Interview mit Javier „Mille“ Fernández Milla von TodoMal

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Den Spaniern von TODOMAL ist mit „Graveyards Of Joy“ ein herausragendes Album im Bereich des atmosphärischen Doom Metals geglückt. Die eindringlichen Stücke vereinen Hoffnung und Melancholie auf perfekte Weise. Wie die Band das angeht, weshalb Konzept-Projekte manchmal dem Zufall unterlie und was es für etwas mehr Glück in uns allen benötigt, darüber haben wir uns mit Multiinstrumentalist Javier „Mille“ Fernández Milla unterhalten.

Euer herausragendes neues Album „Graveyards Of Joy“ bringt eure Album-Trilogie zum Abschluss. Könnt ihr uns ein bisschen über die übergreifenden Themen der Trilogie erzählen, von „Ultracrepidarian“ über „A Greater Good“ bis hin zu „Graveyards Of Joy“?
Hallo! Wir freuen uns wirklich sehr, auf eurer Seite vorgestellt zu werden. Ehrlich gesagt ist dieses ganze „Trilogie“-Konzept eher zufällig entstanden, als wir das neue Album fertig hatten. So ein seltsamer Glücksfall, wirklich. Einige Leute (vor allem in den frühen Reviews) fingen an, diese Idee zu erwähnen, und das Label hat das dann auch aufgegriffen … und erst als wir einen Schritt zurückgetreten sind und die Dinge mit etwas Abstand betrachtet haben, haben wir gemerkt, dass es tatsächlich Sinn ergibt. Wir hatten ein zusammenhängendes Paket an Platten gemacht, das als Ganzes funktioniert.
Als wir 2020 „Ultracrepidarian“ gemacht haben, lag da diese Unsicherheit in der Luft, was die Zukunft für alle bereithält. Daher kamen Songs wie „Horror Vacui“, die dieses Gefühl beschrieben. Damals hatten wir keine Ahnung, ob das Projekt überhaupt über das hinaus weitergehen würde. Aber nach und nach, weil Ardua Music Interesse gezeigt hat, wurde das Projekt richtig geboren. Das hat uns angespornt, uns in das zweite Album reinzuknien.
Die Welt hatte sich bis dahin ein bisschen beruhigt, aber dafür haben persönliche Umwälzungen richtig hart eingeschlagen. Ich glaube, „A Greater Good“ dreht sich darum, schwierige (meist persönliche) Situationen anzunehmen, und „Graveyards Of Joy“ ist die Auflösung von all dem. Es ist Trauer, aber auf der anderen Seite ist es auch die Stärke, mutig in die Zukunft zu schauen und weiterzumachen. Frieden zu finden. Zu akzeptieren, dass manche Wunden nie ganz heilen, dass uns das aber nicht davon abhalten darf, das Leben zu genießen.
Ich habe ein paar Mal gesagt, es ist ein bisschen wie ein Aufbau, ein Knoten und eine Auflösung. Aber das Lustige ist: So klar haben wir das erst gesehen, als wir selbst ein bisschen Abstand zu unserer Musik gewonnen hatten. Alles, was wir schreiben, ist sehr persönlich, und diese drei Platten sind so etwas wie ein Tagebuch unseres Lebens in den letzten sechs Jahren. Eine lange Zeitspanne, mit harten Momenten und auch brillanten – wie bei jedem Leben, wirklich. Wir haben einfach das Glück und das Privileg, das durch Songwriting kanalisieren zu können.

