Interview mit PVIII von Thron

THRON haben mit „Vurias“ ihr inzwischen fünftes Album veröffentlicht und sich dabei erneut gewandelt. Mehr Details über die neue Studioplatte, die Bedeutung musikalischer Offenheit, Bollenhüte, Kuckucksuhren und vieles mehr verrät uns Gitarrist PVIII.

Hallo PVIII! Danke, dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst. Lass uns direkt einsteigen. Seit 2017 euer Album „Thron“ erschienen ist, steht ihr für durchweg hochwertige Veröffentlichungen. Euer Veröffentlichungsturnus ist dabei auch mehr als beachtlich. Ihr kommt inzwischen inklusive „Vurias“ auf fünf Alben. Wo holt ihr derart viel kreative Kraft her?
Danke dir. Gute Frage! Ich schreibe ja praktisch die gesamte Musik, und ich weiß oft auch nicht, wo ich die Kraft, Zeit, Energie dafür herbekomme. Ich weiß nur, dass es ein innerer Drang ist – ein Bedürfnis nach Befriedigung, nach dem guten Gefühl danach. Endorphine, Dopamin … das hört sich irgendwie schon nach etwas Sexuellem an (lacht). Aber da ist ganz klar eine innere Kraft, die mich vorantreibt – trotz dem alltäglichen Leben mit Job, Familie, der Realität etc. … oder auch gerade deswegen.

Cover Artwork des Albums Abysmal der Black Metal Band Thron
„Abysmal“ (2018)

Siehst du eine spezielle Entwicklung zwischen den Alben, also ausgehend von „Thron“ bis hin zu „Vurias“?
Obwohl ich seit 1990 ununterbrochen in Metal-, Rock- oder mehr avantgardistischen Bands spiele, musste ich 2015 THRON „erlernen“ oder entdecken. Wenn ich mir heute die ersten Songs anhöre, muss ich schon etwas schmunzeln, da diese klingen, als seien sie von einem totalen Newbie geschrieben und produziert worden – und nicht von jemandem, der schon 25 Jahre in Bands gespielt hatte. Komische Sache, das. Aber ich glaube, ich habe mir zu der Zeit auch nicht wirklich so viel Mühe gegeben (lacht).
Jedenfalls haben wir meiner Meinung nach erst ab dem zweiten Album „Abysmal“ angefangen, das Ganze etwas ernster zu nehmen. Eine Entwicklung hat dann insofern stattgefunden, als ich beim Komponieren im Lauf der Jahre immer mehr an Einflüssen zugelassen habe – und in der Hinsicht auch ein Selbstvertrauen und ein Vertrauen auf meinen Instinkt und mein Bauchgefühl entwickelte.
Also kurz gesagt: Mit jedem Album habe ich weniger darüber nachgedacht und analysiert, was ich tue, sondern einfach gemacht. Häufig ist das ja eher andersherum der Fall.

Zum Albumtitel konnte ich keine Erklärungen oder Hintergrundinfos finden. Was bedeutet „Vurias“?
„Vurias“ kommt vom lateinischen „Furias“, also Zorn, Wut, Furie. Wir haben das F gegen ein V ausgetauscht – als Symbol für unser fünftes Album. Ich finde, dass das Album unser bisher „zornigstes“ ist.

Thron Vurias Coverartwork
„Vurias“ (2025)

Wie steht das (fantastische) Albumcover im Kontext zu Musik und Albumtitel?
Ich bewundere schon lange die Arbeiten von Daniele Valeriani. Er hat ja schon für Bands wie MAYHEM, DISSECTION, CANDLEMASS, BEHEMOTH etc. gearbeitet. Ich hatte ihn angeschrieben, und es dauerte eine Weile, bis er mir geantwortet hat. Es stellte sich dann heraus, dass er unser letztes Album „Dust“ schon kannte und es sehr mochte. Zu der Zeit nahm er aber keine neuen Aufträge an. Ich fragte ihn dann, ob er Bilder hatte, die schon fertig waren. Er zeigte mir mehrere fantastische Arbeiten, und dieses vorliegende stach mir sofort ins Auge. Ich kann es nicht genau erklären, aber es löste etwas in mir aus – also bekam ich es von ihm. Wir hatten zu der Zeit weder Texte noch fertige Musik, aber ich wollte dieses Bild. Es kann gut sein, dass uns das Bild auch unterbewusst zu den Texten und der Musik geleitet hat.

Wenn es um die Lyrics auf „Vurias“ geht, welche Inhalte wollt ihr auf der Platte vermitteln?
Es geht viel um innere Prozesse – Verfall, Erneuerung, die Auseinandersetzung mit der eigenen Dunkelheit. Manche Texte sind fast schon spirituell, andere gesellschaftlich beobachtend, aber nicht plakativ. Viel Selbstreflexion und Wut, aber auch Verzweiflung über vieles, was heutzutage passiert … gleichzeitig aber auch die Erkenntnis, dass das meiste eigentlich nicht neu ist, sondern die Menschheit sich schon immer so verhalten hat, wie sie es tut.

