CD-Review: Leprous - Aphelion

Besetzung

Einar Solberg – Gesang, Synthesizer
Tor Oddmund Suhrke – Gitarre
Robin Ognedal – Gitarre
Simen Børven – Bass
Baard Kolstad – Schlagzeug

Gastmusiker:
Raphael Weinroth-Browne – Cello

Tracklist

01. Running Low
02. Out Of Here
03. Silhouette
04. All The Moments
05. Have You Ever?
06. The Silent Revelation
07. The Shadow Side
08. On Hold
09. Castaway Angels
10. Nighttime Disguise


aphelion

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen: Aufgrund von Covid-19 war es LEPROUS weder möglich, die Songs für ihr neues Album zeitlich dicht beieinander aufzunehmen, noch sie in einem Studio einzuspielen. Somit wichen die Norweger zu unterschiedlichen Zeiten in drei unterschiedliche Studios aus, um das Material für „Aphelion“ aufzunehmen; ein paar Tracks im Ghost Ward Studio in Stockholm, andere in den Ocean Sound Recordings Studios und die restlichen Songs in den Cederberg Studios. Was einen musikalischen Flickenteppich erahnen lässt, wurde im Anschluss von Adam Noble gemixt (Placebo, Biffy Clyro, Nothing But Thieves, etc.) und von Robin Schmidt gemastered (Carach Angren, Falkenbach, Powerwolf etc.) – produktionstechnisch trifft Modern Rock auf Metal. Ein mutiger Genre-Clash, der einen ersten Hinweis auf die Ausrichtung von „Aphelion“ gibt?

Den Inhalt des neuen Albums beschreibt Sänger Einar Solberg wie folgt: „Aphelion is about mental health, and about anxiety, which is something I’ve been dealing with over the last few years in particular. Pitfalls was more the first stage of that, like ‘Oh fuck, what am I dealing with here?’ Being deep into anxiety and depression felt like a new thing. On this album, I’ve gone much further into how to deal with it and how to gradually get away from it, at least to the point where it’s not dominating your life anymore.“ Ein (glücklicherweise) mentaler Aufschwung beim Songwriter, drei unterschiedliche Studioaufnahmen und eine Band, die weder Prog Metal noch (Pop) Rock scheut: Womit überraschen LEPROUS ihre Fans nun wieder?

Der Opener „Running Low“, das bereits Anfang Dezember 2020 veröffentlichte Lied „Castaway Angels“ sowie der Song „The Silent Revelation“ sind die Vorab-Singles und liefern zugleich die Key Facts für „Aphelion“: Atmosphäre schaffende Streicher- und Klavierpassagen, ein stimmlich starker Solberg, eher begleitende statt führende Riffs und ein Kolstad, der endlich wieder auf seinem Schlagzeug-Set trommeln darf. Besonders das Drumming ist ein erster auffälliger Kontrast zum Vorgänger „Pitfalls“, denn während das Schlagzeug darauf eher minimalistisch und als E-Drums eingesetzt wurde, darf Kolstad nun wieder richtige Felle und Becken malträtieren.

Eine weitere Auffälligkeit ist das beständige, mit Blick auf die Songstrukturen regelmäßig angewendete Wechselspiel von einem klassischen Instrument wie Klavier oder Streicher und einem unmittelbar folgenden Aufbrechen dieses Motives durch die Zusammenführung von Gitarren, Schlagzeug und Sänger. LEPROUS reproduzieren dieses Wechselspiel immer und immer wieder, entweder in jedem Song ab der zweiten Minute („Have You Ever“, „The Shadow Side“) oder ab der dritten („All The Moments“, „On Hold“, „Nighttime Disguise“). Bei „Silhouette“, „The Silent Revelation“ und „Running Low“ ist diese fortwährende Wendung von leise zu (verhalten) laut, von Fragilität zu (sanfter) Härte, oder anders gesagt, von Gast-Cellist Raphael Weinroth-Browne zu LEPROUS im Grunde genommen die gesamte Songstruktur. Kreativer oder überraschender oder ambitionierter wird es leider nicht.

