
Zum 29. Mal findet das BRUTAL ASSAULT OPEN AIR nun statt. Aus dem vornehmlich für Fans aus Tschechien und Polen relevanten Festival ist längst ein international angesehenes Festival geworden – und auch für viele deutsche Fans eine echte Alternative zum inländischen Festival-Angebot. Das liegt nicht nur am stets ausgesuchten Billing, sondern auch am „Drumherum“: der atemberaubenden Festungslocation, der geschmeidigen Organisation, dem herausragenden Essensangebot und nicht zuletzt den vergleichsweise fairen Preisen.
Auch in diesem Jahr könnte die Ankunft in der Festung Josefov bei Jaroměř entspannter kaum ablaufen: Keine Staus zu den Parkplätzen, keine Wartezeiten am Campground oder dem Ticket-Swap oder den Kassen zum Befüllen der Cashless-Chips für alle, die das nicht schon vorab online erledigt haben. Und auch diesmal wird schon beim Aufbauen der Zelte klar: Hier muss niemand Nachbarn mit Generator und Ambitionen auf den Titel „König von Mallorca“ haben. Wer aufs BRUTAL ASSAULT fährt, sucht Ruhe, Entspannung und Krach nur vor den Bühnen.
Von diesen gibt es auch 2026 wieder vier: Die beiden Seit an Seit stehenden Hauptbühnen (Marshall- und Sea-Shepherd-Stage), die hinter dem Metal-Markt platzierte Obscure-Stage sowie die in einem Festungsinnenhof gelegene Octagon Stage. Nicht als Bühne im eigentlichen Sinne, aber als Ort für Workshops, DJ-Sets und Ähnliches steht zusätzlich noch die KAL-Stage (indoor) zur Verfügung.
Bespielt werden die Bühnen vier beziehungsweise fünf Tage: Auf der Obscure-Stage geht es bereits am Dienstag mit einem Warm-up-Programm los, die restlichen Bühnen werden dann an den vier regulären Festivaltagen bespielt. Warum für den Warm-up-Tag ausgerechnet AHAB als Headliner und einzig namhafte Band auserkoren wurde, bleibt allerdings ein Geheimnis der Veranstalter: So schön der Nautic Funeral Doom der Deutschen auch ist – zum Aufwärmen wäre eine Band aus dem Bereich Grind oder Thrash, beispielsweise GUTRECTOMY oder DEATH ANGEL, doch die deutlich bessere Wahl gewesen.
Mittwoch, 05.08.2025
Als Opener des Festivals wurden in diesem Jahr BEELZEBONG auserkoren, denen ab 12:00 Uhr die Marshall-Stage gehört. Instrumentaler Stoner Metal zum High Noon funktioniert – und das nicht nur (aber wohl auch) high. So ist das Infield trotz der sengenden Sonne gut gefüllt, und während BEELZEBONG via Tape-Aufschrift auf ihren drei (Bass-)Gitarren das Motto „Bong“, „Fire“, „Death“ ausgeben, machen im Publikum große Show-Bongs aus Pappe wie auch echte Joints die Runde.
War der Einstieg noch eher sanft, wird es anschließend sowohl auf der Sea-Shepherd-Stage mit den Thrash-Veteranen ONSLAUGHT als auch auf der Obscure-Stage mit 200 STAB WOUNDS gleich um einige Härtegrade extremer. Insbesondere bei letzteren wird den Fans einiges abverlangt: Vor der Stage gibt es keinen Quadratzentimeter Schatten. Trotzdem wirbeln die Fans zum Death Metal der Amerikaner schon ordentlich Staub auf. Auf der Marshall-Stage sorgen derweil UNEARTH für Bewegung vor der Bühne und erste Crowdsurfer:innen: Die Amerikaner zählen zu den Urgesteinen des Metalcore – und obschon das Genre immer „neu“ klingt, heißt das, dass UNEARTH auch schon über 20 Jahre dabei sind. Entsprechend routiniert geht die Truppe zu Werke und präsentiert bei fettem Sound Material von immerhin sechs (ihrer insgesamt acht) Alben.
