WALDGEFLÜSTER wandeln mit ihrem neuen Album „Knochengesänge“ zwischen den Welten. Wir haben die Veröffentlichung des Albums zum Anlass genommen, uns näher mit Mastermind Winterherz über seine musikalischen Anfänge, Genre-Vielfalt und natürlich auch den Entstehungsprozess des neuen Doppelalbums zu unterhalten.
Bevor wir uns heute über euer neues Doppelalbum „Knochengesänge“ unterhalten, möchte ich zum zwanzigjährigen Jubiläum von WALDGEFLÜSTER eine kleine Rückschau mit dir machen. Wie ging es damals überhaupt los?
Vermutlich war die E-Mail, die ich damals von Taaken von Odal/Irminsul Records bekommen hatte, ob ich nicht eine Demo bei ihm veröffentlichen will – der wirkliche initiale Moment, der zur Gründung von WALDGEFLÜSTER geführt hat. Ich hatte zuvor jahrelang mit meiner damaligen Band SCARCROSS relativ progressive Musik gemacht. Irgendwann brauchte ich ein anderes Ventil, ich hatte mich von dieser Art von Musik weg entwickelt. Ich brauchte etwas Roheres, etwas Intensiveres. Im Studium hatte ich dann endlich gelernt, wie man selbst Gitarren aufnehmen kann, einen Drumcomputer bedient etc., und so nahm ich einen Song auf und stellte diesen damals im Forum Myrrthronth.online ein. Ein paar Tage später kam die E-Mail von Taaken, und das hat endgültig dazu geführt, dass ich dieses Projekt intensiver weiterverfolgen wollte.

Wie erinnerst du diese Zeit?
Ich glaube, „Sturm und Drang“ fasst die Zeit gut zusammen. Ich hatte Energie und den Willen, hart an dieser Musik zu arbeiten, fühlte mich aber auch oftmals einsam – was guter Nährboden war.
Was schätzt du rückblickend an der Solo-Zeit, und wo sagst du: Sei’s gedankt, dass das vorbei ist?
Ich schätze rückblickend, dass ich jede Entscheidung allein, ohne Rücksprache, ohne zweite Meinung treffen konnte, und ich bin gleichzeitig froh, dass dies vorbei ist und nicht mehr jede Entscheidung auf meinen Schultern lastet. Außerdem möchte ich die Gemeinschaft, die wir innerhalb von WALDGEFLÜSTER haben, nicht mehr missen. Der letzte Doppelgig hat mir wieder gezeigt, wie stark das Band zwischen uns ist und wie gut wir miteinander funktionieren. Das ist etwas, das ich mir, als ich angefangen habe, immer gewünscht habe und an anderen Bands beneidet hatte.
Welches deiner Solo-Alben mit WALDGEFLÜSTER magst du am meisten – und warum?
Ich musste nach dem Lesen der Frage erst mal überlegen, welche Alben in die Kategorie fallen. „Stimmen im Wind“ war kein Album, „Femundsmarka“ hatte ich zusammen mit meinem Bruder geschrieben. Aktuell ist es für mich „Herbstklagen“. Dieses Sturm-und-Drang-Gefühl, die Emotionalität und der Aufbruch, der in allen Songs irgendwie mit drin ist, machen es für mich zu einem sehr besonderen Album.
Kommen wir mal zu eurem neuen Album – oder besser: Alben – „Knochengesänge“. Du hast in den Liner Notes geschrieben, das Album sei ein sehr persönliches geworden. Worauf bezieht sich das?
„Knochengesänge“ dreht sich um unsere Sterblichkeit und darum, was wir hinterlassen. Natürlich habe ich tief persönliche Erlebnisse und Gedanken darauf verarbeitet. Ich denke, beim Lesen der Lyrics sollte das klar werden.
Nimm uns doch mal ein bisschen in das lyrische Konzept von „Knochengesänge“ mit. Was ist die Botschaft, die eure neuen Songs vermitteln sollen?
Meine Songs sollen nie Botschaften vermitteln. Ich verarbeite dort meine eigenen Dämonen, und ich würde es mir niemals anmaßen, aufgrund dessen anderen irgendwelche Ideen vermitteln zu wollen. Aber natürlich befasse ich mich auf dem Album viel damit, was wir hinterlassen, wenn wir gehen, und das regt mich zumindest an, darüber nachzudenken, wie ich mein Leben führen will. Vielleicht können auch andere dies aus dem Album ziehen. Eine der wichtigsten Zeilen des Albums ist: „Als der Tod mich fragt: Erklingen deine Lieder, um bittersüß zu tanzen?“ Die Zeile ist mir gekommen, als ich das wunderschöne und tieftraurige Video von der Beerdigung von Shane MacGowan gesehen habe, in dem viele seiner Weggefährten zusammen „Fairytale Of New York“ gesungen haben.
Wenn wir uns die heutigen Zeiten mal anschauen – dann sieht es gerade an vielen Orten auf der Welt alles andere als rosig aus. Inwieweit haben all diese Entwicklungen, in Deutschland wie der Welt, „Knochengesänge“ beeinflusst?
Ich glaube, die Entwicklungen der Welt hatten höchstens einen indirekten Einfluss auf das Album, da ich mir natürlich immer mehr die Frage stelle, in welcher Welt meine Kinder später leben werden müssen.
Ich habe „Knochengesänge“ als ein sehr sehnsüchtiges Doppelalbum erlebt. Wonach glaubst du, sehnen sich die Menschen heute?
Ich maße mir nicht an, zu wissen, wonach sich die Menschen sehnen. Ich für meinen Teil sehne mich nach echtem gesellschaftlichem Fortschritt und danach, dass wir die Rückwärtsgewandtheit der letzten zehn Jahre endlich überwinden.
Kommen wir mal zu den einzelnen Alben. „Knochengesänge I“ ist ja gewissermaßen die Ausgangslage für den zweiten Teil. Wie erinnerst du den Entstehungsprozess, und wie hat der sich eventuell von „Dahoam“ unterschieden?
„Dahoam“ wurde in relativ kurzer Zeit geschrieben. Das Konzept und wie die einzelnen Songs aufgebaut sein sollten, waren von vornherein festgelegt. „Knochengesänge“ entstand über einen ziemlich langen Zeitraum – wohin die Songs uns treiben würden, war nicht immer klar. Aber wir haben darauf geachtet, dass die Songs zusammen schlüssig sind und dass das Album so kohärent wie möglich wird. Das führte auch dazu, dass ein Song noch einmal weggeschmissen wurde, als die Demos endlich am Stück gehört wurden, und ein neuer geschrieben werden musste.
Ihr habt für den Song „Lethe – Der Fluch des Schaffenden“ mit Alboin von EIS zusammengearbeitet. Wie kam es zu dem Feature, und was verbindet WALDGEFLÜSTER und EIS?
Seit dem SUMMER BREEZE 2017, als wir nebeneinander campten und Alboin auf einen Schnack rüberkam, sind wir befreundet. Seitdem haben wir mehrere Shows zusammen gespielt und waren jetzt auch zweimal zusammen für ein Wochenende unterwegs. Es war klar, dass wir Alboin mal auf einem unserer Alben brauchen.
„Knochengesänge II“ wird von euch als ein Experiment beschrieben, das sich dem Album aus anderen Genre-Perspektiven nähert. Was findet man bei dir im non-metallischen Plattenschrank?
Von Ambient, Americana, Elektro bis hin zu Popmusik findet man bei mir wirklich aus so gut wie allen Genres Vertreter. Mir ist inzwischen nur noch wichtig, ob mich die Musik berührt und ob ich den Eindruck künstlerischer Integrität bekomme. Was nicht heißt, dass die Personen nichts mit der Musik verdienen dürfen, sondern dass die Lieder den Eindruck vermitteln: Es ist ihnen ein Bedürfnis, sich künstlerisch auszudrücken. Klar ist das nicht messbar – hier geht es nur um meinen subjektiven Eindruck.

