Leprous

  • Kristiansand (Norwegen), Cederberg Studios (Stream-Show)
  • 09. Oktober 2020

Nachdem LEPROUS bereits im Mai einen mit rund 2000 Zuschauern erfolgreichen Auftritt gestreamt haben, möchten sie ihren Fans beim zweiten Stream etwas noch Interessanteres bieten. So kommt es, dass man sich zwischen einem normalen Ticket (10 €) für den Stream selbst oder aber ein VIP-Ticket (ca. 50 €) entscheiden kann. Letzteres ermöglicht eine interaktive Teilnahme vor, nach und während des Streams, zudem konnten die VIP-Ticket-Inhaber bereits vor dem Event aus einer Liste von ca. 40 Songs ihre Favoriten wählen – die Top 4 daraus sollte live im Stream gespielt werden. Vier zufällig ausgewählte Gewinner unter den VIPs konnten zudem ihr Lieblingslied angeben – daraus sollte der zweite Teil der Show bestehen.

Zuerst erhalten die VIPs etwa 50 Minuten vor Konzertbeginn per Zoom-Meeting visuellen Zugang zu den Backstage-Räumen, in denen LEPROUS sich gerade aufwärmen. Es stellt sich heraus, dass mehr als 100 Fans das VIP-Ticket haben, sodass chatten/sprechen mit den Musikern aufgrund der vielen Zuschauer nicht möglich ist. Stattdessen können die Fans ihre Fragen nur im Chat-Fenster eintippen. LEPROUS suchen sich dann mithilfe des Chat-Moderators – im Übrigen niemand geringerer als Ihsahns Live-Schlagzeuger Tobias Solbakk – einige Fragen zum Beantworten heraus und singen spaßeshalber ein paar Songwünsche an (unter anderem „Hit The Road, Jack“, „Thunderstruck“, Meshuggas „Bleed“ oder älteres eigenes Material). Sie geben außerdem einige Informationen preis, zum Beispiel, dass es sehr anstrengend für die Band war, für diesen Gig zu proben, da sie gleichzeitig Studioaufnahmen fertigstellen mussten. Die Zuschauer können nach Belieben zwischen fünf Kameras hin- und herwechseln, denn jedes Band-Mitglied filmt sich mit seinem Smartphone für den VIP-Stream selbst.

Kurz vor 20 Uhr beginnen LEPROUS dann, sich warmzumachen, ehe der Gig pünktlich beginnt. Gitarrist Tor Oddmund Suhrke lässt seine Smartphone-Kamera an, sodass die VIPs ihn seitlich „von der Bühne aus“ beobachten können – dies dann allerdings in einem kleineren Fenster inmitten des Haupt-Stream-Fensters. Wie viel Sinn das hat, bliebe zu diskutieren. Die erste Amtshandlung von Frontmann Einar Solberg beim Betreten der Bühne ist eine Warnung an die Zuschauer, dass die Song-Auswahl heute Abend eigenartig werden könnte. Während im Stream vom Mai die Songs relativ vorhersehbar waren (Tracks vom letzten Album „Pitfalls“ etc.), bleibt es heute tatsächlich spannend: Gleich der erste Song aus dem Pre-Voting der VIPs ist ein älterer, sehr selten live gespielter Song, nämlich „Chronic“ vom 2013er Album „Coal“.

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Vierlive/Leprous

Obwohl die Location diesmal geringfügig größer zu sein scheint als die vom Stream im Mai, haben LEPROUS kaum genug Platz, um richtig aus sich rauszugehen. Bei jedem Versuch, ein wenig zu headbangen, muss vor allem Einar aufpassen, dass er mit dem Kopf nicht gegen das Keyboard schlägt. Auch die anderen Musiker müssen darauf achten, nicht im Kabelsalat am Boden hängenzubleiben. Immerhin stimmt dafür die Soundqualität. Da die ersten vier Songs bereits vor Stream-Beginn feststanden, konnten LEPROUS diese entsprechend gut vorbereiten und man hört nicht den kleinsten Makel an der Performance. Alle Musiker agieren (gewohntermaßen) höchst präzise und Einar Solberg singt sich durch die vielen Höhen der Pre-Vote-Stücke. Auf „Chronic“ folgen „Forced Entry“, eine leicht abgeänderte Version von „Moon“ und – als eindeutiger Gewinner – „Passing“: ein uralter Track von ihrem ersten Album „Tall Poppy Syndrome“ (2009). Dabei kommt es zu einem wohl nicht geplanten amüsanten Moment: Der Song hat gegen Ende einen gesanglichen Höhepunkt, bei dem Einar wirklich fast schreien muss, um es perfekt rüberzubringen. Als er merkt, dass der Kameramann noch mit dem Filmen des Bassisten beschäftigt ist, unterbricht er kurz vor der Klimax absichtlich seinen Gesang, bis der Kameramann endlich zu ihm rüberschwenkt. Erst dann gibt er nach einem süffisanten Lächeln den finalen Gesangspart zum Besten. Komplett außer Puste gesteht  er ein, dass es ein großer Spaß für ihn war, diesen alten Song zu performen, die anderen Musiker schließen sich ihm an. Aber Einar gibt er unumwunden zu, dass die Corona-Zeit nicht gut für seinen Körper war und die Kondition ganz schön nachgelassen hat.