- The Wretched; The Ruinous
- Giles
- Incinerate
- This Glorious Nightmare
- This Lying World
- Endless
- My Heart Bleeds No Longer
- My Will Be Done
Von Metalcore geht es zu Hardcore: Bei Temperaturen nahe den 40 °C ist gute Hydrierung essenziell – entgegen ihrem Namen bringen H2O ihre Fans aber eher ins Schwitzen. Zum energiegeladenen Songmaterial der New-York-Hardcore-Instanz starten die hartgesottenen Fans trotz der äußeren Umstände einen Circlepit. Ansonsten drängt sich die Zuhörerschaft vornehmlich im wenigen Schatten, den die Bühne wirft. In diesem Kontext ist es vielleicht sogar gut, dass H2O nur rund 30 Minuten statt der geplanten 40 Minuten spielen und den Fans so die Möglichkeit geben, sich an den diversen Bars oder den Trinkwasserhähnen und Wasserstellen zu erfrischen. Der Tag ist schließlich noch jung …
Jung sind auch VENDED, die als Newcomer mit erst einem Album überraschend auf der Hauptbühne gelandet sind. Dass gleich zwei Sprösslinge von SLIPKNOT-Musikern involviert sind, mag auf dem BRUTAL ASSAULT keine Rolle spielen, dürfte der Karriere der Band aber in mehrfacher Hinsicht geholfen haben: Neben den Kontakten im Business hört man der Band die frühkindliche Bildung mit Nu Metal an – und Sänger Griffin Taylor hat nicht nur die Gesten, sondern zu seinem Glück auch die Stimme seines Vaters geerbt. Das ist aber natürlich nur die Basis – was VENDED daraus machen, ist ihr eigener Verdienst: Die Songs haben Groove, die Band gibt sichtlich alles. Entsprechend gut ist die Stimmung im Publikum. Die Show zeigt vor allem eines: Festivals sollten Newcomern viel früher viel mehr zutrauen – denn was an Routine fehlen mag, machen diese mit Engagement wett.
Mit 45 Dienstjahren eher am anderen Ende der Karriere angekommen sind METAL CHURCH. Das allein ist natürlich kein Kriterium – mit ihrem klassischen Heavy Metal sind die Herren aus Seattle aber ähnliche Exoten im Billing wie so manche experimentelle Band. GUILT TRIP vereinen im Anschluss wiederum beides: Die Briten sind erst zehn Jahre dabei, spielen aber klassischen Hardcore und kommen damit beim Publikum bestens an. Die Eigenständigkeit einer frischen jungen Band lassen GUILT TRIP zwar missen, ihren Vorbildern huldigen die Jungs aus Manchester aber überaus souverän.
Dass bereits um 17:15 Uhr der Mond aufgeht, ist SAMAEL zuzuschreiben. Vom Backdrop-Motiv abgesehen ist es aber natürlich noch sommerlich hell, was der Show der Schweizer atmosphärisch nicht eben zuträglich ist. Aber auch sonst bleiben SAMAEL heute leider eher blass: Die beiden neuen Songs „Black Matter Manifesto“ und „Hail To The Sun“ setzen leider keine Akzente, der Sound ist eher durchwachsen und so gut „Passage“ auch gewesen sein mag, wäre es nach jahrelangem Jubiläumstouren inklusive Live-Album (bereits 2024) so langsam Zeit, für die Setlist auch mal wieder andere Alben als dieses und „Ceremony Of Opposites“ zu berücksichtigen.