TodoMal; 2026 © Christopher B. Wildman

Vor diesem Hintergrund: Siehst du TODOMAL auch in Zukunft mit übergreifenden Konzepten arbeiten, oder könnte euer nächstes Material sich von dieser Trilogie lösen und in eine komplett andere Richtung gehen?
Ganz ehrlich: Wir haben keine Ahnung. Alles, was wir machen, ist viel spontaner, als es aussieht. Wir nehmen uns nicht vor, diese riesigen, monumentalen Werke zu schaffen – zumindest nicht in einem erzählerischen Sinne. Wir haben einen Raum gefunden, in dem wir uns wohlfühlen, Musik zu machen – ein bisschen wie unsere eigene kleine private Insel. Wir haben schon einen Hang zu Drama und Größe, und ich gebe zu, das kommt manchmal aus einem ziemlich dunklen Sinn für Humor, und aus einer Haltung, die sehr weit davon entfernt ist, uns selbst zu ernst zu nehmen. Das heißt nicht, dass wir das, was wir tun, nicht ernst nehmen – das tun wir absolut. Aber manchmal hat diese Theatralik so eine ironische Unterströmung. Auch wenn dieses Album viel Psychotherapie und Katharsis in sich trägt, brauchen wir manchmal einen Hauch von Abstraktion und Surrealismus. Das sieht man zum Beispiel im Video zu „Point Of Coalescence“, oder in dem zu „Graveyards Of Joy“. Es ist außerdem enorm therapeutisch, ab und zu ein bisschen durchzudrehen. Und wenn man das etwas todernstem gegenüberstellt, kann der Kontrast noch viel härter einschlagen.

Musikalisch habt ihr eure Themen immer in ausladende und zutiefst mitreißende Kompositionen übersetzt. Was inspiriert euch beim Schreiben eurer Songs?
Inspiration … manchmal musst du einfach warten, bis sie auftaucht. Wenn du nach ihr suchst, zeigt sie sich nur selten. Um zu schreiben, müssen wir in einer bestimmten Stimmung sein. Und definitiv nicht dann, wenn es dir schlecht geht. Diese ganze „gequälter Künstler“-Ästhetik funktioniert bei uns nicht. Rückblickend waren unsere produktivsten Phasen immer dann, wenn wir stabil waren – mental und persönlich (was nicht immer einfach ist) – und wir haben das bestmöglich genutzt, indem wir gereist sind, endlose Straßen entlanggefahren sind und Musik gehört haben – alles von APHRODITE’S CHILD bis ELOY, oder was auch immer ein bisschen Kitsch hat. In Museen gehen, Zeit in der Region Matarraña verbringen, wo unser Hauptstudio ist, mit Leuten … im Grunde: uns einfach amüsieren. Dann geht das Leben während dieses Prozesses natürlich weiter, mit seinen Höhen und Tiefen, und das sickert dann in das ein, was wir schreiben.
Wir haben immer festgestellt, dass echte Inspiration spontan ist, statt das Ergebnis langer, erzwungener Studio-Sessions zu sein. Wir ziehen es vor, diese ersten kreativen Funken im Vorbeigehen einzufangen und in unseren Homestudios schnelle Demos aufzunehmen, bevor wir sie weiter ausarbeiten.

Die atmosphärische Seite eures Genres hat oft eine deutlich cineastische Qualität. Inwieweit siehst du Einflüsse klassischer Filmmusik in eurer Musik?
Gibt es bestimmte Komponisten oder Soundtracks, die dich inspiriert haben?
Da steckt ziemlich viel von so etwas in dem, was wir machen. Aber es kommt nicht nur daher, dass wir bestimmte Komponisten mögen (Ennio Morricone, Vangelis, Danny Elfman, Giorgio Moroder …), sondern auch daher, dass man überhaupt erst eine „visuelle“ Vorstellung von Musik hat. Was wir machen, wird stark von unserer Umgebung geprägt, wie diese Region in Spanien, die ich erwähnt habe, wo wir die Aufnahmen normalerweise fertigstellen. Endlose Himmel, Ruinen, jede Menge offene Weite … und es ist ziemlich natürlich, dass diese Bilder dem, was wir machen, ein cineastisches Gefühl geben.
Sich die Aufnahmen des Tages unter den Sternen noch einmal anzuhören, ohne Lichtverschmutzung, ist noch einmal etwas völlig anderes.
Viele Leute erwähnen so einen kleinen „Western“-Anstrich in den Strophen von „Deliverance“ … obwohl wir – ehrlich gesagt – selbst eher auf Spaghetti-Western stehen. Aber die Idee war, diesem Track – und eigentlich allen – genau die Behandlung zu geben, die sich interessant oder originell anfühlte, und sie irgendwo anders hinzubringen. Weg vom Offensichtlichen, sozusagen.
Wir behandeln Doom (oder welches Genre auch immer) nicht als eine Kiste, in der man bleiben muss. Es ist eher ein Ausgangspunkt, um das abzuschießen, was uns gerade durch den Kopf geht. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum viele traditionelle Doom-Metal-Fans das, was wir machen, als ziemlich weit entfernt vom Stil empfinden. Und sie haben recht. Wir wollen nicht die schwerste, die langsamste oder – wenn du mir den Ausdruck erlaubst – die unerquicklichste Nummer in der Szene sein.