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Vierlive/Leprous

Leider muss man generell sagen, dass die Kamera-Arbeit nicht halb so gut ist wie die beim ersten Stream vom Mai: Sicher liegt dies an der reduzierten Anzahl der Kameraleute (höchstens zwei) oder ist der Tatsache geschuldet, dass diese die Musik der Band nicht gut genug kennen, um zu wissen, welches die Highlight-Momente sind, bei denen unbedingt auf den einen oder anderen Musiker fokussiert werden sollte. So kommt es, dass oft bei den emotionalsten Parts die Kamera nicht den leidenden Gesichtsausdruck des Frontmannes zeigt, sondern etwa den Gitarristen, wie er vor sich hin dudelt – sehr schade. Die einzige visuelle Verbesserung zum alten Stream ist, dass es jetzt eine Kamera gibt, die an der Decke hängt und Schlagzeuger Baard Kolstad ab und an von oben zeigt, was für seine Follower, die selbst Schlagzeug lernen, sicher interessant ist. Zusätzlich klagen wieder einige Fans während des Streams im Chat-Fenster über Aussetzer und Verzögerungen bei der Übertragung, obwohl sie schnelles Internet hätten. Auch scheint bei der Übertragung des Sounds viel von der Klangqualität verlorenzugehen. Gute Kopfhörer können hier zwar noch einiges retten, doch zeigt all dieses einmal mehr, dass es einfach keinen Ersatz für echte Live-Konzerte gibt. Zumal es nach wie vor eigenartig ist, wenn die Stücke enden und man keinen Applaus hört, Einar aber gewohnheitsmäßig trotzdem „Thank you“ sagt.

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Vierlive/Leprous

Als nächstes folgt die Sequenz, in der vier wahllos gezogene Gewinner aus dem „VIP-Lostopf“ ihre Lieblingssongs wählen dürfen. Diese vier Fans sind nun auch Teil der Show und stellen sich per Video kurz vor und begründen dann, warum sie eben jenen Song gewählt haben. Und auch hier stellt sich heraus, dass die Fans eher die älteren Lieder wählen – sicherlich einfach, weil hier wahrscheinlicher ist,  dass sie ansonsten nicht mehr live gespielt werden, wenn es dann (hoffentlich bald) wieder Live-Konzerte geben wird. „Echo“, einer der am meisten unterbewerteten LEPROUS-Songs, eröffnet den Trip durch die Vergangenheit. Ob Einar stellenweise den Text vergessen hat oder einfach eine neue Variation bieten will, bleibt sein Geheimnis, aber der eingefleischte Fan merkt sofort, dass hier einiges an künstlerischer Freiheit zum Tragen kommt. Der Folgetrack „Slave“ hingegen bietet kaum Raum hierfür. Es sei positiv erwähnt, dass LEPROUS sich in den Lyrics dieses Songs mit Tierschutz beschäftigen und der Text durch das Leid von Tieren in der Massentierhaltung inspiriert wurde.

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Vierlive/Leprous

“Mirage” verlangt der Band im Anschluss konditionell einiges ab. Aber für viele Fans ist dies einer von LEPROUS’ exklusivsten Songs. Nicht weniger anstrengend wird es mit dem letzten der direkten Votes, „The Sky Is Red“. Einar erbittet zuvor eine kurze Verschnaufpause und kündigt an, dass dies nun für ihn ein echt hartes Workout werden wird. Doch auch schlagzeugtechnisch ist dieses Stück höchst anspruchsvoll. Wer das offizielle Play-Through- beziehungsweise das zugehörige Making-Of-Video hierzu kennt, erinnert sich vielleicht daran, wie oft Baard Kolstad während der Aufnahmen den Drumstick verloren hat und neu anfangen musste, weil einige Parts einfach wirklich heavy sind. Doch Baard ist gut in Form. Tatsächlich ist er auch in Corona-Zeiten als Show-Drummer für kleinere Events, oder als Session-Musiker bei Album-Aufnahmen anderer Bands sehr gefragt.