- Rain
- Shining Kingdom
- Angel’S Decay
- Black Trip
- Son Of Earth
- Hail To The Sun
- The Ones Who Came Before
- Ceremony Of Opposites
- Baphomet’S Throne
- Black Matter Manifesto
- My Saviour
Ein echtes Highlight hingegen steht anschließend mit NEVERMORE auf dem Programm: Die Wiedergeburt der Progressive-Metaller im Jahr 2024 nach 13 Jahren Pause war eine Sensation – nicht zuletzt wegen des neuen Sängers, Berzan Önen, der sich in einem umfangreichen Casting-Prozess durchsetzen konnte. Was Jeff Loomis an dem Mann aus dem türkischen Metal-Underground begeistert hat, wird heute schnell klar: Als hätte er in seinem Leben nichts anderes getan, als auf großen Festivals vor tausenden Menschen zu singen. Mit beeindruckender Stimme, einnehmender Bühnenpräsenz und einer grundsympathischen Art führt Önen NEVERMORE durch ein starkes Set. Diese Reunion ist definitiv eine runde Sache – das für 2027 angekündigte Comeback-Album kann kommen!
- Beyond Within
- Inside Four Walls
- My Acid Words
- Engines Of Hate
- Born
- The Heart Collector
- Narcosynthesis
- The River Dragon Has Come
- Enemies Of Reality
Derweil verzaubert die Okkult-Rock-Koryphäe Esther „Jinx“ Dawson mit COVEN nicht nur das Publikum, sondern auch die Uhr, und holt auf der Obscure-Stage einige Minuten extra raus. Mit nunmehr 76 Jahren hat die Sängerin aber auch die nötige Gravitas, damit der Stagemanager gar nicht erst in Aktion tritt. Daran liegt es aber nicht, dass KYLESA ihren Auftritt viel später als geplant beginnen – sondern an einem technischen Defekt an der Gitarre von Laura Pleasants. Warum hier kein Ersatz bereitsteht, weiß nur Pleasants selbst – die 15 Minuten Verzögerung können KYLESA aber natürlich nicht in voller Länge nachholen. Dass KYLESA trotzdem wertvolle Minuten mit einem Zugabespielchen verschwenden, ist befremdlich. Aber auch sonst wirkt der Auftritt der erst 2025 wiedervereinigten Band ziemlich chaotisch – etwa wenn Pleasants Star-Drummer Roy Mayorga (ehemals SOULFLY, STONE SOUR, MINISTRY) dazu drängt, weiterzumachen – ihn aber im Unklaren darüber lässt, mit welchem Song der von ihr spontan eingekürzten Setlist. Technische Probleme sind immer ein Ärgernis; Profis sollten damit aber besser umgehen können – immerhin haben die Fans in Tschechien seit zwölf Jahren auf eine KYLESA-Show gewartet.
- Only One
- Said And Done
- Descend Within
- Where The Horizon Unfolds
- Hollow Severer
- What Becomes An End
- Unknown Awareness
- Scapegoat
- Running Red
Auf den Deathcore von FIT FOR AN AUTOPSY wird es auf den Hauptbühnen noch technischer: PERIPHERY zeigen an allen Instrumenten ihr herausragendes Talent, ohne dabei die Härte vermissen zu lassen, die eines Metal-Festivals würdig ist: Metalcore trifft hier auf Prog-Metal, den Zuschauenden bleibt dabei nur mehr, mit offenem Mund zu staunen.
Wem das zu viele Noten sind, der oder die kann zunächst zu SÓLSTAFIR abwandern, die auf der Obscure-Stage in gewohnter Qualität – leider aber auch bei einsetzendem Regen – ihre isländische Melancholie zelebrieren, oder sich einen Platz im leider recht beengten Octagon sichern, um ebenfalls viele Töne zugleich, aber in ganz anderer Konstellation zu hören: Hier kreiert das Schweizer Duo BÖLZER mit Drumkit und zehnsaitiger Gitarre sowie vielen gitarrentechnischen Spielereien eine massive Sound-Wand – zumindest direkt vor der Bühne. Nach hinten verliert der Sound leider schnell an Kraft, trotzdem stehen die Fans hier dicht gedrängt, um der minimalistischen, aber ausdrucksstarken Performance zu lauschen.