Inspiration kommt auch durch musikalische Einflüsse. Welche Künstler oder Bands hatten den größten Einfluss auf die Musik, die TODOMAL heute macht?
Nun ja, in einem gewissen Alter ist es nicht immer so leicht, von etwas Neuem wirklich umgehauen zu werden. Es gibt natürlich Bands, die wir lieben, aber ich denke, wir haben inzwischen unsere eigene Formel gefunden. Oder zumindest eine Formel, die uns genug Raum gibt. Aber um ein paar verwandte Seelen zu nennen, auf die wir stehen… AVATARIUM, YOB, GREEN CARNATION, IMPURE WILHELMINA, CRIPPLED BLACK PHOENIX… Es ist nicht so, dass wir musikalisch wahnsinnig viel mit ihnen gemeinsam hätten, aber wir teilen diese Idee, Musik bis an die Ränder eines Genres zu treiben, das sich zu starr anfühlen kann. Wir klicken eher mit „Hybrid“-Bands, nicht mit den streng orthodoxen. Obwohl es natürlich auch Bands im klassischeren Stil gibt, die wir absolut lieben, wie CANDLEMASS oder CATHEDRAL.

Wie hängt die Musik auf „Graveyards Of Joy“ mit dem Album-Artwork zusammen, und was genau sehen wir da auf dem Cover?
Das Albumcover hat eine unheimliche Ähnlichkeit mit der Landschaft, die ich vorhin erwähnt habe. Wenn du dir das Foto auf der Rückseite ansiehst – die Farben, die Art Himmel, den Felsen – dann ist das fast identisch. So identisch, wie ein Foto eben zu einem romantischen Gemälde des 19. Jahrhunderts sein kann, jedenfalls. Dieses Foto und andere aus dem Promo-Shooting des Albums sind überhaupt nicht retuschiert. Genau so sah der Himmel in diesem Moment aus. Als wir dann auf das Gemälde von Lluís Rigalt gestoßen sind, fühlte sich das wie eine fast mystische Offenbarung an.

TodoMal; 2026 © Christopher B. Wildman

Und wenn du dir dieses Gemälde genau ansiehst, zeigt es die Ruinen einer Kirche, eine tote Landschaft, die nach und nach wieder vom Leben überzogen wird. Da steckt eine implizite Wiedergeburt drin, ein Gefühl von Hoffnung. Schon der Albumtitel selbst („Graveyards Of Joy“) spiegelt dieses Gefühl wider. In dem Gemälde gibt es, wenn du wirklich ganz genau hinschaust, einen kaum wahrnehmbaren alten Mann und einen jungen Mann. So ein bisschen wie zwei Generationen, von denen die eine die andere ablöst, vielleicht. Das passt alles zur Musik des Albums, zu diesem Kontrast zwischen Licht und Dunkelheit. Zu der Idee, dass aus Verwüstung etwas Neues entstehen kann. Diese Hoffnung, glauben wir, kommt am deutlichsten im Titelsong rüber, besonders in seinem finalen Crescendo.