„Vurias“ bringt über Nummern wie „Ungemach (Stilles Ende)“ oder „The Hunter And The Prey“ großartige Einflüsse aus dem Rock der 70er Jahre in eure Musik, und auch auf den vorherigen Alben gab es schon Reminiszenzen an klassischen Heavy Metal. Sind das kreative Ausrufezeichen für euch oder geht es da ausschließlich um Intuition?
Erst einmal Intuition, ohne zu viel darüber nachzudenken. Die rationale Analyse kommt dann in der Regel erst später: „Moment mal, Stopp – können wir das überhaupt so bringen?!?“ (lacht). Zum Glück habe ich meine Bandmitglieder, die mich dahingehend bestärken und sagen: „Scheiß drauf, das ist geil!“ Ich bin musikalisch sehr breit aufgestellt – ich höre alles von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN über Lo-Fi Black Metal zu JOHN COLTRANE bis zu KATE BUSH. Sozialisiert wurde ich als Teenager aber durch klassischen Metal, dann Death und Black Metal.

THRON 2025; © Promo

THRON kommen aus dem Schwarzwald. Das ist schon eine recht archaische Gegend. Viele Black-Metal-Bands fühlen sich in dieser Kulisse sehr heimisch. Wie ist das bei euch? Und inwieweit ist eure Heimat auch Inspiration für eure Musik?
Ich und unser Sänger und Bassist sind hier in dieser Umgebung aufgewachsen. Diese Landschaft birgt viel Ambiguität. Einmal diese archaische Seite, die du nennst – auf der anderen aber auch eine sehr touristische, verklärte, romantisierende Seite, die mich natürlich nervt. Ich sage nur Bollenhut, Kirschtorte, Kuckucksuhr. Dabei wird auch gerne vergessen, dass die Römer hier vieles hinterlassen haben. Bei mir um die Ecke, auf der Schweizer Seite, ist ein großes römisches Amphitheater, in dem heutzutage auch Open Airs stattfinden (Augusta Raurica). Dann auch in unmittelbarer Nachbarschaft die Schweizer Großstadt Basel mit ihrer Pharmaindustrie, den weltbekannten Museen und einer sehr lebendigen Metal-Szene (ich sage nur SCHAMMASCH, ZATOKREV, ZEAL & ARDOR, COLD CELL und viele mehr). Diese unberührten und ursprünglichen Flecken in der Natur findet man noch – aber man muss sie suchen und wissen, wie man den Touristenströmen entkommen kann. Diese Landschaft und auch der Rhein haben uns als Personen sicher mitgeprägt und fließen als eine von vielen Inspirationen in die Musik ein.

Albumcover Thron - Dust
„Dust“ (2019)

Bleiben wir noch kurz beim (kontroversen) Begriff „Heimat“. In und um Baden-Württemberg gibt es mehrere rechtsextreme Gruppen, u. a. die „Brothers of Honour – Chapter Süddeutschland“ als Splitterbewegung von „Blood and Honor“. Das rechte Narrativ trifft währenddessen auf immer größere Akzeptanz, vor allem über die Aussage „Musik solle nicht politisch sein“. Wie steht ihr, wie stehst du dazu?
Erstmal ganz klar: Wir hassen Nazis wie die Pest. Was zur Hölle ist „Metal“ oder rebellisch daran, einer totalitären Ideologie zu folgen? Eine Ideologie, die Individualität zugunsten einer großen, unterwürfigen Masse untergräbt. Verstehe ich nicht, werde ich nie verstehen. Dass kommunistische Diktaturen ebenso viel Leid erzeugt haben, ist schon klar. Aber diese Gefahr einer kommunistischen Herrschaft sehe ich heutzutage nicht – die einer faschistischen aber schon. Von daher: Bleibt mir weg mit „Aber die Linke …“. Politik in der Musik – kann jeder machen, wie er möchte. NAPALM DEATH geil! Kein Individuum ist unpolitisch. Viele unserer täglichen Handlungen haben einen politischen Effekt. Alleine schon, welches Fleisch ich im Supermarkt kaufe, hat eine politische Wirkung im weiteren Sinn.
Als Band THRON behandeln wir dieses Thema weniger, da ich persönlich nicht in dieses Simple, Parolenhafte abgleiten möchte. Es ist ein komplexes Thema, und ich bin da oft hin- und hergerissen. Ich würde nicht auf einem Festival auftreten, das klar NSBM-dominiert ist. Ich würde aber auf einem Festival auftreten, auf dem auch „sketchy“ Bands anwesend sind – einfach, um zu verdeutlichen, dass es auch anders geht, und im besten Fall diese Bands vielleicht alt aussehen zu lassen (lacht).