Dass die Thrash-Punks MUNICIPAL WASTE einen 21:10-Uhr-Slot auf der Mainstage haben, überrascht dann doch – bereiten diese damit doch direkt den Weg für eine echte Legende: Tom Warrior und seinen CELTIC-FROST-Nachfolger TRIPTYKON. Dass der Schweizer ein ausgemachter Fan-Liebling ist, liegt gleichermaßen an seiner einzigartigen Musik und seinem bescheidenen Auftreten: So präsentiert Warrior auch heute die Genre-prägenden Songs aus über 40 Jahren Extreme-Metal, als wäre das nichts Besonderes. Die Fans hingegen reagieren auf den HELLHAMMER-Song „Messiah“ ebenso euphorisch wie auf das Material aus späteren Schaffensphasen – und huldigen der Legende mit Sprechchören mit seinem Markenzeichen: „Uh!“ Dass die Übergänge zwischen Warriors Bands fließend sind, versteht sich von selbst – etwas schade ist dennoch, dass TRIPTYKON lediglich mit drei Songs im Set vertreten sind. Doch einen Tod muss man sterben: Dafür nämlich gibt es in den 65 Minuten ganze fünf CELTIC-FROST-Nummern geboten, darunter das grandiose „A Dying God Coming Into Human Flesh“.
- Circle Of The Tyrants (CELTIC-FROST-Cover)
- Into The Crypts Of Rays (CELTIC-FROST-Cover)
- Goetia
- Demon Pact
- Progeny (CELTIC-FROST-Cover)
- A Dying God Coming Into Human Flesh (CELTIC-FROST-Cover)
- Aurorae
- Messiah (HELLHAMMER-Cover)
- Synagoga Satanae (CELTIC-FROST-Cover)
Wer dachte, damit sei der dunkelste Punkt der Nacht erreicht, kennt AMENRA schlecht: Die Belgier kreieren mit düsteren Schwarz-Weiß-Visuals und ihren tieftraurigen Songs eine ganz eigene Atmosphäre. Dass das in intimen Clubs besser funktioniert als auf einer großen Festival-Bühne, ist unbestreitbar – doch zumindest hier und heute kann sich kaum jemand der Wirkung aus Bild und Ton entziehen, sodass das Publikum bis in die hintersten Reihen andächtig (und vor allem still schweigend) lauscht.
- Boden
- Plus Près De Toi (Closer To You)
- Razoreater
- A Solitary Reign
- De Evenmens
- Am Kreuz
- Diaken
Dagegen kommen BATUSHKA (immerhin die „echten“ von Krzysztof Drabikowski) als letzte Band im Mainstage-Programm leider nicht mehr an: Weil der Sound der Musik nicht wirklich gerecht wird und die Cleanparts fast untergehen, während die harten Passagen unangemessen roh klingen; aber auch, weil in der Stille zwischen den Songs alle Atmosphäre wieder verfliegt – und weil die grellbunte Lightshow eher wie der Showcase eines Lichtanlagenherstellers wirkt, als die Stimmung der Musik gelungen zu untermalen. Immerhin mangelndes Engagement kann man BATUSHKA nicht vorwerfen: Ihre auf 55 Minuten angesetzte Show überziehen die Polen um satte zehn Minuten. Um nach diesem kräftezehrenden Tag noch weitere 20 Minuten auf WITCH CLUB SATAN zu warten, sind viele Fans doch zu erschöpft. So leert sich das Infield nach BATUSHKA eher in Richtung Campground als gen Obscure-Stage. Wie schon in den letzten Jahren erweist sich dieser Late-Night-Slot als mehr als undankbar – für die Fans, für die Band – und für die Bands des folgenden Vormittags: Der erste Slot des Tages ist bereits um 10:30 Uhr angesetzt.