Der Titel „Graveyards Of Joy“ trägt ein starkes Gefühl von Melancholie in sich. Welche Bedeutung steckt dahinter?
Es ist wirklich schwer, das in Worte zu fassen, ohne dass es wie Selbstgeißelung klingt. Aber ich kann es so zusammenfassen: In der letzten Zeit haben wir Menschen verloren, die uns sehr nahestanden, und das hat uns tief getroffen. Aber wir haben auch neue Menschen in unserem Leben willkommen geheißen. Wir werden geboren, wir sterben … dieses kosmische Gleichgewicht, das das Rad des Lebens in Bewegung hält. Auch der Rest der Band ist in unser Leben getreten, und das war ein echtes Geschenk. Aber auf diesem Album gibt es, ja, ein Gefühl des Abschieds und davon, nach vorn schauen zu müssen. Vieles davon entspringt sehr harten Momenten, aber am Ende … Trauer ist ein Werkzeug, und wenn du sie nicht als Sprungbrett benutzt, als Ausgangspunkt, um dich nach vorn zu katapultieren, dann ist es einfach nur Selbstquälerei. Wir wollen nicht die typischen, klischeehaften Künstler sein, die in Tragödie schwelgen. Wir wollen reisen, spielen, Menschen treffen und das Leben genießen. Und diejenigen, die leider nicht mehr bei uns sind, werden überall dorthin mitkommen, wo wir hingehen, weil sie Teil unseres Lebens sind, unserer Erinnerungen, unserer DNA. Es knüpft auch an diese Idee an, zu akzeptieren, dass manche Wunden nie ganz schließen, und dass wir sie mit ein bisschen Stolz tragen müssen und darin Frieden finden. Wir sind keine Philosophen oder so was, wohlgemerkt! Und ich will auch nicht, dass es wie billige Selbsthilfe klingt.

Könntest du uns ein bisschen über die Entstehung von „Graveyards Of Joy“ erzählen?
Wie sieht euer Songwriting-Prozess normalerweise aus?
Im Grunde fängt es immer mit einem einfachen, grundlegenden Demo an, mit einer Hauptidee. Etwas, das uns begeistert und bei dem wir Potenzial sehen. Da Christopher und ich in unterschiedlichen Städten leben, schicken wir uns diese Ideen normalerweise hin und her. Mit jeder „Reise“, sozusagen, werden die Songs überarbeitet, sie mutieren… bis wir am Ende so etwas wie eine eher grobe Version des Tracks haben. Sobald wir einen Satz Songs mehr oder weniger festgelegt haben (auch wenn sich das je nach Song immer noch hundertmal ändern kann – oder auch gar nicht), fahren wir ins Matarraña-Studio, um die Vocal-Takes, akustischen Gitarren fertig zu formen und die Produktion ein bisschen zu lenken. Sozusagen alles zusammenzuziehen. Manchmal streichen wir Songs oder legen sie auf Eis… und was auch immer überlebt, wird dann das Album. Danach kommt die technischere Phase, die ich normalerweise übernehme: die Mixe feinjustieren und all die langweiligen Sachen. Wir haben auch Javi Félez in der Live-Band, von Moontower Studios, also haben wir die letzten technischen Phasen dort abgeschlossen… und das ist es im Grunde auch schon. Aber der erste Funke ist meistens etwas wirklich Einfaches, wirklich Grundlegendes. Christopher ist bei dieser Seite der Dinge impulsiver. Ich schreibe auch, aber am Ende des Tages ist er derjenige, der die Songs live verkaufen muss. Und ich liebe es, wenn er ein Demo von mir nimmt und es komplett auf den Kopf stellt. Er hat ein wirklich unverwechselbares Gespür für Melodie, und er hebt alles, was ich mitbringe, immer auf ein höheres Level. Ich glaube, eine unserer Stärken ist, dass wir uns sehr gut ergänzen. Was nicht immer leicht ist, weil wir sehr unterschiedliche Menschen sind, mit unterschiedlichen Geschmäckern und sehr speziellen Sensibilitäten. Genau deshalb ist das, was die andere Person einbringt, immer so überraschend und anregend.

