nicht, dass wir jetzt zwingend auf Rumba umsteigen müssen, um bei „Let’s Dance“ im Hintergrund laufen zu können. Wir haben schon unser Gehege gefunden, Folk-Rock nenne ich das nach wie vor, egal in welche Schubladen man uns da steckt.

Du hast „Let’s Dance“ angesprochen, da kommen wir direkt mal zu einer anderen Veranstaltung: Was hältst du denn vom Eurovision Song Contest?
Soll doch jeder machen was er will … (lacht) Es ist nichts für mich. Von A bis Z nicht, gar nichts. Ich will keinem auf den Schlips treten, aber für mich ist das falsch, daran ist nichts Echtes, alles ist Plastik und verkehrt. Das hat nichts mit Musik zu tun. Das ist eine Gelddruckindustrie und da sind keine Künstler in dem Sinne, dass die da irgendwas schaffen. Da gibt es Leute, die können singen, da fall ich vom Glauben ab, wie geil die sind. Aber den Namen hast du doch morgen vergessen und wirst nie wieder von ihm hören. Da wird alles verbrannt und nächstes Jahr gibt’s die nächsten, die auf der Schlachtbank da hinlaufen und wieder hinten überkippen. Wie eine Sternschnuppe ist das.

Die Sieger aus der Ukraine kennt nächste Woche sicher auch keiner mehr.
Nein, und die sind ja auch nicht Sieger geworden, weil sie die besten waren. Das ist ein Politikum.

Es bringt der Ukraine halt nichts, dass sie da gewonnen haben.
Ne. Und dieser deutsche Beitrag… wie man das so schön sagt, der deutsche Beitrag (lacht) Mein Gott, wahrscheinlich ist er da, wo er hingehört. Da musste ich schon schmunzeln, das find ich direkt witzig. Ein Kasperletheater.

Zurück zu „Knüppel aus dem Sack“. Ich finde, das Lied klingt vom Riffing her stark nach „Seek And Destroy“ von Metallica. Ist das Zufall, habt ihr vielleicht viel Metallica gehört in der Entstehungsphase des Albums?
Es muss Zufall sein. Mir hatte sich eine Idee aufgedrängt, die ich nicht im Ansatz spielen konnte und das Riff hat dann natürlich unser Gitarrist zur Blüte getrieben. Ich muss zugeben: Ich war der Metalszene nie angehörig, auch in meiner Jugend nicht. Metallica sind an mir vorbeigerauscht. Mittlerweile kenne ich das Lied „Seek And Destroy“ aber, weil mir einige gesagt haben, dass wir so klingen. Aber nein, so klingen wir nicht und ich habe nicht Metallica gehört. Bei Metallica bin ich eingestiegen, als sie auf MTV mit „Nothing Else Matters“ liefen. Das war das erste Lied, das ich von Metallica jemals gehört habe. Und dann habe ich gehört, dass dieses Lied erst entstanden ist, nachdem ihr damaliger Produzent gesagt hat „Wir spielen jetzt alles, was ihr komponiert habt, halb so schnell“. Aus dem Speed Metal, oder was sie vorher gemacht haben, wurde das, was plötzlich auch im Radio laufen konnte. Dann kam der große Welterfolg, nachdem sie vorher eher die harten Metal-Underdogs waren. Soweit mein ganz dünnes Geschichtswissen über Metallica. (lacht)

„Musikalisch wie textlich ist ein ganz dickes Augenzwinkern dabei“

Ich finde, gesanglich klingst du bei „Knüppel aus dem Sack“ und „Das Gerücht“ aggressiver und wütender, als man es von dir gewohnt ist. Teilweise hat mich das an Stumpen von Knorkator erinnert …
Bei „Knüppel aus dem Sack“ hat es sich einfach angeboten. Für mich blinzelt da der Schalk hinter der Schulter hervor, sowohl musikalisch wie auch textlich ist da ein ganz dickes Augenzwinkern dabei und das hört man auch im Gesang. Allgemein gesprochen macht es mir auf der anderen Seite auch durchaus Spaß, mit der Stimme zu spielen. Das mache ich schon lange und häufig, aber ganz oft landen diese Spielereien nicht auf dem Album. Bei den beiden Liedern haben sie sich durchgedrängelt, so dass ich mehr spreche oder komisch betone. Ich experimentiere da gerne. Nur growlen kann ich einfach nicht, das ist ja eine eigene Technik. Mein Gesangsproduzent kommt aus der Szene und er kann das, der lacht sich dann immer kaputt und sagt „Wenn du so weitermachst, dann bist du in zwei Minuten fertig, dann ist die Stimme auf dem Mond und dann können wir Feierabend machen“. Das erspar ich mir und allen anderen.