Donnerstag, 06.08.2026
Der Vormittag des zweiten Festivaltags – unter anderem mit BAEST (unverschämt früh um 11:05 Uhr), THE CASUALTIES, SANGUISUGABOGG, ILLDISPOSED und den aufstrebenden Theater-Heavy-Metallern CASTLE RAT – ist nur für wetterfeste Fans gemacht: Was es tags zuvor zu heiß war, ist es jetzt zu nass. Zur Show von HOCICO um 14:20 Uhr kommt man dann aber trockenen Gewands. Ob sich das lohnt, steht auf einem anderen Blatt: Mit großem Engagement und spannenden Outfits bieten die Mexikaner mäßig spannenden Aggro-Tech. Zum Eingrooven für den langen Tag eignet sich der Auftritt aber allemal, und so kommt das Publikum bald in Bewegung. In gleich zwei Richtungen zu gleich möchte man sich anschließend bewegen.
Während es auf der Obscure-Stage mit BLACKBRAID in Richtung Black Metal geht, geben auf der Sea-Shepherd-Stage KITTIE ihr BRUTAL-ASSAULT-Debüt. 2020 reaktiviert, steht die rein weiblich besetzte Band wie kaum eine andere für die Schnelllebigkeit des Nu-Metal Anfang der 2000er-Jahre. Mit „Spit“ gelang KITTIE 1999 ein vielgelobtes Debütalbum, für die große Karriere reichte es dann aber doch nicht. Dass das Genre aktuell ein Revival erlebt, lässt sich aber auch hier feststellen: Im Publikum sind sowohl die Fans von damals als auch ganz offensichtlich erst in den letzten Jahren dazugestoßene Fans vertreten – aber alle feiern die Klassiker „Spit“ und „Brackish“ mehr als alle anderen Songs zusammen. Wer nichts zu feiern hat, ist unterdessen das Security-Team im Graben, das sich mit einer ordentlichen Menge Crowdsurfender konfrontiert sieht.
- Fire
- I’ve Failed You
- Cut Throat
- Oracle
- Spit
- Ugly
- Empires (Part 2)
- We Are Shadows
- We Are The Lamb
- Vultures
- Mouthful Of Poison
- Brackish
- Eyes Wide Open
Auf der Obscure-Stage hätte man mit ILL NINO stilistisch anknüpfen können – der Auftritt der US-Amerikaner entfällt jedoch krankheitsbedingt, stattdessen rücken SLOPE auf den Slot. Der Großteil des Publikums entscheidet sich aber dann doch für BLEED FROM WITHIN. Nach 20 Jahren im Geschäft sind die Schotten längst keine Newcomer mehr. Trotzdem hat die Band in den letzten Jahren nochmal einen gewaltigen Sprung gemacht: Die Produktion hat mit gigantischem Backdrop, aufblasbaren Stacheln und goldenen Bühnenaufbauten Headliner-Niveau – das gilt aber auch für die Performance: Das Highlight ist ohne Frage Hannah Boulton, die als Gastsängerin ihre sonst gesampleten Album-Spuren live singt. Aber auch BLEED FROM WITHIN selbst liefern richtig ab und bekommen nicht nur Circle-Pits, eine Wall of Death und Jump-Action (zu „Godcomplex“), sondern auch eine Tüte mit dosenweise Irn-Bru vom Publikum – dem schottischen Nationalgetränk. Völlig verdient: Wenige Bands sind sympathischer und zugleich so gut wie die Truppe aus Glasgow.