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Da „Graveyards Of Joy“ als abschließendes Kapitel eurer Trilogie dient: Hast du beim Songwriting oder bei der Gesamtqualität des Albums zusätzlichen Druck gespürt? Schließlich sagt man ja oft, dass Enden der schwierigste Teil sind.
Ja und nein. Auf der einen Seite… sind wir uns sehr bewusst, wer wir sind und wo wir stehen. Wir haben keine Träume vom Starruhm, außer einfach weiter Musik zu machen und sie mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen. Insofern gibt’s dieses Gefühl von „nichts zu verlieren“.
Auf der anderen Seite: Mit den sehr schmeichelhaften Reviews, die für das neue Album reinkommen, und der Resonanz, die die beiden vorherigen bekommen haben… spürt man immer diesen Druck, den Erwartungen gerecht zu werden. Ich kaufe es Bands überhaupt nicht ab, wenn sie sagen, sie „interessiere nicht, was die Leute denken“ und so. Offensichtlich macht man Musik für sich selbst, weil es die natürliche Art ist, Dinge auszudrücken. Aber sobald man sie da draußen platziert, sie in die Welt entlässt und teilt, will man natürlich, dass die Reaktion positiv ist. Du machst Musik für dich selbst, aber du veröffentlichst sie für die Leute. Das ist Teil dieses Egos, das jeder kreative Mensch mit sich herumträgt. Also ja, wir fangen an, diesen Druck zu spüren. Aber am Ende des Tages… ist es einfach nur Musik.
Wir – die Bands – bringen Platten in die Welt und denken, sie würden so eine Art Grundpfeiler sein… und am Ende verschwinden sie in einem Meer von Veröffentlichungen, von Zahlen… und noch mehr jetzt, wo digitale Musik alles dominiert… Platten haben eine Lebensdauer von etwa zwei Wochen, wie Motten, die vom Licht angezogen werden. Am Ende bist du einfach nur ein Tropfen im Ozean.

Wenn du zurückblickst: Wie würdest du sagen, hat sich TODOMAL von „Ultracrepidarian“ bis „Graveyards Of Joy“ entwickelt?
Ich glaube, die Zutaten waren von Anfang an dieselben. Was sich wahrscheinlich geändert hat, ist das Verhältnis dieser Zutaten. Die Doom-Seite, die Dunkelheit, die symphonischen und progressiven Elemente – die waren immer da. Wir haben uns unterwegs auch persönlich verändert, haben verbessert, was auch immer wir meinten verbessern zu können, und die Produktionen verfeinert. Das ist wohlgemerkt kein Erfolgsrezept, denn nichts garantiert, wie das Endergebnis am Ende ausfällt. Ich kenne Leute, die sagen, unser erstes Album sei ihr Favorit (was Sinn ergibt – wenn du eine Band entdeckst, bekommst du eine besondere Verbindung zu ihrer ersten Platte) … aber der Punkt ist: Dieses Album, oder auch das davor, spiegelt einen Moment in unserem Leben wider, der jetzt vorbei ist. Damals war es das Album, das wir machen mussten, oder das, zu dem wir fähig waren. Und das gibt ihm ein sehr eigenes Licht, seine eigene „Identität“. Jetzt, mit „Graveyards Of Joy“, unabhängig von der allgemeinen Resonanz (die wirklich großartig war), ist es die Platte, die uns heute am besten repräsentiert.

TodoMal; 2026 © Christopher B. Wildman

Ich denke, wir haben, sozusagen, ein paar mutige Entscheidungen getroffen und unsere Bandbreite ein Stück weiter nach außen geschoben. Für uns persönlich fühlt es sich nicht grundlegend anders an als das, was wir immer gemacht haben. Wie ich sagte: Vielleicht hat sich die Balance der Einflüsse leicht verschoben, wodurch wir eine hellere Platte haben, eine, die mehr Licht ausstrahlt. Aber es kommt immer noch aus denselben zwei leicht verrückten Köpfen. Ich persönlich – und ich kann ziemlich hart sein, wenn ich auf unser eigenes Zeug zurückblicke – bin immer noch stolz auf unsere früheren Platten, weil sie beide kleine Wunder sind. Zwei isolierte Typen, die Musik machen, die am Ende dazu geführt hat, dass wir heute da stehen, wo wir sind … das war eine wirklich interessante Reise. Und wir sind besonders stolz auf das neue Album. Weil es für uns ein echter Triumph ist. Wir sind immer noch vollständig autark – Produzenten, Designer, Fotografen, Videomacher … oft aus purer Notwendigkeit, aber inzwischen haben wir gemerkt, dass wir es tatsächlich so mögen. Es ist der einzige Weg, unsere Identität zu bewahren – und, wenn wir schon dabei sind, ein Statement dafür zu setzen, die volle Kontrolle über den kreativen Prozess zu behalten. Ich bezweifle, dass wir in Zukunft jemals das, was wir aufgebaut haben, an Außenstehende abgeben werden. Wir sind nicht die besten Produzenten oder Designer der Welt, aber alles, was aus unseren Händen kommt, ist echt.