„Aphelion“ hat durchaus seine interessanten Stellen, beispielsweise der Prog-Rock-Lead von „All The Moments“, die homogene Steigerung in „Out Of Here“, das gitarrenlastige Intermezzo in „On Hold“ oder die grundsätzlich guten, leider nur zu knapp bemessenen Intros aller zehn Tracks. All diese Augenblicke währen aber vergleichsweise zu kurz und sind zu rar gesät, um darüber hinwegtrösten zu können, dass LEPROUS‘ musikalischer Hauptkniff nur noch die sich wiederholende Abfolge von Laut-Leise-Laut-Leise-Momenten ist. LEPROUS haben den auf „Pitfalls“ eingeschlagenen Weg konsequent weiter beschritten, wobei „weiter“ in dem Zusammenhang nicht als fortschrittlich verstanden werden darf. Im Gegenteil: Objektiv betrachtet verharren die Norweger mit „Aphelion“ wenige Schritte hinter „Pitfalls“, aber meilenweit von ihrer kreativen Hochphase zwischen 2009 und 2017 entfernt.

Damit sind LEPROUS nicht (mehr) in der Lage, eine packende Dramatik wie in „Mb. Indifferentia“ („Bilateral“) zu erschaffen, ein Instrument so melodisch und groovy anwachsen zu lassen wie beispielsweise die Keys in „Dare You“ („Tall Poppy Syndrome“) oder einen kraftvollen und erbaulichen Song wie „Rewind“ („The Congregation“) zu schreiben, geschweige denn eine schlichtweg wahnsinnige Prog-Nummer wie „Waste Of Air“ („Bilateral“) zu komponieren. Wer diesen Meilensteinen seit „Malina“ (2017) oder spätestens „Pitfalls“ hinterhertrauert, darf von „Aphelion“ nichts erwarten. Wer sich von Solbergs beeindruckenden Stimmenumfang nicht lösen und an dessen sehr persönlichen Songtexten nicht satt hören kann, wird die siebte Platte von LEPROUS erneut so zu schätzen wissen wie ihren Vorgänger. Wem diese beiden Selling Points aber zu wenig sind, sollte stattdessen zu den aktuellen Alben von Soen, Pain Of Salvation, Haken oder Caligula’s Horse greifen.

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Bewertung: 7 / 10

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5 Kommentare zu “Leprous – Aphelion”

  1. kratistos

    das Album ist schon wesentlich besser als die beiden Reinfälle ‚
    Malina‘ und ‚Pitfalls‘, kommt aber an Meisterwerke wie zB ‚Coal‘ bei weitem nicht heran. Damals war aber auch Einar gut hörbar aber mittlerweile denkt man er verkommt zu einer ’show-off‘ Gesangsdiva

  2. Simon Bodesheim

    Obvious Sarah-recent-Leprous-Review is obvious. :D Ne im Ernst, hast es ja recht treffend zusammengefasst. Wer den Kurs der letzten Alben mag (so wie ich), dem wird auch „Aphelion“ taugen. Ich denke es sollte inzwischen klar sein, dass da kein Bilateral 2.0 mehr kommt. Für mich persönlich zum Glück, ich finde die Frühphase von Leprous ein wenig überbewertet (v.a. ihr zweitschwächstes Album „Coal“) und bevorzuge den Stil der aktuellen Alben. „Aphelion“ wäre für mich wieder ne 8.5/10, so wie „Pitfalls“. Wobei Pitfalls „konstanter“ war und „Aphelion“ im direkten Vergleich einerseits krassere Hits („On Hold“, „The Silent Revelation“, „Castaway Angels“ und „Out of Here), andererseits aber auch schwächere Filler („All the Moments“ und „Have You Ever?“) hat. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden mit dem Album, auch wenn die beiden Meisterwerke „Malina“ und „The Congregation“ für mich weiterhin unerreicht bleiben.

    1. Sarah Punke Beitragsautor

      Simon, hab mich schon gefragt, wann wir uns über „Aphelion“ unterhalten werden. :D Aber ja, wir kennen unsere Standpunkte bereits seit „Malina“, deswegen habe ich mir schon gedacht, dass „Aphelion“ dich gut unterhalten wird – spannend, dass uns die gleiche Band so sehr begeistern kann, allerdings mit völlig konträren Punkten in ihrer Diskografie.

  3. Doro

    Perfekt getroffenes Review, unterschreibe ich (leider) genau so. Sehr sehr schade, habe auch irgendwie das Gefühl, dass die Band sich nicht mehr von dieser Richtung abwenden will/wird.

    1. Sarah Punke Beitragsautor

      Hi Doro,
      gleiches gebe ich gerne zurück: „sehr sehr schade“ stellt ebenfalls eine gute Zusammenfassung von „Aphelion“ dar.

      Und ja, diese Richtung steht, solange nur noch Einar als primärer Songwriter aktiv sein wird/ aktiv sein darf. Würde die Kreativität der restlichen Mitglieder wieder mehr in die Songs einfließen dürfen, würden die Songs auch wieder weniger vorhersehbar werden – die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. :)

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