- Zenith
- The End Of All We Know
- Levitate
- A Hope In Hell
- Pathfinder
- God Complex
- I Am Damnation
- In Place Of Your Halo
Wem nach THY ART IS MURDER zur Abwechslung nicht nach purem Geballer zu Mute ist, wendet sich der Sea-Shepherd-Stage zu: Mit dem BOHEMIAN SYMPHONY ORCHESTRA PRAGUE führen WALTARI dort zum 30-jährigen Release-Jubiläum ihr Album „Yeah! Yeah! Die! Die! Death Metal Symphony In Deep C“ auf – im WALTARI-Classic-Line-up mit Sami Yli-Sirniö (KREATOR), Janne Parviainen (ENSIFERUM) und Jariot Lehtinen. Anders als bei CULT OF FIRE 2024 steht diesmal ein volles, rund 30-köpfiges Orchester auf der Bühne – aber auch sonst hat sich WALTARI-Mastermind Kärtsy Hatakka alias „John Doe“ tatkräftige Unterstützung geholt: Laura Ruusumaa („The Voice Of Finland 2024“) in der Rolle des Engels und AMORPHIS-Gitarrist Tomi Koivusaari als growlendes „Computer Brain“ helfen tatkräftig dabei, den verrückten Mix aus Symphonic und Death Metal, Techno und Rap adäquat zum Leben zu erwecken. Gemeinsam entfacht das Ensemble ein mitreißendes Avantgarde-(Metal-)Spektakel, das allerdings wider Erwarten (bei einer Albumspielzeit von 58:25 Minuten und angesetzten 65 Minuten Spielzeit) nur knapp 50 Minuten dauert. Immerhin: So bleibt etwas Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten, ehe es mit dem Programm weitergeht.
Dass als Nächstes ausgerechnet SEPTICFLESH an der Reihe sind, ist dramaturgisch natürlich nicht ideal – gibt es doch kaum eine Band, die eines Orchesters mehr bedarf als die Symphonic-Death-Metaller aus Griechenland. Für die heutige Show kommen die Orchester-Parts jedoch nur vom Band. Gegenüber dem eben gesehenen ist das atmosphärisch natürlich ein Downgrade, trotzdem können die Athener das große Publikum durch eine engagierte Show begeistern. Mit mehr Spannung wird aber sichtlich der nächste Act erwartet: Schon während des SEPTICFLESH-Konzerts füllt sich der Bereich vor der nebengelegenen Sea-Shepherd-Bühne zusehends.
- Portrait Of A Headless Man
- Neuromancer
- The Vampire From Nazareth
- Hierophant
- Coming Storm
- Martyr
- Virtues Of The Beast
- Enemy Of Truth
- The Collector
- Anubis
- Dark Art
Dort rückt der bei WALTARI angedeutete Rap nun in den Mittelpunkt: Niemand Geringeres als Ice-T ist mit BODY COUNT in the house. Zwar halten auch die Rap-Metaller es mit den vertraglich vereinbarten Spielzeiten nicht so genau und beschränken ihre Arbeitszeit ökonomisch clever auf 45 (statt 55) Minuten, wodurch sich der Lohn für die getane Arbeit um stolze 22 % erhöht. In der Dreiviertelstunde machen BODY COUNT aber Wirbel. Mr. Ice-T stellt früh klar: „We are here not to rock for you but to rock with you“, und sein Sohn und Hype-Sänger Tracy Marrow Jr. alias Little Ice kommt mehrfach nicht nur in den Graben und an die Barriere, sondern geht auch gleich Crowdsurfen. Musikalisch geht es dabei quer durch die BODY-COUNT-Diskografie, aber auch Cover-Versionen von SLAYER („Raining Blood/Postmortem“) und THE EXPLOITED („Disorder“) finden Platz im Set. Mit „Talk Shit, Get Shot“ und dem finalen – in Deutschland indizierten – „Cop Killer“ setzen BODY COUNT der Performance zum Abschluss die Kirsche auf. Ob es die Band im Billing wirklich gebraucht hätte, steht aller guten Stimmung zum Trotz auf einem anderen Blatt: Insbesondere auf einem sonst sehr reflektierten, weltoffenen Festival wie dem BRUTAL ASSAULT wirkt toxische Männlichkeit, wie etwa in „Manslaughter“ zelebriert, vollkommen aus der Zeit gefallen. Dass das klassisches Oldschool-MC-Mindset ist, zählt als Argument nur begrenzt: Anders als viele tote Kollegen hätte Ice-T genug Zeit gehabt, zu reflektieren und zumindest seine Ansagen nicht komplett hodenfixiert zu halten oder den weiblichen Teil des Publikums zumindest gelegentlich zu inkludieren. Da damit aber ehrlicherweise nicht zu rechnen war, stellt sich doch die Frage, ob man statt dieser Macho-Nummer nicht auch einfach einen Headliner mit zumindest einer Frau hätte buchen können – beispielsweise ARCH ENEMY.