Geschichten erzählen war für SCHANDMAUL schon immer prägend. Die lyrische Komponente ist neben der musikalischen sehr wichtig, das merkt man zum Beispiel bei „Niamh“, womit ihr die irische Mythologie wieder aufgreift …
Ein Fun Fact dazu, weil es keiner richtig ausspricht: Es heißt ja nicht „Niamh“, sondern „Nief“, wird gesprochen wie N-I-E-F (buchstabiert). Hab ich auch erst gelernt, am Anfang hab ich auch „Niamh“ gelesen und dann war ich ganz überrascht, als mein Text plötzlich keinen Reim mehr hatte. Nachdem ich wusste, wie man das Wort ausspricht, musste ich den Text nochmals umschreiben.

 „Knüppel aus dem Sack“ greift direkt in der ersten Zeile das „Märchenbuch“ auf. Ist die lyrische Komponente für SCHANDMAUL genauso wichtig wie die musikalische, sind das gleichwertige Teile?
Definitiv. Ein Text, der die Musik begleitet, oder Musik, die den Text gewandet, für mich ist das 50-50. Ich möchte nicht irgendeinen Blödsinn reden, ich möchte ein Gedicht schreiben. Der Text sollte als Gedicht für sich alleine stehen können, so wie die Musik auch als instrumentales Stück leben dürfte. Das bringt man dann zusammen und das find ich toll. Ich liebe die deutsche Sprache und was damit alles möglich ist. Wenn man für SCHANDMAUL schreibt und sich da so ein bisschen in altertümlichen, anheimelnden Zeiten bewegt, kann man Worte finden und mit ihnen spielen, bis hin zur Stilblüte. Da ist soviel Platz in dieser Sprache und es macht Spaß mit ihr zu spielen.

Bei „Artus“ hattet ihr noch ein etwas strikteres Konzept, jetzt wirkt es textlich eher lose. Wie du schon gesagt hast, ein Fotoalbum mit verschiedenen Momentaufnahmen.
Das war bei „Artus“ tatsächlich auch so, nur dass wir die Geschichte um Artus nicht auf einem DIN-A4-Blatt erzählen konnten, sondern drei gebraucht haben. Es war vorher nicht geplant, drei Lieder um „Artus“ zu schreiben. Das hat sich so ergeben, weil die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war und dann wurden eben drei Lieber daraus. Die konnten wir zum Glück auch noch zusammenknödeln und sogar live als Potpourri darbieten. Grundsätzlich aber sind wir bei jedem Album so frei und von A bis Z ist auf dem „Knüppel“ alles dabei. Es ist für uns auch spannend, was da kommt. Man kann die Madame Muse, wie ich sie immer nenne, nicht zwingen zu kommen. Man kann ihr nur Gelegenheiten geben, dich zu treffen und dann ist man immer gespannt, was sie dabei hat.

„Königsgarde“ ist mit den Gastbeiträgen (Saltatio Mortis und Feuerschwanz) und auch textlich ein schönes Zeichen für den Zusammenhalt in der Mittelalterszene. Bei „Glück auf!“ sind auch noch Fiddler’s Green dabei. Ist die Szene durch Corona vielleicht noch näher zusammengewachsen?
Die Szene war schon immer recht eng. Durch Corona war man sich im gemeinschaftlichen Leiden nochmal mehr bewusst, wie nah man eigentlich beieinander ist. Auf gut Deutsch: Man teilt sich das Publikum. Es ist ja kein Schlager wie Andrea Berg oder Helene Fischer, wo gefühlt Milliarden hinterherrennen. Das ist relativ fix und da ist alles zu Hause von In Extremo bis haste nicht gesehen. Man teilt sich diese Leute auf und drum guckt man einander auch zu nach dem Motto „Wann fahrt ihr, im Oktober? Dann schauen wir, dass wir im November fahren“. Der Geldbeutel ist nur bedingt groß, dann müssen die Leute sich entscheiden, wo sie hingehen. „Wann kommt ihr mit der Platte raus? Dann machen wir das nicht auch da.“ Man spricht sich im besten Fall miteinander ab, weil man sich sonst nur gegenseitig weh tut. Wie gesagt, das Publikum ist begrenzt. Außerdem kommen immer mehr Bands nach, da wird es eh schon eng.