Davon abgesehen zeigt sich gerade bei „The Sky Is Red“, dass LEPROUS nicht unbedingt für kleine Studio-Räume wie diesen geschaffen sind, sondern für die großen Bühnen. Die Lichtshow, die bei diesem Song normalerweise geradezu irre Effekte hervorzaubert, ist hier im Stream natürlich nicht umsetzbar und man sieht stattdessen minutenlang Einars Finger auf dem Keyboard in der langen Break-Phase zwischen den Hau-Drauf-Parts. Es ist eigenartig und man wünscht sich (einmal mehr) die echten Live-Gigs der Band zurück.

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Vierlive/Leprous

Nun geht es Schlag auf Schlag. Die VIPs werden mit Live-Votings überrascht, die immer nur kurz laufen. Die Band geht alphabetisch vor und öffnet jedes Mal, wenn gerade noch der alte Track performt wird, einen Live-Poll für den Folgesong, dessen Zwischenergebnisse auch immer  zwischendurch eingeblendet werden. Es ist aufregend, denn oftmals ändert sich das Ergebnis noch in den letzten Sekunden. Und selbst die Band ist überrascht, was die Fans so wählen. In der Sektion „D“ sind sich LEPROUS sicher, dass „Distant Bells“ vom letzten Album „Pitfalls“ das Rennen machen wird, stattdessen wählen die Fans „Down“, einen älteren Song, den die Band vorher nicht mehr ausreichend geprobt hat, wie Gitarrist Robin Ognedal zugibt. Trotzdem läuft alles glatt und der Song wird ohne Fehler dargeboten.

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Vierlive/Leprous

So kommt es auch, dass „By My Throne“ zwar in den Votes ist, aber nicht gewählt wird. Laut Aussage von Gitarrist Tor Oddmund Suhrke ist der Song aufgrund seiner Polyrhythmik extrem schwer zu spielen. Die Band hat ihn auch während der letzten Tour im Februar nicht gespielt, weil sie mit dem Ergebnis der Proben nicht zufrieden war. Doch vor dem Live-Stream haben sie es so lange geprobt, bis er bühnentauglich war. Im Nachhinein beklagen viele Fans, dass der Song nicht gespielt wurde, und sie haben Recht. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte Stream von LEPROUS war und „By My Throne“ doch noch seine Chance bekommt. Eine Freestyle-Version von „Acquired Taste“, das gefühlvolle „The Valley“ und der Klassiker „Rewind“ folgen und tatsächlich sind fast schon wieder zwei volle Stunden vergangen. Mit einem Augenzwinkern gibt die Band bekannt, dass diese Setliste quasi „durchgefallen“ ist und sie nie wieder diese Song-Reihenfolge spielen werden.

Setlist LEPROUS

  1. Chronic
    02. Forced Entry
    03. Moon
    04. Passing
    05. Echo
    06. Slave
    07. Mirage
    08. The Sky Is Red
    09. Acquired Taste
    10. Down
    11. Rewind
    12. The Valley


Komplett erschöpft verlassen die Musiker die provisorische Bühne, um noch einmal 40 Minuten lang Fragen der VIP-Ticket-Käufer zu beantworten. Viel Ernsthaftes kommt nicht mehr dabei raus. Einar bietet erneut (wie bereits immer mal wieder in den Jahren zuvor) sein altes Stage-Outfit – im Speziellen seine silberfarbenen Hosen – zur Versteigerung an, schlägt aber ein Angebot von 666 € dafür aus.

Die Band punktet dadurch, dass sie ihre größten Fans mit Namen kennt und manche direkt anspricht. Tor weiß mitunter sogar, welcher Fan welches Lieblingslied hat. Trotz des Erfolges sind LERPOUS also eine nahbare Band. Dass sie künstlerisch sowieso auf hohem Niveau agieren, muss sicher nicht extra erwähnt werden. Schade bleibt natürlich, dass Live-Cellist Raphael Weinroth-Browne aufgrund seines Wohnortes in Kanada an keinem der Live-Streams teilnehmen kann. Des Weiteren ist der aktuelle Live-Stream kameratechnisch nicht ideal bedient worden, was viel von der Magie genommen hat. Dafür gab es diesmal eben die alten Klassiker.

Genau wie der Stream vom Mai wird auch der neue Stream noch eine Weile online bleiben:
>> vier.live/act/leprous-interactive-live-stream

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Vierlive/Leprous


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