Soweit ich das verstehe, seid ihr und Wildman der Kern von TODOMAL. Gleichzeitig hat euer neues Album eine breite Palette an Gastmusiker*innen. Was schätzt du an künstlerischen Kollaborationen am meisten, und welche Arten von Herausforderungen oder Unsicherheiten können entstehen, wenn so viele verschiedene kreative Köpfe zu einer Platte beitragen?
Da gibt es ein kleines Missverständnis. Wir haben das Album selbst aufgenommen, nur wir zwei. Wir sind beide Multiinstrumentalisten und wir haben die Aufnahmen gemacht – bei diesem Album und beim Rest unserer Diskografie. Ich habe Drums, Bass, Gitarren, Keyboards gemacht … Chris hat Gitarren, Keyboards, Vocals, Akustikgitarre, spanische Gitarre usw. gemacht … wenn wir aufnehmen, haben wir keine festen Rollen. Wirklich die einzige Band-Kollaboration bei der Aufnahme war Cecilia, die ein paar wunderschöne Vocals eingesungen hat. Dann haben wir, wie ich erwähnt habe, die Postproduktion mit Javi Félez in seinem Studio gemacht. Andere Musiker*innen haben auch Arrangements beigesteuert, wie Manu Clavijo bei den Streichern und Teodora Gosheva bei den Vocals für ein paar Tracks. Im Grunde haben wir ihnen die Arrangements geschickt, die wir brauchten, und sie haben ihre Parts danach aufgenommen. Aber abgesehen von diesen konkreten Kollaborationen lag der Rest der Musik bei uns. Witzig ist: Alles, was wir aufnehmen, wird dann an die Band übergeben, und sie interpretieren es. Oder eher: „reinterpretieren“ es, weil sich deine Musik verwandelt, sobald sie durch die Hände anderer Leute geht. Sogar unsere eigenen Performances müssen angepasst und neu gelernt werden. Das ist ein interessanter Job, weil du all diese Musikschichten auseinandernehmen und auf fünf Paar Hände aufteilen musst. Und manchmal überrascht uns das Ergebnis wirklich. Sagen wir einfach: Am Ende bekommt alles noch ein kleines Extra an Energie.

TodoMal; 2026 © Christopher B. Wildman

Kommen die Musiker*innen, mit denen du zusammenarbeitest, auch mit euch auf die Bühne, oder geht ihr eure Live-Auftritte anders an? Ich stelle mir vor, stark auf Backing-Tracks zu setzen, könnte sich ein bisschen … losgelöst anfühlen von der organischen Natur eurer Musik.
Ja, live sind wir zu fünft. Wir versuchen, so organisch wie möglich zu sein, aber wir benutzen Backing-Tracks, weil wir einfach nicht alles live reproduzieren können. Cecilia übernimmt die eher solistischen Arrangements an den Keys, die Hauptparts, aber es gibt Momente, in denen zum Beispiel gleichzeitig ein Klavier, Streicher und eine Hammond spielen, und das ist schlicht körperlich unmöglich abzudecken. Und du willst nichts weglassen, weil du sonst Atmosphäre verlierst. Entgegen dem, was viele denken, ist mit Backing-Tracks zu spielen tatsächlich ziemlich riskant. Obendrauf fahren wir live audiovisuelle Projektionen, die auch mit der Musik synchronisiert sind.
Was ich meine: Eine Band, die ohne Sequenzen und ohne Click-Track spielt, kann – wenn es einen strukturellen Fehler gibt – einfach ein oder zwei Takte „vampen“, um wieder in die Spur zu kommen. In unserem Fall, und bei Bands, die diese Methode benutzen, ist das schlicht nicht möglich. Ein kleiner Fehler und es ist eine Katastrophe. Alles läuft aus dem Sync. Nicht die Hauptsachen natürlich, aber manche Pads, Arrangements, die Videospur … Also: Sobald ein Song losgeht, gibt es kein Zurück. Alles muss perfekt koordiniert sein. Keine Wartetakte. Es ist ein Sprung ohne Sicherheitsnetz.
Trotzdem gibt es innerhalb dieser Parameter noch Raum für Improvisation. Wir spielen einen Song selten zweimal exakt gleich. Christopher ist ein sehr „viszeraler“ Performer, und die Art, wie er singt oder Gitarre spielt, kann von Show zu Show variieren. In der Hinsicht fühlen sich unsere Live-Shows meistens ziemlich organisch und spontan an. Wir würden liebend gern eine Live-Streichersection haben, ein paar Keyboarder*innen mehr und einen zusätzlichen Gitarristen … aber im Moment sind wir mit unserem kleinen Club aus fünf Bekloppten mehr als glücklich.