„Es scheint eine Sehnsucht nach Nostalgie, Abschalten und Auszeit da zu sein“

Folk- und Mittelaltermusik scheint im Allgemeinen momentan sehr beliebt zu sein, vielleicht auch weil es handgemachte Musik ist und das heutzutage immer weniger wird. Denkst du, das könnte daran liegen?
Ja, bestimmt gibt es da welche, die das merken, dass es handgemacht ist und nicht alles nur aus dem Keyboard und Computer kommt oder am Fließband produziert wird. Die Hälfte der Sachen, die auf den Plastik-Pop-Radiosendern laufen, kommen vom gleichen Team. Die sitzen im Hintergrund und komponieren am Fließband die Radiohits – das ist schon was eigenes. Seit 20 Jahren prophezeien sie uns, dass das bald wieder vorbei ist. „Herr der Ringe haben alle gesehen, jetzt reichts auch mal wieder. Jetzt haben alle Harry Potter gesehen, aber das mit eurer Musik wird nicht mehr lange gehen.“ Jetzt werden wir 25 und es geht immer noch, irgendwie scheint dann ja eine gewisse Sehnsucht da zu sein nach Nostalgie, ein bisschen Abschalten, Auszeit. Vielleicht auch so ein bisschen Langsamkeit zwischen Zoom-, Teams-, E-Mail-, Facebook-, Instagram-Geschwindigkeits-Wahnwitz und zwei Stunden lang bei einem Konzert ganz wo anders sein, bevor man dann wieder loslegt mit „Ach kuck mal wo ich war, Smiley, lol…“

Thomas Lindner von SCHANDMAUL im InterviewEs ist auch immer ganz furchtbar, wenn bei einem Konzert alle ständig ihr Handy in der Hand haben.
Ich bin ja da völlig raus. Warte, wo ist es … (sucht) Macht immer wieder Spaß, es rauszuholen. Hier: mein Telefon. (zeigt ein altes Nokia-Handy) Da gibt’s kein WhatsApp. Die können mich alle am Arsch lecken. So sieht es aus. Ich spiele nicht überall mit.

Du hast gerade euer 25-jähriges Jubiläum erwähnt. Habt ihr da schon etwas geplant?
Ja, wir sind schwer am Planen. Es wird zu seiner Zeit der Deckel von der Hölle fliegen. Es wird ein großes Event geben und wir werden bald anfangen, davon zu berichten. Jetzt wollen wir erst einmal das neue Album auf die Reise schicken und diesen Sommer spielen. Wir sind schwer am Schaffen und es soll natürlich wieder etwas Besonderes sein. Es ist ja auch was Besonderes für uns. Ein Vierteljahrhundert, das heißt mehr als die Hälfte meines Lebens bin ich dann in dieser bekloppten Kapelle.

Ihr wart selbst mit „Leuchtfeuer“ schon auf Platz 1 der Charts und dieses Jahr waren Feuerschwanz und Versengold auf der 1. Habt ihr zum Albumrelease Erwartungen an eine Chartplatzierung oder ist euch das eher egal?
Ich kann nun nicht für alle antworten, sondern nur für mich. Ich sehe das immer ziemlich pragmatisch ob der sinkenden, gen Null gehenden CD-Verkaufszahlen. Vinyl wird ja schon wieder mehr verkauft als CDs und überhaupt spielt sich jetzt alles bei Streamingdiensten ab. In Wahrheit will man nur noch die Box oder das besondere Teil als, wie sagt man so schön auf Neudeutsch, „Collector’s Item“ im Schrank stehen haben. Die Musik hören sie dann auf ihrem kleinen Wischfernseher. Eine Chartplatzierung ist an Aussagekraft kaum noch zu unterbieten. Klopp deine besten Freunde zusammen und schick die zum gleichen Laden, dann bist du schon weit oben. Von daher hat das für mich persönlich nichts mehr. Ich bin gespannt, wie viele Leute die Texte vom neuen Album kennen, in welcher Zahl sie auf unseren Konzerten erscheinen und ob sie dann mitsingen können. Das ist ein besseres Feedback. Aber ob 1, 2, 3, 4, 5, 12, 20 in den Charts -für wen ist das denn jetzt noch wichtig? Was sagt das noch aus, außer dass man bei einem hohen Einstieg weiß, dass unter den Leuten, die einen mögen, noch viele da sind, die sich sowas eben noch ins Regal stellen? Aber downgeloadet haben sie es sich auch schon, sonst können sie es ja gar nicht hören, da ihr Auto gar keinen CD-Player mehr hat.

Danke nochmal für deine Zeit und viel Erfolg mit dem Album und vor allem mit der Tour, damit da alles klappt wie geplant.
Daumen drücken und sehr gerne!

Schandmaul Tour 2022

Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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