- Body Count’s In The House
- Raining Blood / Postmortem (SLAYER-Cover)
- Point The Finger
- There Goes The Neighborhood
- The Purge
- Manslaughter
- No Lives Matter
- Psychopath
- Drive By
- Disorder (THE-EXPLOITED-Cover)
- Talk Shit, Get Shot
- Cop Killer
Weniger polarisieren AMORPHIS: Die Finnen haben sich als Konsensband unter Fans aller Genres etabliert, entsprechend voll ist es vor der Bühne. Unübersehbar ist der riesige Krähenschädel in der Bühnenmitte – die bislang stets puristisch auftretenden AMORPHIS sind nun also auch unter die Bands mit aufwendigem Bühnenbild gegangen. Über die Leinwand flimmert derweil eine dazu passende Visualisierung (Flügel) – beides ergänzt sich allerdings nur bei zentralem Blick auf die Bühne stimmig und sieht ehrlicherweise für das Jahr 2026 ein wenig trashig aus. Aber sei’s drum – was zählt, ist die Musik. Und dahingehend ist bei diesem Auftritt alles perfekt: glasklarer Sound und tolles Licht setzen das stimmig zusammengestellte Set gelungen in Szene, während AMORPHIS mit einer grandiosen Performance glänzen. Damit ist bei neuen („Bones“), älteren („Silver Bride“) wie auch ganz alten Hits („Black Winter Day“) gleichermaßen für Stimmung gesorgt. Gänsehaut!
- Bones
- Light And Shadow
- Silver Bride
- Wrong Direction
- The Castaway
- The Moon
- Sampo
- Black Winter Day
- Dancing Shadow
- House Of Sleep
- The Bee
In Sachen Inszenierung setzen CARPENTER BRUT noch einen drauf. Eine ausgeklügelte Lightshow und aufwändige Visuals bieten viel fürs Auge. Das braucht es aber auch, um die Show spannend zu halten: Musikalisch passiert bei dem Elektro von CARPENTER BRUT nicht viel – obschon dieser mittlerweile um Schlagzeug und eine Gitarre erweitert wurde. Sehen will die Show trotzdem so ziemlich jede:r, das Infield ist proppenvoll, und zumindest vorne wird auch ausgelassen gefeiert. Weiter hinten herrscht nach dem langen Tag indessen eher Katerstimmung. Die durchweg gesampleten Ansagen reißen dort niemanden mit – zumindest, bis nach eher zähen 65 Minuten das obligatorische Cover von Michael Sembellos „Maniac“ erklingt und letzte Energiereserven freisetzt.
Noch melancholischer als Finnen sind bekanntlich nur Franzosen – oder zumindest ALCEST. Die sind aber auch eitel, und so dürfen für diese eine von rund 150 Shows keine Fotografen in den Fotograben. Das ist schade, denn das Bühnenbild, mit dem das Cover von „Les Chants De L’Aurore“ (2024) nachgebildet wurde, ist herausragend. So gelungen in Szene gesetzt kann die Musik von ALCEST ihre volle Wirkung entfalten: Das Publikum ist sichtlich angetan von dieser kleinen Nachtmusik. Wem all das zu weich ist, der ist heute auf der Obscure-Stage besser aufgehoben, wo sich mit DEATH ANGEL, TERROR, DRACONIAN, DEICIDE und AURA NOIR fast ausschließlich (Ausnahme: FU MANCHU) Granden des harten Metalls die Klinke in die Hand geben. Auf der Mainstage wird es erst jetzt zum Abschluss mit IMMOLATION nochmal heavy. Entsprechend viele Fans wandern nach den sanften Klängen von ALCEST beseelt gen Zeltplatz ab.