Apropos Live-Auftritte: Bei meiner Recherche ist mir aufgefallen, dass ihr bald in meiner Heimatstadt Dresden in Deutschland spielen werdet. Das ist eine ziemlich weite Reise für einen – vergleichsweise – kleinen Club-Gig. Habt ihr schon mal in Deutschland gespielt? Und wenn ja: Findet ihr, dass sich das deutsche Publikum von zum Beispiel dem Publikum in England oder Spanien unterscheidet?
Wir waren vor ein paar Monaten in München, beim DARK EASTER METAL MEETING. Es war wirklich interessant, auf so einem Festival zu spielen. Viel Black Metal, viel Extreme Metal … und wir sind aufgetaucht, um ein bisschen „Frieden“ zwischen dem einen Pit und dem nächsten zu bringen. Die Show lief wirklich gut, ehrlich. Jede Menge Leute meinten, das sei wie ein kleiner frischer Wind gewesen zwischen so viel Brutalität – mal eine ruhigere Show zu sehen, bei der man sich nicht den Hals verrenkt oder einen Ellbogen ins Gesicht riskiert. Die Logistik war auch super, das Hotel direkt auf der anderen Straßenseite, also war alles sehr bequem.

Etwas Ähnliches ist vor ein paar Wochen beim RESURRECTION FEST passiert, hier in Spanien. Wir waren so ein bisschen eine Kuriosität zwischen all den modernen Metalbands (zumindest an dem Tag, an dem wir gespielt haben). An dieses Gefühl gewöhnen wir uns. Aber es ist immer interessant, die Reaktionen zu sehen, wenn Leute, die uns nicht kennen, rüberkommen, um uns auszuchecken. Und grundsätzlich muss man sagen: Die Reaktionen sind ziemlich positiv.

Die Bands, die bei dieser Show mit euch dabei sind – EVOKEN und GORLEBEN -, teilen eine ähnliche musikalische Grundlage, bewegen sich insgesamt aber in noch düstereren Gefilden. Was hoffen TODOMAL dem Publikum zwischen zwei derart emotional schweren Auftritten geben zu können?
Wir haben ehrlich gesagt keine Ahnung, was uns von der Tour erwartet. Aber ganz ehrlich: Unser Ziel (jenseits davon, einfach gute Shows zu spielen) ist es, den Kreis zu erweitern. Mit anderen Bands auf Tour zu gehen, öffnet die Tür zu neuen Freundschaften, dazu, Zeit in einer Umgebung zu verbringen, die weg ist von unserem langweiligen Alltag, und es kann richtig viel Spaß machen. Hoffentlich kommen wir am Ende alle glücklich nach Hause – weil wir uns gut verstanden haben, weil wir die besten Shows gespielt haben, die wir spielen konnten, und weil wir eine Handvoll neuer Partner in Crime gefunden haben.
Was wir beisteuern können… ehrlich, ich hoffe ein bisschen zusätzlichen „Romantizismus“ oder Sensibilität gegen die schiere klangliche Intensität dieser Bands…