Erzähl gern mal an ein, zwei Beispielen, wie ihr die Reworks angegangen seid. Was war bei diesem Vorhaben das Schwierigste für euch in Sachen Umsetzung?
Das war sehr unterschiedlich. „Knochengesang“ wurde geschrieben mit der Idee, eine Country/Folk-Nummer daraus zu machen. Dort war es also ziemlich einfach, die Umwandlung vorzunehmen. Bei „Hypnos / Crusade In The Dark“ haben wir uns wesentlich schwerer getan. Eigentlich sollte daraus ein poppiges Folk-Stück werden. Das hat aber auch nach dem dritten Anlauf partout nicht geklappt. Erst, als ich beim Rumspielen mit den Riffs auf einmal an alte KATATONIA denken musste, wurde klar, was aus dem Song werden sollte.
Jetzt, nachdem ihr mit „Knochengesänge I“ eure verträumt-sehnsüchtige Seite kennengelernt habt und „Knochengesänge II“ euren Wunsch nach Grenzenlosigkeit manifestiert hat: Wie hoch ist da die Chance, dass (vielleicht) auf „Knochengesänge III“ diese sehr unterschiedlichen Ansätze zu einem Ganzen verschmelzen?
Ich behaupte ja, dass wir auf unseren bisherigen Alben immer diesen Weg gegangen sind und erst auf „Knochengesänge“ diesen Split vorgenommen haben.
20 Jahre WALDGEFLÜSTER – was würdest du deinem Ich aus 2005 heute gerne sagen?
Mach genau so weiter. Ich habe mich nie verbogen. Vielleicht sind wir auch deshalb nie besonders groß geworden – aber das ist egal. Ich bin stolz auf das, was wir geschaffen haben, und darauf, dass wir unsere Integrität nie verloren haben.

Ich danke dir für deine Zeit. Zum Abschluss gibt es noch unser Brainstorming:
Black Metal 2005: Der Zauber der alten Tage ist verflogen – was aber weniger an neuen Bands liegt, sondern an der späten Erkenntnis, wie konservativ und engstirnig die sogenannte Szene anscheinend immer war.
Letztes gekauftes Non-Metal-Album: MAX RICHTER – „Sleep Circle“
Markus Söder: Machtgeiler Lügner, der uns mit seinem Hinterherrennen der AfD immer weiter in den Untergang treibt.
Black Metal 2025: Siehe oben.
WALDGEFLÜSTER in zehn Jahren: Macht hoffentlich immer noch emotionale Musik in irgendeiner Form, um die eigenen Dämonen zu vertreiben.
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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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