Black Metal im Z-Bau – oder, wie es hier heißt: Obscure Deifels Musik II. Unter diesem mit Dialektwort schön lokal gefärbten Namen gibt es mit den veranstaltenden VRDRBR sowie TORTURE CULT gleich zweimal lokalen Underground-Black-Metal. Als Headliner und Publikumsmagnet sind HANGOVER IN MINSK dabei – und, befeuert von Instagram-Posts, hält sich hartnäckig das Gerücht eines ansteckend-fauligen „Special Guest“.
Als Opener erleben TORTURE CULT einen Underground-Gig, wie er im Buche steht: vor der Bühne mäßig interessiertes Publikum, auf der Bühne technische Probleme (Bass weg, weil Strom weg) – und für so etwas ähnliches wie eine Lichtshow sorgt nur ein wohl mit der Band befreundeter Fotograf, der den Musikern wild ins Gesicht blitzt. Wie um die „Underground-Experience“ abzurunden, ist die Musik von TORTURE CULT in etwa so kreativ wie der Bandname: Für die erste Viertelstunde reicht das simple Midtempo-Riffing mit Growls, danach retten TORTURE CULT die Show mit ihrem sympathischen Auftreten mit einer gehörigen Portion Selbstironie über die Zeit. Gegen Ende wird die 40-minütige Darbietung dann aber doch zäh.
- Death From Above
- Resurrection Through Hate
- Cycles Of Torment
- Sinners‘ Purge
- War Ecstasy
- Deadman’s Dulling
- Burning Lust
Deutlich professioneller wirken da schon VRDRBR (gesprochen natürlich Verderber): So schüttet sich Sänger F. direkt beim ersten Song einen ordentlichen Schluck Bier über den Kopf und verteilt den Rest sorgfältig auf dem Bühnenboden, um für das passende Ambiente zu sorgen. Gemeinsam mit dem amtlichen Rülpser, der nach 40 Minuten als letzter Klang durchs Mikro tönt, bildet das eine runde Klammer um eine Show, die insgesamt zwischen Black Metal und Punk changiert: Dazu tragen neben den im besten Sinne räudigen Schrammelsongs die Details wie das mit jedem Song weiter auseinanderfallende Schlagzeug ebenso bei wie Sänger T., der stimmlich und vom manischen Auftreten her an die punkigsten Jahre von FÄULNIS denken lässt.
Das viele an FÄULNIS denken wird belohnt: Als Überraschungsgast stürmt Seuche persönlich auf die Bühne, um gemeinsam mit VRDRBR und der TORTURE-CULT-Gitarristin den Song „30. Juli, bewölkt“ von „Cholerik – Eine Aufarbeitung“ (2004) zu performen. Dass die Musiker den Song in punkigster Manier zermetzgern, macht dabei gar nichts, denn die Aufmerksamkeit ziehen sowieso T. und Seuche auf sich: Brüllend, springend und Bier spuckend eskaliert das wohl unheiligste Duo im Black Metal seit Niklas Kvarforth und Maniac (bei SKITLIV) völlig. Das unvermittelt-verplante Ende der Show passt ins Nicht-Konzept: Was soll nach diesem Abriss auch noch kommen?
- Trümmerfarben
- Dezembertraum
- Insomnie
- Mono|Tod
- Dumpfe Erkenntnis
- Grenzgänger
- 30. Juli, bewölkt (FÄULNIS-Cover)
Außer dem Headliner natürlich – und das sind immerhin HANGOVER IN MINSK mit einer ihrer (noch) seltenen Performances: Das Zweitprojekt von DYMNA LOTVA firmiert unter der Selbstbezeichung „Party-DSBM“ und passender könnte man es kaum zusammenfassen: Zu Melodien, auf die LIFELOVER neidisch wären, liefert insbesondere Fontfrau Nokt eine beeindruckende Performance, in die fiese Screams und theatralische Gesten genauso gut passen wie ausgelassenes Tanzen und das Verteilen von Bier-Ballons an die Crowd. Und auch HANGOVER IN MINSK lassen sich in Sachen Gastauftritten nicht lumpen: In „Fuck You“ übernimmt T. von VRDRBR den im Studio von Déha eingesungenen Part – und zum Album-Titeltrack „Party Is Over“ kommt erneut Seuche auf die Bühne.
Passend zur Katerstimmung des Songs (oder einfach infolge der vorangegangenen, kompromisslosen Eskalation) verbringet Seuche nun jedoch einen guten Teil des Songs damit, auf der Bühne zu sitzen, wobei ihm Nokt singend und prostend Gesellschaft leistet. Authentischer kann man das Konzept der langsam in Orkus und Lokus versinkenden WG-Party kaum reenacten. Dass die Show (trotz der sogar auf der Setlist vermerkten „Pause For Piwko“) nach nur gut 40 Minuten vorüber ist, überrascht nicht weiter – schließlich sind am Ende auch alle acht Songs des 2025 erschienenen Debüts „Party Is Over“ gespielt. Musikalisch wie vom Unterhaltungswert hätte diese Show aber gerne noch länger gehen können. Es wird dringend Zeit, dass HANGOVER IN MINSK ein zweites Album nachlegen!
- Farewell
- Drunk And Beautiful
- The Cow Was Stolen From The Bar (Again)
- Till Soberness
- Fuck You
- Party Is Over
- Devil In Me
Der „Rote Saal“ des Z-Bau erweist sich heute als perfekte Location: Mit 150 Besucher ausverkauft, kommt Stimmung auf, ohne dass Intimität verloren geht. Die unspektakuläre Beleuchtung wird durch perfekten Sound kompensiert – und obschon klein, bietet die Bühne genug Platz für eine ausdrucksstarke Performance. Insbesondere HANGOVER IN MINSK wissen das zu nutzen: Gut möglich, dass dieses „Spaßprojekt“ die eigentliche „Hauptband“ DYMNA LOTVA schon bald an Popularität überholt hat. Aber auch VRDRBR legen eine Performance hin, die ins Gedächtnis sickert wie das verschüttete Bier. Und wennschon TORTURE CULT wohl eher keine große Karriere bevor steht: Ein paar Fans haben die Newcomer mit ihrem engagierten Auftreten heute sicher dazugewonnen.