Eine etwas ungewöhnliche Frage, bevor wir zum Ende kommen: Was, glaubst du, brauchen wir als Menschen, um wieder ein bisschen mehr Freude und Leichtigkeit im Leben zu entdecken? Sonst könnten wir am Ende alle auf den Friedhöfen der Freude landen…
Ruft Leute an. Trefft euch mit euren Freunden. Bleibt nah bei eurer Familie, bei euren Älteren, denn wir halten es für selbstverständlich, dass sie immer da sein werden – und das werden sie nicht. Seid großzügig, denn was du gibst, ist das, was du am Ende mitnimmst. Denk daran: Am Ende des Tunnels ist immer Licht, egal wie lang er ist. Und sei mutig. Liebe so viel, wie du nur irgendwie kannst. Hass ist was für Feiglinge. Oft braucht es echten Mut, seine Stücke aufzusammeln, sich wieder zusammenzusetzen und weiterzumachen. Finde eine Leidenschaft und stürz dich da rein. Und behalt im Hinterkopf (wie du am Ende des „Graveyards Of Joy“-Videos sehen kannst)… dass wir hier nur auf der Durchreise sind. Wir wissen nie, was morgen bringt, also verschwende deine Zeit nicht. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber es ist der einzige Weg, wie wir durch diese Welt kommen können und, wenn wir uns in der Kiste aus Kiefernholz vorstellen, sagen können: „Okay, jetzt könnt ihr den Deckel schließen.“

Zum Schluss ist es Zeit für unsere traditionelle METAL1-Brainstorming-Session:
AI: Ohne KI verteufeln zu wollen, sagen wir einfach, dass bei diesem Album – bis runter zu den Credits und den Lyrics – alles von Hand geschrieben wurde. Wir haben sogar personalisierte handgeschriebene Notizen in die spanische Ausgabe gelegt. Da gibt es gewissermaßen eine gewisse Neigung zu einer Art „Humanismus“. Natürlich ist KI ein sehr nützliches Werkzeug für Recherche, wissenschaftlichen Fortschritt und so weiter… aber lasst uns Kunst so menschlich wie möglich halten. Es ist die einzige Hoffnung, die uns in so einer verrotteten, globalisierten, digitalen Welt noch bleibt.
ANATHEMA: Sie haben Brücken gebaut, indem sie zwischen Genres navigiert haben, zu einer Zeit, als das nicht so üblich war. Eine andere Art, Rock-/Metal-Musik zu betrachten.
Hans Zimmer: Ein Genie unserer Zeit. Sein Gesamtwerk ist so riesig, dass es unmöglich ist, alles abzudecken. Wir bekommen alle Gänsehaut bei diesem wunderbaren „Gladiator“-Score mit Lisa Gerrard von DEAD CAN DANCE (wir haben eine Schwäche für sie), aber er steckt auch hinter den wunderschönen Soundtracks für „Interstellar“ oder „Dune“, neben vielen anderen. Ich denke, er ist – zusammen mit Leuten wie John Williams, Jerry Goldsmith und Howard Shore – der Mozart oder Beethoven unserer Ära.
Typisch spanisch? Das Typischste an Spanien ist, sich privat über alles zu beschweren, aber wenn jemand fragt, wie es dir geht, zu sagen, dass alles super ist; „lass uns ein Bier holen“.
Auch wenn Menschen im Ausland dazu neigen, ein etwas stereotypisches Bild von Spanien zu haben (das machen wir ja alle bei anderen Orten), ist es tatsächlich ein sehr vielfältiges Land, von Norden nach Süden sehr unterschiedlich. Mehrere offizielle Sprachen existieren neben dem Spanischen, Klima und Landschaft wechseln, der Charakter der Menschen verändert sich…
TODOMAL in zehn Jahren? Hoffentlich in irgendeiner Bar, irgendwo auf der Welt verloren, Kriegsgeschichten erzählen und darüber lachen, wie sehr unsere Knochen wehtun.
Vielen Dank für das Interview! Es war mir eine Freude, eure Fragen zu beantworten. Cheers!!

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Philipp Sorger

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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