Stärker könnte der Kontrast kaum ausfallen, da ist es fast wieder konsequent, dass sich IMMOLATION mit „What’s up motherfuckers – are you ready for some evil death metal“ ankündigen lassen. Viele Festivalbesucher:innen scheinen genau das noch gebraucht zu haben. Vor der Bühne herrscht für die Uhrzeit und für den grundsoliden, aber auch weitestgehend ereignislosen US Death Metal, den IMMOLATION zu bieten haben, noch erstaunlich viel Andrang. Vor der Obscure-Stage findet sich derweil eine eher überschaubare Anzahl Fans ein, um die EBM-Größe FRONT LINE ASSEMBLY abzufeiern. Insbesondere der Gesang von Bandkopf ist geretypisch grausam – aber auch die Beats kommen über drögen Standard nicht hinaus.
- These Vengeful Winds
- The Ephemeral Curse
- Majesty And Decay
- Abandoned
- An Act Of God
- Swarm Of Terror
- Adversary
- Attrition
- The Distorting Light
- Father, You’re Not A Father
- Immolation
- Into Everlasting Fire
- The Age Of No Light
- Bend Towards The Dark
Für jene Black Metaller, die vor der Bühne schon auf TORMENTOR warten, war diese Show sicherlich eine einzige Folter. Nochmal 30 quälende Minuten des Wartens später werden auch TORMENTOR selbst zur Tortur – und das nicht nur, weil es pünktlich zum Showbeginn stark zu regnen beginnt. Vielmehr sind es TORMENTOR selbst, die ihre Fans mit einer grauenhaften Performance auf die Probe stellen: Insbesondere Gitarrist Attila Szigeti ist kaum noch fähig, seinen Körper zu koordinieren – geschweige denn die Finger. Selbst „Elisabeth Bathory“, also den einzigen TORMENTOR-Song mit Wiedererkennungswert, zerstümpert der augenscheinlich randständig Besoffene bis an die Grenze der Unkenntlichkeit. Da kann auch Attila als einziger Profi auf der Bühne nichts mehr retten. Ob er sich deswegen für den letzten Song in ein Schweinekostüm wirft und wie unter Qualen am Boden wälzt, ist nicht bekannt – es wäre aber durchaus eine adäquate Reaktion auf diese wirklich unverschämt schlechte Darbietung. Da schmerzt es besonders, dass der Slot der Ungarn bis 2:50 Uhr dauert, vor 3:30 Uhr also kein Auge zugetan wird.
- Tormentor I
- Transylvania
- In Gate Of Hell
- Beyond
- Recipe Ferrum!
- Elisabeth Bathory
- Mephisto
- Live In Damnation
>> Lies hier TEIL 2 …
… unter anderem mit GRAVE, Nergal & MISÞYRMING spielen „Sventevith“ von BEHEMOTH und MARDUK (Freitag), CANDLEMASS, WARDRUNA und SATYRICON (Samstag) sowie unserem abschließenden Fazit!
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Danke für diesen sehr guten Bericht! Vieles hab ich auch so erlebt. Da vieles parallel lief (und die Geschmäcker halt verschieden sind), wären aus meiner Sicht ein paar Highlights zu ergänzen: Elder als progressives Highlight am Mittwochnachmittag, Terror mit beispiellosem Hardcore-Wahnsinn am Donnerstagnachmittag. Und die Wiederauferstehung von Nevermore müsste natürlich noch viel mehr gefeiert werden!