Gerade die Black- und die Death-Metal-Szene kommt musikalisch nicht unbedingt aus ihrer Haut – weder im Underground noch auf dem kommerziellen Markt. Wie stehst du zu dieser Aussage?
Da gibt es ein großes Spektrum zwischen absolut true und sehr offen – im Black Metal noch mehr als im Death Metal. Die Entwicklung von Bands wie ULVER, ENSLAVED, DØDHEIMSGARD, SATYRICON, VED BUENS ENDE etc. belegt doch, dass es dafür Akzeptanz gibt. Ich erinnere mich an Mitte der 90er, als Bands wie TIAMAT, GOREFEST oder ENTOMBED neue Wege beschritten haben – und dies auch mit kommerziellem Erfolg. Ich glaube, da gibt es eine größere Offenheit als im klassischen Heavy Metal.

„Pilgrim“ (2019)

Meine vorangegangene Frage bezieht sich auch ein Stück weit darauf, dass es gerade im Extreme Metal ein hochakribisches Kommissariat zu geben scheint, das auf Einflüsse, wie ihr sie euch zutraut, nicht sonderlich flexibel reagiert. Inwieweit wendet ihr euch mit „Vurias“ also gegen sture Konventionen?
Wir denken da nicht in Opposition. Wenn du Musik machst, um jemandem zu widersprechen, machst du sie ja irgendwie nicht mehr für dich. Wir folgen unserem Gefühl, und wenn das jemanden provoziert – auch okay. Aber das Ziel ist nicht wirklich, Konventionen zu brechen, sondern etwas zu erschaffen, mit dem wir uns identifizieren können – und im besten Fall auch die Hörer.

2026 seid ihr für das Karmoygeddon Festival in Norwegen gebucht. Was verbindet ihr mit Norwegen und wie fühlt es sich für euch an, mit einer Legende wie OLD MAN’S CHILD die Bühne zu teilen?
Neben dem nicht zu verleugnenden Einfluss von norwegischen Bands ist es vor allem die Faszination der norwegischen Natur. Ich habe Norwegen zweimal bereist, und diese Umgebung hat mich tief berührt. Ich finde dort das, was ich in Zentraleuropa vermisse. Der Schwarzwald, die Alpen – das sind für Massentourismus erschlossene Regionen. In Nordeuropa findet man noch dieses „Abenteuer“ und dieses Gefühl, wirklich mal alleine zu sein. Ähnliche Gefühle hatte ich auf Island oder in den Gebirgen und Wüsten des amerikanischen Westens. Pure Weite … und ja, mit OLD MAN’S CHILD zu spielen, ist natürlich auch geil.

Gerade „Vurias“ ist ja ein sehr atmosphärisches Album geworden. Habt ihr bestimmte Rituale, bevor ihr auf die Bühne geht, oder nutzt ihr bestimmte atmosphärische Mittel on stage, um eurer Musik den richtigen Rahmen zu geben?
Wir versuchen, auf der Bühne eine eigene Welt zu erschaffen – durch Licht, Nebel und Präsenz. Kein übertriebener Schnickschnack, aber eine dichte Atmosphäre, die zur Musik passt.
Direkt vor dem Konzert versuchen wir immer, uns kurz alle zu treffen, um uns anzufeuern und gemeinsam in die richtige Stimmung zu kommen. Es funktioniert nicht immer, gerade in kurzen und stressigen Umbaupausen.

PVIII, vielen Dank für deine Zeit und das großartige „Vurias“. Zum Abschluss gibt es noch unser Metal1-Brainstorming.
Schwarzwälder Kirschtorte:
Ist okay, kann man machen – aber sehr romantisiert und unnötig verklärt.
IMPERIUM DEKADENZ: Kennen und mögen wir! Unser Ex-Drummer und Produzent Christoph Brandes spielt seit einiger Zeit bei ihnen.
Lavalampen als Merch-Artikel: Fände ich cool, aber ein logistischer Albtraum.
SLEEP TOKEN: Finde ich interessant, mir gefällt der Gesang. Erinnert mich auch öfter an unsere Nachbarn von ZEAL & ARDOR.
THRON in 10 Jahren: Noch da – ich eventuell am Rollator. Vielleicht live durch jemand Jüngeren ersetzt, alles möglich.

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2 Kommentare zu “Thron

  1. Danke für das Interview!
    Gerade die ungewöhnlichen Strukturen mit den 70er-Anleihen aus Kraut- und Progrock machen es für mich aus. Umso besser, dass Thron das weiterverfolgen und machen. Das macht die Band neben dem hochwertigen, aber typischen Deathigen (Melo) Black Metal interessant.
    Für mich beinahe eine Nachfolgeband für Dark Fortress, nur eben ein Stück besser noch.

    1. Hey Winterpercht,

      danke für deinen Kommentar und gern geschehen. Ich kann dir da tatsächlich in jedem Punkt beipflichten. Eine tolle Band, der man den „eigenen Weg“ auch glauben kann.

      Liebe Grüße
      Philipp | M1

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